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Der Evangelist Gottes Reich


Der Evangelist: Gottes Reich
Aus „Jesus aus Nazareth“ Ein Leben
von Heinz Zahrnt

Der Evangelist: Gottes Reich

»Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reich. «
»Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! « Mit dieser Botschaft tritt Jesus in die Öffentlichkeit. Das Wort »Evangelium« besagt, daß es eine gute Nachricht sei, die er den Menschen von Gott zu bringen hat. Deshalb werden die Berichte über sein Leben und Wirken später »Evangelien« genannt -Jesus ist gleichsam der Ur-Evangelist.

Es ergeht kein moralischer Appell an die Menschen, sondern eine freundliche Einladung. Jedermann ist eingeladen. Freilich muß er die Einladung annehmen. Darum: Kehrt um! Ändert euren Sinn! Glaubt an das Evangelium!
Die Chance für seine gute Nachricht von Gott erblickt Jesus nicht in irgendeiner religiösen Offenheit der Menschen, sondern in ihrer offenbaren Not. Er sieht, wie erschöpft und mißhandelt sie sind - gleich einer Herde von Schafen, die keine Hirten haben oder nur Hirten, die sie in die Irre leiten. Gerade darin aber erkennt Jesus die große Gelegenheit für seine Predigt: wie ein Feld reif zur Ernte ist, wenn der Sommer vor der Tür steht - nur fehlen die Arbeiter. Auch Johannes der Täufer ist nicht mehr da, seitdem Herodes ihn gefangengesetzt hat. Dies erscheint Jesus als ein Wink Gottes, und so tritt er in die Arbeit in Gottes Ernte ein.
Er beginnt seine Verkündigung in der ihm vertrauten galiläischen Heimat, jedoch nicht in seiner Vaterstadt Nazareth - wo er allzu bekannt ist, wie er noch zu spüren bekommen soll -, sondern an der nördlichen Spitze des Sees Genezareth, in dem Dreieck zwischen Kapernaum, Chorazin und Bethsaida. Dieses Gebiet liegt auf der Grenze zum Heidenland. Es ist ein fruchtbarer, dicht bevölkerter Landstrich mit reicher Landwirtschaft und lohnendem Fischfang. Entsprechend sind Jesu erste Zuhörer vornehmlich Kleinbauern, Fischer, Handwerker, Tagelöhner, unter ihnen auch Frauen und Kinder, insgesamt kleine, einfache Leute.
Die Ortswahl für den Beginn seiner Verkündigung ist für Jesu Absicht bezeichnend. Er will von vornherein verhindern, daß seine Predigt politisch mißdeutet wird. Darum meidet er die politischen Zentren, sowohl Cäsarea am Meer, wo der Statthalter Pontius Pilatus seinen Sitz hat, als auch Tiberias am See Genezareth, wo sein Landesherr, der Vierfürst Herodes Antipas, residiert. Und nach Jerusalem wird er erst gehen, wenn er bewußt, von sich aus, die endgültige Entscheidung sucht.
Jesus war ein unpolitischer Mensch, und seine Botschaft hat keinen politischen Ursprung; wohl aber enthält sie politische Perspektiven und Impulse.
Daß Gott den Menschen in Liebe zugewandt ist wie ein Vater seinen Töchtern und Söhnen und sie deshalb in seiner Gegenwart geborgen sind- diese ihm unmittelbar zuteil gewordene Gewißheit der Nähe Gottes hat Jesus in die Hoffnungssprache seiner Zeit gekleidet und damit zugleich die heilsgeschichtliche Situation gedeutet. Was Juden und Heiden seit
langem sehnlich erwarten, was viele Propheten und Gerechte zu sehen und zu hören begehrt haben, das soll sich für die Zeitgenossenjetzt erfüllen: Das Reich Gottes ist nahe - Gottes Heil steht vor der Tür! Hier ist mehr als der Prophet Jona, mehr auch als die Weisheit Salomos. Die allgemeine religiöse Wahrheit, daß Gott den Menschen nahe ist- durch Jesus wird sie Ereignis.

