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Vom Gott Jesu zu Gott in Christus




Warum ich glaube
Vom Gott Jesu zu Gott in Christus

Seite 150 bis 160

Bei der Begegnung mit der neutestamentlichen Jesus-Überlieferung vollzieht sich, wenn sie gelingt, im Grunde jedesmal der gleiche Vorgang: Jesus bringt den Menschen eine neue Botschaft von Gott, und wo Menschen ihm seine neue Botschaft von Gott glauben, dort schlägt für sie Jesu Botschaft von Gott um in die Botschaft von Gott in Christus. So konnte es gar nicht ausbleiben, daß Jesus »persönlich« in
seine Verkündigung Gottes hineingeriet. Denn wer Jesus seinen Gott glaubt, das heißt, wer glaubt, daß wahr ist und stimmt, was Jesus von Gott sagt, wer mithin an Gott durch Jesus glaubt, der glaubt an Gottes Gegenwart in Jesus. Und so werden die Worte und Taten eines jüdischen Wanderrabbi zu Gottes Wort und Tat in der Geschichte.
Wo immer der Umschlag der Botschaft Jesu von Gott in die Botschaft von Gott in Christus geschieht, dort stiften die Gläubigen, jeweils in den Worten, Formen und Farben ihrer Zeit, ein neues Bild von dem Stifter ihres Glaubens. Da sie in Jesu Gestalt und Botschaft die Gegenwart Gottes erfahren zu haben glauben, ist es ein Bild ihrer eigenen Erfahrung Gottes - aber nun nicht einfach nur ein Ausdruck ihrer eigenen seelischen Kraft, vielmehr der Eindruck, den Jesus in ihrer Seele hinterlassen hat, und also der göttlichen Kraft, die ihn selbst »beseelt« hat. Und so hat der von Jesus von Nazareth gestiftete Gottesglaube zu allen Zeiten eine Fülle von Chri-stusbildern erzeugt.
Während Buddha fast immer gleich aussieht und alle Darstellungen von ihm sich auf einige wenige Grundtypen zurückführen lassen, gibt es von Jesus Christus eine Vielzahl sehr verschiedener Bilder, die sich teilweise überhaupt nicht gleichen. Man braucht nur einmal folgende vier Christusdarstellungen nebeneinanderzuhalten: den freundlichen, fast bukolisch-heiteren Guten Hirten aus der frühchristlichen Zeit - den strengen, monumentalen, mit den kaiserlichen Insignien ausgestatteten Weltherrscher (Pantokrator) aus der Ära der konstantinischen Reichskirche - den zermartert am Kreuz hängenden leichenfarbenen Schmerzensmann vom Ende des Mittelalters - den sentimentalen, in die Alltagswelt schlichter Menschen eintretenden Natur- und Volksfreund der Nazarener im 19. Jahrhundert. Wer ohne Kenntnis der biblischen Geschichte und der christlichen Tradition mit diesen Bildern konfrontiert wird, kann kaum auf den Gedanken kommen, daß es sich hier um eine und dieselbe Person handelt.
Die verschiedenen Christusbilder haben ihren ersten, vorbiblischen, Ursprung bereits in den unterschiedlichen Widerfahrnissen der Augenzeugen in der Umgebung Jesu: Der eine wurde von seiner Krankheit geheilt, der andere erfuhr die Vergebung seiner Schuld, ein dritter war betroffen durch die Macht des Liebesgebotes, und wieder ein anderer fühlte sich von Gott und den Menschen angenommen. So gewann jeder auf Grund seiner Erfahrungen einen eigenen Eindruck von Jesus und bildete sich eine entsprechende Vorstellung von ihm.
