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Die Gnosis von Prof Kurt Rudolph


Aus >Die Gnosis" von Kurt Rudolph<
(Uni-Taschenbücher ISBN 3-8252-1577-6)

Die Christusgestalt in der Gnosis. (Seite 163)

Es ist schon davon die Rede gewesen, dass die gnostische Erlöserlehre offensichtlich unabhängig vom Christentum entstanden ist, gleichzeitig aber in vielen Systemen bzw. Schriften die Christusgestalt vorhanden ist. Verschiedene Untersuchungen an Hand der neuen Texte haben mit ziemlicher Sicherheit ergeben, dass in mehreren Fällen Christus erst sekundär in den Kontext eingebaut worden ist (so etwa in der Geheimschrift des Johannes, der Weisheit des Jesus Christus u.a) Dies erfolgte einmal dadurch, daß die Schrift als eine Offenbaren des erhöhten Christus an seine Jünger dargestellt wurde, unter Benutzung eines Dialogschemas, nach dem die meist unwissenden Jünger sich von ihrem Herrn durch Fragen über die Geheimnisse der gnostischen Lehren unterrichten lassen, zum anderen durch Gleichsetzung der Christusgestalt mit einem der vornehmsten Lichtwesen, in erster Linie mit dem «Sohn. Des Urvaters, der zugleich der erste Offenbarer oder Erlöser ist d. h., Christus wurde zu einem wichtigen Glied des gnostischen Pleromas und der Soteriologie. Dieser Vorgang hatte natürlich mehrere Konsequenzen, zunächst für die gnostische Lehre selbst, dann für die Vorstellung von Christus, d. h. die Christologie, und schließlich für die offizielle christliche Theologie überhaupt, sei es in positiver oder negativer Hinsicht. Wie wir feststellten, besteht die gnostische Soteriologie vorallem aus zwei Teilen, der Uroffenbarung und der fortlaufenden Offenbarung. Beide wurden auch auf Christus übertragen, wie wir bereits an einigen Zeugnissen gesehen haben. Auch das Neue Testament gibt uns dafür Beispiele an die Hand, die zu den frühesten Belegen für diesen bemerkenswerten zweiseitigen Vorgang gehören, nämlich einerseits der Christianisierung gnostischer Vorstellungen, andererseits der Gnostisierung christlicher Auffassungen. Für die Lehre von der Uroffenbarung sei an den Eingang des Johannesevangeliums erinnert, ( Joh. 1,1-5,9-12) wo der «Logos» einen gnostischen Hintergrund zeigt und wohl auch aus einem gnostischen Lied stammt. Auch der Christushymnus im Philipperbrief (Phil. 2,6-8) gehört in diese Kategorie. Gleichzeitig ist der Gedanke der kontinuierlichen Erlösertätigkeit notwendigerweise damit verbunden worden, indem die Christusoffenbarung entweder als Schlußstein aller Erlösungstätigkeit dargestellt wird oder von der Urzeit überhaupt in die «Mitte der Zeit» versetzt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt sind etwa die Lehre vom «Geist der Wahrheit» oder «Tröster» (Paraklet) im gleichen Johannesevangelium zu betrachten, oder die Hymnen im Kolosserbrief (Kol. 1,15-20. 2;1-15) auch im Hebräerbrief finden sich Züge der fortschreitenden Offenbarung in Verbindung mit dem nach der «Ruhe» suchenden Gottesvolk, wie es in den gnostischen Texten vom «wahren> oder «vollkommenen Geschlecht> der Fall ist.

