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Erwägungen zur Auferstehung


Historisch-theologische Erwägungen zur Auferstehung Jesu

Von Heinz Zahrnt

Aus „Jesus aus Nazareth“

Wer den neutestamentlichen Zeugnissen von der Auferstehung Jesu unvoreingenommen begegnet, muß zwei Tatsachen konstatieren.
Die erste ist, daß sich innerhalb des Jüngerkreises Jesu in kurzer Zeit ein auffälliger Stimmungsumschwung vollzogen hat. Einen Eindruck von der Stimmung der Jünger nach dem Tode Jesu vermittelt noch die Erzählung von den beiden Emmausjüngern (Lukas 24,13-35), auch wenn sie sonst sicher stark legendäre Züge aufweist oder überhaupt im ganzen eine Legende ist. Die beiden Jünger, die sich auf dem Weg mach Emmaus befinden, machen keinen »Osterspaziergang«, sondern setzen sich von Jerusalem ab. Sie streichen die letzten Jahre ihres Lebens durch. Sie sind traurig, enttäuscht und ohne Hoffnung. Die Sache mit diesem Jesus aus Nazareth hat sich wieder einmal als ein Irrtum erwiesen: »Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen würde.

Dasselbe gilt auch von den anderen Jüngern Jesu. An Auferstehung denkt von ihnen keiner. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sie geben die Sache ihres Herrn verloren, sie drängen sich voller Furcht zusammen, sie sind ratlos, am Ende.

Doch kurze Zeit darauf- und das Bild hat sich gewandelt. Dieselben Jünger, die sich eben noch versteckt haben oder davongelaufen sind, weil ihnen die Sache Jesu verloren schien, sind wieder beieinander, predigen öffentlich davon und sind sogar bereit, dafür ins Gefängnis, ja in den Tod zu gehen: »Wir können's ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten von dem, was wir gesehen und gehört haben.

« Selbst der römische Geschichtsschreiber Tacitus, ein in Sachen des Christentums unfreundlicher und daher unverdächtiger Zeuge, schreibt in seinen »Annalen«, nachdem er von der Hinrichtung Jesu durch den Prokurator Pontius Pilatus berichtet hat: »Trotz solcher augenblicklichen Schwächung kam der verderbliche Aberglaube wieder auf.« (XV, 44)

Wie ist dieser Wandel zu erklären: Zuerst ein Bild des Scheiterns - Ratlosigkeit, Furcht, Flucht und Verstummen und alsbald darauf genau das Gegenteil davon, die unaufhaltsame Verkündigung Jesu in aller Welt?

Auch der unvoreingenommene Historiker muß zugeben, daß inzwischen etwas geschehen sein muß, das diesen Umschwung verständlich macht - etwas, das die Jünger wieder von Galiläa nach Jerusalem zurückführt, das sie zu neuer Aktivität motiviert, das sie den Entschluß zur »christlichen« Predigt fassen läßt und zur Gründung einer Gemeinde veranlaßt. Ohne dieses »Etwas« bleibt die Entstehung der christlichen Kirche unverständlich

Was ist nun dieses »Etwas«, das dies alles bewirkt hat? Damit stehen wir vor der zweiten Tatsache; die der Historiker zu konstatieren hat. Petrus und die anderen Jünger behaupten nach dem einhelligen Zeugnis des Neuen Testaments, daß Jesus nicht im Tode geblieben, sondern auferstanden sei. Wohlgemerkt, der Historiker kann nicht konstatieren, daß Jesus auferstanden ist. Denn »Auferstehung« ist kein historisches Ereignis im strengen Sinne mehr, sondern sprengt die Grenzen der Geschichte, so gewiß alle Geschichte ihre Grenze am Tode hat. Der Historiker kann darum immer nur feststellen, Petrus und die anderen Jünger behaupteten, daß Jesus auferstanden und ihnen erschienen sei. Diese Behauptung der Jünger ist das Letzte, das sich konstatieren läßt. Was man darüber hinaus noch tun kann, ist, daß man die neutestamentlichen Berichte über die Erscheinungen des Auferstandenen mit den Mitteln und Maßstäben der historischen Kritik untersucht.

Berichte über Erscheinungen des Auferstandenen finden sich im Neuen Testament eine ganze Reihe, sowohl in den Schlußkapiteln aller vier Evangelien als auch bei dem Apostel Paulus.