Bei der Sammlung und Sichtung der im Umlauf befindlichen mündlichen und schriftlichen Überlieferungen von Jesus wurden die verschiedenartigen Aspekte seiner Erscheinung dann theologisch, bewußt reflektiert. Auf diese Weise entstanden etliche nebeneinander herlaufende und voneinander abweichende Überlieferungsstränge mit jeweils eigener theologischer Tendenz. Jede dieser »Glaubensrichtungen« begeht das Gedächtnis Jesu auf ihre Weise: als Wundermann, der sich durch sichtbare Krafttaten ausweist - als Weisheitslehrer, der durch die Vollmacht seiner Rede überzeugt - als Leidender und Sterbender, der sich für die vielen dahingibt -als Erhöhter, der den Seinen vom Himmel herab erscheint -als Abwesender, der sehnsüchtig zu Gericht und Erlösung erwartet wird - als Anwesender, der schon jetzt das Heil der Endzeit in seiner ganzen Fülle spendet.
Dem entsprechen die Namen und Titel, die Jesus im Neuen Testament beigelegt werden. Über fünfzig haben fleißige Neutestamentler gezählt: Davidssohn, Menschensohn, Gottessohn, Messias (Christus), Prophet, Gottesknecht, Herr (Kyrios), Heiland, Retter, Mittler, Hirte, Hoherpriester, Erlöser, Logos (Wort), Gott ... . Jeder dieser Namen und Titel steht für ein bestimmtes Bild von Christus, wobei die Bilder sich mischen und wechseln, indem sie sich gegenseitig durchdringen oder verdrängen. Aufs Ganze gesehen geht die Tendenz der Entwicklung in Richtung einer Steigerung der »Hoheit« Jesu auf Kosten seiner »Niedrigkeit«. Früh schon verrät sich hier ein Gesetz aller christlichen Dogmenbildung: Gott muß wachsen, der Mensch aber muß abnehmen - gemäß der Devise: Schon wieder ein Wunder!
Wenn es so viele Christusbilder im Neuen Testament gibt - wonach soll sich dann der Glaube richten? Lassen sich diese verschiedenen Bilder alle auf einen einheitlichen Nenner bringen? Gibt es hier so etwas wie einen Goldenen Schnitt?
Die christologischen Minimalisten suchen auf dem Weg der »Subtraktion« zu einer einheitlichen Christologie zu gelangen. Durch Reinigung der neutestamentlichen Jesusüberlieferung von allen Deutungen und Übermalungen hoffen sie so etwas wie ein christologisches Grundmodell herzustellen. Aber dabei ergeht es ihnen wie einem, der von einer Zwiebel Schicht um Schicht ablöst, um endlich auf einen festen Kern zu stoßen - am Ende behält er nichts in der Hand. Manchen Theologen gelingt dies, ohne daß ihnen dabei die Tränen kommen.
Die christologischen Maximalisten versuchen es genau umgekehrt mit der Methode der »Addition«. Sie fügen alle einzelnen Christusbilder, mögen sie sich auch noch so sehr voneinander unterscheiden oder womöglich gar gegenseitig ausschließen, zu einem christologischen Kolossalgemälde zusammen.
Zum Beispiel:
Im Neuen Testament wird die Gottessohnschaft Jesu mindestens auf viererlei Weise begründet: i. Durch Adoption: Bei der Taufe Jesu - später auch bei seiner »Verklärung« -ertönt vom Himmel eine Stimme: »Du bist mein lieber Sohn . . .« (Markus 1,9ff.; Matthäus 3,13ff.; Lukas 3,21 f.); das soll besagen, daß Jesus in diesem Augenblick von Gott als Sohn eingesetzt wird. - 2. Durch Einsetzung Jesu in die Sohnschaft nach seiner Auferstehung (Römer 1,4). - 3. Durch Jungfrauengeburt in den Geburtsgeschichten bei Matthäus (i, 18) und Lukas (2, i ff.) - 4. Durch die Lehre von Präexistenz und Menschwerdung: Jesus ist der Sohn Gottes schon von Ewigkeit her (zum Beispiel Römer 8,3; Philipper 2,6ff.; Johannes 1,1 ff.; 8,58).