Die frühchristliche Christologie im Verhältnis zur gnostischen. (Seite174,175)
Nun hat sich bei einer Beurteilung der gnostischen «Scheinleibvorstellung» immer wieder nachteilig ausgewirkt, daß man sie viel zu sehr im Lichte der späteren kirchlichen Christologie betrachtete und dadurch den Gegensatz von gnostischer christlicher Auffassung in den Vordergrund stellte. Eine historischen Betrachtung führt jedoch zu einem anderen Bild. Schon Adolf von Harnack hat in seinem « der Dogmengeschichte» wiederholt darauf hingewiesen, daß man in den christlichen Gemeinden bis in das 2. Jahrhundert hinein an dem gnostischen Doketismus vielfach gar keinen Anstoß genommen hat, da man selbst in der Christologie einen <naiven Doketismus> vertrat. Erst in der Auseinandersetzung mit dem Gnostizismus wurde dieser zunehmend beseitigt und durch eine komplizierte Zweinaturenlehre ersetzt. Wenn im Ur-und Frühchristentum überhaupt über das Verhältnis von Gott und Mensch in Christus näher reflektiert wurde, dann in der Hauptsache in zweierlei Weise.
Entweder galt Jesus als ein von Gott auserwählter Mensch, der mit Gottes
Geist ausgestattet war und am Ende seiner Laufbahn von Gott an Sohnes Statt angenommen («adoptiert>) und entsprechend zur Rechten Gottes eingesetzt wurde (die sogenannte <adoptianische Christologie>), oder, um mit Harnack zu sprechen, «Jesus galt als ein himmlisches Geistwesen (respektive das höchste himmlische Geistwesen nach Gott, der <zweite Gott>, der aber eine Einheit mit Gott bildete), welches, älter als die Welt, Fleisch angenommen
hat und nach Vollendung seines Werkes auf Erden wieder in den Himmel
zurückgekehrt ist (pneumatische oder besser Hypostasen-Christologie).» Der
zweite Typ, die sogenannte <Geist-(Pneuma-) Christologie> ist, da bei ihr
meist noch nicht näher über die körperlich-menschliche Seite nachgedacht
wurde, im Grunde genommen eine dem doketischen Verständnis nahe Vorstellung.
Besser gesagt: der Doketismus ist nur eine Variante der
<Pneuma-Christologie>. Für beide ist Christus ein zeitweise mit Fleisch
bekleidetes, d. h. in Menschengestalt erschienenes himmlisch-göttliches
Wesen (sei es als Geist oder als Engel) Harnack hat diese Form mit Recht
eine <mythologische Urwandlung> genannt.
Es nimmt daher nicht wunder, wenn zwischen «gnostischer» und «christlicher> Christologie kein so tiefer Graben besteht, wie man - vor allem in der
jüngeren theologischen Forschung - immer wieder behauptet hat. Schon Paulus rechnet nur noch mit dem <auferstandenen>, d. h. zu Gott zurückgekehrten himmlischen präexistenten Christus; der irdische Christus hat für ihn keine Bedeutung mehr. Noch näher steht die johanneische Anschauung von Christus der gnostischen: Nicht seine irdische Erscheinung (Vorfindlichkeit) ist das entscheidende, sondern seine himmlische, nichtwelthafte Herkunft, die allein der Glaube wahrnehmen kann. Daß er ins Fleisch gekommen ist, heißt nur soviel, daß er in die irdisch - menschliche Sphäre eingegangen ist, wie es auch die Gnosis vom Erlöser annimmt. Aber der <fleischliche Christus> ist nicht der wahre, sondern der nichtfleischliche, der der Herrlichkeit, der Logos. Dieser Dualismus der beiden Sehweisen, nämlich der des Weltmenschen (illustriert an dem Verhalten der Juden) und der des Gläubigen, entspricht ganz gnostischen Ansichten. Man kann diese Christologie, die völlig in den johanneischen Licht-Finsternis-Dualismus eingebaut ist, zwar nicht als eine ausgesprochen doketische bezeichnen, aber durch die in ihr
zum Ausdruck gebrachte Distanz zur Welt steht sie dieser sehr nahe;
keinesfalls ist sie, wie üblicherweise behauptet wird, «antidoketisch». Das
Johannesevangelium zeigt sehr deutlich, wie die Grenzen zwischen
urchristlicher und gnostischer Auffassung in diesem Punkt fließend sind; es
ist, wie kürzlich wieder gezeigt wurde, «das erste uns ausführlicher
bekannte System einer Gnosis, die sich christliche Tradition adaptiert. Sein
Offenbarer, wie ihn der Glaubende sieht, «ist ohne Einschränkung ein
gnostischer Offenbarer zu nennen. Johannes zeichnet diesen Offenbarer Jesus ausschließlich in bezug zu den Polen eines gnostischen Dualismus: in
Bestimmungen seines Verhältnisses zum Vater und zur Welt.> Wir können diese Entwicklung hier nicht weiter verfolgen, aber noch der große alexandrinische Theologe Clemens hat doketische Auffassungen gehegt, die zu seiner Zeit keinesfalls als ausgesprochen ketzerisch galten.

