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Das Christliche am Christentum


Warum ich glaube
Das Christliche am Christentum

Seite 160 bis 166

Wer sich die Christenheit in ihrer Pluralität vor Augen hält: die Buntheit ihrer Bilder und Gewänder, die Vielfalt ihrer Bauten, Feiern und Bräuche, die Verschiedenheit ihrer Ordnungen, Gemeinschaften, Lebensweisen und Glaubenslehren, dazu die sie durchziehenden kulturellen, politischen und sozialen Trennungslinien, der muß sich die Frage stellen: Was ist das Verbindliche und darum das Verbindende am Christentum, gleichsam das »Christliche« an ihm, das, was das Christentum zum Christentum macht?
Alles, was das Neue Testament auf über fünfhundert Seiten über Jesu Person und Botschaft aussagt, konzentriert sich für mich in zwei Bibelversen:
Der erste Vers stammt aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn und lautet: »Da der Sohn aber noch ferne war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn.« (Lukas 15,20)
Der andere Vers stammt aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter und heißt: »Ein Samariter aber reiste und kam , dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, und er ging zu ihm.« (Lukas 10,33 f.)
Beide Verse beschreiben jeder einen Weg. Beide Wege zusammen ergeben das »Christliche am Christentum« und damit das für alle »Christenheiten« Verbindliche und Verbindende. Dazu könnte ich mit Artikel VII der »Augsburgischen Konfession« sprechen: »Satisest . . .Dies ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen.« Alles in Theologie und Kirche ist nur Entfaltung, Erläuterung, Anwendung und Bewahrheitung dieses Einen. Abstrahiert man den in dem Bild der beiden Wege ausgedrückten theologischen Gehalt, dann gewinnt man so etwas wie eine Kurzformel des christlichen Glaubens.
Zuvor aber bedarf es einer Verständigung über den Standort des Verstehens - und damit befinden wir uns bereits wieder in der Pluralität. Wo immer Jesu Gleichnis von den beiden Söhnen - dem verlorenen und dem daheimgebliebenen - in der Kirche heute gelesen wird, dort identifiziert jeder sich sofort ganz selbstverständlich mit dem verlorenen, heimgekehrten Sohn. Aber was gibt uns eigentlich das Recht dazu? Welcher Christ hat denn heute schon in seinem Leben einen so gefährlich weiten Boden geschlagen? Wer ist in seinem Freiheitsdrang schon so entschlossen aus aller Sicherheit einer bürgerlichen Existenz ausgebrochen und in solche menschlichen Tiefen und sozialen Abgründe gestürzt? Und wer hat schließlich mit seinem bisherigen Leben so radikal Schluß gemacht und noch einmal völlig neu, ganz von vorn und unten angefangen?
Auch hier haben wir unseren Standort »westlich von Eden« zu nehmen: Erben einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte, Angehörige der westlichen Welt, meistens noch Mitglieder der evangelischen oder der katholischen Kirche, durchweg schon christlich geboren, kirchlich getauft und sodann bürgerlich erzogen, gleichen wir nicht dem jüngeren verlorenen und heimgekehrten Sohn, sondern zählen zu den älteren Brüdern, zu den daheimgebliebenen Söhnen der Christenheit. Nichts scheint mir diese Tatsache so sehr zu beweisen wie die dreiste Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Standort bei dem verlorenen, heimgekehrten Sohn nehmen und uns mit ihm vergleichen. Eben dies ist Tradition bei den Daheimgebliebenen!
Wer ist denn der ältere Bruder, der daheimgebliebene Sohn? Sind das heute nicht die Christen? Bin nicht ich selbst es?
Ich bin christlich getauft, habe am Kindergottesdienst und Religionsunterricht teilgenommen, bin ordnungsgemäß konfirmiert, kirchlich getraut und wünsche mir dereinst auch ein ehrliches christliches Begräbnis.
Ich halte mich zur Kirche, höre am Samstagabend das »Wort zum Sonntag«, besuche manchmal noch den Sonntagsgottesdienst, nehme ab und an auch am Abendmahl teil, bin berechtigt zur Patenschaft und wahlfähig für sämtliche kirchlichen Gremien.
Ich bin für die Tradition und Kontinuität des Christentums, habe daher unsere vier Söhne getauft und konfirmieren lassen, habe sie getraut und ihre Kinder wiederum getauft, sorge mich um die Zukunft der Kirche, verteidige zäh das bestehende Kirchensteuereinzugsverfahren und kenne alle nur denkbaren theologischen Sätze.
Neben mir sehe ich andere ältere Brüder, auch daheimgebliebene Söhne: Sie halten auf Moral, zumal im privaten Bereich, und hier wiederum besonders auf das Sechste Gebot, unterscheiden zwischen ehelichen und unehelichen Müttern, bemühen sich jedoch, die betroffenen Kinder davon nichts spüren zu lassen.
