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Der Offenbarer Gottes Göttlichkeit


Der Offenbarer: Gottes Göttlichkeit
Aus „Jesus aus Nazareth“ Ein Leben

von Heinz Zahrnt

»Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.«

Von allen Religionsstiftern hat Jesus von Nazareth am kürzesten gewirkt, und auch kein anderer ist so jung gestorben wie er. Ob er nur einige Monate oder drei volle Jahre öffentlich aufgetreten ist - in jedem Fall macht er den Eindruck eines Mannes, der nur wenig Zeit hat, der in kurzer Frist etwas ganz Wichtiges, höchst Dringliches auszurichten hat. Er selbst hat von sich gesagt: »Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden« -und hat hinzugefügt: »Was wollte ich lieber, als es brennte schon! «
Seine Gemeinde hat ihn später den »Anfänger und Vollender des Glaubens« genannt- treffender hätte sie die Absicht und den Sinn seiner Sendung nicht ausdrücken können. Jesus hat in der Tat eine Glaubensbewegung ins Leben gerufen.
Der kurzen Dauer seines Wirkens entspricht die Art seines Auftretens. Jesus hat keine geordnete Lehrtätigkeit ausgeübt, schon gar nicht geplante Predigtreisen unternommen, auch nicht, wie es Brauch war, in einem Lehrhaus gelehrt und nach der Schulmethode der Rabbinen Schüler in der kasuistischen Gesetzesauslegung unterwiesen. Er hat gepredigt, wie es sich gerade ergab, im Gottesdienst in der Synagoge, aber auch im Freien, an der Straße, auf einem Hügel, am See, sogar vom Kahn aus.
Es liegt etwas Spontanes, Zeichenhaftes in Jesu Erscheinung. Er verkündet kein geschlossenes System, sondern redet in Gleichnissen; er bietet keine festen Formeln an, sondern weist auf Zeichen hin; er vertritt keine ewigen Werte, sondern entscheidet von Fall zu Fall; er vermittelt kein religiöses Wissen, sondern spricht den einzelnen in seinem Gewissen an; er führt keinen allgemeinen Sündenbegriff ein, sondern deckt jeweils die reale Sünde auf; er besitzt kein fertiges Sendungsbewußtsein, sondern lauscht immer neu auf die Stimme Gottes; er heilt die Welt nicht in Bausch und Bogen, sondern macht einige Kranke gesund; er stiftet keinen neuen Kult, sondern hält Tischgemeinschaft auch mit solchen, die als kultisch unrein gelten; er gründet keine religiöse Organisation, sondern beruft einzelne Menschen in seine Nachfolge.
Alles in allem hat Jesu Verkündigen und Verhalten etwas Draufgängerisches an sich. Er geht zu den Menschen hin und redet zu ihnen nicht über Gott, sondern spricht ihnen Gott zu; er sagt nicht, wie Gott an sich ist, sondern wie er an den Menschen handelt. Die Wahrheit ist für ihn stets konkret.

Wie immer Jesus seinen Zeitgenossen erschienen sein mag, ob als Rabbi, Prophet oder Wundertäter, in jedem Fall bildet das mündliche Wort das auffälligste Kennzeichen seines Wirkens. Das Verkündigen ist sein einziger Beruf. Wie seine eigene Gottesbeziehung vornehmlich nicht durch Sehen, sondern durch Hören bestimmt ist, das Wort mithin das Verständigungsmittel zwischen Gott und ihm bildet, so vollzieht sich auch sein Umgang mit den Menschen hauptsächlich im Reden und Hören. Dies gilt selbst für seine Wundertaten.
Jesus will die Menschen nicht vergewaltigen und sich gefügig machen, er will sie überzeugen und für Gott gewinnen. Darum wählt er das gewaltlose, scheinbar ohnmächtige Wort zum einzigen Mittel seines Wirkens.
