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Der Offenbarer: Gottes Göttlichkeit.



Jesus aus Nazareth - Ein Leben
von Heinz Zahrnt.
Der Offenbarer: Gottes Göttlichkeit.
Textauszug

»Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise zu den Vätern
geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns
geredet durch den Sohn.«

Von allen Religionsstiftern hat Jesus von Nazareth am kürzesten gewirkt,
und auch kein anderer ist so jung gestorben wie er. Ob er nur einige
Monate oder drei volle Jahre öffentlich aufgetreten ist - in jedem Fall
macht er den Eindruck eines Mannes, der nur wenig Zeit hat, der in
kurzer Frist etwas ganz Wichtiges, höchst Dringliches auszurichten hat.
Er selbst hat von sich gesagt: »Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden
auf Erden« -und hat hinzugefügt: »Was wollte ich lieber, als es brennte
schon! «

Seine Gemeinde hat ihn später den »Anfänger und Vollender des
Glaubens« genannt - treffender hätte sie die Absicht und den Sinn seiner
Sendung nicht ausdrücken können. Jesus hat in der Tat eine
Glaubensbewegung ins Leben gerufen.

Der kurzen Dauer seines Wirkens entspricht die Art seines Auftretens.
Jesus hat keine geordnete Lehrtätigkeit ausgeübt, schon gar nicht
geplante Predigtreisen unternommen, auch nicht, wie es Brauch war, in
einem Lehrhaus gelehrt und nach der Schulmethode der Rabbinen Schüler in
der kasuistischen Gesetzesauslegung unterwiesen. Er hat gepredigt, wie
es sich gerade ergab, im Gottesdienst in der Synagoge, aber auch im
Freien, an der Straße, auf einem Hügel, am See, sogar vom Kahn aus.

Es liegt etwas Spontanes, Zeichenhaftes in Jesu Erscheinung. Er
verkündet kein geschlossenes System, sondern redet in Gleichnissen; er
bietet keine festen Formeln an, sondern weist auf Zeichen hin; er
vertritt keine ewigen Werte, sondern entscheidet von Fall zu Fall; er
vermittelt kein religiöses Wissen, sondern spricht den einzelnen in
seinem Gewissen an; er führt keinen allgemeinen Sündenbegriff ein,
sondern deckt jeweils die reale Sünde auf; er besitzt kein fertiges
Sendungsbewußtsein, sondern lauscht immer neu auf die Stimme Gottes;
er heilt die Welt nicht in Bausch und Bogen, sondern macht einige Kranke
gesund; er stiftet keinen neuen Kult, sondern hält Tischgemeinschaft
auch mit solchen, die als kultisch unrein gelten; er gründet keine
religiöse Organisation, sondern beruft einzelne Menschen in seine
Nachfolge.

Alles in allem hat Jesu Verkündigen und Verhalten etwas
Draufgängerisches an sich. Er geht zu den Menschen hin und redet zu
ihnen nicht über Gott, sondern spricht ihnen Gott zu; er sagt nicht, wie
Gott an sich ist, sondern wie er an den Menschen handelt. Die Wahrheit
ist für ihn stets konkret.

Wie immer Jesus seinen Zeitgenossen erschienen sein mag, ob als Rabbi,
Prophet oder Wundertäter, in jedem Fall bildet das mündliche Wort das
auffälligste Kennzeichen seines Wirkens. Das Verkündigen ist sein
einziger Beruf. Wie seine eigene Gottesbeziehung vornehmlich nicht durch
Sehen, sondern durch Hören bestimmt ist, das Wort mithin das
Verständigungsmittel zwischen Gott und ihm bildet, so vollzieht sich
auch sein Umgang mit den Menschen hauptsächlich im Reden und Hören.
Dies gilt selbst für seine Wundertaten.

Jesus will die Menschen nicht vergewaltigen und sich gefügig machen,
er will sie überzeugen und für Gott gewinnen. Darum wählt er das
gewaltlose, scheinbar ohnmächtige Wort zum einzigen Mittel seines
Wirkens.