Sie halten die Bekenntnisse der Väter in Ehren, sind für Gesetz und Ordnung auch in der Kirche, fühlten sich deshalb auf dem Stuttgarter Kirchentag durch die dortigen jüngeren Brüder, die gerade reichlich »unordentlich« heimkehrenden verlorenen Söhne, gestört, haben deshalb den Düsseldorfer Kirchentag ausgelassen, sind seit Frankfurt aber wieder dabei.
Für sich genommen, sind dies lauter respektable Eigenschaften und positive Züge. Dennoch ergeben sie zusammen kein Bild, an dem wir Gefallen hätten - obwohl es doch unser, der abendländischen Christen, Spiegelbild ist! Irgend etwas ist an den daheimgebliebenen Söhnen nicht in Ordnung. Oder verhält es sich womöglich gerade umgekehrt: Ist an ihnen alles vielleicht gar zu sehr »in Ordnung« ? Und breitet sich deshalb über die westliche Christenheit dieser leichte Grauschleier einer freudlosen Verdrossenheit und etwas langweiligen Monotonie? Ihre Religion gleicht einer alten, schal gewordenen, leer geschlafenen Ehe, in der man sich zwar nicht betrügt, sondern sich nach wie vor korrekt benimmt und seine »eheliche Pflicht« erfüllt, in der aber nichts Besonderes, Spontanes mehr geschieht und die daher herzlich langweilig geworden ist.
Aber der Standort »westlich von Eden« - die selbstverständliche Beheimatung in der christlichen Tradition -braucht keine geringere religiöse Chance zu bedeuten! Auch von dem daheimgebliebenen Sohn heißt es, als er nicht in das Haus hineingehen und an dem Fest für seinen heimgekehrten Bruder teilnehmen will: »Da ging sein Vater hinaus und bat ihn herein.« Hier ist noch einmal von einem Weg die Rede, und dieser führt zu den älteren Brüdern, den daheimgebliebenen Söhnen der Christenheit. Wenn sie hier ihren Standort nehmen, dann können sie die Geschichte von dem Auszug und der Heimkehr des verlorenen Sohnes als ein Gleichnis auch für sich verstehen.
Die entscheidende Kehre bildet nicht die Umkehr des Sohnes zum Vater, sondern die Hinkehr des Vaters zum Sohn. Während, um die Umkehr des Sohnes zu beschreiben, in der Luther-Übersetzung zehn, im griechischen Urtext sogar nur sieben Wörter ausreichen, wird das Verhalten des Vaters geradezu in einer Kaskade von Handlungen und Worten geschildert. Die Hinwendung des Sohnes zum Vater wird weit übertroffen von der Zuwendung des Vaters zum Sohn. Der Vater kommt dem Sohn zuvor. Seine Liebe hat einen solchen Schwung, daß der Sohn gar nicht erst Gelegenheit findet, niederzuknien und etwas zu sagen. Der Vater schließt ihn einfach in seine Arme. Durch diese Umarmung verhindert er, daß der Sohn die rituell vorgeschriebene Unterwerfungsgebärde vollzieht. Hinterher erst kann der Sohn sein Schuldbekenntnis loswerden. Diese Reihenfolge ist wichtig. Von der Einhaltung dieser Reihenfolge lebt die Christenheit, gleich welcher Konfession, ob protestantisch, anglikanisch, katholisch oder orthodox, gleich auch welcher Richtung, ob konservativ oder progressiv, ob evangelikal oder liberal.
Also: kein moralisches Sündenbekenntnis en detail, keine

Prüfung auf Rechtgläubigkeit von der Jungfrauengeburt bis zum leeren Grab und auch keinerlei soziale und politische Besserungs- und Bewährungsfrist! Statt dessen wird ein Fest gefeiert, so, wie ein richtiges Fest ist: immer etwas zu reichlich, immer ein bißchen maßlos und unvernünftig, in jedem Falle aber absichtslos, jedoch niemals ohne Grund. In diesem Fall lautet der Grund: »Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.« Das heißt: Ein Mensch ist Mensch geworden - wahrlich Grund genug, um zu festen und zu feiern!
Will man der Zuwendung des Vaters zu dem heimkehrenden Sohn eine Überschrift geben, die zugleich die theologische Konsequenz aus ihr zieht, dann erhält man das erste Glied einer Kurzformel des christlichen Glaubens. Es lautet: Christen glauben an einen zuvorkommenden Gott. Dieser Glaube der Christen stammt aus der Gotteserfahrung Jesu von Nazareth. Der »Vater« Jesu richtet nicht hin, sondern richtet auf. Damit der Mensch nicht verkomme, kommt Gott ihm zuvor. Auch ein verworfener Mensch bleibt ein Entwurf Gottes. Während der Teufel hinter ihm her ist, kommt Gott ihm entgegen. Wenn der Mensch gottlos wird, dann wird Gott menschlich.