Die Menschenzeigen sich von Jesu Wort betroffen. Bestürzt fragen sie: Was ist das für eine Lehre? Was sie beeindruckt, ist nicht zuerst ein einzelner Gedanke oder Satz, sondern die Art und Weise seines Lehrens insgesamt. Es erzeugt den Eindruck einer außergewöhnlichen Souveränität, die die Hörer gleichzeitig anzieht und erschreckt, die sie in jedem Fall beunruhigt und erregt, weil sie sie nicht zu deuten und einzuordnen wissen.
Dieser Mann aus Nazareth lehrt anders, als sie es von ihren Schriftgelehrten gewohnt sind, anders auch, als sie es von den biblischen Propheten kennen. Ein Rabbi hat die Schrift auszulegen und dabei die verschiedenen Lehrmeinungen sorgsam gegeneinander abzuwägen; er beruft sich auf die Autorität der Väter: Mose hat gesagt. Jesus dagegen spricht: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist - ich aber sage euch. « Ein Prophet pflegt sich auf Offenbarungen und Erscheinungen zu berufen, auf das Wort, das von Gott an ihn ergangen ist: »So spricht der Herr.« Jesus dagegen sagt:.»Amen, ich sage euch.« Während sonst jeder, der einen religiösen Anspruch erhob, darauf bedacht war, diesen sorgfältig zu begründen, und das Geschäft der Theologen zu einem guten Teil darin bestand, das Recht solchen Anspruchs genau nachzuprüfen, scheint Jesus nur »aus sich selbst« zu reden, ohne sich auf eine nachprüfbare anerkannte Autorität zu berufen oder sich irgendwie sonst zu legitimieren. Seine Legitimation ist einzig die Macht seines Wortes, und diese erweist sich allein darin, daß das Wort überzeugt, weil der, der es spricht, etwas zu sagen hat und daher Vollmacht besitzt.
Diese Art, Autorität geltend zu machen, ist ein charakteristischer Zug an Jesus. Sie ist etwas Unabgeleitetes, Ureigenes an ihm. In seiner Erscheinung verschmelzen Verkündigen und Verhalten, Wort und Person, Wesen und Werk zur Einheit. Das weist auf den Ursprung seiner Vollmacht hin.
Wenn Jesus spricht: »Ich aber sage euch«, dann stellt er sich damit nicht nur gegen Mose, dann setzt er sein Ich mit dem Ich Gottes gleich, denn das Gesetz galt als von Gott selbst gegeben und Mose nur als sein Vermittler. Und wenn Jesus ein Wort mit der Formel »Amen, ich sage euch« einleitet, darin nimmt er für sein eigenes Wort wiederum Gott als den Urheber in Anspruch. Denn» Amen« stand sonst nur als Bekräftigung am Ende einer Rede oder eines Gebets und wurde stets nur von einem anderen, nicht vom Beter oder Redenden selbst gesprochen. Wenn Jesus - entgegen diesem allgemeinen Brauch- das Amen voranstellt, dann zeigt dies, daß es sich bei dem, was er sagt, um ein Wort handelt, das er zuvor von Gott vernommen hat, zu dem er sich bekennt und für das er sich vor den Menschen einsetzt. Sein Amen garantiert die Wahrheit seines Wortes als Gottes Wahrheit. Jesus wagt es, an Gottes Stelle zu reden und zu handeln.
Die Grundverfassung der Existenz Jesu ist seine Gottesbeziehung - die Gewißheit, daß Gott mit ihm ist. Er lebt ganz und gar von Gott her und auf Gott hin; zwischen Gott und ihm steht nichts, gibt es keine Trennung und Entzweiung. Sein Leben ist in jedem Augenblick von Gottes Gegenwart bestimmt; sein Gottvertrauen ist total. Er hat sich ohne Rückhalt auf Gott eingelassen und so bis in die letzte Tiefe hinab erfahren und erlitten, wer und wie Gott ist.; Gottes Geist hat ihn durchdrungen.