Fraglos hat Jesus, wenn auch nicht den politischen Messianismus, so doch die apokalyptischen Vorstellungen seiner Zeit geteilt. Er ist in ihnen. aufgewachsen und hat sie beibehalten; in seiner Verkündigung aber macht er von ihnen nur wenig Gebrauch. Da gibt es keine phantastische Ausmalung oder gelehrte Berechnung künftiger Ereignisse, kein Denken in Weltperioden und kein Ausspähen nach Zeichen, erst recht keine Bestätigung der nationalen Hoffnungen Israels, darum auch kein Wort vom Messias, der seine Feinde zerschmettert, von der Weltherrschaft des jüdischen Volkes, vom neuen Glanz Jerusalems oder von einem friedlichen Paradies auf Erden - vieles davon wird erst die christliche Gemeinde später übernehmen. Jesus war wohl ein frommer Jude, aber er war kein jüdischer Patriot. Gott war ihm wichtiger als sein Volk, auch wenn Israel sich als. Gottes Volk verstand.

In Jesu Proklamation des Reiches Gottes vollzieht sich eine große Vereinfachung und Ernüchterung. Hier wird alles einzig auf die Herrschaft Gottes konzentriert und damit auf die einzigartige Gewißheit seiner Nähe. Daraus ergibt sich von selbst eine Entpolitisierung des Messianismus und eine Entmythologisierung der Apokalyptik. Der Feind ist nicht die Weltmacht Rom, sondern die Unheilsmacht des Bösen. Darum denkt Jesus weder daran, die Welt zu verbessern noch sie zu verklären. Erstellt Größeres, Endgültiges in Aussicht: Der Mensch, die ganze Welt soll heil werden. Aber solches steht nicht in der Macht von Menschen. Die Menschen können das Reich Gottes nur suchen, erwarten, empfangen, sie können es nicht herbeizwingen oder selbst schaffen. Das Reich Gottes kommt »von selbst«, als Gottes große Wundertat.
Was es mit Gottes Herrschaft auf sich hat, davon spricht Jesus zu den Menschen in Gleichnissen - »und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen«. Wie soll ein Mensch von Gott auch anders reden als in »menschenförmiger« Rede und eben damit in Gleichnissen? Jesu Gleichnisrede bedeutet mithin mehr als nur ein pädagogisches Mittel; sie ist das irdische Gefäß, das der göttlichen Offenbarung entspricht.
Den Stoff für seine Gleichnisse hat Jesus aus der Welt rings um sich her genommen. Das Alltägliche wird ihm zum Zeichen, und nichts Menschliches ist ihm fremd: Saat und Ernte, Regen und Sonnenschein, die Blumen auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel, dazu der Bauer auf dem Acker und die Frau im Haus, die bittende Witwe und der ungerechte Richter, Könige und Beamte, Herren und Knechte, Bankiers und Bankrotteure, und mit all dem wiederum Reichtum und Not, Freude und Trauer, Glück und Enttäuschung, Verlust und Gewinn- dies alles kommt in Jesu Gleichnissen vor. Zusammen ergibt es ein plastisches Bild vom damaligen Leben in Palästina, wie ein Stück Heimatkunde. Und Jesus ist ein lebendiger, bisweilen gefährlicher Geschichtenerzähler: Er erzählt Geschichten, die die bestehende religiöse, soziale und politische Ordnung gefährden. Darum ist er zugleich ein gefährdeter Erzähler; er hat sein Geschichtenerzählen am Ende mit dem Leben bezahlt.
Die Wirklichkeit der Welt in ihrer ganzen Fülle, mit ihren Licht- und Schattenseiten, wird durch Jesu Deutung zum Gleichnis für Gottes Handeln: »So verhält es sich mit dem Reich Gottes. « Nicht, daß Jesus unmittelbar an den Vorgängen in Natur und Geschichte Gottes Willen und Wirken abläse - allein sein Glaube ist es, der ihn die Welt als Gottes Schöpfung erkennen läßt. Weil er Gottes Nähe unmittelbar erfahren hat und gewiß ist, daß sein Reich kommt, wird die Welt für ihn auf Gott hin transparent und erkennt er darin überall Zeichen seines Kommens. Damit die Menschen dies gleich ihm erkennen und glauben, erzählt er ihnen davon in Gleichnissen. Er will ihnen die Augen öffnen und sie zum eigenen Verstehen anhalten - denn zur Öffentlichkeit gehört stets auch Verständlichkeit. Darum appelliert er an ihre Einsicht: » Wer unter euch ... ? «, und erzählt so lebensnah, daß die Wahrheit einleuchtet und die Hörer nur bestätigen können: Ja, so ist es.