Die Menschen zeigen sich von Jesu Wort betroffen. Bestürzt fragen sie:
Was ist das für eine Lehre? Was sie beeindruckt, ist nicht zuerst ein
einzelner Gedanke oder Satz, sondern die Art und Weise seines Lehrens
insgesamt. Es erzeugt den Eindruck einer außergewöhnlichen Souveränität,
die die Hörer gleichzeitig anzieht und erschreckt, die sie in jedem Fall
beunruhigt und erregt, weil sie sie nicht zu deuten und einzuordnen
wissen.

Dieser Mann aus Nazareth lehrt anders, als sie es von ihren
Schriftgelehrten gewohnt sind, anders auch, als sie es von den
biblischen Propheten kennen. Ein Rabbi hat die Schrift auszulegen und
dabei die verschiedenen Lehrmeinungen sorgsam gegeneinander abzuwägen;
er beruft sich auf die Autorität der Väter: Mose hat gesagt. Jesus
dagegen spricht: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist - ich
aber sage euch. « Ein Prophet pflegt sich auf Offenbarungen und
Erscheinungen zu berufen, auf das Wort, das von Gott an ihn ergangen
ist: »So spricht der Herr.« Jesus dagegen sagt:.»Amen, ich sage euch.«
Während sonst jeder, der einen religiösen Anspruch erhob, darauf bedacht
war, diesen sorgfältig zu begründen, und das Geschäft der Theologen zu
einem guten Teil darin bestand, das Recht solchen Anspruchs genau
nachzuprüfen, scheint Jesus nur »aus sich selbst« zu reden, ohne sich
auf eine nachprüfbare anerkannte Autorität zu berufen oder sich
irgendwie sonst zu legitimieren. Seine Legitimation ist einzig die Macht
seines Wortes, und diese erweist sich allein darin, daß das Wort
überzeugt, weil der, der es spricht, etwas zu sagen hat und daher
Vollmacht besitzt.

Diese Art, Autorität geltend zu machen, ist ein charakteristischer Zug
an Jesus. Sie ist etwas Unabgeleitetes, Ureigenes an ihm. In seiner
Erscheinung verschmelzen Verkündigen und Verhalten, Wort und Person,
Wesen und Werk zur Einheit. Das weist auf den Ursprung seiner Vollmacht
hin.

Wenn Jesus spricht: »Ich aber sage euch«, dann stellt er sich damit
nicht nur gegen Mose, dann setzt er sein Ich mit dem Ich Gottes gleich,
denn das Gesetz galt als von Gott selbst gegeben und Mose nur als sein
Vermittler. Und wenn Jesus ein Wort mit der Formel »Amen, ich sage
euch« einleitet, darin nimmt er für sein eigenes Wort wiederum Gott als
den Urheber in Anspruch. Denn» Amen« stand sonst nur als Bekräftigung am
Ende einer Rede oder eines Gebets und wurde stets nur von einem anderen,
nicht vom Beter oder Redenden selbst gesprochen. Wenn Jesus - entgegen
diesem allgemeinen Brauch- das Amen voranstellt, dann zeigt dies, daß es
sich bei dem, was er sagt, um ein Wort handelt, das er zuvor von Gott
vernommen hat, zu dem er sich bekennt und für das er sich vor den
Menschen einsetzt. Sein Amen garantiert die Wahrheit seines Wortes als
Gottes Wahrheit. Jesus wagt es, an Gottes Stelle zu reden und zu
handeln.

Die Grundverfassung der Existenz Jesu ist seine Gottesbeziehung - die
Gewißheit, daß Gott mit ihm ist. Er lebt ganz und gar von Gott her und
auf Gott hin; zwischen Gott und ihm steht nichts, gibt es keine Trennung
und Entzweiung. Sein Leben ist in jedem Augenblick von Gottes Gegenwart
bestimmt; sein Gottvertrauen ist total. Er hat sich ohne Rückhalt auf
Gott eingelassen und so bis in die letzte Tiefe hinab erfahren und
erlitten, wer und wie Gott ist.; Gottes Geist hat ihn durchdrungen.