Damit erweist sich ausgerechnet die Menschlichkeit als Gottes wesentliche Eigenschaft. Nicht der Aufstieg des Menschen zu Gott und auch nicht der Auszug des Menschen aus Gott, sondern Gottes Auszug zum Menschen ist das Kennzeichen der christlichen Religion - damit wird zugleich das Ziel der Religionsgeschichte signalisiert. Und so läßt sich der Satz »Christen glauben an einen zuvorkommenden Gott« jetzt dahingehend erweitern: Weil Christen an einen zuvorkommenden Gott glauben, darum glauben sie an einen menschlichen Gott.
Dieser theologische Satz hat seinen geschichtlichen Grund in dem Geschick Jesu von Nazareth. In dem Bilde des Vaters, der sowohl dem heimkehrenden als auch dem daheimgeblie-benen Sohn »entgegenkommt«, ist sein Verhalten abgebildet. Auch Jesus ist, um die Menschen zu sich zu ziehen, zu ihnen ausgezogen. Er ist den verlorenen Söhnen nachgegangen und hat sich mit ihnen zusammen an einen Tisch gesetzt. Und er hat sich dabei auch durch die älteren Brüder, die daheimgebliebenen Söhne, nicht aus dem Konzept bringen lassen.
Alles in allem: Jesus von Nazareth hat sich in seinem Leben ebenso unvorschriftsmäßig verhalten und ebensolche unvernünftigen Feste gefeiert wie der Vater im Gleichnis. Und um dieses seines unvernünftigen Festefeierns willen hat man ihn gekreuzigt. Der Erzähler des Gleichnisses vom verlorenen Sohn hat seine Gleichniserzählung" mit dem Leben bezahlt. Dabei haben die älteren Brüder, die daheimgebliebenen Söhne, ihre Hand mit im Spiel gehabt.
Christen glauben an einen zuvorkommenden, menschlichen Gott - das ist das Fazit aus dem Verhalten des Vaters gegenüber beiden Söhnen. Für mich bedeutet es die Antwort auf die Gottesfrage der Menschheit: Ich glaube Jesus seinen Gott. Das ist die »Hauptsache« im Christentum.
Was aber hat die westliche Christenheit daraus gemacht?
Auf die Frage, was Gott und der Glaube an Gott ihm bedeuteten, hat ein Konfirmand mir einmal geantwortet: »Religion ist, was man nicht tun darf.« Diese Antwort spiegelt etwas von dem Klima wider, das der Junge rings um sich empfunden haben muß, in dem die Christenheit augenscheinlich existiert. Und das verrät, was die Christen aus dem Evangelium Jesu gemacht haben: die einen ein dogmatisches System, die anderen einen privaten Tugendkatalog, die dritten eine Anleitung zum politischen Handeln, die vierten eine sozialistische Theorie, alle miteinander also entweder einen lieblosen Intellektualismus oder einen strapaziösen Moralismus - auf alle Fälle aber kein Fest mehr, sondern harte Feldarbeit.
Die Fortsetzung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn lautet in der Bibel: »Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein und er ging zu ihm.« Dieser Satz aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter nimmt den zentralen Satz aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn fast wörtlich auf und führt ihn fort. Wieder ist von einem Weg die Rede, von einem Sehen und von einem Sich - Erbarmen und Sich-auf-den-Weg-Machen: Die Bewegung, die der Vater auf den heimkehrenden und den daheimgebliebenen Sohn hin macht, wird aufgenommen und gleichsam spiegelbildlich fortgesetzt in der Bewegung des barmherzigen Samariters zu dem am Wege Liegenden hin. Wie sich der Vater über den heimkehrenden Sohn herabbeugt und ihn an sich zieht und wie er zu dem daheimgebliebenen Sohn hinausgeht und ihn bittet, hereinzukommen und mitzufeiern, so geht der Samariter zu dem unter die Räuber Gefallenen hin, beugt sich über ihn, hebt ihn auf und nimmt ihn mit sich.
Auf diese Weise setzt sich der Auszug Gottes zum Menschen fort im Auszug des Menschen zum Mitmenschen. Darum kann ich die Kurzformel des christlichen Glaubens jetzt zu Ende formulieren: Weil Christen an einen zuvorkommenden, menschlichen Gott glauben, darum gehen sie ihren Mitmenschen nach.
Angenommen nun, der barmherzige Samariter wäre Landrat in Jericho, Landtagsabgeordneter von Judäa oder Stadtguerilla in Jerusalem gewesen - was wäre dann? Damit kommt das Problem der Macht mit ins Spiel. Damit hört die Geschichte Jesu nicht auf, aber damit geht sie über in die Geschichte der Kirche und des Christentums.width