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Der religionsgeschichtliche Standort - Exkurs: Die


Die Gnosis
Der religionsgeschichtliche Standort -

http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/02evan/nt44.htm

A. Das heterodoxe Judentum
B. Jüdisch eingefärbte Gnosis

1. Was ist Gnosis
a. Der parasitäre Charakter der Gnosisb. Die Ausgangsfrage der Gnosis
c. Offenbarung

2. Gemeinsame Grundzüge der Gnosisa. Die beiden Welten

(1) Der Dualismus Platons

(2) Der gnostische Dualismus

(3) Der gnostische Dualismus in der christlichen Gnosis
b. Der Mensch in dieser Welt
c. Der göttliche Offenbarer

(1) Personifikation der Offenbarung

(2) Zwischen Ostern und Himmelfahrt

(3) Doketismus
d. Der Vorgang der Erlösung
e. Die Erlösten
f. Gnostische Gemeinschaften
g. gnostischer Gottesdienst

(1) Wortgottesdienste

(2) Trotzdem gnostischer Kult

(3) Ein Heiliges Mahl

(4) Ölritus und Taufe

(5) Der Ritus des Brautgemachs

3. Die Gnosis und die Kirchenvätera. Verdorbenheitb. Der schlechte Ursprung
(1) Die Rückführung auf Simon Magus
(2) Der Apostolische Anspruch der Gnostiker

4. Die Anziehungskraft der Gnosisa. Das Angebot des Mehrwissensb. Die weitgehende Freiheit
c. Gnosis und Ethik
d. Die Gnosis und die Frauen

5. Die jüdisch eingefärbte Gnosis und das Johannes-Evangelium

AnmerkungenVersuchen wir nun, bevor wir auf die eigentlichen theologischen Grundlinien des Evangeliums zu sprechen kommen, das geistes- und religionsgeschichtliche Umfeld der johanneischen Schrift näher in den Blick zu bekommen.

Ich habe gerade eben ja betont, dass die johanneische Schule darauf bedacht war, sich nach außen hin von anderen Strömungen abzugrenzen. Wir befinden uns mit dem Johannes-Evangelium demnach bereits in einem Umfeld und in einer Zeit, in der das Christentum verstärkt mit solchen anderen religionsgeschichtlichen Strömungen konfrontiert wurde.

Für die Interpretation des Textes ist es nun wichtig, das Johannes-Evangelium nicht nur in die Geschichte des Urchristentums und seiner Tradition einzubetten, sondern auch den religionsgeschichtlichen Standort des Johannes-Evangeliums zu eruieren.

Die Ergebnisse dieser teilweise sehr diffizilen Untersuchungen sind äußerst vielfältig, ja sogar verwirrend. Man hat versucht Zusammenhänge und Beziehungen des Johannesenvangeliums
zum jüdischen Hellenismus,
zum pharisäisch-rabbinischen Judentum
und zum heterodoxen Judentum herzustellen.

Darüber hinaus die Hermetik,
die Gnosis
und noch manches andere zu Rate zu ziehen.Zwei Stränge verdienen hier besondere Beachtung:

A. Das heterodoxe Judentum

Zum einen ist dies das sogenannte heterodoxe Judentum. Damit meint man ein eigenartiges Zwittergebilde. Die Reste der palästinischen Urgemeinde, die nach dem jüdischen Krieg die Verbindung zur nun ja heidenchristlichen Großkirche verloren hatten und auch keinen rechten Anschluss an judenchristliche Gemeinden fanden, führten nun ein regelrechtes Eigenleben. Dies ging soweit, dass die Verbindung dieser halb christlich halb jüdischen Gruppen zur Kirche um 100 n. Chr. ganz abgebrochen wurde. Die Kirche kümmert sich nicht mehr um jenes Judentum und auch die orthodoxe Synagoge tat ein gleiches. So stand diese Form des Judentums, das den Sprung zu Christus nicht ganz geschafft hat, nun zwischen allen Stühlen.

Dieses sogenannte heterodoxen Judentum hat ein ganz eigenes Schrifttum hervorgebracht. Wir finden eigene Evangelien, die uns in Auszügen vorliegen, das sogennante "Nazarener-Evangelium" oder das "Ebionäer-Evangelium. Auch ein "Hebräer-Evangelium" ist auszugsweise bekannt.

Grundsätzlich ist in diesen Schriften festzustellen, dass für die jeweiligen Verfasser Jesus zwar der Messias war, dass er aber eigentlich unter die Propheten eingereiht wird. Durch die Taufe im Jordan wird er von Gott zum Messias geweiht. Er war wirklicher Sohn der Maria und des Josef.

Durch seine Weihe war er nun mit einer Kraft ausgestattet, die sich jedoch vor seinem Tod wieder zurückzog. So erleidet Jesus lediglich das Geschick des verfolgten Gerechten oder Propheten. Der Tod am Kreuz hat damit keine heilsvermittelnde Wirkung.

Diese heilsvermittelnde Wirkung hat im heterodoxen Judentum immer noch das Gesetz und ein übersteigertes Ritual, das in den Kult eingeführt wurde. Auch eine Auferstehung in unserem Sinne kannte man in diesen Kreisen wahrscheinlich nicht. Man kommt zum Leben mit Gott durch das Nachahmen des Rabbi Jesus.

Manche Stellen im Johannes-Evangelium scheinen nun in Auseinandersetzung mit solchen Tendenzen zu stehen und sich deutlich gegen dieses heterodoxe Judentum abzugrenzen.

B. Jüdisch eingefärbte Gnosis

Weit wichtiger noch als diese Abgrenzung zum heterodoxen Judentum scheint aber die Auseinandersetzung mit einer jüdisch eingefärbten Gnosis zu sein. Die Gnosis hat in Sprache und Ausdruck sehr stark auf das Johannes-Evangelium eingewirkt. Andererseits müht sich das Evangelium an vielen Stellen, sich gegen solche gnostische Strömungen abzusetzen.

Um diese Auseinandersetzung etwas verständlicher zu machen, möchte ich hier etwas weiter ausholen und zu erklären versuchen, was man sich unter der Gnosis genauerhin vorzustellen hat.

