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Jesu Sterben


Warum ich glaube
Jesu Sterben

Seite 136 bis 143

Wer an die Wurzel von allem geht, der geht allem an die Wurzel. Niemand aber kann tiefer greifen, als Jesus von Nazareth es getan hat. Er hat an die Wurzel des geltenden Gottesglaubens gerührt und damit am Fundament der bestehenden Ordnung gerüttelt. Wenn der Begriff »Systemveränderer« auf jemanden zutrifft, dann auf Jesus und seine Ankündigung des Reiches Gottes.
Indem Jesus Gott als Vater verkündet, ruft er die Menschen in die Freiheit. Diese Freiheit ist nicht nur ein innerer religiöser Zustand, sondern sie breitet sich wie eine Befreiungsbewegung über das ganze Leben aus, vom Religiösen bis ins Soziale und Politische hinein - als Freiheit von Dogma und Kultus, von gängiger Moral und herrschenden Ideologien, vom Denken im Freund-Feind-Verhältnis und von der Bindung an Klassen und Clans. Aber eben dieser Ruf zur Freiheit hat Jesus in Konflikt mit dem herrschenden »System« gebracht. Hier steht Gottesbild gegen Gottesbild, Religion gegen Religion, das Evangelium gegen das Gesetz.
Es konnte mit Jesus von Nazareth kein gutes Ende nehmen. Wer einen anderen Gott verkündet als den offiziell verehrten des Systems, der lästert Gott und rührt die Welt auf. Auf Gotteslästerung und Aufruhr aber steht der Tod - bis auf diesen Tag, auch wenn die offiziell verehrten Götter nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden, im »Braunen Haus«, am »Roten Platz« oder am »Platz des himmlischen Friedens« wohnen. / Jesu Tod ist die logische Konsequenz seines Lebens. Damit
fallen sogleich zwei Verharmlosungen dahin: Jesu Tod ist weder nur ein göttlicher Einfall noch nur ein menschlicher Zufall gewesen.
Man darf Jesu Sterben nicht von seinem Leben, von seinem Glauben und Wirken, abtrennen und es zu einer in sich selbständigen und für sich selbst verständlichen Heilstatsache machen. Der Tod Jesu ist nicht auf Grund einer innertrinitari-schen Verabredung zwischen dem Vater und dem Sohn zustandegekommen. Jesus hat nicht wie ein Schauspieler auf sein Stichwort gewartet. Dann wäre sein Leben nur ein Vorspiel auf dem göttlichen Welttheater gewesen, ein bloßes Tun-als-ob, nur ein Programmhinweis auf das eigentliche Heilsdrama. Andererseits aber ist Jesu Tod auch kein reiner Zufall gewesen. Schließlich ist Jesus nicht an einem Herzinfarkt im Bett gestorben oder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, sondern er ist hingerichtet worden.
Jesus hat durch sein Verkündigen und Verhalten seinen Tod »provoziert«. Er wollte und konnte für seinen Anspruch, eine neue, die endgültige Auslegung Gottes zu bringen, keine Legitimation vorweisen, die die Wächter über den rechten Glauben, die Frommen im Bunde mit den Herrschenden, überzeugt hätte. Aber wie soll man auch einen Gott sichtbar legitimieren, dessen Stärke gerade seine Schwäche für die Menschen ist? Ein solcher Gott wird eben wegen seiner Menschlichkeit immer nur menschlich, allzu menschlich erscheinen.
Die Frage nach dem Recht seines Anspruchs mußte für Jesus gleichbedeutend mit der Frage nach der Wahrheit seiner Botschaft sein. Ursprung und Quelle alles Glaubens, Lebens und Lehrens Jesu war seine »Abba-Erfahrung«, jene neuartige Gotteserkenntnis ohnegleichen: daß Gott Vater sein will, ein menschenfreundlicher Gott, allen gnädig zugewandt, insonderheit jedoch jenen, die nach bisher geltender Religion und Moral von der Nähe Gottes ausgeschlossen schienen. Statt dessen aber muß Jesus jetzt erleben, daß sein »Vater« ihn offensichtlich im Stich läßt, daß er nicht nahe, sondern sehr fern ist. Wenn Gott sich ihm jetzt aber nicht als Vater bewahrheitete, dann mußte dies bedeuten, daß das neue Bild, das er von Gott entworfen hatte, falsch war, daß Gott seinerseits es verworfen hatte.