Der älteste und zuverlässigste Bericht steht 1. Korinther 15,3ff. Dort schreibt Paulus: »Ich habe euch als Hauptstück überliefert, was ich selbst auch übernommen habe: daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach den Schriften, daß er begraben worden ist und daß er erschienen ist dem Kephas, dann den Zwölfen. Danach erschien er über fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten jetzt noch leben; einige aber sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt von allen aber, gleichsam als der Fehlgeburt, erschien er auch mir. «
Dieser Bericht ist ebenso exakt wie knapp; er klingt beinahe monoton wie eine Liste. Eigentlich enthält er nur eine Aufzählung der grundlegenden Erscheinungen Jesu. Paulus leitet ihn mit der Versicherung ein, daß er hier nur weitergebe, was er selbst bereits übernommen habe. Das heißt, daß wir es hier mit altem, zur Formel geprägtem und dadurch konserviertem Traditionsgut zu tun haben, das zeitlich über Paulus hinaus zurückweist.

Der 1. Korintherbrief ist im Frühjahr 56 oder 57 von Paulus in Ephesus geschrieben worden, also etwa 25 Jahre nach Jesu Tod. Der Tod Jesu fällt in das Jahr 30 oder 33; die Bekehrung des Paulus hat etwa drei Jahre danach, zwischen 33 und 35, stattgefunden. Paulus wird die von ihm zitierte Bekenntnisformel bald nach seiner Bekehrung, entweder noch in Damaskus selbst oder etwas später in Antiochien oder Jerusalem, übernommen haben. Zwischen ihrer Entstehung und den durch sie überlieferten Ereignissen liegt also nur eine kurze Zeitspanne; sicher waren es nicht mehr als zehn Jahre, wahrscheinlich aber weniger.
Das bedeutet: Wir reichen mit dem Bericht des Paulus chronologisch ganz nahe an die Erscheinungen des Auferstandenen selbst heran, so nahe, wie dies nur bei wenigen Ereignissen der antiken Geschichte der Fall ist. Damit unterscheidet sich die Auferstehung Jesu auch grundlegend von der Auferstehung anderer Kultgottheiten, die man damals feierte und verehrte. Ihre »Auferstehungen« weisen in eine nebelhafte mythische Ferne; sie sollen irgendwann und irgendwo und irgendwie einmal stattgefunden haben, vielleicht auch gar nicht.

Hinzu kommt eine zweite Sicherung in dem von Paulus überlieferten Bericht. Er nennt die Namen von Zeugen und fügt ausdrücklich hinzu, daß die meisten von ihnen noch am Leben seien - das mußte seinen Bericht der Kontrolle aussetzen. Überdies hat Paulus die Hauptzeugen auch persönlich gekannt. Er hat Petrus und Jakobus im Anfang seiner Laufbahn in Jerusalem aufgesucht und ist auch später wieder mit ihnen zusammengetroffen. Sollten bei diesen Begegnungen nicht auch jene entscheidenden Ereignisse und Erfahrungen, auf die sich die christliche Predigt gründete, zur Sprache gekommen sein? Das kann man sich kaum vorstellen. Paulus war also über das, was er weitergibt, aus erster Hand informiert.
Mithin handelt es sich bei den im Bericht des Paulus überlieferten Ereignissen um klare, bestimmte historische Fakten. Wer ihre Zuverlässigkeit trotzdem bezweifelt, muß eigentlich die gesamte neutestamentliche Jesus-Überlieferung bezweifeln, und nicht nur diese.

Die historische Zuverlässigkeit des Berichtes, den Paulus von den Erscheinungen des Auferstandenen gibt, wird noch durch eine weitere Beobachtung gestützt. Am Ende desselben 1. Korintherbriefes zitiert Paulus den aramäischen Gebetsruf »Maranatha - komm, Herr!«. Wenn Paulus im Brief an eine griechisch sprechende Gemeinde einen äramäischen Gebetsruf gebraucht, so beweist dies, daß es sich hier um eine allgemein bekannte, auch von den griechischen Gemeinden verstandene, also festgeprägte Formel gehandelt haben muß. Eine solche Formel aber kann nicht auf griechischem Sprachboden entstanden sein - denn wie sollte eine griechische Gemeinde dazu kommen, eine aramäische Gebetsformel zu prägen? Das zwingt dann aber zu dem Schluß, daß Jesus nicht erst in Antiochien - beim Übergang des Christentums in die Welt des Hellenismus und also unter dem Einfluß bestimmter Vorstellungen der griechischen Religion - zum »Herrn« erhöht worden ist, sondern bereits in der aramäisch sprechenden Urgemeinde als der erhöhte Herr angerufen und verehrt wurde. Mit anderen Worten: Die Entstehung des Osterglaubens läßt sich mit Sicherheit in Jerusalem lokalisieren. Wieder kommen wir damit chronologisch ganz nahe an das Ereignis selbst heran.
Im Vergleich zur paulinischen Überlieferung sind die Ostergeschichten, die die vier Evangelien enthalten, zeitlich jünger und vor allem historisch unzuverlässiger. Sie bieten zwar eine Fülle konkreter Einzelangaben; bei näherem Zusehen zeigt sich jedoch, daß diese das Werk frommer Ausmalung sind. Und so enthalten die neutestamentlichen Ostergeschichten viele legendäre Züge, Widersprüche, Unstimmigkeiten und Ungereimtheiten. Aus ihnen den Ablauf der Ereignisse nach dem Karfreitag zuverlässig zu rekonstruieren, ist ein äußerst heikles, wenn nicht hoffnungsloses Unternehmen.