Dies kann allerdings nur mit allem Vorbehalt geschehen. Es gibt so viele Spielarten der Gnosis, dass es kaum möglich ist, die "Gnosis" zu charakterisieren. Einige Linien möchte ich dennoch ausziehen.

1. Was ist Gnosis

Der Begriff Gnosis stammt vom griechischen Wort ["gnosis"], das soviel bedeutet wie "Erkenntnis". Erkenntnis ist auch das zentrale Anliegen dieser religiösen Bewegung.

Wir haben es hier mit einer allgemein verbreiteten, also auch außerchristlich anzutreffenden spätantiken Strömung zu tun. Ihre Blütezeit hat die Gnosis im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., aber sie spielt bereits im 1. nachchristlichen Jahrhundert eine große Rolle. Insbesondere das Johannes-Evangelium macht dies ja deutlich.

a. Der parasitäre Charakter der Gnosis

Die Gnosis hat dabei so etwas wie einen parasitären Charakter. Sie ist ein Gedankengebäude, das anscheinend nicht alleine bestehen kann. Sie hängt sich an bestehende Ideen an und geht eine Verbindung mit ihnen ein. So gibt es - wie eben erwähnt - beispielsweise auch eine jüdische Gnosis. Die Gnosis braucht also ein Substrat, um das herum sie ihre Spekulationen entwickelt.

Dementsprechend kam es auch zu einer Verbindung gnostischen Gedankengutes mit dem Christentum. Es entwickelte sich eine christlich-gnostische Verkündigung; eine der vielen Spielarten der Gnosis eben.

b. Die Ausgangsfrage der Gnosis

Wie angedeutet ist das zentrale Anliegen der Gnosis die Erkenntnis. Auf dem Weg der Erkenntnis wird dem Menschen nämlich Erlösung zuteil.

Dabei geht es der Gnosis nicht um eine intellektuelle Erkenntnis ganzheitlicher Vorgänge. Das Objekt der Erkenntnis ist zuallererst der Mensch. Der Mensch erkennt sich in der Gnosis selbst, er erkennt seine Herkunft und Bedeutung. Dementsprechend lassen sich mit Klemens von Alexandrien die Grundfragen der Gnosis folgendermaßen umreißen:

"Wer waren wir? Was sind wir geworden?
Wo waren wir? Wohin sind wir geworfen?
Wohin eilen wir? Wovon werden wir befreit?
Was ist Geburt, und was ist Wiedergeburt?"

c. Offenbarung

Wichtig ist, dass dem Menschen die Antworten auf diese Fragen nicht einfach zukommen. Gnosis ist nicht einfach ein rational logisches Erkennen, man kann die Antworten auf diese Fragen nicht einfach selbst finden. Erkenntnis gewinnt man nur, wenn sie einem gegeben wird. Gnosis ist demnach ein offenbarendes Erkennen.

Dabei ist bedeutsam, dass die Erkenntnis zwar allen Menschen zugedacht ist, aber nicht bei allen ankommt. Sie ist demnach eine esoterische Erkenntnis, die nur einigen Auserwählten gegeben ist.

2. Gemeinsame Grundzüge der Gnosis

Die Gnosis kennt - wie bereits gesagt - eine Fülle verschiedener Ausprägungen. Die Gnosis gibt es demnach nicht. Wenn man die Gnosis beschreiben möchte, muss man sich daher zunächst bewusst machen, dass es eine ganze Reihe unterschiedlicher Schulrichtungen gibt. In diesen Schulen, die sich auch Kirchen nannten, wurden die einzelnen gnostischen Systeme entwickelt und weitergeführt. Wichtige Namen im Zusammenhang mit solchen gnostischen Schulen sind Valentinos und Basilides.

Die Gnosis als Phänomen ist daher nur sehr schwer zu fassen. Als gemeinsame Grundzüge lassen sich aber mit Einschränkungen folgende Wesensmerkmale herauskristallisieren:

a. Die beiden Welten

Einer der allgemeinen und fundamentalen Zusammenhänge aller gnostischen Systeme ist ein grundlegender Dualismus.

(1) Der Dualismus Platons

Bereits bei Platon begegnet uns ja solch ein Dualismus. Platon unterscheidet schließlich zwischen dem ["kósmos noætós"], der Welt der Ideen, und dem ["kósmos aísthætos"], der wahrnehmbaren, empirischen Welt.

Letztere ist aber ein Abbild der Ideenwelt, und damit wird bereits ein Unterschied zur Gnosis deutlich. Beide Welten hängen bei Platon nämlich durch eine Dynamik zusammen ("Urbild-Abbild-Theorie"). Bei Platon gibt es demnach keine radikale Trennung der beiden Welten voneinander und auch keine Ablehnung der wahrnehmbaren Welt.

Ein Wort Plotins aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. macht dies ganz besonders deutlich:

"Diese Welt ist so schön, dass es keine andere geben kann, die schöner wäre."

Das könnte ein Gnostiker so nie sagen.

(2) Der gnostische Dualismus

Der Dualismus der Gnositker ist nämlich ein ganz radikaler. Er geht von zwei widerstreitenden Prinzipen aus, die radikal entgegengesetzt sind. Gut und schön stehen gegen böse und finster, und zwar von Anfang an.

Demnach gibt es für den Gnostiker auch eine gute und eine böse Welt. Beide Welten sind radikal voneinander getrennt. Eine Harmonsierung im Sinne der platonischen Lehre vom Urbild und vom Abbild gelingt in der Gnosis nicht. Ganz im Gegenteil: zwischen beiden Welten besteht ein andauernder Kampf.

(3) Der gnostische Dualismus in der christlichen Gnosis

In der christlichen Ausprägung der Gnosis wird diese Radikalität jedoch nicht völlig übernommen. Die christliche Gnosis lässt die Welt ganz am Anfang noch eine Einheit sein. Dieser Zustand stellt eine Art Voranfang dar. Er geht auf ein göttliches Prinzip zurück, das allerdings noch nicht identisch mit unserem Gott ist. Dieser Voranfang hat einen letztlich gar nicht weiter bekannten Vorvater zum Urheber.


Die Einheit der Welt in ihrem Urzustand ist jedoch eigentlich bedeutungslos. Denn alsbald fiel ein Teil dieser Welt aus diesem monistischen Ursprung heraus. Ursache dafür war ein Kampf in dieser ersten, der göttlichen Welt, an dessen Ende ein Teil aus dem göttlichem Pleroma in freier Wahl diese Welt verließ.