In der Bibel gehen diese vier verschiedenen theologischen Begründungen der Gottessohnschaft Jesu unverbunden nebeneinander her. Die christologischen Maximalisten aber fügen sie zu einer Einheit zusammen, indem sie die sachlich konkurrierenden Aussagen einfach zeitlich hintereinander schalten. Das ergibt dann folgende Ereigniskette: Der präexistente Gottessohn, der von Ewigkeit her beim Vater ist, ist durch die Jungfrauengeburt Mensch geworden und wird in seinem Leben zweimal, bei der Taufe und bei der Verklärung, und nach seiner Auferweckung dann noch einmal von Gott als Sohn bestätigt. Zum Führer durch diese christologische Bildergalerie wird der Evangelist Johannes. Von allen Christusmodellen des Neuen Testaments hat sich das seine in den trinitarischen und christologischen Lehrstreitigkeiten der Alten Kirche am stärksten durchgesetzt. Johannes hat auf den Konzilien von Nicäa (325) und Chalcedon (451) gesiegt und ist so zum Kronzeugen aller christologischen Orthodoxie geworden.
Gleichen die christologischen Minimalisten einem, der eine Zwiebel Schicht um Schicht abschält, so die Maximalisten einem, der wie beim Schaschlik ein Fleischstück nach dem anderen auf den Spieß steckt.
Bei einem Essen habe ich einmal neben einem katholischen Bischof gesessen. Um die Unterhaltung zwischen uns in Gang zu bringen, fragte ich ihn, was er von Hans Küngs Buch »Christ sein« halte, natürlich nicht von dem, was Küng über die Kirche und ihr Lehramt schreibe, aber zum Beispiel von seiner Christologie. Der Bischof antwortete mir, daß er noch keine Zeit gefunden habe, das Buch zu lesen, aber er habe sich selbstverständlich von seinen Mitarbeitern darüber berichten lassen - »Ach, Exzellenz lassen lesen« -, und da müsse er feststellen: Was die Gottessohnschaft Jesu betreffe, Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt und so weiter - diese Dinge seien, soweit er sehe, bei Küng »in Ordnung«. Unwillkürlich hatte ich die Vorstellung, der Bischof trage eine Liste der obligatorischen christlichen Glaubensgegenstände bei sich in der Tasche und hake je nach Vorkommen die einzelnen Posten ab.
Dasselbe Verhalten begegnet einem natürlich auch auf protestantischem Boden, vor allem dort, wo die Neoorthodoxie sich organisiert hat. Hier wie dort herrscht der gleiche quantitative Glaubensbegriff. Er erinnert an das Punktsystem bei modernen Prüfungsverfahren. Je nachdem, wie viele Fragen
ein Kandidat beantwortet und welche Punktzahl er erreicht, hat er die Glaubensprüfung bestanden oder ist durchgefallen.
Es gibt kaum eine widernatürlichere Wortverbindung als die von »glauben« und »müssen«. »Müssen« bedeutet Zwang und Selbstentfremdung, »glauben« Freiwilligkeit und Selbstverwirklichung. Wo immer von »glauben müssen« die Rede ist, wird der Glaube in eine quantitative Leistung und damit in sein Gegenteil verkehrt.
Die Frage nach der Einheit in der Vielfalt der biblischen und kirchlichen Christusbilder läßt sich nicht quantitativ, weder durch Subtraktion noch durch Addition, lösen. Hier muß vielmehr Ernst damit gemacht werden, daß Jesus von Nazareth kein Glaubensgesetz erlassen, sondern eine Glaubensbewegung ins Leben gerufen hat. Diese bleibt nicht dadurch in Gang, daß Glaubensgegenstände wie Stückgut durch die Geschichte befördert werden, sondern daß Menschen andere Menschen mit ihrem Glauben anstecken.