In den Ostererzählungen aller vier Evangelien kommt das leere Grab vor. Während die Erscheinungsgeschichten die Auferstehung Jesu positiv bezeugen, tun es die Grabesgeschichten gewissermaßen negativ von der Entdeckung her, daß das Grab Jesu leer gewesen sei. Aber die Entdeckung des leeren Grabes läßt sich nicht als ein ausschlaggebendes Argument für die Auferstehung Jesu ins Feld führen. Vielmehr ist den Grabesgeschichten gegenüber sowohl historische Vorsicht als auch theologische Einsicht geboten.

Historisch hat das leere Grab keine zulängliche Beweiskraft. Denn die Tatsache, daß das Grab leer gewesen ist, könnte ja auch anders gedeutet werden und ist im Laufe der Geschichte auch mehr als einmal böswillig mißdeutet worden, nämlich als ein geschickter Betrug der Jünger: Sie seien es gewesen, die das Grab leergemacht hätten - sprich: die den Leichnam Jesu gestohlen und beiseite geschafft hätten -, um auf diese Weise die verlorene Sache ihres Herrn für sich zu retten.

Aber auch theologisch hat das leere Grab für den christlichen Osterglauben nicht jene Bedeutung, die seine Verfechter ihm beimessen. Auf keinen Fall kann man den Glauben an die Auferstehung Jesu durch den Glauben an das leere Grab stützen, denn das hieße, einen Glauben durch den anderen zu sichern. Was könnte das leere Grab auch schließlich anderes beweisen als die Rückkehr eines Toten in die diesseitige Welt? Rückkehr von Toten in das Leben aber kennt man auch sonst im mythischen Bereich; Wiedergänger kommen in vielen Sagen vor. Jesus Christus aber ist kein Wiedergänger.

Nirgendwo in den neutestamentlichen Evangelien wird die Auferweckung Jesu als Ereignis im Vollzug beschrieben, etwa wie der Verschlußstein vom Grab weggerollt wird und Jesus heil aus dem Grab heraustritt. Es wird gleichsam immer nur das Ergebnis der Auferweckung mitgeteilt: in den Erscheinungsgeschichten, daß die Jünger den Herrn »gesehen« hätten, in den Grabesgeschichten, daß das Grab leer gewesen sei. Das bedeutet, daß wir Nachricht von der Auferstehung Jesu nur durch die Glaubenszeugnisse der Jünger haben, mithin, wie von aller göttlichen Offenbarung in der Bibel, nur den Reflex des Ereignisses, seine Widerspiegelung und Deutung im gläubigen Bewußtsein.

Allen neutestamentlichen Zeugnissen ist es eigen, daß sie das Wirklich- und Wirksamwerden der Auferstehung Jesu an den Glauben binden. Die Wahrheit des Ostergeschehens erschließt sich nicht dem historischen Wissen, sondern allein dem Glauben.

Dieser Zusammenhang zwischen Auferstehung und Glaube wird durch eine überraschende Beobachtung bestätigt: Alle Erscheinungen des Auferstandenen, die im Neuen Testament berichtet werden, geschehen vor solchen, die glauben, oder richtiger, vor solchen, die in diesem Geschehen zu Glaubenden werden. Von niemandem wird berichtet, daß ihm der Auferstandene erschienen sei, ohne daß er eben dadurch zu einem Zeugen der Auferstehung geworden wäre.