Durch den daraus resultierenden Fall aus der ersten Welt, entsteht nun eine zweite, die sinnliche, irdische Welt, also eine von Anfang an gefallene Welt. Dies ist eine Vorstellung, die durch mehrere starke Aussagen auch die neutestamentliche Theologie geprägt hat.

Im Sinne der Gnosis ist die sinnliche Welt demnach etwas, was eigentlich gar nicht geplant war, etwas, was nicht hätte sein dürfen. Die zweite Welt ist also eigentlich ein

["mæ ón"], etwas, was nicht sein sollte. Daraus entspringt die durchweg antikosmische Haltung der Gnosis.

Während die erste Welt vom göttlichen ["plæroma"], also von der göttlichen Fülle umgeben ist, ist die zweite Welt eine von diesem göttlichen Raum völlig geschiedene Welt. Sie ist ursprünglich nichts anderes als eine Leere, ["kenotæs"].

Durch den Fall aus der ersten Welt gerieten nun aber Funken des Pleroma in diese Kenotes hinein. Teile aus der göttlichen Welt sind in die sinnliche Welt hineingefallen. Diese göttlichen Funken sind - so kann man wohl mit Einschränkungen sagen - die menschlichen Seelen.

Die aus der ersten Welt, aus dem Anfang in die Kenotes gefallenen Seelen sind nun zwar in der zweiten Welt anwesend, sie können aber in dieser Welt nicht heimisch werden. Sie sind gleichsam gefangen im Fleisch.

b. Der Mensch in dieser Welt

Der Mensch ist dementsprechend ein Funke aus der Welt des göttlichen Pleroma, der in der sichtbaren Welt gefangen ist. Er lebt wie betäubt in der Welt, trägt den göttlichen Funken in sich, weiß aber nichts davon. Er ist wie "Gold im Schmutz", wie "Lichtfünklein in der Finsternis" oder wie eine "Frau im Bordell".

Ganz deutlich wird diese Situation in den Tomasakten, und dort besonders im "Lied vom Prinzen und der Perle" dargestellt. Hier wird ein Prinz in das Land Ägypten gesandt, um eine wertvolle Perle zu rauben. Als dieser jedoch in Ägypten ankommt, vergisst er sowohl seine Herkunft als auch seinen Auftrag.

"Ich selber aber kleidete mich in Landestracht, um nicht fremd zu scheinen und verdächtigt zu werden, ja doch nur die Perle rauben zu wollen; oder gar die Schlange gegen mich zu reizen. Nicht aber weiß ich, wie sie doch erfuhren, dass ich nicht ihr Landsmann wäre. Denn sie mischten mir nun trügerische List. Und so aß ich dann von ihrer Speise und vergaß, dass ich einst Prinz gewesen. So ward ich ihres Königs Knecht. Auch die Perle hatte ich vergessen, worum meine Eltern mich geschickt hatten. Und durch die Schwere ihrer Speise sank ich hin in bleiernen Schlaf."

Betäubt und trunken, verschlafen, vergessend und unwissend lebt der Mensch in dieser Welt. Daraus resultieren Angst, Verlorensein und Herumirren oder - positiv ausgedrückt - Heimweh. Der Naasenerpsalm bringt diesen Zustand der Seele zum Ausdruck:

"Werdegesetz von allem war der erste Nous, der zweite nach dem ersten war das Chaos, ausgeschüttet. Als drittes nahm die Psyche das Gesetz der Arbeit. Drum ist sie wie der Hirsch ins Fell gehüllt. Gepackt von Todesangst hetzt sie dahin. Bald hat sie Raum, sieht Licht, bald weint ins Elend sie geworfen, bald lacht sie auf und weint doch schon. Bald weint sie auf und wird verdammt. Bald dann verdammt, fühlt sie das Sterben. Bald wird ihr Rückkehr. Die Unselige! Sie lief verwirrt ins Labyrinth."

Die Seele kann aus sich selbst heraus aber nicht mehr zurückfinden. Sie kann nicht allein in die göttliche Welt zurückgelangen. Dazu ist ein Offenbarer von Nöten, der die Seele gleichsam aus dem Schlaf wachrüttelt.

c. Der göttliche Offenbarer

Der göttliche Offenbarer befreit nun die Seele mit seinem Ruf aus der Welt. Er ist es, der aus dem Raum des göttlichen Pleroma kommt und dessen befreiender Ruf zur Gnosis, zur Erkenntnis führt. So fährt der Naasenerpsalm fort:

"Da sprach Jesus: "Schau doch, Vater! Als Beute des Bösen schweift's über die Erde, und doch von deinem Hauch gebildet, versucht's zu fliehen bitteres Chaos, und weiß doch nicht, wie durchzukommen. Aus diesem Grunde schick mich, Vater. Mit Siegeln will herab ich steigen, will jeden der Äonen überwandern, Mysterien, sie alle offen machen. Die Gottgestalten will ich alle weisen: Das Abgetretene des heiligen Weges, Gnosis rufend, will ich bereiten."

Es braucht also einen Offenbarer, der dem Menschen den Weg der Gnosis weist. Dieser gnostische Erlöser nimmt hier die Gestalt Jesu von Nazaret an. Und doch ist dies nicht der Jesus Christus, wie er uns im Christentum begegnet. Es ist ein anderer Christus, als der, den die Evangelien verkünden.

Wer ist also dieser gnostische Christus?

(1) Personifikation der Offenbarung

Während die Gnosis in einer anderen, rein mythischen Ausprägung, keine direkt personale Offenbarer-Gestalt zu benötigen scheint, wird die göttliche Offenbarung in der christlichen Gnosis ganz einfach mit der Person Jesu Christi gleichgesetzt. Der gnostische Christus ist nichts anderes als die Personifikation der göttlichen Offenbarung.

Wichtig ist dabei, dass die Geschichtlichkeit dieser Person im Grunde gar keine Rolle spielt. Sie darf eigentlich auch gar keine Bedeutung haben, denn sonst wäre der Erlöser ja wieder viel zu stark an diese Welt gebunden.

