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Es steht geschrieben - steht es noch geschrieben?


Heinz Zahrnt, Dr. theol., bekannter theologischer Schriftstellern, war 25 Jahre lang theologischer Chefredakteur des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Mitglied des PEN-Clubs und seit 1960 im Präsidium des deutschen Evangelischen Kirchentages.

DRITTES KAPITEL
(Aus Warum ich glaube von Seite 78 - 110)
»Es steht geschrieben« — steht es noch geschrieben?

1.Geschichten vom lieben Gott
Das Rückgrat der christlichen Tradition bildet die Bibel. Christliche Frömmigkeit heißt daher immer zugleich Bibelfrömmigkeit. Die Geschichte des Christentums ist identisch mit der Wirkungsgeschichte der Bibel.
Wie in jeder Tradition der geschichtliche Erschließungsakt einer Wahrheit autoritative Bedeutung besitzt, so auch im Christentum. Weil dem historischen Anfang um seines »eröffnenden« Charakters willen eine besondere sachliche Qualität zukommt, darum wird aus dem einmaligen zeitlichen Vorgang ein dauernder authentischer Vorrang. Der geschichtliche Ursprung der Wahrheit wird zur bleibenden Quelle, aus der alle nachfolgenden Generationen schöpfen.
Die Wahrheit, deren Erfahrung sich in der Bibel erschließt, hat von der ersten bis zur letzten Seite — trotz aller Vielfalt, Verschiedenheit und sogar Widersprüchlichkeit der erzählten Ereignisse und ihrer Deutungen — ein und dieselbe Pointe. Diese besteht nicht in einer universalen Idee, sondern in einer unaufhaltsamen Bewegung: in der liebenden Zuwendung Gottes zu den Menschen. Wo diese Pointe fehlt, dort handelt es sich nicht um eine »christliche« Geschichte, mag sie auch in der Bibel stehen. Und so weiß ich, um den Wahrheitsgehalt der Bibel auszudrücken, keine treffendere Formulierung als den Buchtitel » Geschichten vom lieben Gott«. Damit wird die Wahrheit der Bibel nicht verharmlost oder gar gelästert. Es ist ihr nur die düstere Strenge menschlicher Rechtgläubigkeit genommen, der Ernst göttlicher Wahrheit aber belassen.
Wenn die Bibel das Rückgrat der christlichen Tradition bildet, dann scheint dieser Tradition heute das Rückgrat gebrochen zu sein. Denn wir befinden uns in einem Abbruch der biblischen Tradition ohnegleichen. Die Entkirchlichung der Kirche und die religiöse Auszehrung des privaten Lebens, ja die religiöse Versteppung unserer gesamten geistigen Landschaft scheinen mir entscheidend mit diesem Traditionsabbruch zusammenzuhängen. Wo die Bibel nicht mehr im Schwange geht, gerät der Glaube ins Schwanken.
Einstmals war die Bibel für uns wirklich das »Buch der Bücher«, und zwar nicht nur in der Theorie, vor allem auch in der Praxis: wir lebten mit ihr. Welche praktische Bedeutung die Bibel für unser Leben hatte, zeigte sich an der Rolle, die die tägliche »Bibellese« für uns spielte — zunächst im Schülerbibelkreis, dann in der Studentenzeit während des Kirchenkampfes im »Dritten Reich« und schließlich nach dem Kriege in der Studentengemeinde. Viele von uns trugen ständig ein kleines ledernes Neues Testament, ein sogenanntes »Taschentestament«, bei sich, um es immer zur Hand zu haben. Das meine hat mich durch die Nazizeit, den Krieg und noch darüber hinaus begleitet, bis ich es Conrad Ahlers in die Untersuchungshaft geschickt habe.
Der Kirchenkampf im »Dritten Reich« wurde sozusagen mit der Bibel in der Hand geführt. »Bibelwochen« fanden statt, bei denen an jedem Abend in allen Gemeinden der gleiche Text ausgelegt wurde, und auch auf den »Evangelischen Wochen«, den großen Treffen der Bekennenden Kirche, spielten die »Bibelarbeiten« eine zentrale Rolle. Hinter diesem intensivierten Umgang mit der Bibel stand die Absicht, die Laien aktiver als bisher an der Auslegung der Bibel zu beteiligen und sie zu selbständigem Bibellesen zu befähigen. Aus dem gleichen Grunde erschienen zahlreiche biblische Kommentarreihen für Nichttheologen. Und wenn der Religionsunterricht vornehmlich als »evangelische Unterweisung« verstanden wurde, dann bedeutete dies gleichfalls vor allem Bezeugung des biblischen Zeugnisses durch den Lehrer vor der Klasse.
Diese beherrschende Stellung der Bibel in der Lebenspraxis der Christenheit fand ihre Entsprechung und Rechtfertigung im Lehrbetrieb der theologischen Fakultäten. Die den theologischen Ton angebende »Theologie des Wortes« war weithin eine Theologie des Bibelwortes, und so wurde die Exegese, die wissenschaftliche Auslegung der alt- und neutestamentlichen Texte, zur maßgebenden theologischen Disziplin. Während meines Vikariats hat mein »Vikarsvater«, wie man damals sagte, mit mir dreimal in der Woche den Propheten Hesekiel im hebräischen Urtext gelesen.
Wie weit scheint dies alles zurückzuliegen!
Vieles, sogar das meiste gibt es auch heute noch: Die Bibel bildet nach wie vor die Lebensader der Christenheit — Quelle und Inhalt des christlichen Glaubens, Antrieb und Maßstab der kirchlichen Praxis, Gegenstand und Leitfaden der theologischen Forschung. Immer noch lesen zahlreiche Menschen täglich die Bibel oder wenigstens die aus ihr ausgewählten »Losungen« der Herrnhuter Brüdergemeine, lernen Theologiestudenten die drei alten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein, um die Bibel im Urtext zu lesen, finden moderne Bibelübersetzungen weite Verbreitung, zählen die Bibelarbeiten auf den Kirchentagen zu den zentralen und meistbesuchten Veranstaltungen.
Dennoch hat sich in den letzten Jahren etwas geändert! Der Stellenwert der Bibel hat sich verschoben: vor allem ihre Stellung im öffentlichen Leben, aber auch ihr Stellenwert in der Christenheit selbst, das Verhältnis vieler einzelner Christen zu ihr ebenso wie ihre Geltung innerhalb der Theologie.
Bedeutete die »Bibelarbeit« in den Jahren nach dem Kriege in den Studentengemeinden die zentrale gemeinsame Veranstaltung, so bildet die Beschäftigung mit der Bibel heute nur noch die Angelegenheit spezieller »Kleinkreise«. Bestand der Religionsunterricht früher vornehmlich in der Weitergabe der biblischen Überlieferung, so ist er heute meistens an anderen Stoffen und Lernzielen orientiert, mag es in jüngster Zeit bei den Schülern auch Anzeichen eines neuen Interesses an der Bibel geben. Galt die Bibelexegese noch bis vor kurzem als die erste unter den theologischen Disziplinen, so beginnt die praktische Theologie heute die exegetische zu überflügeln.
Kein Vikar würde heute mehr bereit sein, mit seinem Vikariatsleiter das Alte Testament im hebräischen Urtext zu lesen, freilich auch kaum ein Vikarsausbilder noch auf einen solchen Gedanken verfallen. Und schließlich habe auch ich mir nicht wieder ein neues Taschentestament angeschafft, nachdem ich das meine weggegeben hatte.
Der gegenwärtige Abbruch der biblischen Tradition ist zunächst ein Teil der allgemeinen Autoritätskrise und der mit ihr verbundenen Skepsis gegenüber jeder literarischen Überlieferung: Man will sich nichts mehr »vorsetzen« lassen, nicht den »Faust« und auch nicht die Bibel. Eine Tradition hat den Schein der Wahrheit heute immer zunächst gegen sich, und die zusätzliche Berufung »Es steht geschrieben« wirkt eher noch als Abschreckung denn als Empfehlung.
Aber mit dem Hinweis auf die allgemeine Autoritätskrise ist der radikale Abbruch der biblischen Tradition in unserer Zeit noch nicht zureichend erklärt. Es kommt noch etwas anderes, Besonderes mit ins Spiel: das ist der Zusammenhang zwischen Bibel und Kirche. Hier scheint in Jahrhunderten ein Trauma gesetzt, Seelen eine Verwundung zugefügt worden zu sein, die sich nicht nur auf ein, zwei Generationen erstreckt: Die Kirche rechtfertigte die Geltung, die sie in der Gesellschaft beanspruchte und besaß, mit der Allgültigkeit der von ihr verkündeten Wahrheit, und diese wiederum führte sie auf die Autorität der Bibel zurück. Die Folge war, daß die Autorität der Bibel und die Autorität der Kirche ineinanderflossen. So bestand zuletzt ein festes Band, gleichsam ein »ewiger Bund« zwischen Bibel, Kirche und politischer Macht. Die Bibel war das Herrenbuch einer Herrenkirche in einem einstimmigen Herrschaftssystem. Wer sich auf die Kunst ihrer Auslegung verstand, besaß Herrschaftswissen und übte mit dem Trostamt zugleich Herrschaft aus. Sobald dieses einstimmige Herrschaftssystem zerbröckelte, mußte sich die Kritik an der Kirche daher zugleich gegen die Bibel wenden und mußte auch sie ihre bisherige Autorität verlieren. Dabei diente die Bibel gleichzeitig häufig als der kritische Maßstab, an dem Kirche und Gesellschaft miteinander gemessen wurden.