In dieser Situation - von den Menschen verurteilt, in seinem Glauben angefochten und so, wie es aussieht, selbst von Gott verlassen - geht Jesus in die Knie - in die Knie vor Gott! Am Kreuz hängend, betet erden 22. Psalm: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen . . .«
Dieses Gebet spiegelt wider, wie Jesus sich mit seiner Situation auseinandergesetzt, wie er sie verstanden und schließlich angenommen hat. Der Psalm beginnt mit der Klage des Beters über das ihm widerfahrene Leid, insonderheit über das ihm von seinen Feinden angetane Unrecht. Aber schlimmer noch als alle ihm von den Menschen zugefügten Kränkungen quält den Psalmisten seine Gottverlassenheit: er sucht Gott in seiner Not und kann ihn nirgends finden. Dann aber wandelt sich seine Klage in die Bitte um Rettung, und sein Vertrauen wächst wieder, bis er Gottes schließlich aufs neue gewiß ist. Der Psalm endet in Lob und Dank, mit der Bezeugung der Treue Gottes.
In Jesu Mund bedeutet dieser Psalm weder nur einen Verzweiflungsschrei noch nur eine Vertrauenskundgebung. Jesus ist weder sterbend in seinem Glauben zusammengebrochen, noch ist er mit einem Triumph auf den Lippen untergegangen. Vielmehr hat er bis in die letzte Tiefe hinein erfahren, was es heißt, von den Menschen verworfen und von Gott verlassen zu sein. Nicht, daß Jesus größere körperliche Schmerzen als andere Menschen erdulden mußte! Ich weiß nicht, was schlimmer ist, neun Stunden lang am Kreuz zu sterben oder sich einen Tag und eine Nacht lang mit einem Bauchschuß im Niemandsland die Seele aus dem Leib zu schreien. Aber weil Jesus sich mit Gott und den Menschen in einzigartiger Weise verbunden wußte, weil er Gott seinen »Vater« nannte, wie sonst kein Mensch zu Gott »Vater« sagen kann, und weil er sich an seine Mitmenschen hingab, wie sonst kein Mensch sich auf einen Mitmenschen eingelassen hat, darum mußte er auch tiefer als je ein Mensch erfahren, was es heißt, von Gott und den Menschen verlassen zu sein.
Aber in seiner Menschen- und Gottverlassenheit ruft Jesus nun gerade zu Gott und wirft sich ihm in die Arme: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ?« Das bedeutet: Jesus hat seine Abba-Erfahrung durchgehalten; richtiger: seine Abba-Erfahrung hat ihn durchgetragen. Sie hat den schwersten Härtetest bestanden; selbst in der Stunde der Gottverlassenheit hat sie sich bewahrheitet. Inmitten allen Bruches, den Jesu Scheitern und Tod bedeuten, ist etwas Bleibendes zu erkennen: Gottes Treue und Jesu Trauen.
Das Neue Testament bietet für den Tod Jesu eine ganze Menge verschiedener, teils sich mischender, teils sich widersprechender, Deutungen. Es ist, als faßte die Welt nicht genug Bilder und Begriffe, um diesen einen Tod zu sichten und zu deuten. Und so hat die junge Christenheit ringsher aus ihrer Umwelt - aus dem kultischen, sozialen, juristischen, ökonomischen, politischen, militärischen und privaten Bereich -zahlreiche Kategorien entliehen und den Tod Jesu entsprechend als Sühneopfer, Passahopfer, Stellvertretung, Genugtuung, Versöhnung, Sieg, Friedensschluß, Loskauf, Befreiung und so weiter gedeutet.
Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich von allen Konzeptionen die »Satisfaktionstheorie« am stärksten durchgesetzt und ist zur normativen Erlösungslehre der abendländischen Christenheit in allen Konfessionen geworden: Die übergroße Schuld des Menschen gegen Gott verlangt eine Genugtuung, eine »Satisfaktion«, die der Mensch niemals zu leisten vermag. Um seiner Liebe willen ist Gott die Bestrafung seines Geschöpfes unmöglich, um seiner Gerechtigkeit willen aber kann er auf die Genugtuung nicht einfach verzichten. Darum ist die Menschwerdung Gottes logisch notwendig. Der Gottmensch leistet die Genugtuung für die Schuld des Menschen durch die Hingabe seines Lebens, und Gott rechnet, weil er gerecht ist, dieses Verdienst des Gottmenschen den Menschen an. So oder ähnlich denken heute noch viele Christen über den Tod Jesu - und Nichtchristen halten ihnen dies als grotesk, magisch und gotteslästerlich vor. Die Kritik geschieht zu Recht. Zur Zeit ihres Entwurfs im 11. Jahrhundert war Anselms juridisch gedachte Satisfaktionstheorie modern, ja progressiv; heute aber bietet sie schon längst keine überzeugende, weder religiös zureichende noch intellektuell zumutbare Deutung des Todes Jesu mehr.
Aber auch die meisten im Neuen Testament verwendeten Bilder und Begriffe sind heute nicht mehr einfach zu wiederholen, und zwar nicht nur, weil sie intellektuell nicht mehr zumutbar sind, sondern weil sie vor allem durch den Fortgang des Christentums selbst religiös überwunden worden sind. Dies gilt besonders für alle aus der Rechts- und Kultsphäre stammenden Denkkategorien. Sie sind im Grunde schon vorher durch Jesus selbst widerlegt worden: Wer alle Vermittlung zwischen Gott und Mensch allein auf die Liebe stellt, schließt damit von vornherein sowohl alle Rechtsmittel als l auch alle kultische Vermittlung aus der Beziehung zwischen J Gott und den Menschen aus.
Zumal die bei vielen Christen immer noch beliebte Rede vom »Blut Christi« halte ich religiös und theologisch für gleichermaßen unerträglich. Daß bei der Kreuzigung Jesu Blut geflossen ist, hat keinerlei Bedeutung. Wäre Jesus heute hingerichtet worden, hätte man ihn gehängt, erschossen oder in die Gaskammer geschickt. Dabei wäre dann kein Blut geflossen. Auf das Blut kommt es beim Tode Jesu also nicht an. Daß Blut ein »ganz besonderer Saft« sei, daß ihm sühnende oder versöhnende Kraft innewohne, ist ein ganz und gar heidnischer Gedanke, den sich kultische, militärische und studentische Männerbünde einstmals leisten mochten -christlicher Glaube aber kann das Blut so hoch unmöglich schätzen!
Von allen im Neuen Testament auf den Tod Jesu angewandten Bildern und Begriffen scheint mir der Gedanke der f Stellvertretung heute noch der plausibelste zu sein. Was Stellvertretung heißt, erfahren wir in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft jeden Tag. Ob eine Schwester Kranke pflegt, ein Lehrer Schüler unterrichtet, ein Anwalt einen Angeklagten vor Gericht vertritt, ein Pfarrer Kinder tauft, Straßenkehrer und Müllkutscher den Dreck wegschaffen - in jedem Fall tut ein anderer etwas »für uns« und stellt uns auf diese Weise davon frei: sein Tun kommt uns zugute. »Stellvertretung« ist ein Lebensgesetz des menschlichen Daseins überhaupt. Daß ein Menschenleben das andere nicht nur begrenzt und verdrängt, sondern auch für es eintreten und einstehen kann, davon ist eine Ahnung und Erfahrung unter den Menschen vorhanden.
Auf Formosa gibt es in der Nähe von Tainan eine eigenartige Gedenkstätte. Sie erinnert an den Stammesfürsten, dem es hier vor einigen Jahrhunderten gelungen ist, die Kopf Jägerei abzuschaffen. Schon seine Vorgänger hatten diesen Greuel mit Gewalt einigermaßen unterdrückt. Aber als wieder ein großes Götterfest bevorstand, für das man früher frische Menschenschädel zu schlagen pflegte, wollten die Männer des Stammes es sich nicht mehr verbieten lassen. Der Fürst erlaubte ihnen, den Mann zu erjagen, den sie am nächsten Morgen durch den Wald reiten sehen würden. Das taten sie dann auch. Aber als sie sich den Erschlagenen ansahen, erkannten sie in ihm ihren Fürsten. Er hatte sich stellvertretend geopfert. Betroffen durch seine Selbsthingabe, schworen sie bei seiner Bestattung der Kopfjägerei für alle Zeiten ab. Die Macht der Liebe hatte sich an ihnen als stärker erwiesen als die Gewalt des Gesetzes.