Denen, die nicht glauben, bleibt die Welt verschlossen, und Gottes Offenbarung wird für sie aus einem Geheimnis zu einem Rätsel. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort: »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und es nicht erkennen.« Jeder versteht und erkennt immer nur so viel von Gott, wie er glaubt.
Jesu bedeutungsvollste Reich-Gottes-Gleichnisse sind in der Bilderwelt von Saat und Ernte angesiedelt. Dies hängt mit der Eigenart seiner Gottesverkündigung zusammen: Gott ist für ihn mehr ein Geschehen als ein Sein, mehr eine Bewegung als ein Begriff, mehr Wille als Idee, und eben dieser göttlichen Dynamik entspricht der geheimnisvolle Wachstumsprozeß zwischen Aussaat und Ernte.
»Ein Sämann ging aus zu säen...« -das ist die Anfangstatsache; ohne sie gäbe es kein Sprießen, Wachsen und Ernten.
Der Sämann, den Jesus im Gleichnis schildert, hat bei seiner Aussaat freilich viel Mißgeschick: Viele Körner, wie es scheint, sogar die meisten, fallen daneben. Einiges fällt auf den Weg, und die Vögel kommen und fressen es; einiges fällt auf felsigen Boden, .geht zwar rasch auf, aber verdorrt gleich wieder; einiges fällt unter die Dornen und wird von ihnen erstickt. Um so wunderbarer ist am Ende die unerwartet große Ernte: Einiges fällt auf gutes Land, geht auf und wächst und trägt Frucht, dreißig-, sechzig- und hundertfach.
Wer dieses Gleichnis hörte, mußte erkennen, daß Jesus hier.von sich selbst spricht: Er ist der Sämann, der jetzt über das Land geht und das Wort vom Reich Gottes wie einen Samen ausstreut. Mögen auch viele Hörer sein Wort nicht annehmen, die Saat wird in jedem Fall aufgehen und die Ernte überreich ausfallen. Der Ton des Gleichnisses liegt nicht auf der Klage über das Versagen der Menschen, sondern auf der Gewißheit der endgültigen Herrschaft Gottes. Weil es kraft seiner selbst kommt, vermag nichts in der Welt das Kommen des Reiches aufzuhalten.
Jesus macht dies an der geheimnisvollen Dynamik in allem Wachstum deutlich: Ein Bauer wirft Samen auf das Land und kümmert sich nicht weiter darum - was könnte er auch dafür tun? Er steht auf und geht schlafen, Tag und Nacht; indes geht 'der Same auf und wächst - der Bauer weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt das Land die Frucht hervor, zuerst den grünen Halm, dann die Ähre, schließlich den vollen Weizen in der Ähre. Wenn es so weit ist, kann die Ernte beginnen.
Das Reich Gottes ist auf keine Weise von Menschen herstellbar, weder durch sittliche Anstrengung noch durch religiöse Magie, weder durch politische Revolution noch durch kulturelle Evolution. Es bringt sich selbst hervor, kraft seines eigenen göttlichen Wachstums wie die Vegetation in der Natur.