(2) Zwischen Ostern und Himmelfahrt

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass für die Gnosis das irdische Leben Jesu recht uninteressant ist. Eigentlich wichtig ist hier vor allem der Zeitraum zwischen Ostern und Himmelfahrt. Diese Zwischenzeit wird hauptsächlich von den gnostischen Texten beleuchtet. Nach gnostischer Auffassung hat genau in dieser Zeit der Erlöser in der Zwittergestalt des Da-Seins und Doch-nicht-da-Seins einem ausgesuchten Kreis seine Offenbarung gebracht.

(3) Doketismus

Da die Historizität Jesu Christi für die Gestalt des gnostischen Erlösers eher hinderlich als förderlich ist, tritt sie in manchen Spielarten der Gnosis so stark zurück, dass von ihr fast nichts mehr übrig bleibt. Es ist für die Gnosis ganz einfach nicht nachvollziehbar, dass es realiter eine Verbindung von Gott mit dieser wahrnehmbaren Welt geben soll. Bei der Menschwerdung Jesu Christi kann es sich; für diese Art der Gnosis, also auch nur um ein scheinbares Gleichwerden Gottes mit den Menschen gehandelt haben.

Dies sind die Wurzeln des sogenannten "Doketismus". Der Begriff kommt vom griechischen Wort ["dokein"], "scheinen". Christus zeigt sich zwar im Fleisch, er ist aber eigentlich gar kein "Fleischgewordener". Er scheint nur so. Demnach wird der Leib Jesu ganz als Scheinleib gedacht.

Gerade solche Aussagen sind Ansatzpunkte für die großkirchliche Kritik. Im 2. Jahrhundert n. Chr. reagiert die Kirche gerade in diese Richtung besonders antignostisch. Ignatius von Antiochien betont beispielsweise immer wieder ganz besonders, dass Jesus "wirklich ( ["alæthos"]) fleischgeworden" ist.

d. Der Vorgang der Erlösung

Selbstverständlich spielt in der Gnosis bei aller Ablehnung der Fleischlichkeit auch der Sühnetod Christi kaum eine Rolle. Die Erlösung vollzieht sich ja ganz durch die Offenbarung. Allein das befreiende Wort ist maßgebend.

Dieses befreiende Wort, und damit die Erkenntnis, gewinnt man in der Gnosis allerdings nicht auf die gleiche Art, wie man ansonsten zu Einsicht und Weisheit gelangt. So sagt Hippolyt:

"Es ist wahr, dass in den allgemein üblichen Wissenschaften, jeder, der nicht gelernt hat, auch keine Kenntnis besitzt. In Sachen Gnosis aber hat einer gelernt, sobald er nur gehört hat."

Demnach kann der Erkenntnisvorgang - nach Karl Suso Frank - auch mit den Worten umschrieben werden

"Und sogleich wurde mir schlagartig alles klar."

Dieser Ausdruck umreißt den Vorgang der Erlösung in der Gnosis wohl am Besten. Der Mensch erkennt auf einmal sowohl Gott, sein eigenes Ich, als auch die Verworfenheit der Welt. Gnosis bedeutet schlagartige Einsicht.

Die Tomasakten, das Perlenlied, drücken dies ganz nachhaltig aus. Wir haben oben ja bereits gesehen, dass der Königssohn aus dem Perlenlied in Ägypten ganz vergessen hatte, wer er eigentlich ist. Dabei steht Ägypten in diesen Texten übrigens immer für die verkommene Welt. Jetzt aber wird dem Prinzen durch einen Brief plötzlich die ganze Einsicht geschenkt.

"Auf, erhebe dich von deinem Schlaf und höre auf die Worte. Erinnere dich, dass du ein Königssohn bist. Erschaue die Verklärung; siehe, wem du dienst."

Das Wesentliche im Sinne der Gnosis ist demnach die Wiedererinnerung. Der Mensch muss sich daran erinnern, woher er eigentlich stammt und was er eigentlich ist. Es geht um die Wiedererinnerung an den Ursprung des Menschen im göttlichen Pleroma.

e. Die Erlösten

Ähnlich wie das beim Brief an den Prinzen im Perlenlied geschieht, so erwartet man die Wieder-Erinnerung in der Gnosis in der Regel von einem Anruf, von einem Wort.

Das Tomas- und das Philippus-Evangelium sind daher voll von Logien Jesu, von erlösenden Rufen des göttlichen Erlösers. Diese Evangelien bestehen eigentlich nur aus solchen Logien. Es sind richtiggehende Sammlungen einzelner Worte.

Jene Worte muss man nun hören und annehmen, dann wird man sich an seinen Ursprung erinnern, dann erhält man schlagartig die Erkenntnis und ist dementsprechend Erlöster und Gnostiker.

Alle anderen, die nicht zu dieser wahren Form der Erlösung vordringen, die also nicht zum wahren Gnostiker aufsteigen, werden als Hyliker oder Psychiker bezeichnet.

f. Gnostische Gemeinschaften

Wie aber demonstriert man nun das Gnostiker-Sein? Wie bleibt der Gnostiker, der ja bereits aus dem Schmutz der Welt herausgehoben ist, seinem Gnostiker-Sein treu?

Ein Ort des Bewahrens dieses Erlöstseins ist die Gemeinschaft. Gnostische Gemeinden sind demnach weit verbreitet. Sie sind stark auf Schulen hin ausgerichtet, die - im Blick auf die Lehre - bewahrenden und behütenden Charakter haben.

In diesen Gemeinden und Schulen wird die Offenbarung aber auch weitergeführt. Die Gnosis geht also davon aus, dass der göttliche Offenbarer weiter in die Gemeinde hineinspricht. Dies geschieht vornehmlich durch den Schulgründer und dessen Nachfolger.


g. gnostischer Gottesdienst

Das Zusammenleben in Gemeinschaften wirft nun die Frage nach gottesdienstlichen Formen auf. Gab es in den gnostischen Gemeinden Gottesdienste im traditionellen Sinn?

Auch diese Frage muss differenziert beantwortet werden.

(1) Wortgottesdienste

Zunächst einmal dreht sich bei den Gnostikern ja alles um das Wort. Von daher ist es verständlich, dass eine Art von Wortgottesdiensten bei den Gnostikern tatsächlich eine eminent wichtige Rolle spielte. Das Beten lässt den Menschen nämlich - so das Tomasbuch - Ruhe, ["anápausis"], finden.