Es gibt inmitten aller christologischen Variabilität eine Konstante. Aber diese ist nichts Statisches, dinghaft Feststellbares, sondern etwas Dynamisches, stets Bewegtes und Bewegendes. Die Einheit der Christologie besteht in der gemeinsamen Glaubenserfahrung der Christenheit: Menschen, Einzelne wie Gruppen, haben für Jesus von Nazareth

optiert - an ihm möchten sie ihr Leben ausrichten. Sie möchten nicht nur ihr eigenes »religiöses Bedürfnis« befriedigen, sondern zugleich eine Antwort auf die Fragen der Zeit und auf die Nöte ihrer Zeitgenossen bieten. Was sie dabei erfahren und was ihnen ihre Erfahrungen zu denken geben, das sagen sie jeweils unter den Bedingungen ihrer Zeit aus, im Rahmen des bestehenden gesellschaftlich-kulturellen Bezugssystems. Auf diese l Weise entsteht ein neues Christusbild.
Die Zeitgebundenheit aller Christusbilder bringt die Gefahr mit sich, daß »Christus« nur zu einer Chiffre für die in einer Zeit vorhandenen Wünsche und Sehnsüchte beziehungsweise zum Symbol ihrer Erfüllung wird. Darum muß jedes zeitgenössische Christusbild an der neutestamentlichen Jesusüberlieferung geprüft werden: ob es noch durch Jesu Person und Botschaft gedeckt ist. Aus diesem Grunde bedarf der christliche Glaube ständig des Rückgriffs auf die Geschichte Jesu - nicht nur zur Korrektur seiner Bilder, sondern mindestens ebensosehr zu ihrer Belebung.
Die Wahrheit der platonischen Dialoge ist unabhängig davon, ob Sokrates gelebt hat; der Marxismus-Leninismus steht und fällt nicht mit dem Leben und Sterben von Marx, Engels und Lenin; Psychoanalyse kann man betreiben, ohne von Freud, Jung und Adler auch nur die Namen zu kennen. Das Christentum dagegen ist und bleibt für alle Zeiten auf die Geschichte Jesu von Nazareth angewiesen, und zwar nicht nur auf Jesu Lehre, sondern auch auf sein Leben. Um der Glaubwürdigkeit seiner Botschaft willen muß es ständig auf seine historische Basis »Rücksicht nehmen«.
Warum muß Jesus von Nazareth gelebt haben? Warum genügt nicht eine Lehre Jesu, gleichgültig, ob sie von ihm selbst stammt oder nicht? Warum muß das von Jesus berichtete Geschick wirklich geschehen sein? Warum genügt hier nicht ein Symbol?
Antwort: Weil Jesu Botschaft und Lehre von der Liebe Gottes handelt!
Liebe darf, wenn sie glaubhaft sein soll, nicht nur als eine Idee umhergeistern, sondern muß sich als Tat ereignet haben. Zumal die Liebe Gottes muß »persönlich« geglaubt, gelebt, erfahren und erlitten sein, wenn sie Glauben wecken soll. Es muß ein wirklicher geschichtlicher Mensch sein, der mit seinem Leib und Leben für die Liebe Gottes eingetreten ist, der sich selbst aus Liebe hingegeben hat, der mit seiner Person für die Wahrheit der Liebe bürgt. Ich brauche einen solchen sichtbaren Bürgen, dem ich Vertrauen schenken kann, wenn ich der unsichtbaren Liebe Gottes trauen soll.
Die Frage, warum die Liebe nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt sein, Gottes Liebe sich mithin ereignet haben muß, spitzt sich für mich zuletzt auf einen Punkt zu: auf das Leiden. Die Anwesenheit Gottes in der Tiefe des menschlichen Daseins, in Verlassenheit, Verzweiflung, Leid und Tod, darf nicht nur eine Idee sein - sie muß sich ereignet haben! Nur die Ereignung garantiert hier die Realität der Wahrheit. Die Bot-
schaft, daß Gott im Leiden anwesend sei, muß der Botschafter am eigenen Leibe leidend durchgestanden haben. Was nach dem Bericht der Evangelien in Gethsemane und auf Golgatha geschehen ist, mag im einzelnen ausgemalt, aber es darf nicht insgesamt ausgedacht sein. /
Bei der »Rücksicht« auf die Geschichte kommt es dem Glauben nicht auf historische Einzelheiten, sondern auf das historische Ergebnis insgesamt an: daß Jesus von Nazareth eine geschichtliche Person und seine Botschaft im Kern zuverlässig überliefert ist. Ihm liegt nicht an den Richtigkeiten im einzelnen, sondern an der Richtung im ganzen: daß der Kernpunkt der Botschaft Jesu zugleich die Pointe seiner Existenz bildet und Verkündigen und Verhalten sich in ihm daher treffen.