Ausmaß und Wirkung des Abbruchs der biblischen Tradition sind noch nicht abzusehen. Während man noch vor zehn Jahren eine Bibelstelle, sei es ein Spruch, ein Gleichnis oder ein Wunder, nur anzudeuten brauchte, muß man heute ausführlich zitieren oder erzählen, wenn man verstanden werden will. Es handelt sich dabei um einen Unheilszirkel: Je mehr die Bibel an Geltung und Wirkung in der Öffentlichkeit verliert, desto weniger werden biblische Begriffe wie Glaube, Hoffnung und Liebe, Gnade, Sünde, Schuld und Heil noch verstanden und als eine Lebenswirklichkeit erfahren. Und umgekehrt: In dem Maße, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe, Gnade, Sünde, Schuld und Heil nicht mehr als eine gegenwärtige Lebenswirklichkeit erfahren werden, drohen auch die biblischen Zeugnisse, die diese Begriffe einst mit Leben und Wirklichkeit erfüllt haben, nicht mehr verstanden zu werden. Damit erst kommt das Dilemma des Abbruchs der biblischen Tradition in seinem vollen Ernst in Sicht: es handelt sich nicht um die Änderung einer Lesegewohnheit, sondern einer Lebenseinstellung.
Angesichts des Abbruchs der biblischen Tradition taucht die gleiche Frage auf wie angesichts des Ausbleibens von Gotteserfahrung heute: Handelt es sich um ein Ende oder um eine Wende ?Konkret gefragt: Führt der Abbruch zu einer endgültigen Austilgung, so daß die Bibel eines nicht allzu fernen Tages nur noch ein Literaturdenkmal sein wird, Gegenstand des Interesses und der Forschung einiger weniger Religions- und Kulturhistoriker - oder bahnt sich in dem gegenwärtigen Abbruch der biblischen Tradition nur ein Umbruch ihres Verständnisses an?
Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, daß der Abbruch der biblischen Tradition - trotz aller persönlichen Verzichte und Enttäuschungen, die er mit sich bringt -eine Wandlung und Reinigung des Bibelverständnisses bedeuten und deshalb zu einer tieferen Erfassung und selbständigeren Aneignung der biblischen Wahrheit führen kann. Daher weiß ich für das, was die Bibel ist und durch allen Abbruch hindurch immer mehr werden soll, keinen besseren Ausdruck als jenes Wort

Schleiermachers aus seinem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi: »Die Bibel ist die ursprüngliche Dolmetschung des christlichen Gefühls und eben deswegen so feststehend, daß sie nur immer besser verstanden und entwickelt werden darf. Dieses Entwicklungsrecht will ich mir als protestantischer Theologe von niemandem schmälern lassen.« (3o. März 1818)
Wenn ich mein eigenes Verhältnis zur Bibel bedenke, so scheinen sich mir in meinem Leben die verschiedenen Phasen des Bibelverständnisses der Kirchen- und Theologiegeschichte wiederholt zu haben — entsprechend einer Auffassung der modernen Psychoanalyse, wonach ein Mensch in seiner Kindheit, gleichsam im Zeitraffertempo, für sich noch einmal die Entwicklung der Menschheit durchläuft. Mein Bibelverständnis begann in meiner frühen Jugend mit einer »naiven Imagination« und endet heute — nach dem Durchgang durch verschiedene Erkenntnisstufen — vorläufig bei einer »reflektierten Imagination«.

2. Das Wort ward Bild (naive Imagination)
Meine erste Begegnung mit der Bibel hatte ich in der Grundschule, im Alter zwischen sechs und acht Jahren. Eine Lehrerin erzählte uns die biblischen Geschichten. Sie tat dies so anschaulich und »eindrücklich«, daß ich mir die von ihr erzählten Geschichten leibhaftig in meiner Umwelt vorstellte: Jesus predigte, heilte Kranke und erweckte den Jüngling zu Nain auf dem Hof hinter unserem Hause; der Gichtbrüchige wurde durch das Dach ins Treppenhaus herabgelassen und dann, schräg auf der Treppe liegend, geheilt; Jesu Einzug in Jerusalem bewegte sich auf der Straße an unserem Hause vorbei in Richtung der Kirche. Das Paradies befand sich jenseits der Johannisbeerhecke im Nachbargarten, der dichter und dunkler war. Dort nistete die Schlange; dort lebten, arbeiteten und sündigten Adam und Eva. Niemals wieder haben die biblischen Geschichten meine Phantasie so angeregt und einen solchen »Eindruck« in mir hinterlassen.
Ich kann mich jedoch nicht erinnern, jemals eine der biblischen Geschichten nachgespielt zu haben. Dies fällt mir um so mehr auf, als ich wenig später durch die Bücher über den Ersten Weltkrieg, die ich damals verschlang, in meiner Phantasie ähnlich angeregt wie durch die Geschichten der Bibel, zusammen mit meinen Brüdern und Freunden nach Kräften Krieg und Kriegsschiff gespielt habe. Wir haben, als lägen wir vor Verdun, in Flandern oder sonst irgendwo an der Westfront in Stellung, im Garten Schützengräben ausgehoben, Drahtverhaue gespannt und ganze Tage im Unterstand zugebracht, aber wir haben niemals den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten, die Gesetzgebung des Mose am Sinai oder die Passion Jesu im Spiel wiederholt. Wir haben im Stall mit seinen Türen, Luken und Boxen wer weiß wie oft die Skagerakschlacht geschlagen, Kaperkrieg geführt und englische Kreuzer an Backbord und Steuerbord versenkt, aber wir haben niemals am gegenübergelegenen Teich den Fischzug des Petrus oder sonst eine biblische Szene vom See Genezareth nachgespielt. Eine Ausnahme bildete nur die Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem, aber die fand nicht als alltägliches Spiel zu Hause im Stall, sondern als weihnachtliches Krippenspiel am Altar in der Kirche statt.
Wie kommt es, daß ich mir die biblischen Geschichten wohl in meiner nächsten Umgebung anschaulich vorgestellt, sie aber, im Unterschied zu den Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg, nie auch dargestellt habe? Einmal mag dies an der größeren zeitlichen und räumlichen Nähe der Kriegsgeschichten gelegen haben. Auch waren die Kriegsschiffe ja im nahen Hafen zu sehen, und sie haben auf mich eine Zeitlang fraglos eine stärkere Anziehungskraft ausgeübt als die Gestalten und Ereignisse der Bibel, immerhin so stark, daß ich zuerst, und zwar auch noch über das übliche Lokomotivführeralter hinaus, Seeoffizier werden wollte. Manchmal habe ich mich heimlich im Verdacht, ich könnte vielleicht nur deswegen nicht Seeoffizier, sondern Theologe geworden sein, weil ich ein schlechter Turner war.
Die biblischen Geschichten waren für mich zwar nicht von einer geringeren Realität als die Kriegsgeschichten, wohl aber doch von einer anderen, fremderen, darum auch nicht einfach nachzuahmen und zeitlich und räumlich ins Spiel zu setzen. Hier fiel die Identifikation die unentbehrliche Voraussetzung allen kindlichen Nachbildens — schwerer. Und das mag der Grund gewesen sein, warum ich die biblischen Geschichten nicht nachgespielt habe.
Übrigens kann ich mich auch nicht entsinnen, die Geschichten der Bibel je mit Märchen und Sagen vermengt und also Maria mit Frau Holle, die zwölf Jünger mit den sieben Zwergen, die Wunder und die Auferweckung Jesu mit irgendwelchen Mirakeln von 'Zauberern und Verwandlungen von Prinzen zusammengebracht zu haben.
Die Geschichten der Bibel, ihre Figuren und Begebenheiten, haben sich mir damals unvergeßlich »eingeprägt«: Das Wort ward Bild. Deshalb bezeichne ich diese erste Stufe meines Umgangs mit der Bibel als naive Imagination. »Imagination« soll besagen, daß es sich hier im ursprünglichen Sinne des Wortes um »Einbildungen« handelte: das Erzählte hat sich in mir zu Bildern verdichtet. »Naiv« hingegen soll bedeuten, daß die Umsetzung vors Wort ins Bild unmittelbar geschah und daß sich auch hernach nicht das Wort durch Reflexion vom Bilde wieder löste. Erzählung und Einbildung, Wortgeschehen und Bildgeschehen verliefen synchron und blieben auch weiterhin ungetrennt. Die durch die Bibel erschlossene Wahrheit wurde durch das Bild »zur Erscheinung gebracht«, und es gab sie für das Kind nicht ohne das Bild.
Am stärksten »eingebildet:« hat sich mir damals schon die Gestalt Jesu von Nazareth. Seitdem sehe ich Jesus immer irgendwie vor mir, wenn voll ihm die Rede ist, ohne jedoch, wie von anderen historischem Personen, ein festes Bild von ihm zu haben, das ich zu beschreiben vermöchte. Ich kann es nur vage so ausdrücken: Wenn ich von Jesus sprechen höre, dann ist für mich von ihm nicht nur die Rede, sondern dann ist er für mich immer auch irgendwie in Sicht. Indem er »zu Wort« kommt, kommt er zugleich »ins Bild«.
Die naive Imagination hat in meinem Leben die religiöse Basis gelegt, auf der alle spätere theologische Rationalisierung beruhte. Und bis heute ist die theologische Denkarbeit für
mich von »Sehakten« durchsetzt. Gott selbst bleibt unsichtbar, aber die Wahrheit über ihn muß stets so gedacht und gesagt sein, daß es etwas zu sehen gibt.

