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Jesu Selbstverständnis und das Bekenntnis...


Jesu Selbstverständnis und das Bekenntnis des
Urchristentums zu Jesus Christus

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Text Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 Copyright: M.Kreplin
gewerbliche Nutzung nur nach Zustimmung des Autors

Jesu Selbstverständnis und das Bekenntnis des Urchristentums zu Jesus Christus Jesus wurde vom nachösterlichen Christentum schon bald nach Ostern als Messias, Sohn Gottes und Herr bezeichnet. Wie hat Jesus sich aber selbst verstanden? Um diese Frage zu klären, ist zunächst zu fragen, ob Jesus diese oder andere ihm nachösterlich zugeschrieben Titel - man spricht von Hoheitstiteln - selbst verwendete, um sein Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen.

Hoheitstitel
Der bedeutendste Titel, der Jesus im Urchristentum zugeschrieben wurde, war Messias. „Messias" heißt im Hebräischen und Aramäischen „Gesalbter". Die griechische Übersetzung dazu lautet „Christos". Daraus entstand die lateinische Form „Christus" die mit dem Namen Jesus zum Eigennamen Jesus Christus verschmolzen ist.
Der Ausdruck „Messias" hat eine längere Vorgeschichte. Im Alten Testament wird berichtet, das Könige und Priester gesalbt wurden. Aus der in den Prophetenbüchern bezeugten Erwartung, dass das Königtum Davids wiederhergestellt würde, entstand die Vorstellung, dass Gott einen zukünftigen königlichen Messias schicken würde, der eine neue Heilszeit einleiten würde. Darum wird der Messias auch gelegentlich „Sohn Davids" oder „König" genannt. Diese Erwartung konnte eher nationalistisch-militärisch geprägt sein und dann erhoffen, dass ein Messias kommen würde, der die Fremdherrschaft der Römer auf militärische Weise beenden würde und so ein neues jüdisches Königreich errichten würde. Diese Erwartung konnte auch eher spiritualistische Züge annehmen. Danach würde Gott selbst auf wunderbare Weise durch göttliche Vernichtung der Bösen den Frieden herstellen und eine grundsätzlich neue Zeit würde anbrechen, in der Gewalt und Ausbeutung überwunden sind. Der Messias wäre dann ein gewaltlos auftretender Repräsentant Gottes unter den Menschen. Die Essener, eine der jüdischen religiösen Gruppierungen zur Zeit Jesu, erwarteten neben dem königlichen auch noch einen priesterlichen Messias.

Sicher wurde Jesus von einigen seiner Zeitgenossen und vielleicht auch von seinen Jüngern als Messias betrachtet. Doch schon seit langem geht die historisch-kritische Jesus-Forschung davon aus, dass sich kein einziger Beleg finden lässt, in dem Jesus sich Jesus selbst als Messias bezeichnet oder einer solchen Bezeichnung zustimmt, der als historische Überlieferung anzusehen ist. Die wenigen Stellen in der Jesus-Überlieferung, an denen Jesus als Messias bezeichnet wird, sind eindeutig nachösterlichen Ursprungs.

Von großer Bedeutung im Urchristentum war neben dem Messias-Titel der Titel „Sohn Gottes". Im Alten Testament wird der König an wenigen Stellen als Sohn Gottes verstanden. Auch die Frommen und Gerechten werden gelegentlich - dann aber immer im Plural - Söhne Gottes genannt. Unsicher ist, ob schon vor Jesus bzw. dem Urchristentum der Messias als Sohn Gottes bezeichnet wurde. In hebräischer Tradition ist der „Sohn Gottes" ein Repräsentant Gottes, der - mit Gottes Geist begabt - im Namen Gottes handelt und spricht. Eine physische Abstammung von eines Gottessohnes von Gott war für das jüdische Denken unmöglich. Anders dagegen die griechische Tradition. Sie kennt die Vorstellung, dass Götter mit Menschenfrauen Kinder zeugen, die dann als Gottessöhne verstanden werden. Damit ist kann auch die Vorstellung verbunden sein, dass diese Gottessöhne von einer Jungfrau geboren werden.

