Homepage Roland Sinsel

Die Gnosis von Prof. Karl-Wolfgang Tröger


Die Gnosis von Prof. Karl-Wolfgang Tröger

Auszug
7.5 Jesus und Christus - der Erlöser
7.5.1 Gnosis und Kirche im Ringen um die wahre Christologie
Hinter dem Begriff „Christologie" verbirgt sich die Frage, wer der Zimmermannssohn Jesus aus Nazareth eigentlich war, der als Wanderprediger die Nähe des Gottesreiches verkündete und die Menschen zur Umkehr rief. Diese Frage lässt der Evangelist Matthäus sogar Jesus selbst stellen: „Für wen halten die Leute den Sohn des Menschen?" Darauf seine Jünger: „Etliche für (den wieder erstandenen) Johannes den Täufer, andere für Elia, noch andere für Jeremia oder einen der Propheten." Auf seine Frage, für wen ihn seine Jünger halten, antwortet Simon Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (vgl. Mt 16, 13 ff., Zürcher Bibel). Petrus und andere sehen in ihm also den von Juden erwarteten Messias (griech. Christos). Aber was heißt das genau? Wie gehört dieser Christus auf die Seite Gottes? Er ist, schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom, nach dem Fleisch (der Sarx) aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen, nach dem Geist (Pneuma) der Heiligkeit hingegen ist er seit der Auferstehung von den Toten zum Gottessohn eingesetzt (Röm 1, 3-4). So glaubten viele, dass sich der Geist Gottes in Jesus verkörpert habe, und Paulus stellt im zweiten Brief an die Korinther fest: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst" (5, 19).
Mit solchen Vorstellungen und Formulierungen rückte der Christus Jesus immer näher an Gott. Der zweite Klemensbrief (um 140) beginnt mit der Forderung: „Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott..." (l, 1). Die Gedanken von der „Gottheit" Jesu und von der Menschwerdung Gottes bewegten fortan die Theologen, und es bedurfte durchaus der Klärung, wie dabei Gott und Mensch, „Vater" und„ Sohn" zusammengehören, sich in ihrem Wesen unterscheiden - oder auch nicht, wie „Geist" und „Fleisch" beim Erlöser aufeinander zu beziehen sind und was es bedeutet, dass der Logos ins Fleisch kam, Mensch wurde (Joh 1, 14), Viele Fragen also und entsprechend viele Antworten, die immer detaillierter und mit der Zeit auch spitzfindiger wurden, um dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christo Jesu auf die Spur zu kommen.
Die Vielfalt der christologischen Konzeptionen beginnt bereits im Neuen Testament, wie an Paulus, am Johannes-Evangelium und an den anderen Evangelien deutlich wird; hierbei beginnen auch schon die Auseinandersetzungen mit bestimmten Vorstellungen über Jesus Christus. Es gab aber zunächst noch keine zentrale Instanz für die Festlegung der „richtigen" Lehre, und so liefen unterschiedliche Ansichten, wozu auch die gnostischen gehörten, nebeneinander her, bis sich die Großkirche herausbildete und sich vom Ende des 2. Jahrhunderts an die Institution Kirche immer deutlicher und systematischer von den „Irrlehren", namentlich von der gnostischen „Häresie", abgrenzte (vgl. Irenäus! ). Das forderte dann auch die Gegenreaktion und Polemik der Gnostiker im zunehmenden Maße heraus. Diese Kontroversen, die ja auch innerkirchlich vehement entbrannten, sind für den Prozess der Herausbildung unterschiedlicher Positionen in der Christologie besonders kennzeichnend und zogen sich über Jahrhunderte hin.
Zu den wichtigsten Christologien, um die es im frühen Christentum ging, zählen vor allem folgende Typen:
- die Logos-Christologie
(Joh 1,14; Christus als der Logos, dem „Vater" untergeordnet: Hirt des Hermas)
- die Pneuma-Christologien
(in mehreren Varianten: das göttliche Pneuma verbindet sich mit Jesus; 2. Klemensbrief 9, 5: der Erlöser Christus war zuerst Geist und ist Fleisch geworden; 1. Timotheus 3, 16: „Er ist offenbart im Fleisch, als gerecht erwiesen im Geist, erschienen den Engeln ..."; oder: der göttliche Erlöser zieht das Fleisch an, das Fleisch ist das Kleid des Pneuma)
- die Inkarnationschristologie
(Christus ist voll und ganz Mensch geworden, z. B. bei Irenäus, der die Einheit der beiden Naturen besonders betont, Kap. 111, 16 ff. )
- die Engel-Christologie
(das in Jesus erschienene Geistwesen = ein Engel; judenchristliche Vorstellung)
- die Erhöhungschristologie
(z. B. Phil 2, 9; vgl. Koran Sure 4, 158)
- die Weisheitschristologie
(Christus als die Weisheit = Sophia; vgl. 1. Kor 1, 24.30)
- die Christologie des Doketismus
(Christus als Scheinleib; scheinbares Leiden des Erlösers; z. B. bei Satornil).