Hier hat der christliche Glaube zureichenden historischen Grund!
Das wahrhaft Geschichtliche an einer bedeutenden Gestalt ist die persönliche Wirkung, die der Nachwelt spürbar von ihr zurückbleibt. In den Zeugnissen des Neuen Testaments begegnen wir einer so einzigartigen Wirkung einer einzigen Person, daß sich allein von daher schon das kleinkarierte Bild, das die neuesten Kritiker von Jesus bieten, als eine ungeschichtliche Karikatur verrät. Es ist historisch schlechthin unverständlich, wie eine so undeutliche und bedeutungslose Figur eine so deutliche und bedeutungsvolle geschichtliche Wirkung gehabt haben soll und wie aus einem solchen Gnom ein solcher Riese werden konnte.
Wer vorurteilslos an die Evangelien herangeht, gewinnt aus ihnen - trotz aller Vielfalt der verschiedenen »Glaubensrichtungen« - den Eindruck von einer einheitlichen, geschlossenen Persönlichkeit, die hinter allem steht. Nach wie vor gilt, was Martin Kahler bereits 1892 in einem berühmt gewordenen Vortrag gesagt hat: »Aus diesen bruchstückartigen Überlieferungen, aus diesen unverstandenen Erinnerungen, aus diesen nach der Eigenart des Verfassers gefärbten Schilderungen, aus diesen Herzensbekenntnissen und aus diesen Predigten über seinen Heilswert sieht uns nun doch ein lebensvolles, in sich zusammenstimmendes, immer wieder zu erkennendes Menschenbild an. Da darf man wohl zu dem Schlüsse kommen: hier hat der Mann in seiner unvergleichlichen und machtvollen Persönlichkeit, mit seinem Handeln und Erleben ohnegleichen bis in die Erweisungen des Auf erstandenen hinein sein Bild in den Sinn und in die Erinnerung der Seinigen mit so scharfen, so tief sich eingrabenden Zügen hineingezeichnet, daß es nicht verlöscht, aber auch nicht verzeichnet werden konnte.«
Zu demselben Schluß wie der christliche Bibeltheologe Martin Kahler gelangt der tschechische Marxist und Atheist Milan Machovec in seinem Buch »Jesus für Atheisten«: »Man kann nicht genug betonen, daß nur in irgendeinem >Programm<, in irgendeiner >Lehre< die Ursache für die mächtige Wirkung Jesu gerade nicht zu finden ist ... Auf Menschen kann nur ein Mensch wirken mit der ganzheitlichen Kraft seines Geistes und seines Handelns. Der Gedanke allein, das Programm, die >Lehre< wirkt nur, soweit die Menschen bei jenem mitreißenden einzelnen eine überzeugende Harmonie von Gedanken und Persönlichkeit erleben, wenn also der > Verkünder des Gedankens< selbst Vorbild seiner Verwirklichung ist. Die >Lehre< Jesu - sit venia verbo! - setzte die Welt in Brand nicht wegen irgendeiner offenkundigen Überlegenheit des theoretischen Programms, sondern vor allem, weil er selbst identisch mit diesem Programm war, weil er selbst mitreißend wirkte . . .«
Besäßen wir literarisch nur ein einziges Evangelium und stammte dieses zudem nur von einem einzigen Verfasser, so müßten wir in der Tat damit rechnen, daß das geschlossene, einheitliche Bild der Persönlichkeit Jesu, das uns aus der biblischen Überlieferung entgegentritt, eine literarische Schöpfung und religiöse Fiktion ist. Vielleicht könnten wir dann sagen, daß eben dieser Autor der »Christus« gewesen sei, auch wenn er nicht Jesus von Nazareth hieß.