"Wenn ihr betet, werdet ihr Ruhe haben. Dann lasst ihr die Mühe und den Druck des Herzens hinter euch. Wenn ihr der Mühe und dem Verlangen des Körpers entkommt, erreicht ihr die Ruhe durch den allein Guten. Und ihr werdet herrschen mit dem König, weil ihr eins seid und er mit euch eins ist, von jetzt bis in die Zeiten. Amen!"

Und in den Apostelakten heißt es:

"Ich werde das Lob hinaufsenden aus meinem Herzen, indem ich das Ende des Alls anrufe, Schöpfer des Lichtes und der Wahrheit. Im verborgenen Wort vermag ich nicht von Dir zu reden, oh Herr, deshalb will mein Verstand dir Hymnen singen."

Schon diese beiden Zitate machen deutlich, welche wichtige Rolle, als Äußerungen des Erlöstseins, Gebet und Hymnen spielen.

Der Wortgottesdienst kam der gnostischen Auffassung dabei zusätzlich sehr entgegen. Durch die grundsätzliche Ablehnung der Welt und des Materiellen ist die Gnosis schließlich insgesamt wohl am ehesten als antikultisch zu bezeichnen. Alle In-Dienst-Nahme der Materie, auch für gottesdienstliche Zwecke, wird letztlich abgelehnt. Wir haben es hier mit einer Vergeistigung des Kultes zu tun, die im Wortgottesdienst ihren Ausdruck fand.

(2) Trotzdem gnostischer Kult

Doch kann man das auch nicht generell sagen. In bestimmten Kreisen scheint es tatsächlich so etwas wie einen gnostischen Kult gegeben zu haben. Dies zeigt nur noch einmal welch außerordentliche Bandbreite die Gnosis aufweist.

Hier scheint, wohl im Blick auf einfachere Gemüter, eine stillschweigende Duldung ritueller Handlungen und kultischer Vollzüge vorzuliegen. Ja, es gibt sogar eigene kultische Handlungen, die selbständige gnostische Schöpfungen darstellen.

(3) Ein Heiliges Mahl

So ist beispielsweise auch in gnostischen Gemeinden zumindest teilweise ein heiliges Mahl belegt. Die Tomasakten etwa weisen auf eine Art Eucharistiefeier mit Brot und - wohl aufgrund der Ablehnung der Materie - mit Wasser hin.

"Der Apostel ließ sie teilhaben am Leben des Christus und Becher des Herrn."
"Der Kelch des Gebetes... füllt sich mit dem Heiligen Geist; wenn wir diesen Kelch trinken, werden wir uns die Heiligkeit aneignen."
n den Stellen, an denen von diesem Mahl gehandelt wird, ist nirgendwo eine Rückbindung an Tod und Auferstehung Jesu festzustellen. Auf solch einen Charakter eines Gedächtnismahles, hat das Hl. Mahl der Gnostiker offenbar verzichtet.

(4) Ölritus und Taufe

Auch ein Ölritus, der der Taufe entspricht, ist überliefert. Im Philipper-Evangelium heißt es:

"Aber der Baum des Lebens und der Ölbaum, von dem die Salbung kommt, die sind in der Mitte des Paradieses. Durch sie (beide) kommt die Auferstehung."

Und etwas später:

"Die Salbung ist größer als die Taufe. Denn durch die Salbung heißen wir Christen, nicht durch die Taufe. Und man nannte auch Christus wegen der Salbung Christus, denn der Vater salbte den Sohn. Der Sohn aber salbte die Apostel. Die Apostel aber salbten uns. Wer gesalbt ist, hat das Universum. Er hat die Auferstehung, das Licht, das Kreuz, den Heiligen Geist. Der Vater aber gab ihm dies (alles) im Brautgemach. Dort erhielt er es. Der Vater war im Sohn, und der Sohn war im Vater. Das ist die Herrschaft der Himmel."

Die Tomasakten überliefern solch eine Art "Taufe" durch Salbung mit Öl, bei der ein Mann namens Midonia mit entblößtem Haupt in die Gemeinde aufgenommen wird.

(5) Der Ritus des Brautgemachs

Eine Stelle im Philipper-Evangelium weist auf einen weiteren Ritus hin. Es heißt dort:

"Der Herr hat alles in einem Mysterium gemacht: eine Taufe und eine Salbung und eine Eucharistie und eine Erlösung und ein Brautgemach."

Hier ist der sogenannte Ritus des Brautgemachs bezeugt. Es handelt sich hier wohl am ehesten um eine geistige Hochzeit. Eine konkrete sexuelle Handlung scheint nach gnostischer Manier nicht mit diesem Ritus verbunden gewesen zu sein. Inhalt war wohl das Eins-Werden von Männlichem und Weiblichem auf der Ebene der Seele und des Geistes.

Festzuhalten bleibt also, dass zumindest teilweise auch in der Gnosis versucht wurde, mittels kultischer Handlungen das Heil zu erlangen.

3. Die Gnosis und die Kirchenväter

Gerade dieser Ritus des Brautgemachs hatte nach außen hin jedoch den Ruch des Lasterhaften. Er ist ein Ansatzpunkt für die Kritik der Kirchenväter.

a. Verdorbenheit

Die Kirchenväter ziehen diesen Ritus des Brautgemachs heran und versuchen damit die Gnostiker als durch und durch verdorben zu kennzeichnen.

Möglich, dass extreme Randgruppen ja tatsächlich in orgiastische Riten abgerutscht sind. Die Väter zumindest malen diese mit gewissem Unbehagen aus. Dies darf man aber nicht allzu ernst nehmen.

Nach Karl Suso Frank fallen solche Versuche von Seiten der Kirchenväter wohl in den Bereich der Ketzerpolemik. Nach den Texten aus gnostischen Kreisen selbst, scheinen solche Praktiken eher unwahrscheinlich zu sein. Aus dem ein oder anderen Fall, der vielleicht tatsächlich Anlass zu berechtigter Kritik gegeben hat, darf man nicht auf das Ganze zurückschließen. Auch dem Christentum wurden schließlich in der damaligen Zeit von Gegnern immer wider irgendwelche rituellen Orgien vorgeworfen.