Klein und unscheinbar ist der Anfang, groß und unvergleichlich herrlich das Ende! Das zeigt sich wiederum am Wachstum des Senfkorns. Es ist das kleinste unter allen Samenkörnern, aber wenn es ausgesät ist, wird es größer als alle anderen Kräuter, sogar zu einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.
Genauso der Sauerteig: Ein wenig in einen großen Trog Teig geknetet, ergibt Brot für hundert Münder.
Welcher Kontrast zwischen Anfang und Ende! Es ist unbegreiflich. Man kann das Geheimnis des Reiches Gottes nicht erklären, man kann es nur staunend wahrnehmen und des göttlichen Ziels der Geschichte gewiß sein.
Wer damit rechnet, daß Gott am Werk ist, der kann geduldig warten und das Wachsen seines Reiches getrost ihm überlassen. Er wird sich verhalten wie jener Bauer, unter dessen Weizen sein Feind heimlich des Nachts den giftigen Lolch gesät hat. Als seine übereifrigen Knechte das Unkraut vertilgen wollen, warnt er sie davor, mit dem Unkraut zugleich den Weizen auszureißen, und sagt gelassen: »Laßt beides wachsen bis zur Ernte! « Das bedeutet den Verzicht, das Reich Gottes als einen reinen Bezirk aus der übrigen Welt auszugrenzen. Frommer Eifer schadet nur!
»Durch viele solche Gleichnisse sagte er ihnen das Wort so, wie sie es zu hören vermochten. Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen. «
Was Jesus in den Gleichnissen vom Reich Gottes in Bild und Wort faßt, eben das ereignet sich gegenwärtig in Galiläa. Durch seine Verkündigung kommt das Reich Gottes in Reichweite. Durch die Worte, die er spricht, und durch die Zeichen, die er tut, wirft es seine Schatten voraus. Und so kann Jesus auf die Frage der Pharisäer, wann denn nun das Reich komme, antworten: »Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. «
Die gleiche Antwort erteilt er Johannes dem Täufer. Der hört im Gefängnis von Jesu Wirken und versteht es nicht. Es sieht so ganz anders aus, als er sich die Herrschaft Gottes vorgestellt hat: Kein Gericht mit Feuer und Sturm, auch kein Starker, der machtvoll auftritt, sondern ein Wanderlehrer, der predigend durch das Land zieht, freundlich selbst mit Sündern verkehrt und einige Wunder tut. Soll das der Messias sein? Angesichts solcher Unscheinbarkeit kommen Johannes Zweifel, ob Jesus der Kommende ist, den er angesagt hat. Um sich Gewißheit zu verschaffen, schickt er Boten zu ihm und läßt ihn fragen: »Bist du es - oder sollen wir auf einen anderen warten?« Jesus antwortet Johannes mit einem alttestamentlichen Prophetenwort und spielt damit auf sein eigenes Tun an: »Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf- und den Armen wird das Evangelium gepredigt. « Und er fügt hinzu: »Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.«
Jesus selbst, sein Auftreten, ist das Zeichen des Reiches Gottes. Wenn er Menschen in seine Nachfolge ruft, die Armen selig preist, Sünder wie Gerechte zur Umkehr auffordert, Dämonen austreibt und Kranke heilt, dann ist das Reich Gottes in all dem schon verborgen gegenwärtig. Irgendwelche anderen Zeichen gibt es nicht - so wie auch einst die Predigt des Propheten Jona für die Bewohner von Ninive das einzige Gotteszeichen war.
Darum weist Jesus jede Zeichenforderung ab. Man kann das Reich Gottes nicht wie ein Zuschauer beobachten: Siehe, hier oder da ist es! Es gibt keine feststellbaren äußeren Kriterien, keine sichtbaren Symptome, auf die hin einer ohne den Einsatz der eigenen Person glauben könnte. Man kann das Reich Gottes nur wahrnehmen, indem man Jesu Ansage für wahr hält. Glaubten die Hörer seinem Wort, so würden sie in seinem Wirken - in der Glaubensbewegung, die er durch seine Predigt des Evangeliums entfacht -Gott am Werk sehen, nicht anders, als wenn sie an den aufziehenden Wolken den kommenden Regen, am Wehen des Südwinds die drohende Hitze oder an den Blättern des Feigenbaums den bevorstehenden Sommer ablesen. Wer sich mit seinen Worten und Taten nicht begnügt, wer mehr haben will als den Mann, der vor ihm steht, den läßt Jesus seinerseits stehen und geht davon.