Was Jesus von anderen Menschen unterscheidet, liegt nicht jenseits oder außerhalb des Menschseins, sondern in ihm, in seiner letzten menschlichen Tiefe. Jesus ist kein schemenhaftes Fabelwesen, halb Mensch, halb Gott, dessen Füße kaum noch den Erdboden zu berühren scheinen, sondern ein wirklicher, geschichtlicher Mensch, der das ganze Geschick eines Menschen in dieser Welt, zwischen Geburt und Tod gespannt, durchlebt und durchlitten hat - ohne die Möglichkeit einer Ausflucht in ein stets zur Verfügung stehendes Jenseits oder des Rückzugs auf die eigene angestammte göttliche Natur. Er ist in die Zweideutigkeiten des Lebens verstrickt, darum im Urteil unsicher, vor Irrtum nicht geschützt, in seiner Macht begrenzt, den Wechselfällen des Daseins ausgesetzt. Er weiß nicht, was der nächste Tag ihm bringen wird. Es gibt in seinem Leben Hunger und Durst, Versuchung und Angst, Irrtum und Mißerfolg, Gesetz und Tragik, Leid, Konflikt und Tod. Entsprechend hat er die ganze Skala menschlicher Gefühle gezeigt. Über das Kommen der Kinder und der Sünder zu ihm hat er sich gefreut, über den Tod seines Freundes Lazarus hat er getrauert, über die unbußfertige Stadt Jerusalem geweint, die Händler und Wechsler zornig aus dem Tempelvorhof getrieben, und im Garten Gethsemane hat die Angst vor dem Sterben ihn gepackt.
Alles in allem bietet Jesus nicht das Bild eines schicksalslosen, unverwundbaren Himmelsboten, der nur von oben herab über Gott redet, sondern das eines lebensvollen, verletzbaren Menschen, der Gott am eigenen Leibe erlebt und noch im Leiden für sich über Gott etwas hinzulernt und gerade deshalb vertrauenswürdig bleibt.
So und nicht anders, nur so grundmenschlich ist Jesus von Nazareth der Offenbarer Gottes. Offenbarung bedeutet Vergegenwärtigung Gottes und schließt Stellvertretung und Vermittlung ein, Nicht nur über Jesu Leiden und Sterben oder gar nur über seinem blutigen Tod am Kreuz, sondern über seinem ganzen Leben und Wirken, über seinem Glauben und Lehren, über seinem Verkündigen so gut wie über seinem Verhalten, über seiner Gottesbeziehung ebenso wie über seiner Mitmenschlichkeit steht als treibende Kraft das »Für euch«. Hier geht es nicht irgendwie magisch, sondern ganz und gar geschichtlich zu.
Ursprung und Kern seiner neuen Botschaft von Gott bildet Jesu eigene Gotteserfahrung. In seinem Verkündigen und erhalten hat er sein persönliches Gottesverhältnis ausgelebt. Darum sind alle seine Worte und Taten wie Bruchstücke einer großen Konfession. Um Gott offenbar zu machen, geht er in die Öffentlichkeit. Was er für sich selbst von Gott erkannt hat, das teilt er mit, damit auch andere daran teilhaben. Sein von ihm erworbenes Wissen von Gott soll allen Menschen zugute kommen, damit sie gleichfalls zur Gottesgewißheit gelangen und endgültig Bescheid wissen, wer und wie Gott in Wahrheit ist. Gott zur Sprache zu bringen - dazu weiß Jesus sich beauftragt und ermächtigt; dafür hat er sein Leben eingesetzt.
Scheinbar unbekümmert um alles Äußere und Einzelne, richtet Jesus sein Interesse auf die Grundsituation des Menschen in der Welt. Die politischen und sozialen Verhältnisse lassen ihn, wenigstens auf den ersten Blick, merkwürdig unberührt. Ihn interessieren weder die nationalen Hoffnungen seines Volkes noch irgendwelche proletarischen Bewegungen; gegenüber allen politischen Richtungen und sozialen Programmen zeigt er sich gleichermaßen skeptisch. Es geht ihm zuerst nicht um eine Veränderung der Verhältnisse, sondern um eine Änderung der Menschen in ihrem Verhältnis zu den Verhältnissen und eben damit um ihre Grundsituation. Während die nationalen Leidenschaften hochgehen und die verschiedenen politischen Richtungen miteinander über

mögliche Lösungen streiten, erinnert Jesus alle zusammen an die eigentliche und tiefste Not: Was den Menschen kränkt, knechtet, erniedrigt, beleidigt, entrechtet, mit einem Wort, entmenschlicht, gründet zuletzt in seiner Gottesferne, in seiner Loslösung vom Ursprung und bleibenden Grund allen Lebens. Das ist seine Sünde, und sie ist es, die ihm sein Schicksal bereitet.