Was Jesus von anderen Menschen unterscheidet, liegt nicht jenseits oder
außerhalb des Menschseins, sondern in ihm, in seiner letzten
menschlichen Tiefe. Jesus ist kein schemenhaftes Fabelwesen, halb
Mensch, halb Gott, dessen Füße kaum noch den Erdboden zu berühren
scheinen, sondern ein wirklicher, geschichtlicher Mensch, der das ganze
Geschick eines Menschen in dieser Welt, zwischen Geburt und Tod
gespannt, durchlebt und durchlitten hat - ohne die Möglichkeit einer
Ausflucht in ein stets zur Verfügung stehendes Jenseits oder des
Rückzugs auf die eigene angestammte göttliche Natur. Er ist in die
Zweideutigkeiten des Lebens verstrickt, darum im Urteil unsicher, vor
Irrtum nicht geschützt, in seiner Macht begrenzt, den Wechselfällen des
Daseins ausgesetzt. Er weiß nicht, was der nächste Tag ihm bringen wird.
Es gibt in seinem Leben Hunger und Durst, Versuchung und Angst, Irrtum
und Mißerfolg, Gesetz und Tragik, Leid, Konflikt und Tod. Entsprechend
hat er die ganze Skala menschlicher Gefühle gezeigt. Über das Kommen der
Kinder und der Sünder zu ihm hat er sich gefreut, über den Tod seines
Freundes Lazarus hat er getrauert, über die unbußfertige Stadt Jerusalem
geweint, die Händler und Wechsler zornig aus dem Tempelvorhof getrieben,
und im Garten Gethsemane hat die Angst vor dem Sterben ihn gepackt.

Alles in allem bietet Jesus nicht das Bild eines schicksalslosen,
unverwundbaren Himmelsboten, der nur von oben herab über Gott redet,
sondern das eines lebensvollen, verletzbaren Menschen, der Gott am
eigenen Leibe erlebt und noch im Leiden für sich über Gott etwas
hinzulernt und gerade deshalb vertrauenswürdig bleibt.

So und nicht anders, nur so grundmenschlich ist Jesus von Nazareth der
Offenbarer Gottes. Offenbarung bedeutet Vergegenwärtigung Gottes und
schließt Stellvertretung und Vermittlung ein. Nicht nur über Jesu Leiden
und Sterben oder gar nur über seinem blutigen Tod am Kreuz, sondern über
seinem ganzen Leben und Wirken, über seinem Glauben und Lehren, über
seinem Verkündigen so gut wie über seinem Verhalten, über seiner
Gottesbeziehung ebenso wie über seiner Mitmenschlichkeit steht als
treibende Kraft das »Für euch«. Hier geht es nicht irgendwie magisch,
sondern ganz und gar geschichtlich zu.

Ursprung und Kern seiner neuen Botschaft von Gott bildet Jesu eigene
Gotteserfahrung. In seinem Verkündigen und erhalten hat er sein
persönliches Gottesverhältnis ausgelebt. Darum sind alle seine Worte und
Taten wie Bruchstücke einer großen Konfession. Um Gott offenbar zu
machen, geht er in die Öffentlichkeit. Was er für sich selbst von Gott
erkannt hat, das teilt er mit, damit auch andere daran teilhaben. Sein
von ihm erworbenes Wissen von Gott soll allen Menschen zugute kommen,
damit sie gleichfalls zur Gottesgewißheit gelangen und endgültig
Bescheid wissen, wer und wie Gott in Wahrheit ist. Gott zur Sprache zu
bringen - dazu weiß Jesus sich beauftragt und ermächtigt; dafür hat er
sein Leben eingesetzt.