Beispielhaft für die richtige Einstellung zum Reich Gottes ist die Erwartungshaltung der Kinder dem Leben gegenüber. Auf die Frage der Jünger, wer der Größte im Reich Gottes sei, antwortet Jesus mit einer Gleichnishandlung. Er ruft ein Kind herbei, stellt es vor sie hin und sagt dann: »Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. « Das Kind wird nicht deshalb zum Vorbild für das richtige Verhalten gegenüber Gott, weil es angeblich rein, unschuldig und naiv ist, sondern weil es nichts vorzuweisen hat und deshalb angewiesen ist. Es ist ganz aufs Empfangen gestellt. Offen und dankbar nimmt es entgegen, was andere - Ältere und Stärkere - ihm schenken. Deshalb redet es den Vater auch vertrauensvoll mit »Abba« an und versieht sich von ihm alles Guten. Darum: » Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder...« Des zum Zeichen legt Jesus den Kindern die Hände auf und segnet sie.

Noch radikaler ist das Bild von der Wiedergeburt als notwendiger Voraussetzung für den Eintritt in das Reich Gottes.

Eines Nachts kommt ein Mann namens Nikodemus zu Jesus, ein frommer und angesehener Jude. Er ist Schriftgelehrter und Pharisäer und gehört überdies dem Hohen Rat in Jerusalem an, der über die Rechtgläubigkeit im Lande zu wachen hat. Er hat Jesu Auftreten beobachtet, es hat Eindruck auf ihn gemacht und sein Interesse geweckt, nicht nur sein beruflichtheologisches. Darum geht ihm bei seinem nächtlichen Studium des Gesetzes der Mann aus Nazareth nicht aus dem Sinn, und er fragt sich, ob er wohl etwas mit dem Reich Gottes zu tun habe, auf das jetzt so viele warten. Schließlich macht er sich auf den Weg zu Jesus, um ihn selbst zu fragen.

Er kommt zu ihm in der Nacht, sei es aus Furcht vor seinen Amtskollegen oder weil die Nacht die beste Zeit für ein Gespräch über Gott und die Welt ist.

Nikodemus eröffnet das Gespräch mit einem Kompliment an Jesus, und er meint es ehrlich: »Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. «
Aber da fällt Jesus ihm ins Wort und kommt sofort zum Thema: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen. «

Damit reißt Jesus den Schriftgelehrten aus der Haltung seiner wohlwollenden Neutralität. Rationale Beobachtung, auch emotionale Bewunderung reichen nicht aus, wenn es um das Reich Gottes geht. Wer nur beobachtet oder bewundert, bleibt noch draußen vor. Eine Lebenswende tut not, so radikal wie eine neue Geburt.