Aber die Gottesferne des Menschen bildet für Jesus kein eigenständiges Thema, sondern gibt nur die Grundierung her für seine Botschaft von Gottes Nähe: Gott kommt, Gott will dasein für alle, für jeden so, wie er ihn nötig hat und braucht, insonderheit für die, die bislang ausgeschlossen schienen von seinem Heil und Reich, für die Entrechteten und Zukurzgekommenen, die kein Glück im Leben gehabt haben und sich deshalb von Gott und den Menschen verlassen dünken. Sie brauchen nicht mehr vor Gott zu fliehen, sondern sollen eine Zuflucht haben bei ihm; sie sollen nicht mehr weglaufen vor Gott, sondern sollen ihm begegnen. Ihnen allen verbürgt Jesus Gottes Nähe- so, wie er sie selbst erfahren hat.
Mit dieser Gottesverkündigung übersteigt Jesus seine religiöse Umwelt. Während das zeitgenössische Judentum Gott in die Höhe des Himmels und in die Ferne der Geschichte entrückt hat, holt Jesus ihn in die Gegenwart hinein und kündet seine Nähe augenblicklich und hier an. Der von ihm offenbarte Gott ist anders als die Götter sonst --nicht durch seinen unendlichen Abstand, sondern durch seine unmittelbare Nähe: Gott ist nicht dort, wo über der Erde der Himmel ist, sondern Himmel ist auf Erden überall dort, wo Gott ist.

Der Name »Vater« ist für Jesus der bezeichnende, alles umfassende Ausdruck seiner neuen Gotteserkenntnis. Auch im Judentum wurde Gott, fußend auf der Bibel, Vater genannt, aber hier war es nur ein Name unter anderen. Bezeichnend für die zeitgenössische jüdische Frömmigkeit war nicht die Nähe Gottes, sondern seine Ferne. Um seiner Heiligkeit willen wurde Gott den Menschen so weit entrückt, daß sein Name nur noch einmal im Jahr am Großen Versöhnungstag in der Liturgie vom Hohenpriester genannt werden durfte, aber auch da nur so, daß der Gesang der Tempelchöre die Stimme des Hohenpriesters übertönte.
Jesus dagegen spricht unbefangen von Gott als Vater und redet ihn vertrauensvoll sogar mit »Abba« an. Das aramäische Wort »Abba« stammt nicht aus der Kultsprache des Tempels oder der Synagoge, sondern weist in die Alltagssphäre des Hauses und der Familie. Es ist ein Kosename und heißt übersetzt »lieber Vater« oder sogar »Papa«. Inniger, ja zärtlicher kann man von Gott nicht reden. Aus dieser Anrede sprechen Geborgenheit, Angstlosigkeit, Freude und Glück. Damit wird das Gottesverhältnis entscheidend als Vertrauen und Liebe bestimmt: Gott ist dem Menschen so zugewandt und nahe wie im Hause der Vater dem Sohn und der Tochter mit seiner Fürsorge, Obhut und Belehrung.
Wenn Jesus Gott »Vater« nennt, dann überträgt er damit nicht das allgemeine menschliche Vater-Kind-Verhältnis auf Gott, sondern drückt nur, was er im eigenen Umgang mir Gott erfahren hat, im Bilde seiner patriarchalischen Umwelt aus. Was er über Gott als Vater sagt, übersteigt alle irdische Vaterschaft, überhaupt alle menschliche Art: So handelt kein Vater und auch keine Mutter auf Erden! Darum warnt Jesus auch vor j jeder Gleichstellung. Er sagt nicht etwa: Schaut euch die Eltern auf Erden an, dann wißt ihr, wer und wie Gott ist! Vielmehr sagt er: »Wenn schon ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr dann euer Vater im Himmel.« Und schließlich ganz radikal, jegliche Analogie ausschließend: »Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden, denn nur einer ist euer Vater: der im Himmel ist. « Gottes Vaterschaft ist nichts Selbstverständliches, Natürliches, sondern bildet die göttliche Ausnahme, die alle menschliche Vater- und Mutterschaft übersteigt und sie eher in Frage stellt als begründet.