Dieses Beispiel zeigt, daß die Vorstellung vom Tode Jesu als einem stellvertretenden Handeln nicht eine »weltfremde« Wirklichkeit beschwört, sondern an etwas anknüpft, was in unserer eigenen Welt- und Lebenswirklichkeit als Frage und Möglichkeit angelegt ist. Darum ist sie für uns heute noch plausibel.
Die Stellvertretung Jesu darf aber nicht nur einseitig auf sein Sterben am Kreuz bezogen sein, sondern muß sein gesamtes Wirken, sein Verkündigen so gut wie sein Verhalten, umgreifen. Über Jesu ganzem Leben, nicht nur über seinem Leiden und Sterben, sondern auch über seinem Glauben und Lehren, über seiner Gottesbeziehung so gut wie über seiner Mitmenschlichkeit, steht das »Für euch«. Seine Existenz insgesamt ist Pro-Existenz. Hier riecht es weder nach Blut, noch geht es irgendwie magisch zu, sondern irdisch, menschlich und geschichtlich.
In Jesu Sterben am Kreuz wird vollends »ersichtlich«, was sein Leben ausgemacht hat: Jesus hat die Liebe Gottes unter den Bedingungen der Existenz in der Welt geglaubt und gelebt. Daher läßt sich sein ganzes Leben in dem Wort »Hingabe« zusammenfassen: Er hat sein Leben für Gott an die Menschen hingegeben. Das schließt den Tod ein. Denn die Hingabe des Lebens nennt man »Tod«.
Wie Jesus gelebt hat, so ist er gestorben, und er ist so gestorben, wie er gelebt hat: das einigende Band zwischen beidem bildet die Liebe. Diese Einheit des Lebens und Sterbens Jesu hebt der vierte Evangelist bezeichnenderweise gerade an der Stelle hervor, an der in seinem Evangelium sozusagen das »Leben und Wirken« Jesu endet und sein »Leiden und Sterben« beginnt. Genau an diesem Übergang gibt er so etwas wie eine Kurzbiographie Jesu. Sie lautet: »Wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende.« (Johannes 13,16) Das Ende aber ist der Tod. Also kann man auch sagen: Jesus von Nazareth hat sieb zu Tode geliebt.
Am Kreuz Jesu auf Golgatha und nicht in der Krippe von Bethlehem erschließt sich mir Gottes Wesen am tiefsten. Das Grunddatum allen Christentums lautet für mich nicht: Gott ist Mensch geworden, sondern: Gott leidet mit den Menschen mit.
Die antiken Götter lächeln angesichts der Leiden der Menschen, der Gott des Alten Testaments lacht und spottet über ihren Hochmut - der Vater Jesu von Nazareth aber lächelt noch lacht nicht über die Menschen, sondern er leidet mit ihnen mit. Sein Antlitz ist das »Haupt voll Blut und Wunden«.
Hier erreicht Jesu Gottesbild seine schärfste und tiefste Kontur: Daß von Gott nicht nur Liebe vornehmlich zu den Gottlosen, sondern auch Leiden aus Liebe zu den Gottlosen ausgesagt wird, bedeutet die letzte, unüberbietbare Vollendung der neuen Gotteserfahrung, die Jesus durch sein Leben, Leiden und Sterben »erbracht« hat. Damit hat er jeden nur möglichen Gottesgedanken auf die Spitze getrieben - weiter als bis ins Leiden hinein läßt Gott sich nicht »exponieren«.
Aber kann man andererseits weniger über Gott aussagen, wenn man die Zusage seiner Liebe ernst nimmt? Wer nicht leidet, liebt nicht wirklich! Ein Gott, der nur »bis hierher und nicht weiter« liebte, der aus Liebe nicht auch litte, wäre als ein leidloser zugleich ein liebloser, ja ein unmenschlicher Gott. Jeder Mensch, der aus Liebe mit einem anderen Menschen leidet - und wer täte dies nicht wenigstens einmal im Leben? -, wäre einem solchen allmächtigen, apathischen Gott überlegen. Dies Eine weiß ich seit Jesu Kreuzestod gewiß: Daß Gott in der Geschichte niemals auf Seiten der Henker, sondern immer bei den Leidenden steht.