Auf der anderen Seite macht dies jedoch auch deutlich, dass die Kirchenväter sich schwer damit tun, wirkliche Ansatzpunkte für eine umfassende Kritik zu finden. So brandmarken sie ganz einfach die sittliche Verworfenheit der Gnostiker. Die Väter scheinen also der Meinung zu sein, der Gnosis nur begegnen zu können, indem sie ihre absolute Verdorbenheit herausstellen.

Aus der Vehemenz der Kirchenväterkritik kann man schließen, wie stark die Bedrohung von Seiten der Gnosis gewesen sein mag.

b. Der schlechte Ursprung

Im 3. Jahrhundert n. Chr. hatte das gnostische Christentum weite Verbreitung gefunden. Dies hatte dazu geführt, dass gnostische Elemente in größerem Umfang ins Christentum und seine Verkündigung eingebracht worden waren. Dies wird durch den Umstand gefördert, dass die Gnosis eben keine Bewegung von radikalen und exkulsiven Zirkeln war. Das gab es sicher auch, aber zunächst war die Gnosis eine offene Bewegung. Die Auseinandersetzung mit diesen Gedanken war für die Kirchenväter demnach unumgänglich.

Bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. hatte sich die Gnosis institutionalisiert und in Schulen regelrechte Systeme ausgebildet. Die Systeme, die sich auf Basilides und auf Valentinos zurückführen, gelten dabei als wichtigste Systembildungen. Gerade sie sind immer wieder Ziel des kirchlichen Abwehrkampfes. Das zeigt letztendlich nur, dass auch die Gegner der Gnosis diese Systeme äußerst ernst nahmen. Ansonsten wäre diese immense Beschäftigung mit ihrem Gedankengut ja kaum zu erklären.

Besonders hervorgetan in seinem Kampf gegen die Gnosis hat sich Irenäus von Lyon.

(1) Die Rückführung auf Simon Magus

Irenäus versucht die ganzen gnostischen Systeme, ganz einfach auf Simon Magus zurückzuführen und sie schon von daher ad absurdum zu führen. Diese Gestalt des Simon Magus, die in der Apostelgeschichte begegnet, gilt als der Urketzer überhaupt. Irenäus schildert nun, dass jener Simon einen Schüler namens Menander gehabt habe. Dieser wiederum sei der Lehrer von Basilides und Valentinos gewesen. Da man getreu dem Grundsatz

"Omne genus ad suam originem censeatur necesse est" ,

alles von seinem Ursprung her beurteilen müsse, sei von daher schon klar, dass in den gnostischen Systemen kaum etwas Gutes stecken könne.

(2) Der Apostolische Anspruch der Gnostiker

Dies ist zwar Rhetorik, aber es setzt an einem Anspruch an, den die Gnostiker selbst aufstellten. Sie behaupteten nämlich selbst, dass ihre Bewegung in apostolische Zeit zurückreiche.

"Sie behaupten, sie seien mächtiger, sie seien klüger als die Jünger, ... ja sie stünden Jesus in nichts nach, denn ihre Seelen seien in demselben Kreis gewesen."

Die Gnostiker selbst erhoben also apostolischen Anspruch. Ptolemäus, ein gnostischer Lehrer, hat in seinen Unterweisungen der Schülerin Flora in diesem Zusammenhang einen sehr wichtigen Satz geschrieben:

"Du wirst, wenn Gott es will, in der Zukunft lernen den Anfang und das Entstehen von all dem, wert derapostolischen Überlieferung, die auch ich als Überlieferung angenommen habe. Ich prüfe ja alle Worte an der Lehre unseres Retters."

Schlüsselwörter dieses Textes sind die Begriffe ["apostolikæ parádosis"] und ["paralambánein diadochæ"]. Sie bringen zum Ausdruck, dass der Gnostiker seine Erkenntnis nicht von sich hat. Er steht in einer langen und bestimmten Genealogie, die ihn bis zum Ursprung der göttlichen Offenbarung führt.

Klemens von Alexandrien überliefert in seinen Stromateis eine angebliche Genealogie, so wie sie unter Gnostikern aufgestellt wurde: Das erste Glied sei Valentinos. Er wiederum habe sich auf einen Theudas zurückführt. Dieser aber habe seine Überlieferung von Paulus her. Ptolemäus selbst wiederum ist Schüler des Valentinos und schließe damit an die ununterbrochene Kette an, die bis zum Ursprung zurückreiche.

Diese Nachfolgereihe ist nur eine von vielen. Basilides führt seine Offenbarung beispielsweise auf Glaukus zurück. Dieser aber sei der Dolmetscher des Petrus gewesen.

Durch eine solche Genealogie kehren die Gnostiker hervor, dass sie die treue apostolische Verkündigung und Überlieferung bewahren. Dies soll ihre Glaubwürdigkeit steigern. Durch das Aufstellen einer ungebrochenen Lehrer- und Tradentenreihe sollte also die eigene Position als Wahrheit erwiesen werden.

Damit stehen die Gnostiker in keiner schlechten Gesellschaft. Es ist damals allgemein üblich, dass man seine Verkündigung durch die Kontinuität legimitiert. Auch die Kirchenväter tun dies. Die Verkündigung des Christlichen wird ganz allgemein aus der ununterbrochenen Überlieferung legitimiert.


Von daher ist es verständlich, dass Irenäus soviel Wert darauf legt, "genau nachzuweisen", dass die Tradentenreihe der Gnostiker eben nicht stimme, dass sie eben ganz im Gegenteil dazu nicht auf den göttlichen Offenbarer, sondern auf den Urketzer Simon Magus zurückgehen. Irenäus versucht den Legitimationsversuch der Gnostiker gerade umzudrehen.

4. Die Anziehungskraft der Gnosis



Aber er kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gnosis eine ungeheuer starke Bewegung geworden ist. Sie scheint eine gewaltige Anziehungskraft gehabt zu haben. Die gnostischen Textfunde von Nag Hammadi machen deutlich, welch starke Verbreitung das gnostische Schrifttum hatte. Und die Tatsache, dass sich eine ganze Reihe großer Kirchenlehrer geradezu hauptsächlich und fast ausschließlich mit der Gnosis beschäftigten, unterstreicht, dass die Bewegung der Gnosis gar zu einer regelrechten "Krise des Christentums" geführt hat.

