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Aus dem Vater geboren vor aller Zeit


Gedacht als Diskussionbeitrag zur liberalen Christologie


Aus dem Vater geboren vor aller Zeit.

http://www.erzbistumkoeln.de/opencms/opencms/bildung/religionspaedagogik/Religionsunterricht/vater.pdf
(Leider inzwischen unter dieser Adresse nicht mehr zu finden)

Textauszug
Aus dem Vater geboren vor aller Zeit.
Die Präexistenzchristologie im Neuen Testament.
Ist aber die Präexistenzaussage wirklich so eindeutig biblisch fundiert, wie
das Konzil von Nizäa annahm und wie es kirchliche Überzeugung ist?
Was sagt die heutige Neutestamentliche Wissenschaft zu dieser Frage?
Es gibt im Neuen Testament eine Vielzahl von Christologien, also von
gläubigen Deutungen der Person Jesus von Nazaret und des von ihm bewirkten
Heilswerkes. Diese Christologien haben zweifellos einen gemeinsamen
Bezugspunkt (eben die konkrete Gestalt und Geschichte des Menschen Jesus)
und sie haben darüber hinaus eine tiefe Strukturgleichheit, die in der
unauflöslichen Bindung von Gottes Offenbarung und Heil an Person und
Werk Jesu besteht. Aber mit dieser wichtigen Feststellung darf die
Pluralität neutestamentlicher Christologien nicht überspielt oder
verharmlost werden, zumal sie ihren Grund darin hat, dass keine einzige
Christologie die "Fülle Christi" (Eph 4,13) zu fassen vermag.
So sieht die heutige Exegese mit großer Deutlichkeit, dass die Christologie
der Logienquelle eine andere ist als die des Paulus, die des Markus eine
andere als die des Matthäus und erst recht natürlich als die des Johannes,
die Christologie des Hebräerbriefes eine andere als die des
1.Petrusbriefes, die der Offenbarung des Johannes eine andere als die der
Pastoralbriefe u.s.w. Unter dem Gesichtspunkt der Präexistenz lassen
sich alle diese Christologien zwei Kategorien zuordnen:
es gibt Christologien mit, und solche ohne Präexistenzvorstellung.

Eine sehr alte Christologie ohne Präexistenzvorstellung begegnet uns etwa in
dem von Paulus zu Beginn des Römerbriefes zitierten Bekenntnissatz, dass
Christus "seit/aufgrund der Auferstehung von den Toten" "als Sohn Gottes
eingesetzt worden" ist, oder in Formulierungen wie "er wurde durch die
Rechte Hand Gottes erhöht" (Apg 2,33), "Gott hat ihn als Herrscher und
Retter an seine rechte Seite erhoben" (Apg 5,31), "Gott hat ihn eingesetzt
zum Richter der Lebenden und der Toten" (Apg 10,42), Formulierungen,
die immer in Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu stehen.
Wir haben es hier also mit einer Erhöhungs- oder Erwählungs-,Adoptions-
oder Aufstiegschristologie zu tun.

Zu den Christologien ohne Präexistenzvorstellung gehören auch - für viele
vielleicht ein ungewohnter Gedanke - die der synoptischen Evangelien.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht erst in dem durch die Auferweckung
zu Gott erhöhten Jesus den mit dem Gottesgeist erfüllten Sohn Gottes sehen,
sondern schon in dem irdischen Jesus zur Zeit seines irdischen Lebens.
Während aber Markus Geistempfang Jesu und Annahme an Sohnesstatt mit
der Taufe Jesu verbindet, lassen Matthäus und Lukas die Gottessohnschaft
Jesu in einer wunderbaren Geistzeugung gründen, um so auszusagen:
Jesus ist von allem Anfang an der vom Heiligen Geist Gottes
erfüllte Sohn Gottes, als der er in seiner Auferweckung erwiesen wurde.

