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Das wahre Gottsein des Sohnes und des Geistes


Das wahre Gottsein des Sohnes und des Hl.Geistes
http://theol.uibk.ac.at/itl/178-1.html

Raymund Schwager: Dogmengeschichte der Christologie
DER INNSBRUCKER
THEOLOGISCHE LESERAUM

II. Das wahre Gottsein des Sohnes und des Hl.Geistes

A) Die arianische Krise und das Konzil von Nicäa (325)
Unter dem Einfluß der christlichen Schöpfungslehre wurde das mittelplatonische Denkschema, wonach der Logos einerseits Gott und anderseits doch dem höchsten Gott etwas untergeordnet und der Schöpfung zugekehrt ist, mit der Zeit unhaltbar. Das hellenistische Denkschema hatte nämlich zur Folge, daß man entweder eine ewige Schöpfung annehmen (Origenes) oder zur Aussage tendieren mußte, es hätte eine Zeit gegeben, als der ewige Sohn noch nicht war (Tertullian). Angesichts dieser Unsicherheit tendierte die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts immer deutlicher zur Alternative: entweder ungeschaffen (und dann ganz Gott gleich) oder geschaffen (und dann ganz auf der Seite der Geschöpfe). Die Vorstellung von einer gewissen Mittelstellung des Logos wurde damit problematisch und unhaltbar.

1) Arius (Priester von Alexandrien)
Er lehrte (unter Verschärfung der Position des Patriarchen Dionysius von Alexandrien, auf den er sich berief), daß der Logos durch den freien Willen des Vaters als höchstes und vollkommenstes Geschöpf geschaffen wurde (biblisches Argument: Spr 8,22). Der ungeschaffene Vater sei allein (Monas), ganz transzendent und selbst dem Logos unerreichbar. Dieser sei am Anfang der Welt aus dem Nichts geschaffen worden und hätte später aus Maria einen menschlichen Leib angenommen.

Gegen Arius wandte sich zunächst eine lokale kirchliche Synode, dann das vom Kaiser Konstantin einberufene Konzil von Nicäa. (Das Anliegen des Kaiers war es, durch die Einheit des Glaubens die Einheit des Reiches zu fördern.)

2) Konzil von Nicäa (325)
Es nahm gegen Arius Stellung und zwar dadurch, daß es vier kurze Zusätze (im Text fett und kursiv) ins überlieferte Credo einfügte:

"Ich glaube an den einen Gott... Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, als Einziggeborener (monogenes) gezeugt (gennethenta) vom Vater, das heißt aus der Wesenheit (ousia) des Vaters (1), Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott (2), gezeugt nicht geschaffen (3), wesenseins mit dem Vater (homoousios) (4), durch den alles geworden ist,...." (NR 155; DH 125).
Erklärung:
--"aus der Wesenheit" und nicht aus dem freien Willen, wie Arius meinte;
-- "wahrer Gott vom wahren Gott" und nicht ein zweiter untergeordneter Gott (theos) neben dem wahren Gott (ho theos);

--"gezeugt, nicht geschaffen": früher redete man oft ununterschieden von 'zeugen' und 'schaffen', jetzt wird aber subtil zwischen 'gennethos = gezeugt' und 'genethos = gemacht (oder poietheis = gemacht) unterschieden (als biblische Grundlage für das Wort 'zeugen' berief man sich auf Ps 2,7; Hebr 1,5; Joh 1,14.18);
--"wesenseins mit dem Vater" und nicht untergeordnet; das Wort 'homousios' wird zu einem schicksalsschweren Wort werden.
Dem Credo wurde noch ein verurteilender Kanon hinzugefügt:

"Diejenigen aber, die da sagen, es habe eine Zeit gegeben, da der Sohn Gottes nicht war, und er sei nicht gewesen, bevor er gezeugt wurde, und er sei aus nichts geworden oder aus einer anderen Substanz (hypostasis) oder Wesenheit (ousia), oder der Sohn Gottes sei wandelbar oder veränderlich, diese schließt die apostolische und katholische Kirche aus" (NR 156; DH 126).

Folgenschwer war vor allem, daß in diesem Kanon die Begriffe 'hypostasis' und 'ousia' unterschiedslos gebraucht wurden, denn so gab es kein eigenes Wort um den Unterschied in Gott auszudrücken.