3. Verbuchte Wahrheit (verbale Inspiration)
Die Geschichten der Bibel wurden von mir im Vergleich zu den Geschichten, die ich als Kind sonst las und hörte, zwar als anders, vielleicht sogar als fremd empfunden, nie aber als etwas »Heiliges«, vor dem Ehrfurcht oder gar Vorsicht geboten war. Das änderte sich, sobald die Bibel als Buch in meinen Gesichtskreis trat.
Zwar spielte die Bibel in meinem Elternhaus nur eine geringe Rolle und wurde auch kaum benutzt. Sobald aber irgendein spöttisches Wort über sie fiel oder einer die Bibel auch nur wie ein gewöhnliches Buch, als ein Buch unter Büchern, behandelte, erklang die Warnung, man solle mit heiligen Dingen keinen Spott treiben. Daraus sprach genau die Einstellung, die man verschämt zur Bibel hatte: ein »heiliges Ding«, das, wenn auch nicht in Gebrauch zu nehmen, so doch in Ehren zu halten war. Diese Einstellung war ein letzter Nachklang der Stellung, die die Bibel in der Geschichte der Kirche während ihrer längsten Zeit innegehabt hatte und die sie für zahlreiche Christen heute noch hat: ein heiliges Buch, eben die »Heilige Schrift«, heilig nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern heilig an sich, ein heiliger Gegenstand. Vor ihrem Gebrauch galt es, wenigstens im Geist, sich die Hände zu waschen.
Etwas von dieser Tabuisierung der Bibel habe ich später selbst noch unter aufgeklärten Gebildeten angetroffen. Ihr Umgang mit der Bibel richtete sich nach der Devise: besitzen, aber nicht benutzen, nur still verehren. Entsprechend nahm die Bibel in ihrer Bibliothek gleichsam einen samtenen Ehrenplatz ein.
In der christlichen Jugendbewegung, im »Schülerbibelkreis« (BK), ist mir die Bibel zum erstenmal als ein Buch begegnet, mit dem man wie auch sonst mit einem Buch umgehen kann. Ich schlug die Bibel auf und begann in ihr zu lesen. Richtiger, wir lasen zusammen die Bibel an jedem Heimabend oder auf Fahrt und im Lager. In jenen Jahren kam der Ausdruck »Bibelarbeit« auf: man »erarbeitete« gemeinsam einen Text, jeder die aufgeschlagene Bibel vor sich.
Die Autorität, die die Bibel für uns besaß, wurde zwar nicht mehr mit der Verbalinspiration begründet; keiner von uns glaubte noch daran, daß die Bibel Wort für Wort, womöglich gar bis in den einzelnen Buchstaben hinein, von Gottes Geist eingegeben sei. Aber das »Es steht geschrieben« stand doch noch mächtig über uns. In dem Buch lag Wahrheit — wie hätten wir sonst so eifrig in der Bibel nachschlagen können, um für unsere Glaubensüberzeugungen Belegstellen zu finden! Wenn auch der Wortlaut der Bibel für uns nicht mehr Wort für Wort eingegeben war, so hatten es ihre Worte für uns doch noch »in sich«: die Wahrheit war in ihnen »verbucht«.
Die älteren Theologie- und Philologiestudenten, die den »BK« leiteten, teilten uns von dem, was sie in ihrem Studium über die historische Bibelkritik erfahren hatten, kaum etwas mit. Sie verschwiegen es uns nicht, weil sie uns schonen wollten, sondern weil die Frage nach der historischen Echtheit eines Textes neben der Leitfrage nach seiner Bedeutung für das gegenwärtige Leben bedeutungslos erschien. Wohl tauchten bei unseren Zusammenkünften im BK ab und an auch kritische Fragen nach der historischen Echtheit einer biblischen Überlieferung oder nach der Glaubwürdigkeit eines bezeugten Ereignisses auf, aber sie wurden nach kurzer Debatte durch die eingeübte Fragerichtung, was der Text uns heute zu sagen habe, rasch wieder verdrängt — ähnlich wie wir einige Jahre zuvor bei unseren kindlichen Spielen im Pfarrgarten unsere Spekulationen darüber, wie die Kinder zustande kämen, mit der frommen Feststellung zu beschließen pflegten, daß sie trotz allem zuletzt doch aus Gottes Hand kämen.

In meiner Beziehung zur Bibel erkenne ich die Aufeinanderfolge von altprotestantischer Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung in der Kirchengeschichte wieder. Die theologische Leistung des geschichtlichen Pietismus bestand darin, daß er gegenüber der altprotestantischen Orthodoxie mit ihrer einseitigen Betonung der reinen Lehre, gründend auf dem göttlich inspirierten Bibelbuchstaben, wieder die persönliche Glaubenserfahrung hervorhob, dabei aber die Autorität der Bibel nicht auflöste, vielmehr beide, persönliche Glaubenserfahrung und biblische Überlieferung, aufeinander bezog. Auf diese Weise wurde die Bibel aus einem Lehrbuch der orthodoxen Dogmatik zu einem Lebensbuch der frommen Praxis. Jede historische Bibelkritik blieb dabei noch draußen vor. Trotzdem trat durch die Betonung des subjektiven Erfahrungsmoments im Umgang mit der Bibel eine erste Erweichung des strengen Buchstabenglaubens ein, und die verbale Inspiration wurde wenigstens gemildert.
Diesem Anfangsstadium des Pietismus entsprach unser Umgang mit der Bibel in der christlichen Jugendbewegung: Auch für uns war die Bibel vor allem ein Lebensbuch und ihr Inhalt historisch noch unbestritten. Der Akzent lag auf der persönlichen Glaubenserfahrung und damit auf der subjektiven Lebensbeziehung zur Bibel. Gegen diese subjektive Bindung kam eine objektive historische Kritik, sofern sie überhaupt auftauchte, vorerst noch nicht an.
Aber wie in der Geschichte der Kirche, so brach die Aufklärung mit ihrer historisch-kritischen Fragestellung auch in meinen friedlichen Umgang mit der Bibel ein und stellte das bisher unbefragte Fundament in Frage. Was man die Krise des protestantischen Schriftprinzips und mit ihr die Grundlagenkrise der neuzeitlichen evangelischen Theologie überhaupt zu nennen pflegt, das hat in meinem Leben angefangen, als ich etwa fünfzehn Jahre alt war. Damals ist meine religiöse Kindheit unter dem Einfluß des modernen historischen Bewußtseins zu Ende gegangen.

4. Es wackelt alles (historisch-kritische Interpretation)
»Meine Herren, es wackelt alles!« hat der junge Ernst
Troeltsch einmal in der Diskussion nach einem Vortrag in die
allzu selbstsichere akademische Versammlung hineingerufen und alsdann mit einigen knappen, kräftigen Strichen die entscheidende Problematik der Theologie und Kirche in der Neuzeit aufgerissen: die Bestreitung des Offenbarungsanspruchs der Bibel durch die historisch-kritische Forschung und damit die Bedrohung des christlichen Glaubens durch das geschichtliche Denken insgesamt. Es wackelt alles — mit diesen Worten hätte ich auch meine eigene Reaktion beschreiben können, als ich zum erstenmal mit dem Konflikt zwischen geschichtlichem Denken und christlichem Glauben in Gestalt der historischen Bibelkritik konfrontiert wurde.
Es war im Religionsunterricht auf der Sekunda (10./11. Klasse), als der junge Referendar, der den Unterricht erteilte, eines Tages in die Klasse kam und uns mit der Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Bibel fast überfiel. Dabei ging er ganz praktisch vor. Er ließ uns einfach einige Texte aus den Evangelien lesen, sie miteinander vergleichen und die zwischen ihnen bestehenden Übereinstimmungen und Unterschiede feststellen — eben da begann für mich »alles zu wackeln«.
Ich erfuhr, daß keines der vier Evangelien von einem Jünger Jesu, also unmittelbar von einem Augenzeugen, stamme, daß vielmehr alle vier Evangelisten sich auf literarische Vorlagen stützten, daß das vierte Evangelium in seinem historischen Aufriß und seiner theologischen Absicht von den ersten drei so stark abweiche, daß eine Harmonisierung zwischen beiden Darstellungen ehrlicherweise unmöglich sei, daß, falls überhaupt, dann die drei ersten Evangelien, die sogenannten »Synoptiker«, die größere historische Treue bewahrt hätten, daß der Verfasser des kirchlich so hoch geschätzten vierten Evangeliums mithin niemals der Lieblingsjünger Jesu namens Johannes gewesen sein könne.
Diese erste Konfrontation mit der historisch-kritischen Bibelforschung wirkte wie ein Schock auf mich. Seitdem kann ich verstehen, daß Menschen, die nicht historisch zu denken geübt sind — und das ist immerhin die überwiegende Mehrheit —, durch die historische Bibelkritik in ihrem christlichen Glauben ernsthaft beirrt werden können. Für mich klang jener erste Schock zunächst noch wieder ab, weil die persönliche Lebensbeziehung, die ich im Schülerbibelkreis zur Bibel gewonnen hatte, sich vorerst noch als stärker erwies als die kritische Aufklärung in der Schule.
