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Die Gottheit und Menschheit Jesu


Die Gottheit und Menschheit Jesu
Auszug aus: Abriß der Dogmatik – Ein Kompendium
von Horst Georg Pöhlmann

Die Gottheit und Menschheit Jesu (Zweinaturenlehre). Es wäre falsch, die altkirchliche Zweinaturenlehre wie ein magisches Erbe zu hüten oder als lästige Pflichtübung (aus irgendwelchen ökumenischen oder anderen Rücksichten) zu absolvieren. Man kann nicht das Gerüst stehen lassen, wenn das Haus gebaut ist. Der Glaube an Christus darf nicht mit dem Glauben an eine bestimmte Christologie verwechselt werden. So ist und wurde auch die altkirchliche Christologie mit Recht der theologischen Kritik ausgesetzt, die ja vor nichts, auch nicht vor einer bestimmten Christologie, sondern lediglich vor Christus, dem Kanon im Kanon des NT. haltmachen soll (III B 2 und 6).
Wie wird nun die Zweinaturenlehre, wie wird überhaupt die Frage der Gottheit und Menschheit Jesu in der heutigen Theologie beurteilt?

Tillichs Sicht unseres Problems wurde oben in B 1 schon beleuchtet: Jesus ist für ihn nicht die »zweite Person der Trinität«las, sondern der mit Gott restlos geeinte Mensch. Der Naturbegriff wird in der Christologie abgelehnt, weil er »auf den Menschen angewandt«, »zweideutig« und »auf Gott angewandt« »falsch« ist. Der »unangemessene Ausdruck >göttliche Natur<« wird fallengelassen und ersetzt durch den Begriff »ewige Gott-Mensch-Einheit<«, der »an Stelle statischer Form dynamische Beziehung aus« »drückt«las: Jesus ist nicht Gott selbst, denn er steht nicht wie dieser »jenseits von Essenz und Existenz«las, sondern inmitten dieses Gegensatzes von Essenz und Existenz, um ihn zu überwinden {vgl. oben B 1). Jesus Christus ist nicht Gott, sondern der mit Gott ungebrochen geeinte Mensch. Die herkömmliche vertikale gott-menschliche Paradoxie: Jesus Christus vere Deus - vere homo (_ wahrer Gott - wahrer Mensch) wird ersetzt durch die horizontal innermenschliche Paradoxie: Jesus Christus homo essentialis - homo existentialis (= wahrer Mensch - wirklicher Mensch) (vgl. oben B 1). Die Präexistenz gilt als Mythos. Sie »ist Ausdruck dafür, daß das Neue Sein«, das »historisch gegenwärtig« wurde »in dem Ereignis Jesus der Christus«, »im Ewigen wurzelt«las (vgl. zu »Neues Sein« S. 216 f.). Auf Tillichs starkes theologisches Interesse an der echten Menschlichkeit Jesu, zu der seine Irrtumsfähigkeit und echte Versuchlichkeit gehört und mit der er es nicht vereinbaren kann, daß ihm Hoheitsattribute zugeschrieben werden, wurde oben in B 1 schon eingegangen.

In Gogartens Christologie drängt, wie überhaupt in seiner Theologie; sein Personalismus stark ins Spiel: »Gott« »begegnet« »uns nur in der höchsten Subjektivität«, nur von Person zu Person, nur inder Relation Subjekt-Subjekt, nicht in der Relation Subjekt-Objekt Wenn es zwischen ihm und den Menschen nur diese Subjekt-Subjekt-Relation gibt, dann ist die herkömmliche, in Naturen begriffene Einheit Jesu mit Gott abzulehnen. Die »Einheit« Jesu Christi mit Gott ist dann nicht als »naturhafte«, »physische« Einheit zu verstehen, sondern er ist »als Person« »eins mit Gott«, und »zwar eben in der Weise, in der eine Person als solche einzig und allein mit einem anderen Wesen eins sein kann«, »nämlich so, daß sie in ihrer Selbstheit von dem anderen angerufen ist und sie nur im Hören dieses Anrufes um sich weiß. Als der allein in und aus dem Anruf Gottes Seiende ... ist Jesus Christus eins mit Gott«. Der »Anruf Gottes« aber, in dem er sein Sein hat, ist seine »Sendung«. Als »der von Gott Gesendete« »läßt« er den Menschen »Gott selbst erscheinen« Seine »Gleichheit mit Gott« »ist nicht natur- oder substanzhafter Art, sondern sie erweist sich gerade in dem Gehorsam, in dem er die Knechtsgestalt auf sich nimmt« Jesus Christus ist nicht Gott aber er ist der, »durch den allein Gott »sich offenbart hat« Jesus ist nicht Gott, sondern Gott erscheint in Jesus, offenbart sich in Jesus. Die Einheit Jesu. mit Gott ist keine Wesenseinheit, sondern Willens- und Personeneinheit und damit Erscheinungs- und Offenbarungseinheit. Sie ist Einheit im Wort, nicht im Wesen.
Von ihrem Wort-Aktualismus her erfaßt auch die Existenz- und Kerygmatheologie Jesu Einheit mit Gott als Worteinheit. Nach Bultmann erweist sich« die »Gottheit Christi« »in dem Geschehen« der »Predigt«, »die ihn als die uns erschienene Gnade Gottes verkündigt Christi »Gottheit«'»ist« »immer nur je Ereignis« das nicht verobjektiviert werden kann zu einem Geschehnis der Vergangenheit oder in einer metaphysischen Welt. »Die Formel Christus ist Gott ist falsch in jedem Sinn, in dem Gott als, eine objektivierbare Größe verstanden wird :.. Sie ist richtig, wenn Gott hier verstanden wird als das Ereignis des Handeins Gottes.« Da Gott im Wort handelt, ist Christus am besten als das Wort Gottes«: zu umreißen.