3) Der Kampf um das Konzil

Obwohl die Entscheidung des Konzils fast von allen anwesenden Bischöfen angenommen und Arius exkommuniziert wurde, erhob sich rasch ein Widerstand, der bald die Oberhand über das Konzil gewann. Während etwa vier Jahrzehnten konnte sogar der Eindruck entstehen, fast die ganze östliche Christenheit sei 'arianisch' geworden.
Die Gründe für den Widerstand gegen das Konzil waren vielfältiger Art:

a) Die meisten Gegner von Nicäa waren keine eigentlichen Arianer, sondern nur Anhänger der traditionellen Lehre, wonach der Logos zwar göttlich, aber doch dem Vater etwas untergeordnet ist (Origenes).

b) Man befürchtete, die Lehre des Konzils sei eine versteckte Form des häretischen Modalismus (Sabellianismus). Origenes hatte gelehrt, daß Vater, Sohn und Geist je eine eigene Hypostase (also drei Hypostasen) seien. Demgegenüber sprach das Konzil von "wesenseins", und es gebrauchte das Wort 'hypostasis' im gleichen Sinn, was die Lehre von einer Hypostase nahelegte. Der Verdacht gegen das Konzil wurde noch verstärkt, als die Synode von Sardika (heute Sofia) im Jahre 342 (oder 343), an der nach der Abreise der östlichen Bischöfe fast nur noch westliche Bischöfe und Athanasius von Alexandrien, der große Verteidiger des Konzils, teilnahmen, ausdrücklich eine Hypostase in Gott lehrte (vgl. J.N.D.Kelly, Altchristliche Glaubensbekenntnisse, 272-277).
Auch Marcel v. Ancyra, ein Freund des Athanasius und ein Verteidiger des Konzils, gab zur Vermutung des Sabellianismus Anlaß. (5)
c) Die Einführung eines philosophischen Wortes (ousia, homoousios) ins Credo wurde von vielen als ungeheuerliche Neuerung empfunden (vgl. HdDG II,1a,117).

d) Politischer Faktor: Kaiser Konstantin stellte sich bald nach dem Konzil auf die Seite der Konzilsgegner, desgleichen seine Nachfolger Konstantius (337-361) und Valens (364-378). Die monarchische Auffassung der Trinität (Vater an höchster Stelle) paßte besser zur politischen Monarchie als die Lehre von Nicäa, die den Sohn dem Vater gleichstellte (vgl. E.Peterson, Der Monotheismus als politisches Problem; Grillmeier I, 388-403).

4) Sieg des Konzils

Hieronymus (gest. 420) schrieb - rückblickend - zur Lage um 359: "Der ganze Erdkreis seufzte, und mußte mit Erstaunen feststellen, daß er arianisch war." Auch wenn dieses Wort eine Übertreibung enthält, weil die meisten Bischöfe keine Arianer waren, macht es doch deutlich, wie mächtig die Opposition gegen das Konzil war.

Der größte Verteidiger von Nicäa war Athanasius (328-373 Patriarch von Alexandrien). Während seiner langen Amtszeit wurde er wegen seines Eintretens für das Konzil fünfmal in die Verbannung geschickt. Theologisch argumentierte er vor allem mit dem Johannesprolog, der seiner Ansicht nach eindeutig lehrt, daß der Logos Gott ist. (Von der Schöpfungslehre her fiel für ihn die Unterscheidung zwischen 'ho theos' und 'theos' völlig weg und ausschlaggebend war nur noch die Unterscheidung zwischen geschaffen und ungeschaffen).
Folgende Gründe waren für den Sieg des Konzils ausschlaggebend:

a) Die Position des Anthanasius war theologisch überzeugender, denn der Mittelplatonismus war durch die christliche Schöpfungslehre überwunden worden. In diesem Kontext wurde der Johannesprolog eindeutig (keine Unterscheidung mehr zwischen ho theos und theos).
b) Die 'arianische' Partei verlor sich in Spitzfindigkeiten (Homöer, Homöousianer).

c) Im 'arianischen' Lager tauchten echte Arianer auf (Eunomius [360 Bischof]; Aëtios [362 Bischof]), die von der überwiegenden Mehrheit der gemäßigten Bischöfe abgelehnt wurden.
d) Athanasius wurde durch Rom und durch einen großen Teil der Westkirche unterstützt.

e) Entscheidend war aber schließlich, daß Athanasius auf einer Versöhnungssynode in Alexandrien (362) anerkannte, daß auch die Rede von drei Hypostasen rechtgläubig sein kann, was auf der Synode von Sardika noch abgelehnt wurde. Damit wurde der Verdacht, Nicäa sei der Häresie des Sabellianismus verfallen, endgültig ausgeräumt (Grillmeier I,472-477).