Jesus hat zwar vom „Vater im Himmel" gesprochen und sich selbst - wie auch seine Jünger und andere Menschen -
als Sohn dieses Vaters verstanden, den Ausdruck „Sohn Gottes" nicht aber als exklusiven Titel, der sein einzigartiges Verhältnis zu Gott zum Ausdruck bringt, verwendet. Auch hier sind alle Stellen, die den Begriff so verwenden, nachösterlichen Ursprungs.

Der dritte Titel, der im Urchristentum von zentraler Bedeutung war, ist die Anrede Jesu als Herr - griechisch: „Kyrios", aramäisch: „mari". Diese Anrede ist zunächst eine Höflichkeitsanrede gegenüber einer höhergestellten Person. Sicher wurde Jesus zu seinen Lebzeiten gelegentlich so von Fremden angesprochen. In der jüdischen Tradition ist sie zugleich eine Gottesanrede. Um das Aussprechen des Gottesnamens Jahwe zu vermeiden, wird dort beim Lesen des Alten Testaments an allen Stellen, an denen „Jahwe" im Text steht, „Adonai" - zu deutsch: „Mein Herr" - gelesen. Die Auferstehung Jesu wurde nach Ostern als Erhöhung Jesu zur Rechten Gottes verstanden. Jesus war nun Stellvertreter Gottes, in Analogie zu einem Vizekönig. Damit wurde Jesus auch als Herr - Kyrios - angeredet. Wie der noch aramäisch im neuen Testament überlieferte Gebetsruf „maranatha" bezeugt, war mit dem Titel „Herr" die Erwartung verbunden, dass der Kyrios Jesus kommen werde, um das eschatologische Gericht zu vollziehen und damit die Gottesherrschaft endgültig zu verwirklichen.

Der historische Jesus selbst hat nicht auf einer Anrede mit dem Ausdruck „Herr" bestanden und sich selbst auch nicht so bezeichnet.

Dieser Befund gilt auch für weitere Titel. So wurde Jesus zwar als Rabbi oder auch als Prophet verstanden und angeredet, aber auch auf diese Titel bestand Jesus nicht. Offenbar verwendete Jesus keine Titel, um zum Ausdruck zu bringen, wie er sich selbst verstand.

Eine Ausnahme hierzu bildet eventuell der Ausdruck „der Menschensohn". Es gibt in der Jesus-Überlieferung in allen relevanten Quellen - also Q, Markus, Sondergut des Lukas und des Matthäus, Johannes und Thomas-Evangelium - Aussprüche Jesu, in denen Jesus von sich selbst als „der Menschensohn" spricht. Insgesamt sind es etwa 40 Logien allein bei den Synoptikern. Alle diese Logien haben gemeinsam, dass nur Jesus den Ausdruck in der direkten Rede verwendet. Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen: Worte in denen Jesus von einem zukünftigen Wirken beim eschatologischen Gericht spricht, Worte in denen er sein Leiden und Sterben ankündigt und Worte, in denen er von seinem gegenwärtigen Geschick spricht.

In der Menschensohn-Frage ist dreierlei umstritten: Zunächst ist unklar, was der Ausdruck „der Menschensohn" bedeutete. Sodann ist fraglich, ob Jesus mit diesem Ausdruck sich selbst bezeichnete oder ob er damit eine andere Gestalt meinte, die er für die Zukunft erwartete. Und schließlich ist umstritten, in welcher der drei Gruppen von Menschensohn-Worten am ehesten historische Jesus-Worte zu finden sind, oder ob gar alle Menschensohn-Worte erst nachösterlich entstanden sind. Gegen letzteres sprich allerdings die breite Bezeugung des Ausdrucks „der Menschensohn".