Wie es einerseits erstaunlich ist, dass Christologien ohne
Präexistenzvorstellung noch so relativ spät konzipiert wurden,
wie dies bei den Synoptikern der Fall ist, ist es andererseits ebenso
erstaunlich, dass Christologien mit Präexistenzaussage schon so
früh - nämlich bereits seit den 40er Jahren - nachzuweisen sind,
etwa im vorpaulinischen Christus-Hymnus des Philipperbriefes
(Phil 2,6-11).7 Bemerkenswert ist, dass es sich bei allen frühen
Belegen für Präexistenzchristologie um liturgische Texte handelt,
um hymnusartige Lieder oder kurze, formelhafte Bekenntnisaussagen.
Das läßt darauf schließen, dass der Präexistenzgedanke vielen
urchristlichen Gemeinden aus dem Gottesdienst vertraut war.
Auch gibt es im ganzen Neuen Testament keine Stelle,
wo der Präexistenzgedanke kommentierend eingeführt oder erläutert wird,
was wiederum auf eine Vertrautheit bei den Adressaten schließen läßt.
Wir müssen also wohl davon ausgehen, dass die Präexistenzchristologie
in der Urkirche weiter verbreitet war, als es die Anzahl der Belege
nahelegt.

Zu Hintergrund und Herkunft dieser beiden Grundkategorien
neutestamentlicher Christologie (mit und ohne Präexistenz) nur so viel:
Hinter den Christologien ohne Präexistenzvorstellung, also hinter den
verschiedenen Ausformungen von Erhöhungs- oder Erwählungschristologie,
steht eine vornehmlich an der Geschichte orientierte Daseins- und
Wirklichkeitsinterpretation, wie sie altjüdisch-hebräischem Denken
entsprach. Geschichte wurde hier als auf das zukünftige Heil Gottes
hin finalisierte Wirklichkeit gesehen. In dieser Sicht war der geschichtlich
gekommene Jesus der endzeitliche, eschatologische Heilsbringer,
derjenige, der die Zeitenwende heraufgeführt, den alten Äon beendet und
den neuen Äon gebracht hat: in der Sprache dieses Paradigmas:
derjenige, mit dem die Gottesherrschaft anbrach, der Messias,
der Menschensohn, der zum "Sohn Gottes" Erwählte. Zwar stand in
diesem Verständnis die universale Durchsetzung und Verifikation der
Gottesherrschaft noch aus; aber die Bedeutung Jesu wurde im Hinblick
auf die menschliche Geschichte als endgültig beschrieben:
"Er ist das vorweggenommene heilvolle Ende der Geschichte,"
so bekannten mit ihren Worten die ersten Christen, wenn sie
Palästinajuden und nicht Diasporajuden waren, sich also im
altjüdisch-hebräischen Denk- und Verstehenshorizont bewegten.

Ganz anders der Verstehenshorizont, aus dem die Präexistenzchristologien
erwachsen sind. Sie stammen alle aus einem judenchristlich-hellenistischen
Milieu und weisen eine eigentümliche Mischung alttestamentlich-jüdischen
Denkens mit hellenistischer Weltinterpretation auf, wobei für dieses
hellenistische Denken die mehr räumlich-kosmische Orientierung kennzeichnend
ist. Zu einer solchen Symbiose alttestamentlichen und hellenistischen
Denkens war es ja bereits seit etwa 300 v. Chr. in der sog.
Weisheitstheologie gekommen. Der alttestamentliche Gedanke,
dass Gott alles "mit Weisheit" gemacht hat (Ps 104,24),
verwandelte sich allmählich dahingehend, dass die Weisheit Jahwes eine
(relativ) selbständige präexistente Größe wurde (Hypostasierung).
Von ihr konnte gesagt werden, dass sie bei der Welterschaffung als
Ratgeberin und Helferin Gottes zugegen gewesen sei (Spr 8,22- 31;
Weish 9,9), dass sie Gottes Lebensgefährtin und Throngenossin gewesen
sei (Weish 8,3; 9,4.10), dass sie "der Widerschein des ewigen Lichts,
der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Vollkommenheit"
(Weish 7,26) sei, dass sie - ähnlich dem stoischen Logos (!) - das All
erfülle und durchwalte (Weish 7,24; 8,1), dass sie in allem wirke (Weish
8,5), auch in der Geschichte der Menschheit und vor allem Israels
(Weish 10,1-19). Da sie eigentlich allen Völkern zugedacht war,
habe sie ruhelos den Kosmos und die Völker durchstreift, bis sie endlich
auf den Zion im Tempel ihre Ruhestätte gefunden habe und nun in der
Tora inmitten Israels wohne (Sir 24).