Daß Gott »Vater« genannt wird, umschließt alles, was überhaupt von Gott gesagt werden kann. Es bedeutet, daß er der Schöpfer und Erhalter der Welt ist und deshalb für den Lebensunterhalt der Menschen sorgt. Gleichzeitig aber weist es auf noch Ausstehendes, Zukünftiges hin. Jesu Zusage, daß Gott Vater sein will und die Menschen daher nicht mehr Knechte, sondern Söhne und Töchter heißen sollen, beansprucht die Erfüllung alles dessen zu sein, was Menschen je von Gott geglaubt und für die Menschheit erhofft haben.

Daß der allmächtige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der in der Natur waltet und in der Geschichte herrscht, jedem Menschen so nahe ist wie ein Vater seinen Kindern, das kann - angesichts der Gegensätze in der Natur und der Widersprüche in der Geschichte - einer nur glauben, indem er wider den Augenschein der Welt auf Jesu Wort hin glaubt. Zu solchem Glauben will Jesus den Menschen Mut machen. Darum allein ist es ihm vom Anfang bis zum Ende seines Wirkens gegangen.
Glauben heißt für Jesus, mit Gott rechnen, sich auf die Zusage seiner Nähe verlassen; auf seine Macht vertrauen und seine Hilfe ungescheut in Anspruch nehmen. Bereits die leiseste Bewegung in Richtung auf Gott- allein schon die Geste der Hilflosigkeit und das Innewerden des Angewiesenseins - bezeichnet er als Glauben. Wo immer Menschen sich von Jesus zum Glauben ermutigen lassen, dort ist seine Verkündigung ans Ziel gelangt. Denn der Glaube an Gott ist ihr einziger Inhalt.
Jesus und Glaube gehören zusammen. Indem Jesus den Glauben lebt, erweckt er ihn in den Menschen. Was Glaube an Gott heißt, wird deshalb an ihm erkennbar.
Seine Sensibilität für Gott treibt Jesus in die Solidarität mit den Menschen.

Derselbe Jesus, der ganz und gar auf Gott bezogen lebt, der von sich sagt, daß es seine Speise sei, den Willen des zu tun, der ihn gesandt hat, der das Recht, Gott »Vater« zu nennen, für sich in besonderer Weise in Anspruch nimmt, der in jeder Stunde seines Lebens gehorsam auf Gottes Stimme lauscht, der jedes Wort, das er sagt, und jedes Werk, das er tut, aus Gottes Mund und Hand empfängt, der sich den Menschen immer wieder entzieht und dann die Nacht auf einem Berge einsam im Gebet verbringt, kurzum, der sich allein Gott verpflichtet weiß und nichts anderes im Sinn hat, als die Menschen gleichfalls zum Glauben an Gott zu ermutigen;
- derselbe Jesus lebt ganz und gar den Menschen zugewandt, wagt sich in Kreise, in die sonst kein Frommer geht, übertritt aus Liebe zu den Menschen sogar Gottes Gebot, ergreift für die Armen und Entrechteten Partei, setzt sich mit solchen, die die Gesellschaft verachtet und ausgestoßen hat, mit Zöllnern und Sündern, zusammen an einen Tisch, tritt für Frauen und Kinder ein und stellt sich schützend selbst vor Prostituierte und Ehebrecherinnen, heilt Kranke, speist Hungrige und heißt sogar die Feinde lieben, kurzum, nimmt sich auch noch des geringsten Menschenkindes an und fordert alle Menschen auf, es ihm in all dem gleichzutun.