Scheinbar unbekümmert um alles Äußere und Einzelne, richtet Jesus sein
Interesse auf die Grundsituation des Menschen in der Welt. Die
politischen und sozialen Verhältnisse lassen ihn, wenigstens auf den
ersten Blick, merkwürdig unberührt. Ihn interessieren weder die
nationalen Hoffnungen seines Volkes noch irgendwelche proletarischen
Bewegungen; gegenüber allen politischen Richtungen und sozialen
Programmen zeigt er sich gleichermaßen skeptisch. Es geht ihm zuerst
nicht um eine Veränderung der Verhältnisse, sondern um eine Änderung der
Menschen in ihrem Verhältnis zu den Verhältnissen und eben damit um ihre
Grundsituation. Während die nationalen Leidenschaften hochgehen und die
verschiedenen politischen Richtungen miteinander über mögliche Lösungen
streiten, erinnert Jesus alle zusammen an die eigentliche und tiefste
Not: Was den Menschen kränkt, knechtet, erniedrigt, beleidigt,
entrechtet, mit einem Wort, entmenschlicht, gründet zuletzt in seiner
Gottesferne, in seiner Loslösung vom Ursprung und bleibenden Grund allen
Lebens. Das ist seine Sünde, und sie ist es, die ihm sein Schicksal
bereitet.

Aber die Gottesferne des Menschen bildet für Jesus kein eigenständiges
Thema, sondern gibt nur die Grundierung her für seine Botschaft von
Gottes Nähe: Gott kommt, Gott will dasein für alle, für jeden so, wie er
ihn nötig hat und braucht, insonderheit für die, die bislang
ausgeschlossen schienen von seinem Heil und Reich, für die Entrechteten
und Zukurzgekommenen, die kein Glück im Leben gehabt haben und sich
deshalb von Gott und den Menschen verlassen dünken. Sie brauchen nicht
mehr vor Gott zu fliehen, sondern sollen eine Zuflucht haben bei ihm;
sie sollen nicht mehr weglaufen vor Gott, sondern sollen ihm begegnen.
Ihnen allen verbürgt Jesus Gottes Nähe- so, wie er sie selbst erfahren
hat.

Mit dieser Gottesverkündigung übersteigt Jesus seine religiöse Umwelt.
Während das zeitgenössische Judentum Gott in die Höhe des Himmels und in
die Ferne der Geschichte entrückt hat, holt Jesus ihn in die Gegenwart
hinein und kündet seine Nähe augenblicklich und hier an. Der von ihm
offenbarte Gott ist anders als die Götter sonst --nicht durch seinen
unendlichen Abstand, sondern durch seine unmittelbare Nähe: Gott ist
nicht dort, wo über der Erde der Himmel ist, sondern Himmel ist auf
Erden überall dort, wo Gott ist.

Derselbe Jesus, der ganz und gar auf Gott bezogen lebt, der von sich
sagt, daß es seine Speise sei, den Willen des zu tun, der ihn gesandt
hat, der das Recht, Gott »Vater« zu nennen, für sich in besonderer Weise
in Anspruch nimmt, der in jeder Stunde seines Lebens gehorsam auf Gottes
Stimme lauscht, der jedes Wort, das er sagt, und jedes Werk, das er tut,
aus Gottes Mund und Hand empfängt, der sich den Menschen immer wieder
entzieht und dann die Nacht auf einem Berge einsam im Gebet verbringt,
kurzum, der sich allein Gott verpflichtet weiß und nichts anderes im
Sinn hat, als die Menschen gleichfalls zum Glauben an Gott zu ermutigen;

- derselbe Jesus lebt ganz und gar den Menschen zugewandt, wagt sich in
Kreise, in die sonst kein Frommer geht, übertritt aus Liebe zu den
Menschen sogar Gottes Gebot, ergreift für die Armen und Entrechteten
Partei, setzt sich mit solchen, die die Gesellschaft verachtet und
ausgestoßen hat, mit Zöllnern und Sündern, zusammen an einen Tisch,
tritt für Frauen und Kinder ein und stellt sich schützend selbst vor
Prostituierte und Ehebrecherinnen, heilt Kranke, speist Hungrige und
heißt sogar die Feinde lieben, kurzum, nimmt sich auch noch des
geringsten Menschenkindes an und fordert alle Menschen auf, es ihm in
all dem gleichzutun.