Im Buch der Weisheit (entstanden um 50 v.Chr. im ägyptischen Alexandrien,
dem berühmten Zentrum hellenistischer Wissenschaft) wird die Sophia mit dem
Geist (Pneuma) Gottes und auch mit dem schöpferischen Wort Gottes,
seinem Logos, gleichgesetzt (Weish 1,6; 7,7.22; 9,1f). Dasselbe tut der
jüdische Philosoph Philo von Alexandrien (+ ca. 45 n.Chr.).
Er kann die Weisheit als "Tochter Gottes" bezeichnen und den damit
identischen Logos als Gottes präexistenten "erstgeborenen Sohn",
ja sogar als "zweiten Gott".
Diese Verbindung des alttestamentlichen Jahwe-Glaubens mit der
hellenistischen Denkfigur einer präexistenten Weisheit bzw. eines
präexistenten Schöpfer-Logos sollte die Universalität des Wirkens und der
Offenbarung Gottes in der ganzen Schöpfung und unter allen Völkern
einerseits und die besondere Heilsbedeutung Israels und seiner Tora
andererseits als miteinander vereinbar darstellen.

Diese jüdisch-hellenistische Weisheitstheologie und Weisheitsspekulation
war der Nährboden der neutestamentlichen Präexistenzchristologie.
Sie regte schon früh griechischsprechende Judenchristen zu einem tieferen
Verstehen des Geheimnisses Jesu Christi an. Angesichts des jüdischen
Anspruches nämlich, dass die präexistente Weisheit in der Tora anwesend sei,
und zwar definitiv und endgültig, und dass daneben oder darüber hinaus
eine Offenbarung undenkbar sei, mussten sich die Christen entscheiden.
Entweder war die Tora der Ort letztgültiger Gottesoffenbarung; dann konnte
Jesus allenfalls ein der Tora untergeordneter, von ihr inspirierter
Gerechter und Adoptivsohn Gottes sein. Oder die ewige, präexistente
Weisheit Gottes hatte sich nicht in der Tora, sondern in Jesus bleibend
niedergelassen und war in ihm präsent. Die hellenistischen Judenchristen
entschieden sich für die zweite Möglichkeit, ja sie überboten noch die
weisheitliche Toratheologie, indem sie in Jesus nicht nur den Ort der
Einwohnung der Weisheit sahen, sondern die menschgewordene Weisheit,
den menschgewordenen Logos selbst, der als solcher vor aller Schöpfung
war, ja durch den die Schöpfung geworden ist, wie schon der vorpaulinische
Bekenntnissatz 1 Kor 8,6 sagt und wie es im Christus-Hymnus des
Kolosserbriefes sowie im Logos-Hymnus des Johannesevangeliums entfaltet
wird.

Die heutige Krise der Präexistenzchristologie.
Dass die Präexistenzchristologie eine solide biblische Grundlage hat und
seit dem Konzil von Nizäa zum zentralen Glaubensbekenntnis der Christen
gehört, hat nicht verhindern können, dass sie sich heute mitsamt der
Glaubensaussage vom wahren Gottsein Jesu und der Trinität in einer
schweren Plausibilitäts- und Akzeptanzkrise befindet. Nicht nur
nichtchristlichen Zeitgenossen erscheint die Aussage, Jesus Christus
habe bereits "vor" seinem menschlichen Leben in der Daseinsweise
Gottes personal "existiert", als mythologische Rede, sondern auch vielen
Menschen innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft fällt es immer

schwerer, dies mit ihrem aufgeklärten Denken zu vereinbaren.
Selbst der von den deutschen Bischöfen herausgegebene Katholische
Erwachsenenkatechismus kann nicht umhin zuzugeben, dass auch viele
Christen "mit diesem zentralen christlichen Glaubensartikel" Schwierigkeiten
haben. Wörtlich: "Sie meinen, dieses Bekenntnis sage ihnen nichts.
Sie halten es für eine weltferne Spekulation, von der sie oft auch
behaupten, sie sei überdies bibelfern und bibelfremd."