Nun aber haben wir literarisch nicht nur ein Evangelium, sondern deren mehrere, und wir wissen vor allem, daß diese jeweils nicht die Schöpfung eines einzelnen Verfassers sind, sondern Sammlungen darstellen, die allmählich aus vielen kleinen einzelnen Überlieferungseinheiten zusammengefügt worden sind. Wenn solche bruchstückhafte Überlieferung trotzdem das Bild einer einheitlichen, geschlossenen Persönlichkeit darbietet, so kommt man nicht um das Urteil herum, daß dieses Bild historisch echt sein muß, das heißt, daß die einheitliche, geschlossene Persönlichkeit von vornherein am Anfang gestanden hat und nicht erst im Laufe eines literarischen Produktionsprozesses erschaffen worden ist. Das Christentum hat mit Jesus von Nazareth begonnen.
Bleibt mir, um der Ehrlichkeit willen, nur noch hinzuzufügen: Wenn die historisch-kritische Forschung mit der ihr eigenen an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit den Nachweis erbrächte, daß Jesus von Nazareth nicht gelebt hat, dann habe ich mich im Verdacht, daß ich trotzdem nicht von ihm lassen würde. So überzeugend ist für mich der Eindruck, den Jesu Gestalt und Botschaft auf mich machen. Damit schließt sich der historische Zirkel: Weist ein solcher Eindruck nicht fast notwendig wieder auf eine konkrete geschichtliche Person zurück?
Wer im Glauben gewiß ist, kann im Wissen gutgläubig sein: Was heißt schon »historisch echt« und »historisch unecht«? Die Wahrheit der Gleichnisse Jesu lebt davon, daß Jesus selbst als das Gleichnis der Liebe Gottes überzeugt, nicht, daß er alle Gleichnisse selbst gesprochen hat, und die Wahrheit seiner Wunder davon, daß er selbst als das Wunder Gottes erscheint, nicht, daß er alle Wunder selbst getan hat.
Wenn die Vielfalt der biblischen und kirchlichen Christusbilder ihre Einheit nicht in einem Glaubensgesetz, sondern in Glaubensbewegung, nämlich in den gemeinsamen Glaubenserfahrungen der Christenheit, hat, dann bedeutet dies, daß es christliche Einheit nur in christologischer Vielfalt gibt: ein Glaube - viele Erfahrungen - vielerlei Bilder.
Es verhält sich mit der biblischen und kirchlichen Überlieferung von Jesus Christus ähnlich wie mit Bildern und Figuren sonst: Sie geraten je nach dem Licht, das auf sie fällt, und nach dem Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet, in eine verschiedene Sicht und gewinnen auf diese Weise jeweils ein anderes Aussehen und Profil. Ganz plötzlich können sie neu aufleuchten und bislang unbekannte Umrisse zeigen. Dabei verändern sich Form und Substanz nicht; sie offenbaren nur die in ihnen verborgene Fülle.
Die Vielzahl der Christusbilder sollte uns daher nicht entmutigen, sondern gerade ermutigen: Das alles steckt in diesem Einen! Daß Jesus von Nazareth zu allen Zeiten eine solche Fülle von Christusbildern erzeugt hat, mag ein Hinweis darauf sein, daß in ihm die Fülle der Zeiten gegenwärtig ist. Weil Jesus das Gleichnis Gottes ist, darum gibt es von ihm so viele Bilder. Weil in ihm die Fülle der Zeiten gegenwärtig ist, deshalb kann er, durch alle Erstarrungen hindurch, neu in jede Zeit einbrechen. Darum: Laßt uns neue Christusbilder machen - ein Bild, das Jesus von Nazareth gleich sei!