Verstärkt und systematisch und diesmal unausweichlich und endgültig brach die Woge der historischen Bibelkritik zum Beginn meines Theologiestudiums über mich herein. Da erfuhr ich, was ich auf der Schule nur von ferne und vorübergehend vernommen hatte, ausführlich, methodisch und radikal: Für die Schriften des Alten und Neuen Testaments gelten dieselben historischen und literarischen Überlieferungsgesetze und deshalb auch die gleichen wissenschaftlichen Forschungsmethoden wie für jedes andere historische Dokument und literarische Erzeugnis, wie für Homer, Herodot, die Edda oder das Nibelungenlied. In dem theologischen Hörsaal, in dem das Johannesevangelium oder ein Paulusbrief ausgelegt wurden, geschah demnach methodisch nichts anderes als in dem Hörsaal nebenan, in dem ein Dozent Plato, Aristoteles, Cicero, Kant oder den »Faust« interpretierte. Die Kreuzigung Jesu vor den Toren von Jerusalem wurde genauso zu einem Gegenstand der historisch-kritischen Forschung wie die Ermordung Cäsars auf dem Kapitol in Rom.
Wo blieb da die Autorität der Bibel, wo ihre Heiligkeit und Wahrheit zugleich? Die naive Imagination war für mich längst dahin, und einer so massiven historischen Bibelkritik vermochte auch keine noch so gemilderte Inspirationslehre standzuhalten.
Bis dahin hatte die Autorität der Bibel, ihre Gültigkeit als göttliche Offenbarungsurkunde, ganz selbstverständlich die Übereinstimmung von Text und Ereignis vorausgesetzt: daß sich tatsächlich auch ereignet hat, was der Bibeltext berichtet, ja daß es sich Wort für Wort so zugetragen hat, wie die Bibel es erzählt, kurzum, daß »historisch stimmt«, was »geschrieben steht«. Jetzt aber tat sich mit einemmal eine Differenz zwischen Text und Ereignis auf, zwischen dem, was »buchstäblich« geschrieben steht, und dem, was sich »tatsächlich« ereignet hat. Jetzt schien historisch längst nicht mehr alles zu stimmen, was in der Bibel geschrieben steht.
Was mir fast zwei Jahrzehnte lang in Elternhaus, Kirche und Schule als christliche Wahrheit vermittelt worden war, das wurde jetzt bestritten, wenn nicht gar widerrufen. Jetzt, auf der Universität, vernahm ich: Abraham und die übrigen Erzväter haben niemals gelebt, und der Auszug Israels aus Ägypten samt der Landnahme in Kanaan hat sich ganz anders vollzogen, als im Alten Testament erzählt wird. Jesus ist weder von einer Jungfrau im Stall zu Bethlehem geboren worden, noch ist er am Ende seiner Erdentage vom Ölberg in den Himmel aufgefahren. Er hat auch längst nicht alles gesagt und getan, was die Evangelien von ihm berichten. Selbst in der Bergpredigt stammt nur weniges von ihm; ja, nicht einmal das Vaterunser, sozusagen das »Allerheiligste« der Christenheit, steht in seinem ursprünglichen Wortlaut fest. Nicht nur die Synoptiker und Johannes schließen sich teilweise gegenseitig aus, die Synoptiker selbst sind untereinander uneins, weil jeder, von einem eigenen >dogmatischen Interesse< geleitet, den ihm vorliegenden Überlieferungsstoff gestaltet hat, so daß die Frage entsteht, ob Jesus von Nazareth als Initiator des Glaubens an den Anfang der neutestamentlichen Überlieferung oder nicht vielmehr als Produkt des Glaubens an ihr Ende gehört. Von den neutestamentlichen Briefen schließlich geht die überwiegende Mehrzahl gar nicht auf jene Apostel zurück, deren Namen — Paulus, Petrus, Johannes, Jakobus —jeweils eingangs als Verfasser genannt werden…
Dies und noch mehr erfuhr ich fast alles gleich im ersten Semester. Das war ein schmerzhafter Lernprozeß, falls es überhaupt schon ein Lernprozeß war und nicht nur ein großes Zerstörungswerk. Ich erinnere mich, wie ich in den Ferien nachts durch die Straßen meiner Heimatstadt gelaufen bin, in meinem Glauben an die Bibel erschüttert und nach einem Ausweg suchend.
Die historische Entdeckung, daß in der Bibel Text und Ereignis, geschriebenes Wort und tatsächliches Geschehen, nicht übereinstimmen, sondern daß eine Kluft zwischen beiden besteht, hatte schwerwiegende theologische Folgen. Damit geriet die Autorität des biblischen Kanons ins Wanken; die göttliche Wahrheit war jetzt nicht mehr »verbucht«. An die Behauptung des Glaubens: »Es steht geschrieben!« hängte sich fortan die kritische Frage: »Steht es geschrieben?« Wenn aber in einem heiligen Buch auch nur ein Bruchteil nicht mehr als wahr gilt, dann droht das ganze Buch seine Heiligkeit und Wahrheit zu verlieren.
Die Frage nach der historischen Echtheit der biblischen Überlieferung hat mich anfangs zwar schwer bedrängt, mich im Laufe der Jahre aber mehr und mehr losgelassen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Kirchenhistoriker und Neutestamentler Hans Freiherr von Campenhausen zu Anfang des Krieges in Wien. Wir kamen vom gemeinsamen Mittagessen und standen noch eine Weile vor dem Gebäude der Theologischen Fakultät in der Liebiggasse beisammen. Unser theologisches Gespräch über dies und das war aus irgendeinem Grunde bei der historischen Echtheitsfrage gelandet: welche Schriften im Neuen Testament von den angegebenen Verfassern stammten und welche nicht. Ich sehe Herrn von Campenhausen noch vor mir stehen, mit seinem Handstock heftig auf das Pflaster stoßen und dabei in seinem breitesten Baltisch verkünden, welche Schriften des Neuen Testaments er ein für allemal für echt und welche für unecht zu halten gedenke — und damit basta! Bereits damals habe auch ich mir vorgenommen, mir künftig keine Sorgen mehr um solcherart Fragen zu machen.
Historische Echtheitsprobleme haben mich später wohl noch beschäftigt, aber nicht mehr beschwert. Heute erscheinen sie mir wie das Notenlesen oder die Fingerübungen vor dem eigentlichen Klavierspiel, zwar niemals aufzugeben, aber wichtig nur als unerläßliche Voraussetzung für das nachfolgeritte Spiel.

Dagegen hat mich die andere Kluft, die das neuzeitliche geschichtliche Denken aufgerissen hat, zeitlebens bedrängt: die Distanz zwischen der biblischen Vergangenheit und der eigenen Gegenwart, zwischen der Glaubens- und Lebenswelt der Bibel und den heute veränderten Lebensbedingungen und Denkvoraussetzungen. Hier geht es nicht mehr nur um die Frage, ob eine biblische Überlieferung auf Grund ihrer Entstehung historisch echt oder unecht und darum wahr oder unwahr sei, sondern ob ihr Inhalt unter den veränderten Lebens- und Verstehensbedingungen der Gegenwart überhaupt noch als Wahrheit angenommen und wiederholt werden könne. Welche auf die Bibel sich gründende christliche Glaubensaussage — von der göttlichen Erschaffung und Lenkung der Welt über die Erwählung des Volkes Israel und die endgültige Offenbarung Gottes in Jesus Christus bis hin zu Totenauferstehung und Jüngstem Gericht — wäre hier aber nicht betroffen?
Wie einem Seemann dadurch »Seebeine wachsen«, daß er sich der schwankenden Bewegung des Schiffes nicht entgegenstemmt, sondern ihr nachgibt und sich ihr überläßt, so bin auch ich dadurch zu einem eigenständigen Theologen geworden, daß ich mich der Wirkung der historischen Bibelkritik, daß »alles wackle«, nicht widersetzt, sondern mich auf sie eingelassen habe. Ebendieselbe historisch-kritische Methode, die meinen Glauben an die Bibel erschüttert hat, hat mir dazu verholfen, die in der Bibel erschlossene Wahrheit festzuhalten. Rückblickend muß ich konstatieren: Ich wüßte nicht, wie ich ohne historisch-kritisches Bibelverständnis hätte Christ bleiben können.
Ich kann für meine theologische Biographie im kleinen bestätigen, was man von der Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts im großen gesagt hat: Die historisch-kritische Bibelforschung hat trotz allen »Wackelns« am Ende nicht zur totalen Auflösung, sondern zur größeren Vergewisserung des christlichen Glaubens und seiner Wahrheit geführt.
Zuerst hat es bei dem Aufprall des; neuzeitlichen Geschichtsdenkens auf den traditionellen Bibelglauben zwar eine gewaltige Explosion gegeben, deren Druckwelle auch ich in meiner theologischen Existenz heftig zu spüren bekommen habe. Hinterher aber hat sich gezeigt, daß gerade durch diese Explosion die harte Schale der falschen Heiligkeit der Bibel zertrümmert und der feste, unzerstörbare Kern ihrer Wahrheit ans Licht gebracht worden ist. Die Konfrontation des traditionellen christlichen Bibelglaubens mit der historischen Bibelkritik hat einen theologischen Lernprozeß in Gang gesetzt, dessen Ertrag in einer Befreiung und Reinigung des christlichen Glaubens besteht, in seiner Befreiung vom Zwang des Buchstabens und in seiner Reinigung von unterchristlichen Elementen.