Nikodemus reagiert auf Jesu Einwurf naiv-realistisch; er verweist auf die biologischen Fakten: »Wie kann ein Mensch noch einmal geboren werden, zumal wenn er schon alt ist? Kann er etwa wieder in den Mutterleib gehen und noch einmal geboren werden?«
Darauf Jesus: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch“
Wie ein Mensch zu seiner leiblichen Geburt nichts beigetragen hat, so kann er auch zu seiner geistlichen Wiedergeburt nichts tun. Es ist unverfügbar, aber dennoch ist es möglich - eine für den Menschen unmögliche Möglichkeit: »Was vom Geist geboren ist, das ist Geist.«
Nikodemus fragt skeptisch: Noch einmal? - und bleibt damit in der Horizontale. Jesus antwortet ihm: Von oben - und verweist auf die Vertikale. Er beschreibt das Geheimnis des Geistes Gottes im Bild des Windes, der während des nächtlichen Gesprächs um das Haus streicht: »Der Wind weht, wo er will, und man spürt ihn wohl, aber man weiß nicht, woher er kommt und wohin er fährt. «
Irgendwo entspringt der Wind, und irgendwo verweht er - aber niemand weiß, wo. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Gottes Geist ist unverfügbar, aber er ist da, und an seinen Wirkungen ist er erkennbar.
Noch einmal fragt Nikodemus, wie das geschehen könne. Darauf aber nun Jesus verwundert, fast spöttisch: »Du bist ein Lehrer Israels und weißt das nicht?«

Das ist in der Tat eine paradoxe, fast schon komische Situation. Nikodemus fragt nach der Möglichkeit, wie der Geist Gottes geschehen könne. Dabei ist er bereits gegenwärtige Wirklichkeit. Der vom Geist Ergriffene sitzt ihm leibhaftig gegenüber. Was Geistesgegenwart bedeutet, ist an dem Charismatiker Jesus zu erkennen, und Neugeburt von oben her ist deshalb durch ihn möglich. Mit der Wahrheit Gottes verhält es sich nicht anders als mit jeder anderen: Man muß sich dorthin begeben, wo sie ausgeteilt wird und sich dann auf sie einlassen.
Der Ausgang des Gesprächs bleibt offen. Ob Nikodemus zum Glauben gelangt ist, wird nicht erzählt, nur später noch, daß er vor Willkür im Urteil über Jesus gewarnt habe und schließlich auch bei seiner Grablegung dabeigewesen sei.

Das erhoffte Reich Gottes kommt unverhofft. Niemand weiß, wann Gott in sein Leben eintritt. Gott begegnet dem Menschen überraschend, vielleicht gerade dann, wenn er es am wenigsten erwartet.
Da hat ein reicher Mann eine gute Ernte eingebracht, aber er weiß nicht, wie er sie unterbringen soll. Und so plant er, seine alten Scheunen niederzureißen und neue, größere zu bauen, um darin das Korn und alle seine übrigen Vorräte zu speichern. Wenn er das geschafft hat, denkt er, dann kann er sich sagen: Du hast einen großen Vorrat für viele Jahre gesammelt. Habe nun Ruhe, iß und trink und sei guten Mutes! Aber just in diesem Augenblick, da er seines Lebens endgültig sicher zu sein dünkt, tritt Gott ihm dazwischen: »Du Narr! Diese Nacht wird man dein Leben von dir fordern - und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?«
So wird Jesu Ankündigung des Reiches Gottes zum Entscheidungsruf an jeden. Es ist die letzte Stunde, und deshalb heißt es jetzt Entweder-Oder: Entweder Glaube oder Selbstbehauptung, und das wiederum heißt: Entweder Gott oder die Güter der Welt. »Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz« -und woran einer sein Herz hängt, das ist sein Gott. Im Vergleich zur Entscheidung für oder wider Gott wird alles andere zweitrangig: Eigentum, Lebensunterhalt, Karriere, Rechtsordnung, Sittengesetz, selbst Ehe und Familie.
Die Entscheidung für Gottes Herrschaft erfordert den vollen Einsatz: Wie wenn ein Mensch im Acker einen verborgenen Schatz findet und in seiner Freude darüber hingeht und alles, was er hat, verkauft, um den Acker kaufen zu können.