Diese und weitere Christologien begegnen in den frühchristlichen Schriften in vielen Variationen. Sie unterscheiden sich zum Teil nur unerheblich, zum Teil aber wesentlich und von ihrem theologischen Ansatz her. Daraus entwickelten sich allmählich christologische Richtungen und dogmatische „Parteien" wie die Monarchianer (Christus ist eine Erscheinungsweise Gottes), die in der Logoschristologie die Einheit Gottes gefährdet sahen. Zu dieser Gruppe der Monarchianer gehören die Dynamisten oder Adoptianer (Jesus wurde von göttlicher Kraft/göttlichem Geist erfüllt und von Gott adoptiert) und die Modalisten, auch Patripassianer genannt (Gott geht in Jesus ein, erduldet Leiden und Tod!). Irenäus versuchte, die Diskrepanzen zwischen Logoschristologie und Inkarnationschristologie zu überbrücken und beides zu verbinden. Er wandte sich deshalb entschieden gegen die Trennung von Christus und Jesus (Buch IV, Vorrede).
Von den großen dogmatischen Schulen sind die antiochenische und die alexandrinische Schule hervorzuheben. Während erstere die menschliche Natur des Erlösers betont, von der Scheidung von Gott und Mensch ausgeht und schließlich bei zwei Naturen oder zwei Wesenheiten des Erlösers ankommt (das Fleisch ist leidensfähig, der Logos leidensunfähig), betonen die Alexandriner die göttliche Natur des Erlösers, in die die menschliche Natur eingeht und in der sie aufgeht, so dass die Gottheit Christi voll gewahrt bleibt. Damit sind die Ausgangspositionen für die weit reichenden Streitigkeiten um Wesen und Natur des göttlichen Erlösers schon markiert. Die Monophysiten werden auf der einen göttlichen Natur Christi bestehen, die Dyophysiten - wie der Name besagt - von zwei Naturen ausgehen. Auch die Gnostiker benutzen weithin die Zwei-Naturen-Lehre, wenn auch mit anderem Akzent. Von ihnen war sie ja ursprünglich ausgegangen.
Alle diese christologischen Konzeptionen, Richtungen und Schulen zeigen an, welche großen Anstrengungen von den Theologen unternommen wurden, um das Verhältnis der Gottheit und Menschheit Christi näher zu bestimmen und festzulegen. Das führte in der Folgezeit häufig zu dramatischen Auseinandersetzungen und Kämpfen wie im arianischen Streit im 4. Jahrhundert. Arius behauptete, der von Gott geschaffene Logos/Christus sei dem Wesen Gottes unähnlich (griech. anhomoios). Dagegen wurde auf der Synode von Nicäa im Jahre 325 entschieden, dass Vater und Sohn wesenseins (griech. homoousios) sind. Auf der Synode von Alexandria (362) wurde das homoousios als „wesensgleich" interpretiert. Im fünften Jahrhundert kam es zu dem christologischen Streit zwischen Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel, und Cyrill, dem Patriarchen von Alexandria. Ausgehend von Ansichten der antiochenischen Schule (s.o.) wandte sich Nestorius gegen die Bezeichnung „Gottesgebärerin" für Maria und befürwortete „Christusgebärerin". Nestorius wurde auf der Synode von Ephesus 431 exkommuniziert. In die anhaltenden dogmatischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Konstantinopel und Alexandria, in die auch Kaiser und Papst verwickelt waren, brachte die Synode von Chalcedon 451 eine gewisse Beruhigung durch eine Kompromissformel, freilich unter kaiserlichem Druck: Christus ist vollkommener Gott und vollkommener Mensch in zwei Naturen, unvermischt und ungetrennt. Die Monophysiten erlangten gleichwohl in Ägypten, Syrien, Palästina und Armenien noch großen Einfluss und bestimmten die Kirchengeschichte entscheidend mit.
Jahrhundertelang ging es somit um die Variationen eines einzigen Themas - wie sich Gott und Mensch, Geist und Fleisch in der Person des Erlösers zueinander verhalten. Darüber wurden heftige Kämpfe, vor allem auf Synoden, ausgefochten, wobei auch Politik und Macht im Spiel war, und nicht selten kam es zu Verketzerungen, deren Opfer auch die Gnostiker wurden.
Doch ist gerade ihr Anteil an den christologischen Klärungsversuchen nicht unerheblich. Sofern sie als christliche Gnostiker oder gnostische Christen Jesus Christus als den himmlischen Offenbarer, Erwecker und Heiland annahmen, mussten auch sie die Fragen nach dem Verhältnis des transkosmischen, transhistorischen Erlösers zum irdischen, geschichtlichen Jesus, von Geistnatur und Fleischesleib beantworten. Aus der Fülle ihrer weitgefächerten Antworten greifen wir vor allem jene heraus, die im Sinne einer gnostischen Problembewältigung besondere Beachtung verdienen, und demonstrieren das an Originaltexten. Was die Kirchenväter und Häresiologen über die christologischen Konzeptionen von gnostischen Theologen wie Satornil, Kerinth, Basilides und Valentinus berichten, ist in Abschnitt 6, 2-4 nachzulesen.