Zur Befreiung vom Zwang des Buchstabens hat die historisch-kritische Forschung dem christlichen Glauben durch die Aufdeckung der Unterschiede, ja klaren Widersprüche und krassen Gegensätze in der Bibel verholfen. Diese reichen von unterschiedlichen Orts- und Zeitangaben über widersprüchliche sittliche und religiöse Verhaltensweisen bis hin zu gegensätzlichen Aussagen über Gott.
Zum Beispiel:
Das eine Mal erhält das Volk Israel das Gesetz von Gott sogleich nach dem Auszug aus Ägypten (2. Mose 19,1 ff.) - das andere Mal wird ihm das Gesetz erst am Ende der Wüstenwanderung, unmittelbar vor der Landnahmein Kanaan gegeben (5. Mose 1,1 ff.)
Die Propheten Amos, Hosea, Jesaja und Jeremia üben scharfe Kritik am Tempelkult, nicht nur an seinen Entartungen, sondern grundsätzlich — die Propheten Haggai und Sacharja fordern nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft den Wiederaufbau des Tempels geradezu als Vorbedingung für Jahwes neue Gegenwart.
Mose heißt wegen der Zuchtlosigkeit des Volkes die Söhne Levi mit dem Schwert sich gürten und durch das Lager gehen, vom einen Tor zum andern, und Bruder, Freund und Nächsten, insgesamt dreitausend Mann, erschlagen (2. Mose 32,25 ff.) — Jesus spricht, als man eine Ehebrecherin vor ihn bringt: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie«, und rettet ihr das Leben unter Einsatz seines eigenen (Johannes 8,3 ff.) — in den Briefen des Neuen Testaments und vor allem in der Offenbarung des Johannes wird Gottes Zorn und Strafe dann wieder reichlich auf alle Gott-und Zuchtlosen herabbeschworen.
Der Prophet Jeremia betet zu Gott im Blick auf seine Feinde: »Laß mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen« (20,12) — Jesus von Nazareth befiehlt sich am Kreuz gleichfalls Gott, aber er betet: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lukas 23,34) — Paulus wiederum verflucht jeden, der ein anderes Evangelium predigt als er (Galater 1,8f.), und der zweite Johannesbrief verbietet es, einen Irrlehrer selbst zu grüßen, geschweige denn, ihn ins Haus aufzunehmen.
Nach der einen Vorstellung des Neuen Testaments ist Jesus unmittelbar vom Kreuz oder aus dem Grab, ohne die besondere Erwähnung einer »Auferstehung«, zu Gott in den Himmel erhöht worden und erscheint den Jüngern von dorther —nach einer anderen Version wird Jesus aus dem Grabe erweckt, verkehrt mit seinen Jüngern noch eine Zeitlang auf Erden und fährt erst dann in den Himmel auf.
Von der Wiederkunft Jesu heißt es im Neuen Testament nebeneinander und durcheinander, daß sie noch zu Zeiten der jetzt lebenden Generation erfolgen solle (Markus 9,1; Matthäus 16,28); daß sie erst später, aber doch schon bald stattfinden werde (Markus 13; Matthäus 24); daß kein Mensch, nicht einmal der Sohn selbst, sondern allein der Vater im Himmel, die Stunde kenne, daß vor Gott aber tausend Jahre wie ein Tag seien (Markus 13,32; Matthäus 24,36; 2. Petrus 3,3 ff.); daß es zu wachen gelte, weil der Christus plötzlich wie ein Dieb in der Nacht kommen werde (Matthäus 24,42 ff.; 2.Petrus 3,10); daß die Christen, ob sie wachen oder schlafen, schon jetzt in der Gemeinschaft mit Jesus und deshalb auch künftig mit ihm leben werden ( .Thessalonicher 5,1o).
Und so weiter, und so weiter.
Diese Unterschiede und Widersprüche in der Bibel lassen sich durch keine noch so raffinierte theologische Deutung aus der Welt schaffen, sondern allein mit Hilfe der historisch-kritischen Methode erklären. Dann ergeben sie sich aus der jeweiligen geschichtlichen Situation, in der die einzelnen biblischen Überlieferungen entstanden, durch die sie bedingt und geprägt sind.
Damit deckt die historische Bibelkritik den menschlichen Anteil am göttlichen Offenbarungsgeschehen auf und leistet so einen Beitrag zur theologischen Entlastung Gottes. Man darf nicht alles, was in der Bibel geschrieben steht, für bare Münze, das heißt für Gottes Wort, nehmen; es gibt auch reichlich menschliches Wechselgeld in ihr. Ohne historische Kritik wäre die Wahrheit der Bibel nicht als Wahrheit Gottes festzuhalten!
So führt die Aufdeckung der Unterschiede und Widersprüche in der Bibel durch die historische Kritik nicht in Unsicherheit, sondern in die Freiheit. Sie hält die Theologie zum eigenen freien, schöpferischen Umgang mit der biblischen Tradition an.
Zugleich trägt die historisch-kritische Forschung durch ihre Bibelkritik zur Reinigung des christlichen Glaubens bei. Sie hindert den Glauben daran, daß er aus der Bibel alles unbesehen übernimmt. Für vieles, was im Alten und Neuen Testament geschrieben steht, gibt es als einzig mögliche theologische Erklärung nur noch das Urteil der Bibel selbst: »Das Alte ist vergangen.«
Zum Beispiel:
Wenn der Apostel Paulus über die Frauen sagt, daß sie zu Hause ihren Männern gehorchen und in der Gemeinde schweigen sollten, dann spricht daraus eher der Zeitgeist als der Heilige Geist und mehr der Junggeselle als der Apostel.
Wenn Jahwe ein »Kriegsmann« oder ein »Held im Kriege« genannt wird, der Israel in den Kampf voranzieht und seine Feinde vernichtet, dann genügt nicht die bloße Feststellung, daß Israel seine militärischen Siege als eine Gabe Gottes verstanden habe und daß sich darin die »Weltbezogenheit« seines Glaubens bekunde, sondern dann kann die Interpretation nur in Einspruch und Protest münden: Mag solcher Glaube auch weltbezogen sein, gottbezogen ist er bestimmt nicht!
Wenn Jahwe über die Amalekiter den Bann verhängt und gebietet, keinen zu verschonen, sondern das ganze Volk auszurotten, dann bezeichnen wir dies heute als »Völkermord«, und da gibt es keinerlei theologische Rettung durch Um- oder Neuinterpretation, sondern unsererseits nur den theologischen Bann.
Wenn auf Geheiß und im Namen Gottes Greueltaten begangen werden, wenn Gott selbst ein Schlachtfest unter den Völkern zu veranstalten gedenkt, bei dem die Menschen ihm als Opfer dienen sollen, so daß »ihr Blut auf seine Kleider spritzt und sein ganzes Gewand besudelt«, und wenn im Gegenbild zu einem solchen Rächergott die Gläubigen gleichfalls auf Rache sinnen und mit Gottes Hilfe ihren Feinden, den Gottlosen, nicht nur den eigenen Tod, sondern die Austilgung ihrer gesamten Nachkommenschaft wünschen -dann kann man heute nur noch »schriftgemäß« darüber predigen, indem man dagegen predigt.
Aber auch wenn Elia Feuer vom Himmel fallen und Elisa Eisen im Wasser schwimmen läßt, wenn auf Jesu Befehl ein Feigenbaum augenblicks verdorrt, wenn die Berührung mit dem Schatten des Petrus oder mit den Binden des Paulus genügt, um Kranke zu heilen, wenn Ananias und Saphira auf der Stelle tot umfallen, weil sie vom Erlös aus dem Verkauf ihres Ackers heimlich etwas für sich behalten haben, statt alles an die Gemeinde abzuliefern — dann gehen wir an solchen magischen, eher wunderlichen als wunderbaren Vorkommnissen rasch vorüber wie in einer Gemäldegalerie an Bildern, die uns nicht zusagen, weil sie uns nichts zu sagen haben.
Gerade die beinahe besessene Sorgfalt der historisch-kritischen Forschung im Umgang mit den biblischen Texten hat uns die Möglichkeit eröffnet, mit den Texten theologisch freier umzugehen. Ich kann den theologischen Ertrag der historisch-kritischen Methode daher in die These fassen: Wir sollen die Bibel beim Wort, aber wir sollen sie nicht wörtlich nehmen.
Wie eine Revolution einem Lande zunächst Befreiung bringt, hinterher aber häufig bald Hörigkeit und neue Knechtschaft erzeugt, so hat auch die Einführung der historisch-kritischen Methode nach der Befreiung des Schriftgebrauchs aus den Fesseln der Verbalinspiration zu Restauration und neuer Tyrannei geführt. Hier teilt die Theologie das allgemeine Schicksal des Historismus. Durch die historische Forschung und Kritik wurde sie fast von selbst dazu verführt, den Blick in die Vergangenheit, in die Entstehungssituation der biblischen Texte, zurückzulenken und darüber den Gegenwartsbezug der in ihnen bezeugten Wahrheit aus dem Auge zu verlieren.

Dadurch drohte das Christentum in neuer Weise zu einer »Buchreligion« zu werden.
»Der Text« — das war fast wie ein Fanal, wie eine Zauberformel. Der Text galt als das Ein und Alles in der protestantischen Theologie. Er stand in ihr an derselben Stelle wie in anderen Religionen der Altar; und wie es in anderen Religionen darauf ankommt, das Opfer möglichst genau, nach vorgeschriebenem Ritual, zu vollziehen, weil es sonst nicht wirkt, so hatte alles, was in der Theologie geschah, nur dem einen Zweck zu dienen, das, was im Text geschrieben steht, möglichst genau herauszufiltern und es so wortgetreu wie möglich zu wiederholen.