Damit wird das Wesen der Erscheinungen deutlich: Sie setzen nicht den Glauben an den Auferstandenen voraus, sondern sie schaffen ihn; durch sie vollzieht sich die Entstehung des Glaubens an den Auferstandenen. Denen, die nicht glauben, erscheinen diese Worte, als wären's Märchen. Darum werden auch im ganzen Neuen Testament, im Gegensatz zu den »apokryphen«, das heißt den nicht in non aufgenommenen Evangelien, keine Erscheinungen Jesu vor neutralen Zeugen oder gar vor seinen Gegnern erzählt, etwa vor den Schriftgelehrten, dem Hohenpriester, Pontius Pilatus oder dem Hohen Rat. Es bedarf der Öffnung des Auges durch den Glauben, wenn der Auferstandene erkannt werden soll. Vorher sind die Augen der Menschen »gehalten«, wie es von den beiden Emmausjüngern heißt. Aber sie zeigen auch, wie diese Öffnung des Auges, also die Entstehung des Glaubens gerade durch die Erscheinung des Auferstandenen geschieht.

Wie zurückhaltend die neutestamentlichen Berichte trotz aller legendären Ausschmückungen sind, lehrt beispielhaft ein Vergleich mit dem apokryphen »Petrusevangelium«. Es kann gar nicht genug Zeugnisse und Beweise häufen, um die Tatsächlichkeit der Auferstehung Jesu vor aller Augen sichtbar und handgreiflich zu demonstrieren. Es scheut auch nicht davor zurück, den Vorgang der Auferstehung Jesu selbst zu beschreiben. Die Soldaten, Ältesten und Schriftgelehrten, die sich vor dem gleich siebenfach versiegelten Grab versammelt haben, sehen »drei Männer« aus dem Grabe herauskommen, und die zwei stützen den einen, und ein Kreuz folgt ihnen nach. Und bei den zweien reicht das Haupt bis zum Himmel, das des von ihnen Geleiteten aber ragt über die Himmel hinaus. Und sie hörten eine Stimme aus den Himmeln rufen: »Hast du den Entschlafenen gepredigt?« Und vom Kreuze her erscholl die Antwort: »Ja! «

Zu der weitverbreiteten Scheu, die Erscheinungen des Auferstandenen als »Visionen« der Jünger zu bezeichnen, besteht kein Anlaß. Denn der Begriff »Vision« beinhaltet ja, daß es sich hier um etwas handelt, was man nicht aus sich selbst hervorbringt, sondern was einem von außen widerfährt. Gegen den Verdacht, daß es sich bei der Auferweckung Jesu nur um ein Phantasieprodukt der glaubenden Gemeinde handelt, hilft die Abweisung des Visionsbegriffs im übrigen gar nichts.

Hier steht Aussage gegen Aussage: Der Unglaube behauptet, die Auferstehung Jesu sei nur die - bewußte oder unbewußte - Realisierung eines Wunschbildes gewesen. Die Jünger hätten eben so stark unter dem Eindruck der Persönlichkeit Jesu gestanden, daß sie einfach nicht glauben konnten, daß er tot sei - er war zu groß, um sterben zu können.

Dem hält der Glaube entgegen, daß die Jünger beim Tode Jesu in keiner Weise für den Glauben an seine Auferstehung »disponiert« gewesen seien; sie hätten keinerlei Anlaß zu der Einbildung gehabt, daß er leben würde. Aber wie die Entscheidung über die Wahrheit nicht im historischen Zirkel fällt, so auch nicht im psychologischen.

Das Bekenntnis der Christenheit zur Auferweckung Jesu lautet nicht: Der Herr ist tatsächlich auferstanden, sondern: Er ist wahrhaftig auferstanden! Darin kommt zum Ausdruck, daß es sich hier nicht um eine historische Feststellung, sondern um eine Glaubensaussage handelt. Entscheidend ist allein, daß Jesus von Nazareth sich dem Glauben als lebendig und bleibend erweist.

Daß »Jesus lebt«, wird nicht durch historische Forschungen und theologische Spekulationen bewiesen, sondern allein n durch »Erweise des Geistes und der Kraft« beglaubigt. Wo immer Menschen im Neuen Testament an die Auferstehung Jesu glauben, dort »tut sich etwas« in ihrem Leben: Besitz wird geteilt, Wahrsagebücher werden verbrannt, Gemeinschaft entsteht neu, Angst und Leid werden bestanden, Menschen sind bereit, für die Wahrheit ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.

Christlicher Osterglaube bewahrheitet sich nicht darin, ob einer ein bestimmtes wunderbares Ereignis der Vergangenheit für wahr hält, sondern wie er die gegenwärtige Wirklichkeit der Welt wahrnimmt: ob er an den von Jesus von Nazareth erfahrenen und verkündeten Gott glaubt.

Auch hier gilt die Mahnung Lessings: »Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten: sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist. Aus ihrer inneren Wahrheit müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle schriftlichen Überlieferungen können ihr keine Wahrheit geben, wenn sie keine hat. «