Was diese beiden scheinbar widersprüchlichen Erscheinungsweisen
zusammenhält und zu einem Ganzen verbindet, ist Jesu Gottesverkündigung:
Er verkündet die Menschlichkeit Gottes als den Kern seiner Göttlichkeit.
Der Gott, der sich als Vater zuerkennen gibt, tut eben darin kund, daß
er ein Gott der Menschen sein will, daß er eine Leidenschaft für die
Menschen hat, daß er auf des Menschen Menschlichkeit bedacht ist und
sich um seine Zukunft sorgt, kurzum, daß er ein menschenfreundlicher
Gott ist.

So ist Jesus ineins das Gleichnis Gottes und des Menschen. Nur wer diese
zweifache Transzendenz in Jesu Leben und Wirken festhält, hat seine
Person und Botschaft wahrhaft erfaßt. Jesus empfängt sich selbst ganz
und gar von Gott und gibt sich ganz und gar an die Menschen hin. Der
Mensch für Gott ist zugleich der Mensch für andere - darin hat er nicht
seinesgleichen. Und darum ist Jesus nicht bloßer Mensch, sondern der
wahre Mensch.

Jesus selbst hat, was seine Person betrifft, Zurückhaltung geübt. Gewiß
hat er über sich nachgedacht, aber er hat anderen keinen Einblick in
sein persönliches Leben gewährt. Höchstens läßt sich an seinem Verhalten
etwas von dem ablesen, was in seinem Innern vorgegangen ist.

Jesus hat nicht sich selbst gepredigt. Er ist nicht durch die Städte und
Dörfer des jüdischen Landes gezogen und hat dabei, mit dem Finger auf
sich zeigend, dauernd nur von sich geredet: Ich bin, ich bin... Das
Gegenteil ist der Fall. Er hat nicht gesagt: Ich bin, sondern: Gott ist.
Seine Gottesbeziehung artikuliert sich in seiner Gottesverkündigung. Er
ist nicht an seiner Selbstverwirklichung, sondern am Wirklich und
Wirksamwerden Gottes interessiert. Er hat sich selbst entäußert gemäß
der Lebensregel, die er auch seinen Jüngern hinterlassen hat: »Wer sein
Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert,
der wird's gewinnen. «

Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß Jesu zentrale Verkündigung Gottes
als Vater ein Licht auf ihn selbst zurückwarf. Als Widerspiegelung und
Echo seiner »Abba-Erfahrung mußte sich der Sohnesname für ihn fast von
selbst einstellen. Dabei ist es gleichgültig, ob Jesus selbst sich als
Gottes Sohn bezeichnet hat - er hat es mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit nicht getan. In jedem Fall ist er der Sohn nicht
aufgrund einer besonderen physischen Abstammung und entsprechenden
metaphysischen Beschaffenheit, sondern allein aufgrund eines bestimmten
Erkennens und Verhaltens: weil er Gott als Vater erkannt hat und ihn
ganz und gar seinen Vater sein läßt. Jesus hat nichts »aus sich selbst«,
aber gerade indem er nichts aus sich selbst hat, hat er alles von Gott.
Als der total Angewiesene und Empfangende lebt er in ungebrochener,
vertrauensvoller Einheit mit seinem Vater. Und eben damit erweist er
sich als der »Sohn«.

Die Menschen rings um Jesus suchten nach einem Etikett, mit dem sie
seine ungewohnte Erscheinung deuten und einordnen könnten. Die Schemata
dafür lagen reichlich bereit, in der alttestamentlichen Prophetie wie im
zeitgenössischen Messianismus, in der jüdischen Apokalyptik wie in den
hellenistischen Erlösungslehren. Aber keiner dieser zahlreich
vorhandenen Titel vermag Jesu Person und Botschaft wirklich zu erfassen.

Jesus von Nazareth ist anders, zugleich weniger und mehr, als alle diese
Titel besagten. Ohne Titel, Amt oder großen Namen vertritt er Gott vor
den Menschen. Durch alles, was er redet und tut, konfrontiert er sie
unmittelbar, ohne Zwischeninstanz, nur durch sich selbst, mit Gott.
Indem er Menschen in seiner Nachfolge zum Glauben ruft, versetzt er sie
in Gottes Gegenwart. Er hat einfach gelebt und getan, wozu er sich
berufen wußte - er ist Gottes Mann aus Nazareth.