»Wissenschaftlich« ist in der Theologie auch heute immer noch fast gleichbedeutend mit »historisch exakt«, und als »sauber« gilt eine Theologie, wenn sie den biblischen Ansatz möglichst rein herausarbeitet und durchhält, die Übertragung in das Heute aber weithin der existentiellen Leistung des einzelnen überläßt. Zwar betont man in der Theorie, daß alle Auslegung historischer Texte, also auch der biblischen Zeugnisse, im Horizont gegenwärtigen Daseins zu geschehen und somit eine »Horizontverschmelzung« stattzufinden habe; in der Praxis aber bleiben die Neutestamentler dann doch, wenn sie zum Beispiel die Korintherbriefe auslegen, im Frühjahr 55 oder 56 nach Christus stehen und sehen darin sogar noch einen Ehrenstandpunkt.
Ich erinnere mich an ein nächtliches Gespräch mit einem befreundeten Neutestamentler, der keineswegs nur ein enger Fachwissenschaftler ist. Er sollte in einer Kommentarreihe den Römerbrief auslegen und klagte darüber, wie schier unmöglich diese Aufgabe sei, wenn man die Auslegung des Textes durch die Geschichte, von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, verfolgen wolle. Ich versuchte ihm Mut zu der von ihm befürchteten »Unwissenschaftlichkeit« zu machen: Er solle die historische Situation, in der der Römerbrief entstanden ist, und auch die Tradition seiner Auslegung durch die Jahrhunderte gewiß nicht außer acht lassen, vor allem aber doch, geleitet von den Fragen der Zeitgenossen, den Sinngehalt des Textes für die Gegenwart herausarbeiten. Ich erinnerte ihn daran, daß die bedeutsamsten Auslegungen des Römerbriefes solche gewesen seien, denen Neutestamentler vom Fach exegetische Willkür und wissenschaftliche Ungenauigkeit vorgeworfen hätten — zum Beispiel die Römerbriefvorlesung Martin Luthers und der Römerbriefkommentar Karl Barths, beides keine historisch und philologisch exakten Exegesen, wohl aber großartige religiöse Urkunden, Wiedergeburten des Römerbriefes aus dem Geiste des christlichen Glaubens in einer jeweils veränderten Welt.
Die tiefsten theologischen Erkenntnisse — wahrhafte Gottesgelehrtheit — sind oft genug ohne alle historisch-kritische Forschung, manchmal sogar gegen ihre heute allseits anerkannten Methoden und Resultate zustande gekommen. Wo die historisch-kritische Methode in der Theologie die Vorherrschaft ausübt, dort geschieht im Grunde das gleiche wie im Ahnenkult: Die Abgelebten regieren aus den Gräbern und dem Jenseits die Gegenwart.
Alle Religion aber verlangt Gegenwart! Darum scheint es mir heute an der Zeit, nachdem wir so lange die befreiende und reinigende Wirkung der historisch-kritischen Methode für den christlichen Glauben gepriesen haben, nunmehr an ihre Grenzen und Gefahren zu erinnern und also nicht nur den Nutzen, sondern auch den Nachteil der Historie für die Religion zu bedenken.
Historische Forschung macht nicht nur Vergangenheit gegenwärtig; sie kann auch Gegenwart in die Vergangenheit entrücken.
Zum Beispiel:
Das Vaterunser stammt aus der ältesten Phase der neutestamentlichen Überlieferung. Damals lebte ein Teil der Christen noch ganz und gar in der Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Ankunft des Reiches Gottes. Ich kann mir vorstellen, daß diese Christen morgens mit dem Gedanken aufgewacht sind: »Heute könnte es geschehen, daß Er kommt!« Entsprechend ist das Vaterunser von Anfang bis Ende ein Gebet um das Kommen des Reiches Gottes. »Unser tägliches Brot gib uns heute« meint nicht die Mittel, die zur geschichtlichen Selbstbehauptung des Menschen gehören, sondern nur gerade das Allernötigste zur Fristung des Lebens, solange der endgültige Anbruch des Reiches Gottes noch aussteht. »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern« denkt nicht nur an die Vergebung von Sünde und Schuld durch Gott, sondern auch ah den gegenseitigen Erlaß einforderbarer Schulden, weil für Geschäfte bis zur Wiederkunft Christi keine Zeit mehr ist. »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dein Bösen« bedeutet nicht allgemein Rettung aus Anfechtung lind Not, sondern Bewahrung vor den besonderen Prüfunger der Endzeit. So wird das vertraute Gebet durch die historische Forschung eher in eine ferne und fremde Vergangenheit entrückt. Ich hielte es daher für falsch, wollte man das ursprüngliche Verständnis des Vaterunsers wiederherstellen und sich damit zugleich die Enderwartung der Urgemeinde mühsam anquälen — auf diese Weise würde das Vaterunser aus dem »Gebet der Christenheit« zu einem Relikt der christlichen Religionsgeschichte.
Wie es durch historische Forschung eine Entrückung in die Vergangenheit geben kann, so umgekehrt eine Überwindung der Distanz zwischen einst und heute ohne jede historische Kenntnis und Erläuterung. Da schlägt ein Bibeltext durch Zeiten, Länder und Kulturen unmittelbar bis in die Gegenwart durch.
Ich erinnere mich: Am Himmelfahrtstag 1945, wenige Tage nach dem Tode Hitlers und der Kapitulation Deutschlands, habe ich im Gottesdienst auf einer
Krankensammelstelle zum Eingang das Triumphlied über den Sturz des Königs von Babel aus Jesaja 14 gelesen.
Darin heißt es:
»Wie bist du vom Himmel gefallen,
du schöner Morgenstern!
Wie wurdest du zu Boden geschlagen,
der du alle Völker niederschilugst!
Du aber gedachtest in deinem Herzen:
>Ich will in den Himmel steigen
und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen…
Ich will auffahren über die hohen Wolken
und gleich sein dem Allerhöchsten.<
Ja, hinunter zu den Toten fuhrest du,
zur tiefsten Grube! .. .
>Ist das der Mann, der die Welt zittern
und die Königreiche beben machte,
der den Erdkreis zur Wüste machte
und seine Städte zerstörte
und seine Gefangenen nicht nach Hause entließ ?<
Du aber bist hingeworfen ohne Grab
wie ein verachteter Zweig,
bedeckt von Erschlagenen, die mit dem Schwert
erstochen sind wie eine zertretene Leiche…
Denn du hast dein Land verderbt
und dein Volk erschlagen…
Richtet die Schlachtbank zu für seine Söhne
um der Missetat ihres Vaters willen,
daß sie nicht wieder hochkommen und die Welt erobern
und den Erdkreis voll Trümmer machen.«

Der Eindruck dieses Liedes auf die Zuhörer war so stark, daß ich den Gottesdienst gleich nach seiner Verlesung ohne Predigt hätte beschließen können. Hinterher gab es eine heftige Diskussion, fast ein Getümmel — so schroff stießen Betroffenheit und Empörung aufeinander. Viele hatten gar nicht begriffen, daß sie einen zweieinhalb Jahrtausende alten Text gehört hatten, der von einem altorientalischen Großkönig handelt; sie meinten, es sei ein zeitgenössisches Spottgedicht auf Adolf Hitler gewesen, und hatten sich deshalb darüber so aufgeregt.
So gibt es in der Bibel zahlreiche Texte, die ohne alles historische Wissen, ohne Palästinakunde, Archäologie, Religionsgeschichte oder historische Kritik, unmittelbar verständlich sind. Ja, manche Bibelstellen »treffen« uns überhaupt nur, wenn sie aus ihrem Kontext und ihrem geschichtlichen Zusammenhang herausgelöst werden. An wieviel hohen Geburtstagen und bei wieviel Goldenen Hochzeiten haben Pfarrer zum Beispiel das Wort ausgelegt: »Um den Abend wird es licht sein« (Sacharja 14,7)! Schlügen die also Angeredeten dieses Wort in der Bibel nach, so würden sie verwundert feststellen, daß dort nicht vom friedlichen Abendlicht eines Tages oder des Lebens die Rede ist, sondern vom »Tag des Herrn« mit Kampfgetümmel, Eroberung, Ausrottung, Schändung, Erdbeben und Flucht.
Zu den Grenzen der historisch-kritischen Methode und zu den Nachteilen der Historie für die Religion gehört auch die Überschätzung des kritischen Maßstabs »historisch echt — historisch unecht«. Ein Bibeltext kann historisch unecht und trotzdem religiös wahr sein, und er kann umgekehrt historisch echt sein und für uns dennoch keinerlei religiöse Wahrheit enthalten.
Zum Beispiel:
Von den sechs Antithesen der Bergpredigt — »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist — ich aber sage euch . .« —hält die kritische Forschung drei, nämlich die Verbote des Tötens, des Ehebruchs und des Schwörens, für ursprünglich, das heißt von Jesus selbst stammend, die drei anderen Anweisungen hingegen, die von der Ehescheidung, der Vergebung und der Feindesliebe handeln, für sekundär, das heißt von der Gemeinde Jesu gebildet. Gleiches gilt für die Seligpreisungen, mit denen die Bergpredigt beginnt. Kein heutiger Bibelleser aber wird zwischen den angeblich »echten« und »unechten« Antithesen beziehungsweise Seligpreisungen einen Unterschied bemerken und sich in seinem religiösen Urteil dadurch beirren lassen. Denn er vernimmt aus ihnen allen, ob historisch echt oder unecht, den Geist derselben Wahrheit.