Oder wie wenn ein Kaufmann, der echte Perlen sucht, als er eine findet, die kostbarer ist als alle anderen, hingeht und alles, was er besitzt, verkauft, um diese eine Perle zu erwerben.
Der Radikalität der Entscheidung entspricht ihre zeitliche Dringlichkeit: Da veranstaltet jemand ein großes Festmahl und ladet viele Gäste dazu ein. Als der Tag der Einladung gekommen ist, sendet er einen Boten zu den. Geladenen und läßt ihnen sagen: Kommt jetzt, denn es ist alles bereit! Da fangen alle nacheinander an, sich zu entschuldigen. Einer hat einen Acker gekauft und muß ihn besichtigen; ein anderer hat fünf Ochsengespanne gekauft und muß gleichfalls nach ihnen sehen; wieder ein anderer hat geheiratet und kann deshalb nicht kommen. Alle sind sie von anderen Interessen in Anspruch genommen, die ihnen wichtiger zu sein scheinen.
Daraufhin schickt der Gastgeber den Boten auf die Straßen und Gassen der Stadt und läßt durch ihn die Armen, die Krüppel, die Blinden und die Lahmen in sein Haus bitten, und als noch immer Platz ist, schickt er ihn noch einmal hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune, um auch von dort die Menschen hereinzuholen, damit sein Haus voll werde.
Die zuerst Geladenen haben die Einladung nicht einfach ausgeschlagen, sie sind ihr nur nicht rechtzeitig gefolgt und haben sie damit verwirkt. Man muß in diesem Augenblick der Einladung des Evangeliums folgen - oder man ist sie im nächsten Augenblick bereits los. Es ist nicht nur höchste Zeit, es ist letzte Zeit, Endzeit- darum überhaupt keine Zeit mehr.
An Jesu Wort entscheidet sich das Leben eines Menschen: ob er es gewinnt oder verfehlt. Wer nicht auf ihn hört und umkehrt, für den verwandelt sich das Angebot des Gewinns in die Androhung des Verlustes. Er hat sein Leben am Ende
verwirkt. Die Kehrseite der Gnade ist das Gericht. Jesus beschreibt es im zeitgenössischen Bild der Hölle. Die Hölle ist das negative Gegensymbol zum positiven Symbol des Reiches Gottes. Wie das Reich die größte Nähe Gottes anzeigt, so die Hölle die weiteste Entfernung von ihm. Hölle bedeutet die totale Verlassenheit des Menschen, sein gänzliches Sichselbst-Überlassen-Sein. Himmel oder Hölle - jeder hat immer gerade so viel von Gott, wie er glaubt.
Noch aber hat Gott Geduld, noch ist Gelegenheit zur Umkehr. Um zur Umkehr zu locken, erzählt Jesus das folgende Gleichnis:
Ein Mann hat in seinem Weinberg einen Feigenbaum stehen, der Jahr um Jahr keine Frucht getragen hat. Als er wieder vergeblich nach einer Frucht an ihm gesucht hat, da ist er's leid, und er befiehlt dem Weingärtner, den Feigenbaum abzuhauen, weil er dem Boden nur die Kraft nehme. Aber da antwortet ihm der Gärtner: »Herr, laß ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will noch einmal um ihn herum graben und ihn düngen; vielleicht bringt er doch noch Frucht. Wenn aber nicht, so hau ihn dann ab. «
Damit endet das Gleichnis. Ob der Feigenbaum nach einem Jahr Frucht getragen hat, wird nicht gesagt.. Die Situation bleibt offen - wer Ohren hat zuhören, der höre!
So enthält Jesu Ankündigung des Reiches Gottes eine unaufgelöste Spannung, die ständig neu bestanden sein will. Es ist die Spannung zwischen dem Gott, der alles schenkt und der zugleich alles fordert. Für den Menschen bedeutet es das Eingespanntsein zwischen dem, was ihm widerfährt, und dem, was er zu bringen hat.
Darum steht hart neben dem Vorbild des Kindes, das voller Vertrauen aufs Empfangen gestellt ist, das Gleichnis vom ungetreuen Verwalter.