Was aber macht diese Art der gnostischen Verkündigung so anziehend?

a. Das Angebot des Mehrwissens

Ausschlaggebend mag wohl zunächst das verlockende Angebot gewesen sein, einfach mehr zu wissen. Die Gnosis offeriert ein Mehrwissen, gleichsam ein Höherwissen. Hier wird ein grundlegendes Wissen und eine allumfassende Deutung von All und Kosmos versprochen.

Hinzu kommt der faszinierende Dualismus von Gut und Böse, der als weiteres Element und einfaches Erklärungsmuster ja auch heute noch seine Anziehungskraft ausübt.

Die Gnosis nimmt zudem eine Reihe von Elementen der ganz normalen historischen, mythologischen und geographischen Allgemeinbildung auf. All diese Dinge werden in die religiöse Ebene mit eingebracht. Dies lockt das damalige Bildungsbürgertum an.

Alles in allem ein Paket, das weit über dem zu stehen scheint, was das Christentum zu bieten hat. Es ist für den damaligen Menschen schlicht und ergreifend verlockend.

Darum warnt Kol 2,8 bereits mit Blick auf die Gnosis vor dem Einfangen durch die ["philosophía"]. Sie sei ein Einfangen durch Trug und durch eine Menschenüberlieferung über die Weltelemente, die ["stoicheia"]. Eine solche Warnung bereits aus neutestamentlicher Zeit macht deutlich, dass das gnostische Angebot gegenüber der Torheit des Kreuzes eine höchst verlockende Sache zu sein schien.

b. Die weitgehende Freiheit

Hinzu kam, dass die Gnosis geprägt war vom Pathos der Freiheit:

"Ich bin in das Heiligtum eingetreten; mir kann nichts mehr widerfahren."

Es gab kaum feste Regeln, deren sich der Gnostiker zu unterziehen hatte. Die gnostische Verkündigung bot eine religiöse Libertinität, die sich gar mit einem gewissen Synkretismus verband. Es kam vor, dass das Christusbild zusammen mit Platon und Sokratesbildern verehrt wurde.

Zwar knüpfte auch das Christentum an Vorhergegangens an. Berühmt ist ja die sogenannte "Areopag-Rede" des Paulus mit dem Rückgriff auf den Altar des "ignoti Dei", des unbekannten Gottes. Aber dies war alles in allem doch ein sehr exklusives Anknüpfen. Im Gnostischen war nur eine kleine Wandlung des Vorhergegangenen notwendig. Wer Liebgewonnenes nicht aufgeben wollte, war demnach bei der Gnosis vollkommen richtig.

c. Gnosis und Ethik

Während die christliche Ethik sich häufig als bescheidene Ethik, ja sogar als christliche Bürgerlichkeit darbot, erschien auch das Angebot der gnostischen Ethik äußerst verlockend zu sein. Der Gnostiker steht schließlich immer im Widerstreit mit dem bösen Prinzip, dem bösen Demiurgen.

Dies eröffnet ein weites Feld der Weltkritik, der Gesellschaftskritik, ja selbst ein revolutionären Pathos. Die sichtbare Welt wird mit allem, was sie beinhaltet abgelehnt. Sie steht unter einem widergöttlichen ["árchon"]. Die Herrscher der Welt sind Debravationen, Vertreter des Widergöttlichen, Erscheinungen dieses widergöttlichen Äons. Dies sind Aussagen, die eine große Zahl von Leuten begeistern können.

Ob diese gnostischen Lehren konkrete politische Auswirkungen hatten, ist allerdings nicht bekannt. Es wäre auch wenig wahrscheinlich. Vermutlich haben die Gnostiker hier nur theoretisch räsoniert. Da der Gnostiker schließlich prinzipiell über der Welt steht, braucht er ja auch keine Realisierung seiner Ideen - zumindest nicht in dieser sichtbaren Welt.

Das ist natürlich auch verlockend. Die Umsetzung der gnostischen Ideen hätte sicher zu schwierigen Situationen geführt. So aber konnte man sich einer Bewegung anschließen, die alles ablehnte und jegliche Herrschaft als vom Bösen bezeichnete, ohne allerdings auch nur irgend etwas Konkretes tun zu müssen; und das heißt natürlich auch, ohne auch nur im geringsten persönlichen Schaden befürchten zu müssen.

Natürlich führte dieser antikosmische Dualismus und die damit zusammenhängende Distanzierung von der Welt oftmals auch wirklich zu einer radikale Weltverneinung. Sie äußerte sich dann häufig in einer totalen Askese.

Auf der anderen Seite konnte dieses Sich-über-die-Welt-Stellen aber auch eine Art Erhabenheit zur Folge haben, die sich in zügelloser Libertinage äußerte. Dies scheint allerdings nur einen kleinen Teil der Gnostiker betroffen zu haben.

d. Die Gnosis und die Frauen

Als Irenäus von Lyon sich mit einem gewissen Markos, einem gnostischen Lehrer, auseinandersetzt, wirft er ihm vor, dass sich dieser vor allem den Frauen widmen würde, und vor allem denen, "die in Purpur gekleidet sind".

Das zeigt bereits, dass die Gnosis auch auf Frauen eine gewisse Faszination ausgeübt hat. Wie sieht die Gnosis die Frau und wie steht sie zu ihr?

Adressaten der gnostischen Offenbarung sind in den Texten der christlichen Gnosis zwar immer wieder die bekannten Personen aus dem Jüngerkreis, aber auch die Jüngerinnen spielen hier interessanterweise eine große Rolle. Vor allem Maria Magdalena scheint eine begnadete Offenbarungs-Empfängerin zu sein.

So gibt es ein eignes Evangelium nach Maria. Hier sagt Petrus über Maria Magdalena:

"Schwester, wir alle wissen, dass der Retter dich lieber hatte als die anderen Frauen. Sage du uns Worte des Retters, derer du dich erinnerst und die du kennst, wir aber nicht, weil wir sie auch nicht gehört haben."

Und Maria berichtet nun von einem Traum, in dem ihr der Herr weitere Offenbarungen hat zuteil werden lassen.