Und hängt die Wahrheit der Botschaft, die das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder das vom barmherzigen Samariter ausspricht, wirklich davon ab, daß Jesus selbst diese Gleichnisse gesprochen hat? Oder würde sich der religiöse Wahrheitsgehalt der lukanischen Erzählung von der Geburt Jesu in Bethlehem, der sogenannten »Weihnachtsgeschichte«, erhöhen, wenn Archäologen den Stall und die Krippe samt den Knochen von Ochs und Esel in Bethlehem ausgrüben und so sich herausstellte, daß es sich hier um keine Legende, sondern um ein »tatsächliches« Geschehen handelt? Ich wäre auch jederzeit bereit, über die Geschichte von der Auferweckung des Jünglings zu Nain zu predigen, obwohl ich sie für eine Legende, mithin für historisch unecht halte, weil ich die Wahrheit, daß Jesus Spender ewigen Lebens sei, in ihr überzeugend ausgedrückt finde.
Daß die Frage nach der Wahrheit oder Unwahrheit des christlichen Glaubens sich zuletzt an einem anderen Maßstab als an dem der historischen Echtheit oder Unechtheit der biblischen Überlieferung entscheidet, beweisen die zeitgenössischen Bestreiter des Christentums.

Ich erinnere mich an eine Fernsehdiskussion mit Rudolf Augstein über sein Buch »Jesus Menschensohn«. Gleich zu Beginn fragte ich Augstein, ob er zu einem anderen Urteil über Jesus von Nazareth gelangt wäre und die christliche Botschaft als Wahrheit für sich anerkannt hätte, wenn die von ihm als Späher ausgesandten »Spiegel«-Redakteure mit dem Ergebnis zurückgekehrt wären, daß die neutestamentliche Überlieferung von Jesus historisch echt und zuverlässig sei. Er antwortete mir darauf mit einem ehrlichen, glatten Nein. Das zeigt, daß ihm — wie auch anderen Bestreitern des Christentums — die historisch-kritische Argumentation nur als ein Mittel dient, um eine Wahrheitsentscheidung, die sie zuvor aus weltanschaulichen Motiven getroffen haben, nachträglich auch noch historisch zu begründen. Entscheidend ist auch für sie zuletzt nicht, ob die christliche Botschaft historisch zuverlässig ist, sondern ob auf sie im Leben und Sterben Verlaß ist. Und mit diesem Wahrheitskriterium haben sie uneingeschränkt recht!
Die historisch-kritische Methode kann mit ihren Mitteln zwar den Inhalt der biblischen Überlieferung richtig herausarbeiten, nicht aber den Glauben an ihre Wahrheit begründen. Ich bin davon überzeugt, daß die im Neuen Testament berichteten Erscheinungen des Auferstandenen zu den bestbezeugten Ereignissen der antiken Geschichte gehören, daß wir hier mit den historischen Zeugnissen so nahe an das Ereignis selbst herankommen wie sonst nur selten in der Antike — dennoch vermag mir diese historische Überzeugung nicht jene Gewißheit zu verleihen, die stärker ist als die Angst vor dem Tode. »Aber die historischen Zeugnisse sind echt!« —das tröstet keinen, wenn er auf dem Sterbebett liegt.
Der Hinweis auf die Grenzen der historisch-kritischen Methode und auf den Nachteil der Historie für die Religion deutet einen Fortschritt in der Theologie an. Er führt von der Historie weiter zur Religion. Damit kommt zugleich die vierte, vorerst letzte Stufe meines eigenen Bibelverständnisses in Sicht: die »reflektierte Imagination«, die die naive des Anfangs »aufhebt«, indem sie sie auf einer höheren Stufe wiederkehren läßt.

5. Von der Historie zur Religion (reflektierte Imagination)
Was die historische Fragestellung und kritische Forschung der Theologie an vermehrter wissenschaftlicher Erkenntnis und auch an vertiefter religiöser Einsicht eingebracht haben, soll nicht vergessen sein. Religiöse Vorstellungen und historische Überlieferungen, die sich einmal als mythologisch oder unhistorisch erwiesen haben, können niemals wieder als Geschichte ausgegeben werden. Wohl aber kann ihre religiöse Bedeutung und Wahrheit in der Geschichte neu zur Sprache und Geltung gebracht werden.
Der Bund der Theologie mit der Geschichtswissenschaft soll nicht aufgekündigt werden. Auch eine zeitgenössische Erfahrungstheologie bleibt an der historisch-kritischen Erforschung der biblischen Überlieferung theologisch interessiert; denn ihr theologisches Interesse richtet sich ja darauf, wie die Menschen in der Bibel Gott erfahren haben - und dies herauszufinden, ist eine Aufgabe der historischen Forschung. Aber die Theologie muß sich von der Vorherrschaft der historisch-kritischen Methode befreien. Fortan nimmt an Stelle der historisch-kritischen Forschung die religiöse Erfahrung den beherrschenden Platz in der Theologie ein. Die Historie wird zu einer Hilfswissenschaft für die Theologie. Ihre Funktion besteht nach wie vor darin, die überlieferten biblischen Zeugnisse nach allen Regeln der historischen Kunst zu erforschen, jedoch allein zu dem Zweck, die in ihnen sich bekundende göttliche Wirklichkeit klarer erkennen zu helfen.
So bleibt die Historie mit der Religion verknüpft, aber die Historie gebietet der Religion nicht länger mehr, was künftig zu glauben sei, sondern sie bietet ihr nurmehr an, was einst geglaubt worden ist - als Impuls, Motiv und Inhalt heutigen neuen Glaubens. Dieser Platzwechsel bedeutet mehr als nur eine einzelne Akzentverschiebung. Er zeigt ein Fortschreiten der Theologie im ganzen an - von der Historie weiter zur Religion.
Fragt man, was die neununddreißig alttestamentlichen und siebenundzwanzig neutestamentlichen Schriften, insgesamt mehr als zweitausend Seiten und in einem Zeitraum von mehr als tausend Jahren entstanden, zusammenhält und was sie trotz ihrer Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit zu einer so einheitlichen Wirkung gebracht hat, so ist es der Glaube an den gleichen Gott, genauer, die Botschaft von der Zuwendung Gottes zu den Menschen, die in allen diesen mannigfaltigen, teilweise widersprüchlichen Texten Ausdruck gefunden hat.
Die Bibel erzählt Geschichte, aber nicht in ihrer nackten Tatsächlichkeit - die Bibel entstammt nicht einem Dokumentationszentrum oder einer Datenverarbeitungszentrale -, sondern in einer bestimmten Auffassung und Deutung. Die Bibel ist kein Lehr-, sondern ein Lebensbuch; sie vermittelt nicht Wissensstoff, sondern Glaubensweisheit. Man könnte sie als die Sammlung von Bruchstücken einer großen Konfession bezeichnen. Diese Konfession besteht in einer in allen Überlieferungsstücken durchscheinenden gleichen Welt- und Geschichtsinterpretation: Die Bibel erzählt die Welt als die Geschichte Gottes mit den Menschen.
Diese Geschichte Gottes mit den Menschen aber spielt sich in lauter Geschichten von Menschen mit Gott ab! In den biblischen Zeugnissen hat sich niedergeschlagen, was Menschen - als einzelne oder als Gruppe, als Sippe, Kultverband, Gemeinde, Volk oder Kirche - mit Gott erfahren haben, allen voran der eine Jesus von Nazareth, den die Kirche deshalb als den Christus Gottes bekennt. Gottes Geschichte mit den Menschen, aufbewahrt im Gedächtnis von Menschen - das ist die Bibel: ein großes menschliches Erinnerungsbuch, aber ein Buch voll menschlicher Erinnerungen an Gott -memoria Dei in memorabilibus hominum.
Getrieben von der »maßlosen Frage« nach dem Sinn, hat das Volk Israel in immer neuen Anläufen und Ansätzen über seine Geschichte nachgedacht. »Sinn« aber kam diesem Volke allein von seinem Gott her. Und darum hat es seine Ge-schichtsüberlieferungen immer wieder im Glauben neu gedeutet und umgestaltet. Auf diese Weise ist das Alte Testament entstanden: nicht ein Bericht über den Lauf der Geschichte, sondern ein Bekenntnis zu Gottes Führung durch die Geschichte - geglaubte Geschichte, Geschichte als ein immerwährendes Gespräch mit Gott. Die Ausdrucksform der Darstellung ist darum nicht die Dokumentation, sondern die Erzählung, nicht das Protokoll, sondern der Hymnus, nicht die Chronik, sondern die Konfession.
Mit der neutestamentlichen Überlieferung von Jesus verhält es sich grundsätzlich nicht anders. Auch sie enthält keine Tatsachenberichte, sondern Glaubenserfahrungen, nicht »Reports«, sondern »Credos«. Das Neue Testament bietet memoria Jesu - Gedenken an Jesus im Gedächtnis von Menschen. Das aber heißt: Aus den neutestamentlichen Texten erfahren wir nicht unmittelbar, was Jesus gesagt und getan hat. Zwischen dem Ereignis und dem Text steht vielmehr der Glaube der ersten Christen, und diese überliefern Jesu Worte und Taten nicht historisch getreu, sondern eben im Glauben reflektiert und moduliert. Die Schriften des Neuen Testaments sind ein Niederschlag der Glaubensbewegung, die Jesus von Nazareth ausgelöst hat - Reflexe des Jesusgeschehens und seiner Wirkung auf verschiedene Menschengruppen. Wir finden die Spuren des Lebens Jesu auf den Spuren der Jünger, die in seiner Nachfolge wandeln.