B) Die Gottheit des Heiligen Geistes

Jene, die die Gottheit des Logos ablehnten, waren selbstverständlich auch gegen die Gottheit des Hl.Geistes. Es gab aber auch eine Gruppe, die zwar der Lehre von Nicäa sich zuneigte, den Geist aber als ersten der Engel verstehen wollte (Pneumatomachen = Geistbekämpfer). Sie argumentierten, der Hl.Geist werde in der Schrift nicht Schöpfer genannt und er handle auch nicht selbständig, sondern Gott wirke "im Geist".

Diese Lehre wurde durch das erste Konzil von Konstantinopel (381) verurteilt. Weil die Schwierigkeiten noch lebendig waren, die durch die Einfügung eines philosophischen Wortes ins Credo geweckt worden waren, wollte man diesmal das ausdrückliche Bekenntnis zur Gottheit des Hl.Geistes rein biblisch-liturgisch formulieren (anbeten, verherrlichen). Zur Beschreibung des Hervorgangs des Geistes aus dem Vater benützt man das Wort "ekporeuesthai" aus Joh 15,26:

"... Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der vom Vater ausgeht (ekporeuomenon). Er wird mit dem Vater und dem Sohne zugleich angebetet und verherrlicht. Er hat gesprochen durch die Propheten." (NR 250; DS 150)
Die Lehre, daß der Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht, kam nur im Westen und viel später hinzu (Problematik des filioque).

C) Der Schritt zur ausdrücklichen Trinitätslehre

Eine ausdrückliche Trinitätslehre wurde im griechischen Raum von den drei großen Kappadokiern (Basilius dem Großen [gest. 379]; Gregor von Nazianz [gest. 390]; Gregor von Nyssa [Bruder des Basilius, gest. 394] entwickelt. Sie stammten aus einer Kirche, die zum gemäßigten arianischen Lager gehörte, aber seit 362 das Konzil von Nicäa annahm.

Den drei Kappadokiern (Kappadokien im Inneren Kleinasiens) ging es darum, die Lehre von Nicäa (Wesensgleichheit / -einheit des Sohnes mit dem Vater) mit der älteren Lehre des Origenes von den drei Hypostasen (Vater, Sohn und Hl.Geist) zu verbinden. Das war nur dadurch möglich, daß man - im Unterschied zum Kanon von Nicäa - die Worte 'ousia' und 'hypostasis' nicht mehr im gleichen oder ähnlichen Sinn gebrauchte, sondern einander gegenüberstellte. Danach gibt es in Gott eine Substanz (ousia) und drei Personen (hypostasis), wobei die Worte Substanz und Person teilweise eine neue Bedeutung erhalten.
Diese Veränderung im Verständnis der Worte 'ousia' und 'hypostasis' versuchten die Kappadokier von zwei Seiten her verständlich zu machen:

a) Wie Petrus, Johannes und Andreas drei Personen (hypostasis) sind, und trotzdem nur eine Natur (ousia) haben, so sei es auch in Gott.

Dieser Vergleich war gefährlich, denn er führte, wenn man ihn genau nahm, zur Lehre von drei göttlichen Individuen und damit zu einer Drei-Götter-Lehre. Deshalb wurde dieser Vergleich später fallgelassen.
b) Der Vater bezieht sich auf den Sohn und den Hl.Geist. Die eine Substanz (ousia) Gottes ist in sich zu betrachten, die drei Hypostasen hingegen in ihren jeweiligen Beziehungen.
Dieser Ansatz wurde später vor allem von der scholastischen Theologie systematisch entfaltet.

Reflexion: Durch das Aufgreifen der mittelplatonischen Logos-Vorstellung geschah eine Inkulturation der christlichen Verkündigung in die hellenistische Welt. Diese Inkulturation war aber sehr zweideutig und führte zum Konflikt. Sie mußte deshalb schrittweise geklärt werden. Die erste Korrektur erfolgte durch das Konzil von Nicäa, das - im Gegensatz zum platonischen Modell der absteigenden Emanation den Logos dem Vater gleichrangig zuordnete. Diese Kritik war aber ihrerseits zweideutig, weil sie mittels eines philosophischen Wortes geschah, das als solches für die christliche Verkündigung noch nicht voll geeignet war. Die zweite Korrektur erfolgte dadurch, daß das Wort 'hypostasis' dem Wort 'ousia' gegenübergestellt wurde, wodurch sich der Sinn beider Worte veränderte. Der neue Sinn wurde aber nur bruchstückhaft erarbeitet und deshalb waren weitere Konflikte praktisch unvermeidlich.