Dafür, dass theologische Laien dies u.U. so sehen und empfinden, wird man
Verständnis haben müssen; und kirchliche Verkündigung und
Religionspädagogik werden erheblich mehr Anstrengungen unternehmen
müssen, den Menschen die Glaubens- und Lebensrelevanz dieser Wahrheit
zu erschließen. Eine neue Qualität erlangt die angesprochene Krise
allerdings dadurch, dass auch immer mehr (Hochschul-)Theologen
davon erfaßt werden. Es handelt sich aufs Ganze gesehen wohl um eine
Minderheit, aber mit vermutlich erheblicher Dunkelziffer. Bedeutend
größer dürfte die Zahl bei den Religionspädagogen, den theologischen
Multiplikatoren sein - mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft!
Wer aufmerksam die theologische Szene beobachtet, stellt fest, dass
sich - völlig unspektakulär und von den meisten kaum beachtet -
in der Christologie erhebliche, ja den Lebensnerv des christlichen Glaubens
betreffende "Mutationen" ereignen. Was die sog. Pluralistische
Religionstheologie explizit und programmatisch fordert:
christologische "Abrüstung" oder "Deabsolutierung" das vollzieht sich
unterschwellig und mehr im Stillen auch außerhalb dieser theologischen
Richtung in Teilen der katholischen Theologie. Da ist von der fragwürdigen
"christologischen Karriere des Jesus von Nazareth" die Rede,
von seiner hellenistischen "Divinisierung"; und die Bemühungen der
Dogmatik, die theologische Stringenz einer trinitarischen Christologie
aufzuweisen, werden als "ideologische Eiertänze" bezeichnet.
Gefordert wird eine Entkomplizierung des trinitarischen Gottesbildes im
Sinne des jüdischen Monotheismus, da die Trinitätslehre nur verbal und
postulativ am Monotheismus festhalte, de facto aber unweigerlich in einen
Tritheismus (Dreigötterglauben) abgleite. Wenn das Christentum auch nur
eine minimale Identität mit seinem Anfang, mit dem "Vater Jesu" und der
frühen jüdischen Christen bewahren wolle, müsse es sein Gottesbild
korrigieren. Hans Küng stellt in seinem 1994 erschienenen Buch
"Das Christentum. Wesen und Geschichte" die Frage: "Nachdem weder der
Jesus der Geschichte seine eigene Präexistenz verkündet hat,
noch die judenchristliche Gemeinde eine Trinitätslehre aufkommen ließ:
Woher stammt diese Lehre von der Trinität eigentlich? Antwort:
Sie ist das Produkt des großen Paradigmenwechsels vom
apokalyptisch-urchristlichen zum hellenistisch-altkirchlichen Paradigma",
sie ist also nicht wirklich biblisch begründbar, sondern stellt eine
hellenistische Verfremdung dar. Das Konzil von Nizäa blieb "ganz und
gar in hellenistischen Begriffen, Vorstellungen und Denkmotiven gefangen",
"die dem Juden Jesus von Nazaret und der Urgemeinde völlig fremd gewesen
wären." Küng empfiehlt, "statt die alten hellenistischen Dogmen nur zu
wiederholen, sich neu auf die neutestamentliche Botschaft selbst zu
konzentrieren und sie für die zeitgenössischen Christen auch wieder neu
auszulegen." Jesus Christus - der wesensgleiche Sohn Gottes von Ewigkeit
her, Jesus Christus - wahrer Gott und wahrer Mensch: das wäre demnach
nur eine dogmengeschichtliche Episode gewesen, und zwar - am
Neuen Testament gemessen - eine mindestens problematische!

(Dieser Argumentation wird in der Folge u.a. damit widersprochen:)

Die vermeintliche Hellenisierung ist also ein Zeichen von inkarnatorischer
Kraft und geistlicher Präsenz." Bibelferne Hellenisierung wäre es gewesen,
wenn das Konzil Arius nicht widerstanden hätte. So aber führte die
Auseinandersetzung mit dem Hellenismus zu einer Vertiefung der Christologie,
zu einer radikalen Auslotung der biblischen Botschaft. Hier zeigte sich, was
sich im Laufe der Kirchengeschichte noch häufig bewahrheiten sollte:
"Aufgrund neuer Aspekte und Fragen, die sich in den jeweils veränderten
Situationen der Überlieferungsgeschichte ergaben, ist es zu neuen und
vertieften Einsichten gekommen, und erst in diesem Wechsel der Situationen
gelangt die Glaubenswahrheit zur Fülle ihrer Bedeutung.