Das Leiden Christi bei den Gnostikern. (Seite 178)
Es gab also gnostische Richtungen, die dem Leiden Christi (einschließlich seines Kreuzestodes) einen Heilswert beimaßen und es nicht leugneten oder rein symbolisch auffaßten. Inwieweit dies auf eine Anpassung an die breite, aber eben nicht einheitliche christliche Gemeinde zurückgeht, läßt sich schwer ausmachen. Man muß davon ausgehen, dass auch die Gnostiker sehr verschiedene Meinungen in einer Frage hegten, die im gesamten Christentum noch neu und umstritten war. Jedenfalls war ihr Anteil an der Entwicklung der Christologie erheblich, sowohl im negativen, abgrenzenden, als auch im positiven, weiterführenden Sinne. Daher hatte Harnack nicht ganz unrecht, wenn er einst schrieb: Nicht der Doketismus (im strengen Sinn) ist das Charakteristische der gnostischen Christologie, sondern die Zwei-Naturenlehre d.h. die Unterscheidung zwischen Jesus und Christus, rep. die Lehre, dass der Erlöser als Erlöser nicht Mensch gewesen ist. Das heißt, er war in erster Linie ein himmlisches Wesen, so wie es der gnostischen Soteriologie von Haus aus eigen war, und dieses war nun einmal unsterblich. Insofern ist der Doketismus natürlich der gemäße Ausdruck gnostischer Erlösungshoffnung.

Das Zeugnis des Neuen Testamentes (Seite 321,322)
Wir sind für die Frühzeit der Gnosis bisher den Kirchenväterquellen gefolgt. Sie geben uns aber nur ein recht bruchstückhaftes Bild. Eine erst in der modernen Forschung mehr und mehr erschlossene Quelle sind die neutestamentlichen Schriften, jene im Laufe des 2. und 3. Jahrhunderts - teilweise in Auseinandersetzung mit der Gnosis dieser Zeit - zu allgemeiner Anerkennung gelangten frühchristlichen Zeugnisse. In einer Reihe von diesen lassen sich auf zweierlei Ebenen wichtige Schlüsse für die frühe Gnosis, vor allem für deren im Entstehen begriffene christliche Spielart ziehen: einmal durch das Vorhandensein gnostischer Elemente in den Texten selbst, das heiße in ihren inhaltlichen Aussagen, zum anderen in der Polemik gegen gnostische Lehren bzw. Gemeinden. Im einzelnen sind die Ansichten gerade auf diesem Gebiet noch sehr geteilt, aber unter den kritischen Forschern ist die Sachlage prinzipiell längst geklärt. Den bahnbrechenden Beitrag haben Rudolf Bultmann und seine Schule geliefert. Der Prozeß, der aus dem Neuen Testament selbst anschaulich wird, ist ein zweiseitiger, nämlich der einer Christianisierung der Gnosis und der einer Gnostisierung des Christentums. Das Ergebnis beider Vorgänge ist die Kanonisierung des Christentums zu einer rechtgläubigen Kirche einerseits und die Ausscheidung des Gnostizismus als einer Häresie andererseits. Die Gnosis, wie sie uns im Neuen Testament entgegentritt, wird dabei weniger als eine fremde, heidnische Religion verstanden, «vielmehr wird sie nur so weit in den Blick gefaßt, als sie eine innerchristliche Er s c h e i n u n g ist. Die Gnostiker fühlen sich als Christen und treten in den jungen christlichen Gemeinden als solche auf. Es ist also eine Gefahr mehr von innen als von außen, vor der schon Paulus gewarnt haben soll. Daraus ergibt sich, daß offenbar schon das vorpaulinische hellenistische Christentum, wie es sich in den palästinischen, syrischen und kleinasiatischen Küstenstädten (besonders in Antiochia) herausgebildet hatte, mit der Gnosis in Berührung gekommen war, und zwar allem Anschein nach durch die Vermittlung eines bereits hellenistisch gnostischen Judentums, wie wir es als Ausgangspunkt der Gnosis in der gleichen geographischen Zone angenommen haben. So setzt sich in diesem Raum die Geschichte der Gnosis durch eine Symbiose mit dem Christentum fort und erhält damit im weiteren Verlauf eine weltweite Ausbreitung (Alexandria; Rom), die zur Voraussetzung der hochgnostischen Systeme des 2. und 3. Jahrhunderts gehört.