Warum ich glaube
Jesu Sterben

Seite 136 bis 143

Wer an die Wurzel von allem geht, der geht allem an die Wurzel. Niemand aber kann tiefer greifen, als Jesus von Nazareth es getan hat. Er hat an die Wurzel des geltenden Gottesglaubens gerührt und damit am Fundament der bestehenden Ordnung gerüttelt. Wenn der Begriff »Systemveränderer« auf jemanden zutrifft, dann auf Jesus und seine Ankündigung des Reiches Gottes.
Indem Jesus Gott als Vater verkündet, ruft er die Menschen in die Freiheit. Diese Freiheit ist nicht nur ein innerer religiöser Zustand, sondern sie breitet sich wie eine Befreiungsbewegung über das ganze Leben aus, vom Religiösen bis ins Soziale und Politische hinein - als Freiheit von Dogma und Kultus, von gängiger Moral und herrschenden Ideologien, vom Denken im Freund-Feind-Verhältnis und von der Bindung an Klassen und Clans. Aber eben dieser Ruf zur Freiheit hat Jesus in Konflikt mit dem herrschenden »System« gebracht. Hier steht Gottesbild gegen Gottesbild, Religion gegen Religion, das Evangelium gegen das Gesetz.
Es konnte mit Jesus von Nazareth kein gutes Ende nehmen. Wer einen anderen Gott verkündet als den offiziell verehrten des Systems, der lästert Gott und rührt die Welt auf. Auf Gotteslästerung und Aufruhr aber steht der Tod - bis auf diesen Tag, auch wenn die offiziell verehrten Götter nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden, im »Braunen Haus«, am »Roten Platz« oder am »Platz des himmlischen Friedens« wohnen. / Jesu Tod ist die logische Konsequenz seines Lebens. Damit
fallen sogleich zwei Verharmlosungen dahin: Jesu Tod ist weder nur ein göttlicher Einfall noch nur ein menschlicher Zufall gewesen.
Man darf Jesu Sterben nicht von seinem Leben, von seinem Glauben und Wirken, abtrennen und es zu einer in sich selbständigen und für sich selbst verständlichen Heilstatsache machen. Der Tod Jesu ist nicht auf Grund einer innertrinitari-schen Verabredung zwischen dem Vater und dem Sohn zustandegekommen. Jesus hat nicht wie ein Schauspieler auf sein Stichwort gewartet. Dann wäre sein Leben nur ein Vorspiel auf dem göttlichen Welttheater gewesen, ein bloßes Tun-als-ob, nur ein Programmhinweis auf das eigentliche Heilsdrama. Andererseits aber ist Jesu Tod auch kein reiner Zufall gewesen. Schließlich ist Jesus nicht an einem Herzinfarkt im Bett gestorben oder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, sondern er ist hingerichtet worden.
Jesus hat durch sein Verkündigen und Verhalten seinen Tod »provoziert«. Er wollte und konnte für seinen Anspruch, eine neue, die endgültige Auslegung Gottes zu bringen, keine Legitimation vorweisen, die die Wächter über den rechten Glauben, die Frommen im Bunde mit den Herrschenden, überzeugt hätte. Aber wie soll man auch einen Gott sichtbar legitimieren, dessen Stärke gerade seine Schwäche für die Menschen ist? Ein solcher Gott wird eben wegen seiner Menschlichkeit immer nur menschlich, allzu menschlich erscheinen.
Die Frage nach dem Recht seines Anspruchs mußte für Jesus gleichbedeutend mit der Frage nach der Wahrheit seiner Botschaft sein. Ursprung und Quelle alles Glaubens, Lebens und Lehrens Jesu war seine »Abba-Erfahrung«, jene neuartige Gotteserkenntnis ohnegleichen: daß Gott Vater sein will, ein menschenfreundlicher Gott, allen gnädig zugewandt, insonderheit jedoch jenen, die nach bisher geltender Religion und Moral von der Nähe Gottes ausgeschlossen schienen. Statt dessen aber muß Jesus jetzt erleben, daß sein »Vater« ihn offensichtlich im Stich läßt, daß er nicht nahe, sondern sehr fern ist. Wenn Gott sich ihm jetzt aber nicht als Vater bewahrheitete, dann mußte dies bedeuten, daß das neue Bild, das er von Gott entworfen hatte, falsch war, daß Gott seinerseits es verworfen hatte.