So begegnet die Geschichte Gottes mit den Menschen in der Bibel nicht anders als auch Geschichte sonst: nicht in ihrem reinen »Sein«, sondern in ihrer Widerspiegelung im menschlichen »Bewußtsein«. Wir haben auch die Geschichte der Offenbarung Gottes immer nur in menschlichen Reflek-tionen und also in indirekten Zeugnissen. Entsprechend ist die Bibel nicht die Urkunde der Offenbarung Gottes selbst,
sondern die Urkunde des Glaubens von Menschen an Gottes Offenbarung. Wir hören aus ihr nicht unmittelbar Gottes Stimme, sondern nur mittelbar im vielfachen Echo menschlicher Stimmen. Selbst wo es in der Bibel heißt: »Gott hat geredet«, geschieht solches Reden immer durch Menschen. Das gilt sogar für Gottes »Selbstoffenbarung« in Jesus Christus - worin besteht sie anders als in der Mitteilung eines Menschen von seinen Erfahrungen mit Gott?
Wenn die Bibel ein menschliches Erinnerungsbuch an Gott und die Auslegung einer biblischen Geschichte daher immer schon die Interpretation einer Interpretation ist - verliert der christliche Glaube dann nicht seinen festen geschichtlichen Grund? Löst sich der reale Ereignischarakter der Offenbarung Gottes damit nicht in bloßes menschliches Bewußtsein, in lauter Gedanken, Gefühle oder gar nur Einbildungen von Menschen auf?
Die Bibel bietet nicht Außenansichten der Geschichte, sondern Innenansichten, genauer Innenansichten der Außenansicht. Womit die Bibel Geschichte gemacht hat, ist ihre Deutung von Geschichte! Was wäre Israel ohne seine gläubige Geschichtsdeutung, was selbst Jesus von Nazareth ohne die Glaubenszeugnisse der ersten Christengemeinden? Damit rückt das historische Geschehen der Deutung mindestens gleichrangig neben das gedeutete historische Geschehen. Das gedeutete historische Geschehen kann sich unter Umständen sogar als völlig »unhistorisch« erweisen.
Zum Beispiel:
Der Erzvater Abraham, im Alten Testament ebenso wie im Neuen, für die Christenheit nicht minder als für Israel das Urbild des Vertrauens auf Gott schlechthin, ist keine historisch erkennbare und datierbare Gestalt, weit weniger noch als Wilhelm Teil in der Schweiz. Was sich in den von ihm handelnden Geschichten spiegelt, ist die Gotteserfahrung und Weltdeutung des biblischen Erzählers und seiner Zeit, nicht der Glaube und Gehorsam eines historischen Abraham. Es handelt sich also wohl um »Geschichte«, aber nicht um die Biographie eines Ahnherrn namens Abraham, sondern um die Geschichte des Glaubens Israels in der davidisch-salomonischen Ära.

Aber wird die Glaubenserfahrung, die sich in der Abraham-Erzählung niedergeschlagen hat, etwa darum geschichtslos und damit zugleich wertlos, weil sie sich nicht als eine Glaubenserfahrung Abrahams, sondern des »Jahwisten« erweist? Auch die Deutung von Geschichte ist ein geschichtliches Geschehen, und auch Erfahrungen sind Ereignisse! In jedem Fall macht nicht das Historische selig, sondern der Glaube -aber auch der Glaube ist stets etwas Historisches! Damit ist endgültig das Ergebnis der historisch-kritischen Forschung theologisch ernstgenommen: daß die Bibel eine Glaubensurkunde ist, daß wir es in ihr nicht mit objektiven historischen Berichten, sondern mit Glaubenszeugnissen zu tun haben, daß aber auch der Glaube Geschichte ist und daß die Bibel allein um ihres Glaubenszeugnisses willen Geschichte gemacht hat und auch nur darum für uns heute noch von geschichtlicher Bedeutung ist.
Um das für die biblische Überlieferung charakteristische Miteinander, ja Ineinander von Ereignis und Erfahrung, von Geschichte und Deutung auszudrücken und in der Theologie kräftiger als bisher zur Geltung zu bringen, bezeichne ich die vierte Stufe meines Bibelverständnisses als reflektierte Imagination.
»Imagination« soll besagen: Die Geschichtsinterpretationen der Bibel sind nicht »Abbildungen«, sondern »Einbildungen« von der Geschichte. »Abbildungen« kommen auf dem Wege von außen nach innen zustande, indem die Wirklichkeit auf den Menschen wie auf einen unbelichteten Film trifft und sich in ihm »wirklichkeitsgetreu abbildet«. »Einbildungen« hingegen kommen nicht umgekehrt allein auf dem Weg von innen nach außen zustande, sondern sie entstehen durch einen gleichzeitigen Vorgang in beiden Richtungen. Und eben diese doppelte Bewegung soll das Wort »reflektiert« wiedergeben. »Reflektiert« heißt einmal, daß sich im Menschen eine außerhalb seiner selbst gelegene Wirklichkeit widerspiegelt und in ihm eine »Impression«, einen »Eindruck« hervorruft. Zum anderen bedeutet »reflektiert«, daß der also Betroffene die außerhalb seiner selbst gelegene Wirklichkeit nicht einfach »unbedacht« in sich eingehen läßt, sondern sie »reflektiert«, das heißt sie bedenkt, prüft, einordnet und deutet, sie also seinerseits widerspiegelt und ihr seinen »Ausdruck« verleiht.
Der Unterschied der reflektierten Imagination zur naiven besteht darin, daß der Mensch nicht nur die von außen auf ihn eindringenden biblischen Bilder aufnimmt, sondern daß er dabei zugleich sich selbst reflektiert und sich so in der Begegnung mit den Zeugnissen der Bibel selber durchsichtig wird.
Ich könnte im Hinblick auf die »Machart« der biblischen Überlieferung mit gutem Gewissen auch von Inspiration sprechen. Nur fasse ich diesen Begriff im Unterschied zur Verbalinspiration der alten und neuen Orthodoxie geschichtlich und damit menschlicher auf. Inspiration schafft kein geistiges Vakuum im Menschen. Sie löscht den Geist des Menschen nicht aus, sondern bewegt und erfüllt ihn gerade. Darum geht das von einem biblischen Autor Geschriebene auch nicht zeitlos ins Allgemeine, sondern ist stets - je nach Charakter und Temperament der Person sowie nach dem Umstand des Ortes und der Zeit - »historisch« geprägt und »persönlich« gefärbt.
Die Bibel erzählt alle Ereignisse so, daß darin immer zugleich ihre »Ereignung« an den Menschen, denen sie widerfahren oder die von ihnen erzählen, eingeschlossen ist. Die Ereignung eines Ereignisses an einem Menschen aber nennen wir »Erfahrung« und, wenn die aneignende Kraft der Glaube ist, »Glaubenserfahrung«. Glaubenserfahrung schließt jedoch stets ein: nicht allein kraft eigener Vernunft, sondern zugleich aus Gottes Geist und Kraft. Und deshalb scheue ich mich nicht, im Hinblick auf die Entstehung und Weitergabe der biblischen Überlieferung von »Inspiration« zu sprechen: Nicht das einzelne Bibelwort ist spirituell eingegeben; die Bibel insgesamt ist ein spirituelles Geschehen.
Inspiration aber ist nicht nur ein Vorrang der biblischen Zeugen in der Vergangenheit, sondern ein jederzeit möglicher Vorgang auch in der Gegenwart. Wo immer Zeitgenossen, animiert durch die in der Bibel gespeicherten Glaubenserfahrungen, heute ihrerseits an Gott glauben, dort wiederholen sich nicht einfach die Gotteserfahrungen der biblischen Zeugen, sondern dort finden neue, eigene Erfahrungen Gottes statt. Was aber bedeutet dies anderes, als daß sich hier heute »Inspiration« ereignet?
Damit wird der von radikalen Offenbarungstheologen behauptete unendliche Abstand zwischen den biblischen Autoren und heutigen Christen und Theologen zwar nicht aufgehoben, aber doch wesentlich gemildert. Gewiß will ich mich nicht mit Amos, Jesaja, Jeremia, Petrus, Paulus, Johannes oder einem der anderen großen Propheten und Apostel in der Bibel vergleichen. Sie sind mir dreifach überlegen: Sie stehen in einer größeren zeitlichen Nähe zum entscheidenden göttlichen Offenbarungsgeschehen - sie besitzen eine mir weit überlegene religiöse Begabung und Ausdruckskraft - sie haben für ihren Glauben einen sehr viel größeren Lebenseinsatz gewagt. Aber mit einigen der kleinen Propheten und Briefschreiber im Alten und Neuen Testament will ich es wohl aufnehmen. Was zum Beispiel die Propheten Obadja und Nahum oder die Verfasser des zweiten Petrus-, des Judas- und der beiden kleinen Johannesbriefe mir voraushaben, inwiefern sie im Unterschied zu mir »direkt« mit der göttlichen Offenbarung konfrontiert sein sollen, vermag ich nicht einzusehen.
Wenn göttliche Inspiration sich auch heute noch ereignet, dann heißt es für die Gottes- und Welterfahrung der Bibel nicht: Wohlan, noch einmal!, sondern: Fortsetzung folgt.