Ebeling hält wie Bultmann im Unterschied zu Gogarten und Tillich an der wahren Gottheit Jesu fest. Es liegt ihm in seiner Christologie, im Unterschied zu Bultmann aber ähnlich wie Tillich, viel an der wahren und :echten Menschlichkeit Jesu Christi. Ebeling schreibt: »Der Glaube an Jesus steht und fällt damit, daß wir es in diesem Menschen mit Gott selbst zu tun haben. Gegen die vermischende mythische Denkweise betont das christologische Dogma die Unterscheidung: wahrer Gott und wahrer Mensch sind hier unauflöslich in der Einheit der Person verbunden. Beeinträchtigung des einen wäre Beeinträchtigung des anderen.« »Entgegen dem Dogma neigt die traditionelle Christologie dazu, zugunsten der göttlichen Natur in Christus dessen Menschsein nicht rückhaltlos ernstzunehmen. Das neuzeitliche Denken scheint umgekehrt zugunsten des nun selbstverständlichen Menschseins Jesu das Sein Gottes in ihm nicht mehr uneingeschränkt aussagen zu können.« Weil »das Handeln ;Gottes mit „den Menschen ein Handeln durch das Wort ist«, »ist« »Jesus« - da Gott in ihm handelt - »das Wort Gottes. Wird von Ebeling im Zuge des Verbalismus der Kerygmatheologie Jesu wahre Gottheit - wie von Bultmann - in seiner Existenz als »Wort Gottes« gesehen, so seine wahre Menschheit in seiner Existenz als »Bruder der Menschen«. Die traditionelle Aussage Jesus vere Deus vere homo wird neu interpretiert durch die beiden Sätze »Jesus ist das Wort Gottes«, »Jesus ist der Bruder der Menschen«, oder wie Ebeling sagen kann: »Jesus« »ist« »in der Relation zu Gott als Wort Gottes der Platz Gottes« und »in der Relation zur Mitmenschheit als Bruder der Menschen Platzhalter jedes Mitmenschen. Diese beiden Antworten auf die Frage, »wer ist«, haben nun folgenden Sinn: »In der Relation zu Gott steht letztlich dies eine Frage, ob uns von da das sprachlos machende Schweigen, die Sphinxgestalt nichtigen und vernichtenden Dunkels angeht oder ob uns von da ein Wort anspricht Widerfahrnis von Bejahtsein, Verstandensein und Geliebtsein, ein Wort, das Hoffnung schöpfen läßt und Quelle von Leben, Wunder der Verheißung ist, Ermächtigung zu der antwortenden Rede: >Abba, Vater. Lassen wir Jesus in diesen Horizont hinein, so wird er dem, der seiner Provokation stattgibt, zum Worte Gottes ...« der Relation zur Mitmenschheit ... steht dies in Frage, ob uns Gemeinschaft Mensch zu Mensch zuteil wird ... ob die durch Mißtrauen, Angst, Selbstsucht, Gruppenegoismus, Fanatismus usw. tief zerstörte und beleidigte Menschlichkeit Zusammenleben auf der Erde vom Grunde her geheilt werden kann. Lassen Jesus in diesen Horizont hinein, so nimmt er unbegrenzt die Rolle des Bruders Menschen in Anspruch.«