Petrus ist dies dann allerdings auch wieder nicht recht. Er ärgert sich darüber, dass hier die Offenbarung durch eine Frau vermittelt würde und sagt:

"Sollte er tatsächlich mit einer Frau allein gesprochen und uns ausgeschlossen haben? Sollten wir ihr etwa zunicken und alle auf sie hören? Hat er sie uns vorgezogen?" Er gibt sich erst zufrieden, als Levi das Wort ergreift und zu Petrus spricht:

"Petrus, du bist von jeher aufbrausend. Und jetzt sehe ich, wie du dich gegen diese Frau groß machst, als wärest du ein Rechtsgegner. Wenn aber der Retter sie für wert genug hielt - wer bist dann du, dass du sie verwürfest? Sicherlich kennt der Retter sie ganz genau, und deshalb hat er sie auch mehr als uns geliebt.
Wir sollen uns also schämen und den endgültigen Menschen anziehen. Wir sollen werden, wie er uns angewiesen hat und das Evangelium predigen, ohne dass wir eine Weisung oder ein Gesetz geben, es sei denn das, in dem uns der Retter unterwiesen hat."

Hier wird bereits die zwiespältige Haltung der Gnosis gegenüber der Frau deutlich. Auf der einen Seite wurde sie als Eingang des Bösen in die Welt verteufelt. Auf der anderen Seite ist sie dann Offenbarungsempfängerin.

Einerseits spricht man in der Gnosis von einem weiblichen Element im göttlichen Äon, andererseits versucht man das Weibliche ins ursprünglich Männliche zurückzuführen.

Vor allem das Tomasevangelium ist ein Beleg für letzteres:

"Es sprach zu ihnen Simon Petrus so: Maria soll von uns weggehen! Denn Frauen sind des Lebens nicht wert. Es sprach Jesus so: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendes Pneuma wird, ähnlich euch Männlichen. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird eintreten in die Herrschaft der Himmel."

Alles in allem Beispiele für ein äußerst zwiespältiges Verhältnis gegenüber der Frau.

. Die jüdisch eingefärbte Gnosis und das Johannes-Evangelium

Die oben beschriebenen Ausprägungen der Gnosis finden wir vor allem im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., also in späterer Zeit. Aber auch zur Zeit des Johannes-Evangeliums finden sich bereits deutliche Züge dieser gnostischen Systeme. Ganz klar zeichnen sich die

radikale Trennung der Bereiche Gott und Welt,

der Weg des Erlösers als Ab- und Aufstieg,

die Vorherbestimmung der Erlösten

und der Heilsindividualismusals markante Kennzeichen gnostischer Mentalität ab.

Von großer Wichtigkeit ist die Frage, wie sich die johanneische Schule und mit ihr das Johannes-Evangelium mit der Gnosis auseinandersetzt. Sind sie ihr verfallen oder bekämpfen sie diese eher?

Das zweite scheint richtig zu sein. Allerdings bleibt anzumerken, dass die lange Auseinandersetzung zwischen christlicher Lehre und gnostischer Philosophie abgefärbt hat. Die johanneische Schule rückt in einigen Aussagen nicht selten in große Nähe zu ihrem Widerpart. Ganz besonders ist dies zu spüren beim Sprechen von Geist und Fleisch:

"Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts."
(Joh 6,63).

Das hätte auch ein Gnostiker so formulieren können.

Ausgewählte Stationen einer antignostischen Tendenz sind aber schon in der ersten Hälfte des Johannes-Evangeliums deutlich zu erkennen:

das Bekenntnis zum Schöpfer-Gott gleich am Anfang im Prolog des Evangeliums (Joh 1,3),genauso wie das Bekenntnis zur Menschwerdung des Erlösers (Joh 1,14),

die Proklamation des Sühnetodes des Lammes durch den Täufer (Joh 1,29).

Aufschlussreich ist die Abfolge in Joh 3,13-14: auf einen stark gnostisierenden Satz folgt die Feststellung der Notwendigkeit des Leidens.

Es sei auch auf die gleichfalls bekenntnishaft formulierte Universalität der Erlösung in Joh 4,42hingewiesen.

Anmerkungen



1) Dieser Abschnitt basiert auf: Karl Suso Frank, Die Alte Kirche - Überblick, nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 unter Einarbeitung eines Skriptums vom WS 1976/77 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 31-42; kürzer: Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 16-20.




2) Dieser Abschnitt basiert auf: Karl Suso Frank, Die Alte Kirche - Überblick, nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 unter Einarbeitung eines Skriptums vom WS 1976/77 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 32-42; kürzer: Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 16-20.



3) Vgl. den Eugnotosbrief, herausgegeben von Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 243-244.



4) Aus dem Lied vom Prinzen und der Perle, Tomasakten, 108-113, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 99-100.



5) Aus dem Naasenerpsalm, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 129.



6) Aus dem Naasenerpsalm, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 129.



7) Hippolyt, Pseudoclemens, recog. III 35,7, zitiert nach: Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 16.



8) Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 16.



9) Tomasakten, Perlenlied, zitiert nach: Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 17.



10) Nach dem Tomasbuch, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 259.



11) Nach den Apostelakten [Zitat ist nicht ganz gesichert].



12) Tomasakten [Zitat ist nicht ganz gesichert].



13) Das Evangelium nach Philippos, 92, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 300.



14) Das Evangelium nach Philippos, 95, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 301.



15) Das Evangelium nach Philippos, 68, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 296.



16) Tertullian.



17) Irenäus [Zitat nicht ganz gesichert].



18) Ptolemäus, Der Brief an Flora, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 200.



19) Clemens von Alexandrien, strom. III 2,4, zitiert nach: Karl Suso Frank, Grundzüge der Geschichte der Alten Kirche (Darmstadt 3. Auflage 1993) 19.



20) Aus dem Evangelium nach Maria, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 278.



21) Aus dem Evangelium nach Maria, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 280.



22) Aus dem Evangelium nach Maria, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 280.



23) Aus dem Evangelium nach Tomas, zitiert nach: Werner Hörmann, Gnosis - Das Buch der verborgenen Evangelien (Augsburg 1991) 332.



Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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Letzte Änderung: 16. März 2011





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