Einem reichen Mann wird hinterbracht, daß sein Verwalter ihn betrüge. Zur Rechnungslegung aufgefordert, überlegt der Verwalter, was er unternehmen könne, um seine Stellung zu retten; denn arbeiten hat er nicht gelernt, und zu betteln schämt er sich. In seiner Bedrängnis verfällt er auf den Ausweg, die Schuldscheine der Gläubiger seines Herrn zu fälschen. Dem, der ihm hundert Faß Öl schuldet, sagt er: »Schreib flugs fünfzig«, und dem, der hundert Sack Weizen schuldet: »Schreib achtzig.« Auf diese Weise hofft er sich Freunde zu gewinnen, die ihm nach seiner Entlassung ihrerseits weiterhelfen, denn eine Hand wäscht die andere.
Wie aber reagiert der Herr auf den Betrug seines Verwalters? Er lobt ihn dafür, daß er so klug gehandelt habe!
Das ist eine moralisch höchst anstößige Geschichte - und sie soll auch einen Anstoß geben, freilich nicht zum klugen Betrug, wohl aber zu einem klugen Verhalten angesichts des nahen Reiches Gottes. Da heißt Klugsein: sich auf die Zukunft einstellen und sich rechtzeitig für sie rüsten. Denn die Zukunft hat mit Jesu Kommen schon begonnen.
Was den Zeitpunkt des endgültigen, Anbruchs des Reiches Gottes betrifft, so hat Jesus sich verschätzt. Er hat damit gerechnet, daß die derzeit lebende Generation bereits die letzte sei: »Wahrlich, ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.« Und ein andermal: »Es stehen einige hier, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes mit Macht kommen sehen. «
Diese Voraussagen haben sich nicht erfüllt. Und so bleibt es dabei: »Von dem Tag und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, nur ,der Vater allein. «
Daß Jesus sich im Termin des Weltendes geirrt hat, hebt den Sinn seiner Botschaft vom Reich Gottes nicht auf. Eher unterstreicht es die Dringlichkeit des augenblicklichen Angebots. So fest ist das Kommen des Reiches Gottes mit dem Auftreten Jesu verbunden, daß zwischen seiner jetzigen Aussage und dem endgültigen Anbruch des Reiches keine Zwischenzeit mehr bleibt und also auch kein Raum für irgendein weiteres Heilsereignis oder eine andere Rettergestalt. Als der Ur-Evangelist ist Jesus zugleich der letzte Rufer - mit ihm kommt Gott selbst.

Damit wird die Frage nach dem Zeitpunkt des endgültigen Eintreffens des Reiches Gottes, die sonst in der Apokalyptik eine so große Rolle spielt, gleichgültig. Sie wird ersetzt durch die Anwesenheit dessen, der das Reich jetzt in der Gegenwart durch Wort und Tat ankündigt.
Wer auf Jesu Ruf hört, hat gleichsam keine Zeit mehr. Gewiß gibt es für ihn noch Vergangenheit und Zukunft, aber die Vergangenheit hat keine bannende Gewalt mehr über ihn, und die Zukunft ist für ihn nicht mehr ein Gegenstand der Sorge, weil beide, Vergangenheit und Zukunft, bestimmt sind durch die Nähe der Herrschaft Gottes. So eröffnet Jesus gerade durch die Ansage des zukünftigen Heils dem Menschen die Möglichkeit eines neuen Seins in der Gegenwart. Die Weise dieses neuen Seins läßt sich beschreiben mit den Worten: Glaube, Vertrauen, Sorglosigkeit, Empfangen, Freiheit, Kindschaft, Einfalt, Liebe.
Darum: »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht! «