Lange Zeit wurde angenommen, der Ausdruck „Menschensohn" sei in der jüdischen Apokalyptik ein geprägter Titel für eine Gestalt gewesen, die mit dem eschatologischen Gericht auftreten würde, diese vollziehen würde oder eventuell auch erst danach von Gott in die Position eines Herrschers eingesetzt würde. Wenn Jesus darum vom Menschensohn redete, dann meinte er damit diese Richter- oder Herrschergestalt der Endzeit. Dabei wäre sogar denkbar, dass er sich selbst gar nicht mit dieser Gestalt identifizierte. Erst das nachösterliche Christentum habe dann diese Identifikation hergestellt. Inzwischen setzt sich langsam die Überzeugung durch, dass es zwar die Vorstellung gab, eine solche Gestalt würde mit dem Gericht kommen, dass aber der Ausdruck „Menschensohn" nicht diese Vorstellung abrufen konnte, dass dieser Ausdruck also kein Titel für diese Gestalt war. Aber dennoch ist denkbar, dass Jesus im Anschluss an apokalyptische Traditionen einen solchen Menschensohn-Titel geprägt haben könnte. Dann hätte er sich selbst als den zukünftigen Richter und Herrscher gesehen.

Der Ausdruck „der Menschensohn" kann im Aramäischen auch im Sinne von „der Mensch schlechthin, jeder Mensch" verwendet werden. darum nehmen einige Forscher an, dass Jesus in manchen Worten, die von seinem gegenwärtigen Geschick sprechen, ursprünglich Aussagen über den Menschen schlechthin gemacht habe. Etwa in dem Wort: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Darum ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat" (Mk.2,27f). Ist dies der Ausgangspunkt der Entstehung der Menschensohn-Worte, dann wären die apokalyptischen Worte, die Jesus als Richter oder Herrscher der Endzeit sehen, später entstanden.

Ich dagegen vertrete die These, dass Jesus den Ausdruck „der Menschensohn" als einen Namen verwendete, mit dem er indirekt von sich selbst sprach. Es ist belegt, dass Jesus seinen Jüngern Namen gab - so nannte er z.B. Simon „Fels" - griechisch: Petrus. Es ist auch im Aramäischen gut möglich, in der Verwendung solcher Namen indirekt von sich selbst zu sprechen. Diese Redeweise könnte Jesus verwendet haben, wenn er zurückhaltend von sich selbst sprechen wollte. Warum er gerade diesen Ausdruck wählte, lässt sich erst erklären, wenn deutlich ist, wie Jesus sich selbst verstanden hat. Teil dieser These ist, dass die Worte, die vom zukünftigen Wirken des Menschensohnes als Richter und Herrscher der Endzeit nicht von Jesus stammen, sondern nachösterlich entstanden sind. Jesus selbst dagegen sprach von sich als Menschensohn, wenn er von seinem gegenwärtigen Wirken sprach oder auch sein Leiden, dass er sicher voraussah, ankündigte.

Die Menschensohn-Frage ist seit längerem und immer noch derart umstritten, dass es nicht möglich ist, eine historische Aussage darüber, wie Jesus sich selbst verstanden habe, auf eine bestimmte Lösung der Menschensohn-Frage aufzubauen. Da Jesus aber keine anderen Hoheitstitel verwendete, um sein Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen, lässt sich über Hoheitstitel bzw. über den Ausdruck „der Menschensohn" kein Zugang zum Selbstverständnis Jesu finden.

Das implizit in Jesu Wirken zum Ausdruck gekommene Selbstverständnis
Da der Weg zur Ermittlung des Selbstverständnisses Jesu über die Hoheitstitel ausscheidet und Jesus insgesamt kaum Aussagen darüber macht, wie er sich selbst verstand, muss ein anderer Weg eingeschlagen werden. So lässt sich fragen, welches Selbstverständnis Jesus durch sein Wirken, sein handeln in Wort und Tat implizit zum Ausdruck bringt. Es kann also gefragt werden nach der Rolle, die Jesus in seinem Wirken einnahm.
Geht man davon aus, dass die Menschensohn-Worte, die vom zukünftigen Endgericht sprechen, nicht auf Jesus zurückzuführen sind, dann ergibt sich, dass Jesus im erwarteten zukünftigen Gericht und in der danach vollendeten Gottesherrschaft keine herausragende Rolle beanspruchte. Weder sah er sich in der Rolle des Richters noch in der Rolle des eschatologischen Herrschers. Bei der zukünftigen Vollendung der Gottesherrschaft sah er allein Gott selbst als Handelnden.