Was diese beiden scheinbar widersprüchlichen Erscheinungsweisen zusammenhält und zu einem Ganzen verbindet, ist Jesu Gottesverkündigung: Er verkündet die Menschlichkeit Gottes als den Kern seiner Göttlichkeit. Der Gott, der sich als Vater zuerkennen gibt, tut eben darin kund, daß er ein Gott der Menschen sein will, daß er eine Leidenschaft für die Menschen hat, daß er auf des Menschen Menschlichkeit bedacht ist und sich um seine Zukunft sorgt, kurzum, daß er ein menschenfreundlicher Gott ist.
So ist Jesus ineins das Gleichnis Gottes und des Menschen. Nur wer diese zweifache Transzendenz in Jesu Leben und Wirken festhält, hat seine Person und Botschaft wahrhaft erfaßt. Jesus empfängt sich selbst ganz und gar von Gott und gibt sich ganz und gar an die Menschen hin. Der Mensch für Gott ist zugleich der Mensch für andere - darin hat er nicht seinesgleichen. Und darum ist Jesus nicht bloßer Mensch, sondern der wahre Mensch.
Jesus selbst hat, was seine Person betrifft, Zurückhaltung geübt. Gewiß hat er über sich nachgedacht, aber er hat anderen keinen Einblick in sein persönliches Leben gewährt. Höchstens läßt sich an seinem Verhalten etwas von dem ablesen, was in seinem Innern vorgegangen ist.
Jesus hat nicht sich selbst gepredigt. Er ist nicht durch die Städte und Dörfer des jüdischen Landes gezogen und hat dabei, mit dem Finger auf sich zeigend, dauernd nur von sich geredet: Ich bin, ich bin... Das Gegenteil ist der Fall. Er hat nicht gesagt: Ich bin, sondern: Gott ist. Seine Gottesbeziehung artikuliert sich in seiner Gottesverkündigung. Er ist nicht an seiner Selbstverwirklichung, sondern am Wirklich und Wirksamwerden Gottes interessiert. Er hat sich selbst entäußert gemäß der Lebensregel, die er auch seinen Jüngern hinterlassen hat: »Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert, der wird's gewinnen. «
Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß Jesu zentrale Verkündigung Gottes als Vater ein Licht auf ihn selbst zurückwarf. Als Widerspiegelung und Echo seiner »Abba-Erfahrung mußte sich der Sohnesname für ihn fast von selbst einstellen. Dabei ist es gleichgültig, ob Jesus selbst sich als Gottes Sohn bezeichnet hat - er hat es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht getan. In jedem Fall ist er der Sohn nicht aufgrund einer besonderen physischen Abstammung und entsprechenden metaphysischen Beschaffenheit, sondern allein aufgrund eines bestimmten Erkennens und Verhaltens: weil er Gott als Vater erkannt hat und ihn ganz und gar seinen Vater sein läßt. Jesus hat nichts »aus sich selbst«, aber gerade indem er nichts aus sich selbst hat, hat er alles von Gott. Als der total Angewiesene und Empfangende lebt er in ungebrochener, vertrauensvoller Einheit mit seinem Vater. Und eben damit erweist er sich als der »Sohn«.
Dabei ist Jesus sich der Einzigartigkeit seiner Gottesbeziehung und damit seiner Sonderstellung gegenüber Gott durchaus bewußt. In seinem Munde findet sich immer nur entweder die Formulierung »mein Vater« oder »euer Vater«; niemals aber schließt er sich mit den übrigen Menschen, nicht einmal mit seinen Jüngern in der Anrede »unser Vater« zusammen. Jesus sagt zuerst »mein Vater« und erst dann »euer Vater« -nur so wird Gott für die Menschen »unser Vater«.
Jesu exklusives Verhältnis zu Gott bestimmt sein Verhalten gegenübenden Menschen. Es ist gleichzeitig durch Nähe und Distanz, durch Schüchternheit und Schroffheit gekennzeichnet. Jesus wendet sich den Menschen zu, geht ihnen nach und läßt sich auf sie ein; dann aber ist es wieder, als könnte er sie länger nicht ertragen, und er flieht vor ihnen in die Einsamkeit, um sich im Gebet neu mit Gott zu einen. Er fährt mit den Jüngern im Boot ans andere Ufer des Sees Genezareth, wo die Menschen sie nicht erreichen, oder läßt die Jünger allein vorausfahren und sucht für sich eine einsame Stätte. Er verbringt die Nacht auf einem Berg allein im Gebet oder steht früh vor Tagesanbruch auf, um wiederum ungestört beten zu können.