In dieser Situation - von den Menschen verurteilt, in seinem Glauben angefochten und so, wie es aussieht, selbst von Gott verlassen - geht Jesus in die Knie - in die Knie vor Gott! Am Kreuz hängend, betet erden 22. Psalm: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen . . .«
Dieses Gebet spiegelt wider, wie Jesus sich mit seiner Situation auseinandergesetzt, wie er sie verstanden und schließlich angenommen hat. Der Psalm beginnt mit der Klage des Beters über das ihm widerfahrene Leid, insonderheit über das ihm von seinen Feinden angetane Unrecht. Aber schlimmer noch als alle ihm von den Menschen zugefügten Kränkungen quält den Psalmisten seine Gottverlassenheit: er sucht Gott in seiner Not und kann ihn nirgends finden. Dann aber wandelt sich seine Klage in die Bitte um Rettung, und sein Vertrauen wächst wieder, bis er Gottes schließlich aufs neue gewiß ist. Der Psalm endet in Lob und Dank, mit der Bezeugung der Treue Gottes.
In Jesu Mund bedeutet dieser Psalm weder nur einen Verzweiflungsschrei noch nur eine Vertrauenskundgebung. Jesus ist weder sterbend in seinem Glauben zusammengebrochen, noch ist er mit einem Triumph auf den Lippen untergegangen. Vielmehr hat er bis in die letzte Tiefe hinein erfahren, was es heißt, von den Menschen verworfen und von Gott verlassen zu sein. Nicht, daß Jesus größere körperliche Schmerzen als andere Menschen erdulden mußte! Ich weiß nicht, was schlimmer ist, neun Stunden lang am Kreuz zu sterben oder sich einen Tag und eine Nacht lang mit einem Bauchschuß im Niemandsland die Seele aus dem Leib zu schreien. Aber weil Jesus sich mit Gott und den Menschen in einzigartiger Weise verbunden wußte, weil er Gott seinen »Vater« nannte, wie sonst kein Mensch zu Gott »Vater« sagen kann, und weil er sich an seine Mitmenschen hingab, wie sonst kein Mensch sich auf einen Mitmenschen eingelassen hat, darum mußte er auch tiefer als je ein Mensch erfahren, was es heißt, von Gott und den Menschen verlassen zu sein.
Aber in seiner Menschen- und Gottverlassenheit ruft Jesus nun gerade zu Gott und wirft sich ihm in die Arme: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ?« Das bedeutet: Jesus hat seine Abba-Erfahrung durchgehalten; richtiger: seine Abba-Erfahrung hat ihn durchgetragen. Sie hat den schwersten Härtetest bestanden; selbst in der Stunde der Gottverlassenheit hat sie sich bewahrheitet. Inmitten allen Bruches, den Jesu Scheitern und Tod bedeuten, ist etwas Bleibendes zu erkennen: Gottes Treue und Jesu Trauen.
Das Neue Testament bietet für den Tod Jesu eine ganze Menge verschiedener, teils sich mischender, teils sich widersprechender, Deutungen. Es ist, als faßte die Welt nicht genug Bilder und Begriffe, um diesen einen Tod zu sichten und zu deuten. Und so hat die junge Christenheit ringsher aus ihrer Umwelt - aus dem kultischen, sozialen, juristischen, ökonomischen, politischen, militärischen und privaten Bereich -zahlreiche Kategorien entliehen und den Tod Jesu entsprechend als Sühneopfer, Passahopfer, Stellvertretung, Genugtuung, Versöhnung, Sieg, Friedensschluß, Loskauf, Befreiung und so weiter gedeutet.
Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich von allen Konzeptionen die »Satisfaktionstheorie« am stärksten durchgesetzt und ist zur normativen Erlösungslehre der abendländischen Christenheit in allen Konfessionen geworden: Die übergroße Schuld des Menschen gegen Gott verlangt eine Genugtuung, eine »Satisfaktion«, die der Mensch niemals zu leisten vermag. Um seiner Liebe willen ist Gott die Bestrafung seines Geschöpfes unmöglich, um seiner Gerechtigkeit willen aber kann er auf die Genugtuung nicht einfach verzichten. Darum ist die Menschwerdung Gottes logisch notwendig. Der Gottmensch leistet die Genugtuung für die Schuld des Menschen durch die Hingabe seines Lebens, und Gott rechnet, weil er gerecht ist, dieses Verdienst des Gottmenschen den Menschen an. So oder ähnlich denken heute noch viele Christen über den Tod Jesu - und Nichtchristen halten ihnen dies als grotesk, magisch und gotteslästerlich vor. Die Kritik geschieht zu Recht. Zur Zeit ihres Entwurfs im 11. Jahrhundert war Anselms juridisch gedachte Satisfaktionstheorie modern, ja progressiv; heute aber bietet sie schon längst keine überzeugende, weder religiös zureichende noch intellektuell zumutbare Deutung des Todes Jesu mehr.
Aber auch die meisten im Neuen Testament verwendeten Bilder und Begriffe sind heute nicht mehr einfach zu wiederholen, und zwar nicht nur, weil sie intellektuell nicht mehr zumutbar sind, sondern weil sie vor allem durch den Fortgang des Christentums selbst religiös überwunden worden sind. Dies gilt besonders für alle aus der Rechts- und Kultsphäre stammenden Denkkategorien. Sie sind im Grunde schon vorher durch Jesus selbst widerlegt worden: Wer alle Vermittlung zwischen Gott und Mensch allein auf die Liebe stellt, schließt damit von vornherein sowohl alle Rechtsmittel als l auch alle kultische Vermittlung aus der Beziehung zwischen J Gott und den Menschen aus.
Zumal die bei vielen Christen immer noch beliebte Rede vom »Blut Christi« halte ich religiös und theologisch für gleichermaßen unerträglich. Daß bei der Kreuzigung Jesu Blut geflossen ist, hat keinerlei Bedeutung. Wäre Jesus heute hingerichtet worden, hätte man ihn gehängt, erschossen oder in die Gaskammer geschickt. Dabei wäre dann kein Blut geflossen. Auf das Blut kommt es beim Tode Jesu also nicht an. Daß Blut ein »ganz besonderer Saft« sei, daß ihm sühnende oder versöhnende Kraft innewohne, ist ein ganz und gar heidnischer Gedanke, den sich kultische, militärische und studentische Männerbünde einstmals leisten mochten -christlicher Glaube aber kann das Blut so hoch unmöglich schätzen!
Von allen im Neuen Testament auf den Tod Jesu angewandten Bildern und Begriffen scheint mir der Gedanke der f Stellvertretung heute noch der plausibelste zu sein. Was Stellvertretung heißt, erfahren wir in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft jeden Tag. Ob eine Schwester Kranke pflegt, ein Lehrer Schüler unterrichtet, ein Anwalt einen Angeklagten vor Gericht vertritt, ein Pfarrer Kinder tauft, Straßenkehrer und Müllkutscher den Dreck wegschaffen - in jedem Fall tut ein anderer etwas »für uns« und stellt uns auf diese Weise davon frei: sein Tun kommt uns zugute. »Stellvertretung« ist ein Lebensgesetz des menschlichen Daseins überhaupt. Daß ein Menschenleben das andere nicht nur begrenzt und verdrängt, sondern auch für es eintreten und einstehen kann, davon ist eine Ahnung und Erfahrung unter den Menschen vorhanden.
Auf Formosa gibt es in der Nähe von Tainan eine eigenartige Gedenkstätte. Sie erinnert an den Stammesfürsten, dem es hier vor einigen Jahrhunderten gelungen ist, die Kopf Jägerei abzuschaffen. Schon seine Vorgänger hatten diesen Greuel mit Gewalt einigermaßen unterdrückt. Aber als wieder ein großes Götterfest bevorstand, für das man früher frische Menschenschädel zu schlagen pflegte, wollten die Männer des Stammes es sich nicht mehr verbieten lassen. Der Fürst erlaubte ihnen, den Mann zu erjagen, den sie am nächsten Morgen durch den Wald reiten sehen würden. Das taten sie dann auch. Aber als sie sich den Erschlagenen ansahen, erkannten sie in ihm ihren Fürsten. Er hatte sich stellvertretend geopfert. Betroffen durch seine Selbsthingabe, schworen sie bei seiner Bestattung der Kopfjägerei für alle Zeiten ab. Die Macht der Liebe hatte sich an ihnen als stärker erwiesen als die Gewalt des Gesetzes.