Eine Zentralgestalt für diese Entwicklung ist offenbar der Apostel Paulus gewesen, ein jüdischer Handwerker aus Tarsus in Kilikien, um 3o (33) zum christlichen Glauben bekehrt, den er erst als Vertreter des strenggläubigen (pharisäischen) Judentums bekämpft hatte. Er entwickelte sich zum erfolgreichsten frühchristlichen Missionar und Theologen. Sein Ende ist unbekannt, wahrscheinlich starb er um 60 in Rom eines gewaltsamen Todes. Seine (echten) Briefe, die er zwischen 4I und 52 verfaßt hat, enthalten wiederholt eine leidenschaftliche Frontstellung gegen falsche Lehrmeinungen, die sich in den meist von ihm gegründeten Gemeinden breitmachten und zu denen auch gnostische gehörten. Am deutlichsten ist dies in Korinth der Fall gewesen, wo Paulus um 4I eine Gemeinde gegründet hatte, an die er später (ca. 49/50) die beiden berühmten Briefe schrieb (sie sind genauer besehen eine Briefsammlung). Aus der Polemik geht die gnostische Herkunft der Gegner deutlid1 hervor. Es sind Pneumatiker und «Vollkommene», die auf ihre «Erkenntnis< stolz sind und denen «alles erlaubt ist>; daher schauen sie auf die «Schwachen» herab. Als Geistbesitzer haben sie schon die Auferstehung. Die Gemeindeversammlung wird zu einer Demonstration gnostischer Geistbesessenheit, Frauen sind dabei aktiv. Das Abendmahl wird zu einem Sättigungsmahl degradiert. Man läßt sich für die Toten taufen. Der irdische Jesus wird offenbar zugunsten des himmlischen Christus verachtet, was später auch von den sogenannten Ophiten berichtet wird. Das gnostische Freiheitsverständnis scheine die Gemeinde des Paulus zerrüttet zu haben. Die jüdische Herkunft dieser «Apostel» wird ausdrücklich festgehalten.. Außer in Korinth hat es offenbar auch in anderen Paulinischen Gemeinden ähnliche Verhältnisse gegeben, die auf gnostische Propaganda zurückgehen, etwa in Thessalonich (heute Saloniki), Philippi (Mazedonien), Kolossae und Ephesus (in den beiden letzteren allerdings erst nach Paulus). Daran scheint aber Paulus selbst nicht ganz unschuldig zu sein, denn auch seine eigenen Auffassungen sind nicht frei von Anklängen an gnostische Lehren, und noch spätere Gnostiker haben sich häufig auf ihn als Zeugen berufen (worauf die Apostelgeschichte schon anspielen). Er kennt die Gegensätze von Psychikern und Pneumatikern; letztere sind eine neue Schöpfung, die an der Herrlichkeit Anteil habend und frei vom Gesetz sind. Fleisch und Geist sind wie Finsternis und Licht unüberbrückbare Gegensätze. Diese Welt als gefallene Schöpfung wird vom Satan und von dämonischen Mächten regiert. Auch das jüdische Gesetz stammt nur von Engelmächten. Eine weltablehnende Haltung dominiert daher, und die Ehe wird als Gefahr angesehen. Der Fall Adams brachte Sünde und Tod über die Welt, und die Menschheit ist seitdem dem irdisch-psychischen Seinbereich verfallen. Erst die Erlösung durch Christus brachte die Wende und ermöglichte eine neue Menschheit des Geistes.» Der Erlöser ist für Paulus ein himmlisches Wesen, das unerkannt herabgekommen ist und wieder zu Gott zurückkehrt. Allein dieser geistige Christus ist entscheidend, nicht der «fleischliche». Er befreie von den dämonischen Mächten und der Weltverfallenheit, die seit Adam