Diese Einsamkeit ist die Kehrseite seiner Gottesbeziehung, aber zugleich auch die Kraftquelle seiner Mitmenschlichkeit. Es ist, als gehorchte Jesus auch in seinem Umgang mit den Menschen einem höheren Plan und folgte einer inneren Stimme. Er kann sich plötzlich versagen und im nächsten Augenblick wieder ganz hingeben, als ob ihn jeweils jemand riefe. Dennoch macht er nicht den Eindruck eines angespannten, sondern eines gelassenen Menschen. Obwohl er ahnt, daß er nur wenig Zeit hat, ist nichts Aufgeregtes, Angestrengtes in ihm, sondern eine große innere Ruhe und Kraft, die sich auch anderen mitteilt.
Jesus ist nicht unangefochten durchs Leben gegangen und hat die Anfechtungen auch nicht, womöglich aufgrund göttlichen Vorherwissens, unberührt überstanden. Wenn er sich zur Sündertaufe des Johannes drängt, dann tut er dies spontan, aus innerem Antrieb, im Blick auf sich selbst und nicht aus Rücksicht auf irgendein Publikum, etwa um Johannes öffentlich zu legitimieren oder seine Solidarität mit ihm zu demonstrieren.
Oder wenn ein junger Mann ihn mit »Guter Meister« anredet und er darauf mit der Zurechtweisung reagiert: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein«, dann tut er auch dies nicht aus pädagogischer Absicht, etwa um den Jüngling bei einer Gedankenlosigkeit zu behaften, sondern erinnert an den zwischen Gott und ihm bestehenden Abstand: Er will kein Götze, kein Gott neben Gott sein.
Und wenn Jesus schließlich im Garten Gethsemane aus Angst vor dem Sterben zittert und zagt und Gott bittet, er möchte, wenn möglich, den Leidenskelch an ihm vorübergehen lassen, und wenn er sich dann nach langem Gebetskampf am Ende doch gehorsam in Gottes Willen fügt, so zeigt dies, daß seine Gottessohnschaft kein fester, angeborener Stand ist, sondern einen Werdegang hat.
Darum heißt es im Hebräerbrief sachgemäß von Jesus: »Er hat, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. « Damit ist gesagt, daß Jesus in bezug auf Gott einen Lernprozeß durchgemacht hat. Im Wesen eines Lernpozesses aber liegt es, daß man durch ihn etwas gewinnt, was man vorher nicht besessen hat. Jesus hat mithin gelernt, Gott über alle Dinge zu fürchten, zu lieben und zu vertrauen. Er hat, was er über die Schuld des Menschen und über Gottes Gnade sagt, am eigenen Leibe und im eigenen Herzen erfahren und eben auf diese Weise eine neue, die endgültige Wahrheit über Gott erbracht: » Worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden. «

Die Menschen rings um Jesus suchten nach einem Etikett, mit dem sie seine ungewohnte Erscheinung deuten und einordnen könnten. Die Schemata dafür lagen reichlich bereit, in der alttestamentlichen Prophetie wie im zeitgenössischen Messianismus, in der jüdischen Apokalyptik wie in den hellenistischen Erlösungslehren. Aber keiner dieser zahlreich vorhandenen Titel vermag Jesu Person und Botschaft wirklich zu erfassen.
Jesus von Nazareth ist anders, zugleich weniger und mehr, als alle diese Titel besagten. Ohne Titel, Amt oder großen Namen vertritt er Gott vor den Menschen. Durch alles, was er redet und tut, konfrontiert er sie unmittelbar, ohne Zwischeninstanz, nur durch sich selbst, mit Gott. Indem er Menschen in seiner Nachfolge zum Glauben ruft, versetzt er sie in Gottes Gegenwart. Er hat einfach gelebt und getan, wozu er sich berufen wußte - er ist Gottes Mann aus Nazareth.