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Ich glaube Jesus seinen Gott



Warum ich Glaube
Ich glaube Jesus seinen Gott

Seite 119 bis 121

Feuer vom Himmel
Am Anfang des Christentums steht nicht ein Buch, die Bibel, sondern eine Person, Jesus von Nazareth, den die Christenheit als den »Christus« bekennt. Der holländische Religionshistoriker G. van der Leeuw formuliert einmal: »Es gibt religiöse Erlebnisse, die wie ein Funke im Pulverfaß wirken. Diese nennen wir >Stiftung<.« Genau das ist durch Jesus von Nazareth geschehen. Er hat selbst von sich gesagt: »Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden« - und er hat hinzugefügt: »Was wollte ich lieber, als es brennte schon!« (Lukas 12,49) Wenn ich ein Motto über das Leben und Wirken Jesu setzen sollte, würde ich dafür dieses Wort wählen.
Von allen Religionsstiftern hat Jesus von Nazareth am kürzesten gewirkt, und auch kein anderer ist so jung gestorben wie er. Er wird etwas über dreißig gewesen sein, als er hingerichtet wurde. Nach dem zeitlichen Aufriß der Evangelien hat sein öffentliches Wirken zwischen einigen Monaten und drei Jahren betragen. In dieser kurzen Zeit hat Jesus gleichsam einen Brand in die Welt geworfen, der dann weiter gezündet hat. Ich habe mir immer eine möglichst kurze Wirkungszeit Jesu gewünscht, weil mir dies noch mehr die Einmaligkeit, Radikalität und Dringlichkeit dieses Mannes und seiner Botschaft zu unterstreichen scheint.
Es liegt etwas Abruptes, Zeichenhaftes in der Erscheinung Jesu. Er verkündet kein geschlossenes System, sondern redet in Gleichnissen; er bietet keine festen Formeln an, sondern weist auf Zeichen hin; er verficht keine Prinzipien, sondern entscheidet von Fall zu Fall; er vermittelt kein religiöses Wissen, sondern spricht den einzelnen in seinem Gewissen an; er besitzt kein fertiges Sendungsbewußtsein, sondern horcht immer neu auf die Stimme seines Vaters im Himmel; er heilt die Welt nicht in Bausch und Bogen, sondern macht einige Kranke gesund; er stiftet keinen neuen Kult, sondern hält Tischgemeinschaft mit solchen, die nicht als kultfähig gelten; er gründet keine religiöse Organisation, sondern beruft einzelne Menschen in seine Nachfolge. Alles in allem macht Jesus den Eindruck eines Mannes, der wenig Zeit hat, der in sehr kurzer Frist etwas ganz Wichtiges, höchst Dringliches auszurichten hat.
Jesus hat sich nicht selber gepredigt. Hört man freilich die heutige Orthodoxie sowie die aller Zeiten, dann kann man fast den Eindruck gewinnen, Jesus sei im Lande umhergezogen, habe dabei dauernd mit dem Finger auf sich gezeigt und nur von sich selbst geredet: »Ich bin, ich bin, ich bin . . .« Das Gegenteil ist der Fall. Er hat nicht gesagt: »Ich bin«, sondern: »Gott ist . . .«
Jesus von Nazareth, ein jüdischer Rabbi, läßt sich auf Gott ein wie kein Mensch vor und nach ihm. Er hat bis in die letzte Tiefe hinab erfahren und erlitten, wer und wie Gott ist. Was er dabei an unser Statt von Gott erkannt hat, das hat er mitgeteilt, damit alle daran teilhaben. Seine Stellvertretung ist zugleich Vermittlung: Sein von ihm erworbenes Glauben und Wissen von Gott kommt allen Menschen zugute. Seitdem haben wir endgültig Gewißheit, wer und wie Gott für uns ist. Die von Jesus erbrachte Gotteserfahrung bildet den Ursprung und Kern aller christlichen Theologie insgesamt und ihrer Christologie im besonderen.
Das Schlüsselwort der neuen Botschaft Jesu von Gott heißt »Evangelium«. Es besagt, daß es eine gute, erfreuliche Nachricht sei, die Jesus den Menschen von Gott zu bringen hat. Die neutestamentlichen Evangelien, wenigstens die ersten drei, lassen Jesu öffentliche Wirksamkeit mit einem Jubelruf, fast mit einem Jauchzer beginnen: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehret um und glaubt an das Evangelium!« (Markus 1,15; vgl. Matthäus 4,17; Lukas 4,i4tf.). Das bedeutet keinen kategorischen Imperativ, keinen letzten moralischen Appell an die Menschheit, sondern ein Befreiungsmanifest, die Ankündigung einer universalen Amnestie. Die Freiheit hat schon begonnen!
Jesus kündet Gottes Nähe augenblicklich und hier an: Gott kommt, Gott will da sein für alle, für jeden so, wie er ihn gerade nötig hat und braucht, vor allem aber für die, die ausgeschlossen scheinen von seiner Gunst, die Zukurzgekommenen, die kein Glück in ihrem Leben gehabt haben, die von den Frommen daher für von Gott verlassen gehalten werden. Jesus nennt diese endgültige Zuwendung Gottes zu den Menschen in der Hoffnungssprache seiner Zeit »Reich Gottes«. Jedermann ist dazu eingeladen. Freilich muß einer die Einladung annehmen. Darum: Kehret um! Ändert euren Sinn! Glaubt an das Evangelium!
Mir gibt Jesus von Nazareth Antwort und damit Mut in bezug auf drei Fragen:
1. Er gibt mir Antwort auf die Frage nach der Gegenwart Gottes und ermutigt mich, an Gott zu glauben - angesichts der scheinbaren Abwesenheit Gottes in der Welt.
2. Er gibt mir Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Menschen und ermutigt mich, die Welt menschlicher gestalten zu helfen - angesichts der Unmenschlichkeiten in der Welt.
3. Er gibt mir Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und ermutigt mich, Sinn zu suchen und zu bekennen -angesichts des Leides und Todes in der Welt.
Darum glaube ich Jesus seinen Gott.¦