herrscht. Die Erlösten sind mit ihm in einem «Leibe>> verbunden, im Gegensatz zu der unerlösten adamitischen Menschheit. Die Einheit der dadurch geschaffenen Heilsgemeinde, der Kirche, ist eine übervölkische, die vom Geist beherrscht ist. Diese an Geist und Gnadengaben (Charismen) orientierte Gemeindeidee ist gerade in der christlichen Gnosis noch vertreten worden, als sie in der Großkirche nicht mehr aktuell war. Neben dem Glauben steht die Erkenntnis der Heilswahrheiten. Der christliche Pneumatiker hat «Freiheit» und «Macht>, ist allerdings durch Liebe und Gehorsam gebunden. So ist bei Paulus offenbar aus dem Erbe des hellenistischen Christentums und aus eigener Erfahrung ein Schuß gnostischer Begrifflichkeit und Vorstellungswelt zu finden, was ihn auch für die Geschichte der Gnosis interessant macht; er gehört mit zu ihr, nicht nur als ein Gegner. Vornehmlich durch ihn wurde das Christentum zu einer spätantiken Erlösungsreligion, woran die Gnosis nicht unbeteiligt gewesen ist.

Die Christologie (Seite 400)
Die christliche Theologie hat gegenüber der gnostischen Herausforderung an
der Einheit von Schöpfer- und Erlösergott festgehalten und dadurch ein
entscheidendes Band der jüdisch-christlischen Heilsgeschichte bewahrt. Aber
die Probleme waren dadurch nicht aus der Welt geschafft. Dies zeigt sich
nicht nur in der Erörterung von Schöpfung und Kosmos, sondern auch auf dem Gebiet der Christologie. Bekanntlich hatte die gnostische Soteriologie
durch Aufnahme der historischen Erlösergestalt Jesu ihren Dualismus auch auf diese übertragen und zwar zum sogenannten Doketismus gelangt. Wir hatten bereits bei der Behandlung dieses Themas darauf aufmerksam gemacht, dass sich die offizielle christliche Theologie zunächst vergeblich anstrengte, klare Grenzen zu ziehen, weil auch sie eine Dualität von irdischem Jesus und himmlischen Christus (Logos), von Dulder und Erlöser, Menschheit und Gottheit eingeführt hatte. Die altchristlichen Väter, voran Irenäus und Tertullian, haben sich redlich Mühe gegeben, hier Formen zu finden, die die eingerissene Aufspaltung des einen Jesus Christus im nichtgnostischen Sinne verstehbar machen. Gelungen ist es ihnen strenggenommen nicht. Schon Harnack mußte feststellen: <Wer kann behaupten, dass die Kirche die gnostische Zwei-Naturen-Lehre, ja auch den valentinianischen Doketismus je überwunden habe? > Auch die späteren Konzilien, die die christologischen Probleme in komplizierten, heute kaum noch verständlichen Festlegungen zur Sprache brachten, haben dies nicht vermocht; die Einheit der Kirche ist gerade daran zerbrochen. So hat also die Gnosis ein Problem aufgeworfen, das mit den Kategorien des antiken Dualismus nicht voll anders zu lösen war, als sie es, wenn auch teilweise in recht extremer Formulierung, vortrug. Es ist vielleicht vergessen worden, dass es gerade gnostische Theologen waren, die Christus als dem Vater <wesensgleich> auffaßten, bevor die kirchliche Theologie dies zum Grundsatz erhob, um seine volle Göttlichkeit zu wahren. Mit dem Ausscheiden der gnostischen Christologie ist zwar die radikale Form der altchristlichen Christusvorstellung beseitigt worden, nicht aber die Konsequenzen, die ihr zugrunde lagen.