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Christologie von unten Seite



Warum ich glaube
Christologie von unten

Seite 121 bis 124

Wie man einen Fluß sowohl von der Quelle bis zur Mündung als auch von der Mündung bis zur Quelle verfolgen kann, so läßt sich auch der Weg Jesu in beiden Richtungen, sowohl »von oben nach unten« als auch »von unten nach oben«, beschreiben. Beides ist in der Geschichte der christlichen Theologie geschehen. Es gibt in ihr sowohl eine »himmlische Christologie« von oben nach unten als auch eine »irdische
Christologie« von unten nach oben. Aber da die Menschheit, wie schon Jesus geklagt hat, ein zeichenwütiges und wundersüchtiges Geschlecht ist, hat die himmlische Christologie auch bei Christenmenschen meistens die größeren Chancen gehabt.
Was himmlische und was irdische Christologie heißt, das ist mir auf einer Israelreise anschaulich geworden. In Bethlehem und Jerusalem, an den Geburts- und Todesgedenkstätten Jesu, herrschte eine drangvoll enge, teils liturgisch würdige, teils drastisch abergläubische Verehrung der himmlischen Herrlichkeit Christi. Was sich hier abspielte, war »Christologie von oben« - trotz Krippe, Kreuz und Via dolorosa. Ich war tief enttäuscht - das war nicht »mein Jesus«.
Anders dagegen erging es mir in Galiläa, an den Ufern des Sees Genezareth und in den Bergen rings herum. Als ich dort saß, stand es mir beinahe handgreiflich vor Augen: Hier ist er gewandelt - dort unten auf dem Weg ist er entlanggegangen, in dem Dorf da drüben hat er einen Kranken geheilt, dort am See hat er gepredigt und ist dann mit dem Boot ans andere Ufer gefahren, und vielleicht hat er sogar an dieser Stelle, an der ich jetzt hier sitze, auch einmal gesessen und sich ausgeruht. Das war für mich »Christologie von unten« - meine Christologie.
Die Christologie von oben setzt im Himmel, beim göttlichen Ursprung Jesu, ein, und sie endet auch wieder im Himmel, mit seiner Erhöhung zur Rechten des Vaters. Dazwischen, zwischen Jungfrauengeburt und Himmelfahrt, liegt das »Leben Jesu« - wenn es denn wirklich ein Mensch ist, der hier lebt, leidet und stirbt, und nicht nur ein göttliches Wesen in menschlicher Gestalt, ein Gott in Menschenhaut. Selbst Leiden und Sterben, das menschlichste Kennzeichen jedes Menschengeschicks, drohen ins Überirdische zu entschwinden. Der Kreuzestod Jesu ist nur noch ein Mittel zur Durchführung des göttlichen Erlösungsplans, und die Auferstehung macht hinterher gleich alles wieder gut.
Diese christologische Konzeption, die weithin das bis heute geltende altkirchliche Christusdogma geprägt hat, ist von hellenistischem Geist durchweht. Damals, am Ende der antiken Welt, wurden vor allem Leid, Schicksal, Tod und Vergänglichkeit als Unheil erfahren. Und eben als Antwort auf diese Unheilserfahrung bot die Kirche das göttliche Heil in der Gestalt der Menschwerdung Gottes an: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.
Aber wer will das heute noch? Unser Interesse geht genau in die umgekehrte Richtung. Von Übermenschen jeglicher Art haben wir genug - sie erzeugen nur Unmenschlichkeiten. Weil die Unheilserfahrung unserer Zeit die Unmenschlichkeit ist, darum sehnen wir uns nach Menschlichkeit als dem universalen Heil für die Menschheit, und wir erwarten sie nicht von einem Übermenschen, auch nicht von einem Gott mit etwas Menschlichem herum, sondern gerade von einem wahren Menschen. So verwandelt sich das Wort des Pilatus über Jesus »Siehe da, ein Mensch!« für uns in eine Verheißung, in das Versprechen, daß Menschlichkeit wahr werden soll. Und das hat Konsequenzen auch für das Nachdenken des Glaubens über Jesus von Nazreth.
Schon seit einigen Jahren bahnt sich, und zwar gleichzeitig in der protestantischen und der katholischen Theologie, ein Umschwung in der Christologie an. Er läßt sich äußerlich an einem veränderten Sprachgebrauch erkennen: Statt »Jesus Christus« sagen heute immer mehr Christen »Jesus von Nazareth«. Hinter diesem Sprachwandel verbirgt sich ein neuer christologischer Ansatz: anstelle der traditionellen »Christologie von oben« eine zeitgenössische »Christologie von unten«.
Die Christologie von unten setzt auf der Erde, in Raum und Zeit, ein, bei der Geschichte Jesu, bei seinen Worten und Taten, bei seinem Glauben, Verkündigen und Verhalten, seinem Leiden, Sterben und Auferstehen, genauer, bei dem »Eindruck«, den die Jünger davon hatten, wie er sich in den neutestamentlichen Glaubenszeugnissen niedergeschlagen hat. Das ist nicht gleichzusetzen mit einem primitiven »Jesuanismus«. Die Christologie von unten präsentiert nicht einen Jesus ohne Gott, unter Fortfall jeglicher Transzendenz. Sie leitet Jesu Gottesbeziehung nur nicht abstrakt aus einem ihm angestammten unzerstörbaren göttlichen Charakter ab, sondern erschließt sie aus seiner Gotteserfahrung und einer entsprechenden Lebenspraxis.
Durch diese »Vermenschlichung« wird die Gottesbeziehung Jesu lebensvoller, anschaulicher, realer und damit überzeugender. Wenn ein solcher Mensch zu mir von Gott redet, wenn er es zudem so wie Jesus tut und wenn er dafür auch noch leidet und in solchem Leiden noch für sich selber etwas über Gott hinzulernt, dann glaube ich ihm eher als einem schicksalslosen, unverwundbaren Himmelsboten.
Jedem Christen steht das Recht zu, sich über die ewige Herkunft, das gegenwärtige Befinden und die endgültige Zukunft Jesu seine Gedanken zu machen. Diese Gedanken sind frei und müssen frei bleiben - man kann sich über sie wohl austauschen und meinetwegen sogar streiten, aber keiner darf seine diesbezüglichen Antworten für andere verbindlich machen. Von mir muß ich allerdings gestehen, daß ich derlei Spekulationen wenig schätze, und zwar nicht aus frommer Scheu, sondern aus Mangel an theologischem Interesse. Mich interessiert theologisch nur, was dem Leben dient. Darum reizt es mich auch nicht, hinter die Geburt Jesu in die Ewigkeit zurück- beziehungsweise über die Erscheinungen des Auferstandenen hinweg in die Ewigkeit vorauszublicken.
Mir genügt zum Leben und, wie ich hoffe, dereinst auch zum Sterben ein Christusglaube, der von der Geburt Jesu bis zu den Erscheinungen des Auferstandenen reicht. Was die Herkunft Jesu angeht, so befriedigt mich die Auskunft, daß er von Gott gesandt sei, und was seinen gegenwärtigen Verbleib betrifft, so beglückt mich die Zusage, daß, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, er unter ihnen sei. )