Dieses Beispiel zeigt, daß die Vorstellung vom Tode Jesu als einem stellvertretenden Handeln nicht eine »weltfremde« Wirklichkeit beschwört, sondern an etwas anknüpft, was in unserer eigenen Welt- und Lebenswirklichkeit als Frage und Möglichkeit angelegt ist. Darum ist sie für uns heute noch plausibel.
Die Stellvertretung Jesu darf aber nicht nur einseitig auf sein Sterben am Kreuz bezogen sein, sondern muß sein gesamtes Wirken, sein Verkündigen so gut wie sein Verhalten, umgreifen. Über Jesu ganzem Leben, nicht nur über seinem Leiden und Sterben, sondern auch über seinem Glauben und Lehren, über seiner Gottesbeziehung so gut wie über seiner Mitmenschlichkeit, steht das »Für euch«. Seine Existenz insgesamt ist Pro-Existenz. Hier riecht es weder nach Blut, noch geht es irgendwie magisch zu, sondern irdisch, menschlich und geschichtlich.
In Jesu Sterben am Kreuz wird vollends »ersichtlich«, was sein Leben ausgemacht hat: Jesus hat die Liebe Gottes unter den Bedingungen der Existenz in der Welt geglaubt und gelebt. Daher läßt sich sein ganzes Leben in dem Wort »Hingabe« zusammenfassen: Er hat sein Leben für Gott an die Menschen hingegeben. Das schließt den Tod ein. Denn die Hingabe des Lebens nennt man »Tod«.
Wie Jesus gelebt hat, so ist er gestorben, und er ist so gestorben, wie er gelebt hat: das einigende Band zwischen beidem bildet die Liebe. Diese Einheit des Lebens und Sterbens Jesu hebt der vierte Evangelist bezeichnenderweise gerade an der Stelle hervor, an der in seinem Evangelium sozusagen das »Leben und Wirken« Jesu endet und sein »Leiden und Sterben« beginnt. Genau an diesem Übergang gibt er so etwas wie eine Kurzbiographie Jesu. Sie lautet: »Wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende.« (Johannes 13,16) Das Ende aber ist der Tod. Also kann man auch sagen: Jesus von Nazareth hat sieb zu Tode geliebt.
Am Kreuz Jesu auf Golgatha und nicht in der Krippe von Bethlehem erschließt sich mir Gottes Wesen am tiefsten. Das Grunddatum allen Christentums lautet für mich nicht: Gott ist Mensch geworden, sondern: Gott leidet mit den Menschen mit.
Die antiken Götter lächeln angesichts der Leiden der Menschen, der Gott des Alten Testaments lacht und spottet über ihren Hochmut - der Vater Jesu von Nazareth aber lächelt noch lacht nicht über die Menschen, sondern er leidet mit ihnen mit. Sein Antlitz ist das »Haupt voll Blut und Wunden«.
Hier erreicht Jesu Gottesbild seine schärfste und tiefste Kontur: Daß von Gott nicht nur Liebe vornehmlich zu den Gottlosen, sondern auch Leiden aus Liebe zu den Gottlosen ausgesagt wird, bedeutet die letzte, unüberbietbare Vollendung der neuen Gotteserfahrung, die Jesus durch sein Leben, Leiden und Sterben »erbracht« hat. Damit hat er jeden nur möglichen Gottesgedanken auf die Spitze getrieben - weiter als bis ins Leiden hinein läßt Gott sich nicht »exponieren«.
Aber kann man andererseits weniger über Gott aussagen, wenn man die Zusage seiner Liebe ernst nimmt? Wer nicht leidet, liebt nicht wirklich! Ein Gott, der nur »bis hierher und nicht weiter« liebte, der aus Liebe nicht auch litte, wäre als ein leidloser zugleich ein liebloser, ja ein unmenschlicher Gott. Jeder Mensch, der aus Liebe mit einem anderen Menschen leidet - und wer täte dies nicht wenigstens einmal im Leben? -, wäre einem solchen allmächtigen, apathischen Gott überlegen. Dies Eine weiß ich seit Jesu Kreuzestod gewiß: Daß Gott in der Geschichte niemals auf Seiten der Henker, sondern immer bei den Leidenden steht.