Anders ist Jesu Verhältnis dagegen zu der gegenwärtig bereits nahegekommenen Gottesherrschaft. Hier lässt sich zeigen, dass Jesus im Zusammenhang mit der nahegekommenen Gottesherrschaft eine herausgehobene Rolle beansprucht. Diese Rolle lässt sich durch folgende Momente näher bestimmen:

Jesus proklamiert das neue, eschatologische Gottesverhältnis. Er sagt den Menschen zu, dass ihnen die Gottesherrschaft offenstehe, gerade auch denen, die sich aus dem Bund ausgeschlossen hatten. durch seine demonstrativen Mahlzeiten mit Zöllnern und anderen Menschen, die als Sünder galten (z.B. prostituierten) verkündete in Tat und wohl auch durch direkten Zuspruch die Vergebung von Sünde. Und er weist ein in die intime Gottesanrede „Abba". Jesus verkündet so den Menschen die ihnen offenstehende, heilsame Nähe Gottes, er tritt auf als Proklamator der nahegekommenen Gottesherrschaft.

Weil das Gottesvolk auf Grund seiner Schuldverfallenheit alles Anrecht auf die Erfüllung göttlicher Heilszusagen verloren hat, gründet das von Jesus verkündigte Heil allein in Gottes Gnade und Güte. Dem entspricht, dass Jesu Proklamation der nahegekommen Gottesherrschaft sich nicht auf andere Instanzen beruft, sondern allein in der Jesus gegebenen Einsicht in den eschatologischen Heilsentschluss Gottes wurzelt. Jesus nimmt darum in seiner Verkündigung die Rolle des „eschatologischen Propheten" ein, der auf Grund eigener Gottesgewißheit im Namen Gottes spricht. Jesus ist eschatologischer Repräsentant Gottes.

Weil es für Jesu Botschaft keine andere Begründung als seine eigene Gotteserkenntnis gibt, ist Jesu Rolle einzigartig. Er selbst ist der einzige Garant und Bürge der Botschaft von der nahegekommenen Gottesherrschaft, diese Botschaft ist nicht von seiner Person abtrennbar. Entsprechend sieht Jesus Johannes den Täufer, den er in die Epoche vor der eschatologischen Wende einordnet, in einer kategorial untergeordneten Rolle - auch wenn Jesus in manchen Punkten an die Verkündigung des Täufers anknüpft und er stets nur mit großem Respekt vom Täufer spricht.

Darüber hinaus deutet Jesus seine Exorzismen und Heilungen als gegenwärtige Erfahrung der eschatologischen Gottesherrschaft. Dabei sieht er Gott selbst als den eigentlich Handelnden. Gott ist es, der die eschatologische Wende herbeigeführt hat und der in Jesu Machttaten und Heilungen am Wirken ist. Jesus ist also nicht Bringer der Gottesherrschaft, er beansprucht keine ihm eigene Kraft, um die Gottesherrschaft erfahrbar zu machen. Auch den Jüngern traut er die Kraft zu Heilungen zu. Denn Subjekt der Gottesherrschaft ist Gott. Doch handelt Jesus im Namen und in der Kraft Gottes und ist so auch in seinen Machttaten und Heilungen der eschatologische Repräsentant Gottes. Dabei scheint Jesus im Glauben und Vertrauen auf Gottes heilvolle eschatologische Nähe die entscheidende Voraussetzung zum Vollzug von Machttaten und Heilungen zu sehen. Der Glaube der Jünger wurzelt aber im Glauben Jesu. So sind auch die Jünger in ihrer Verkündigung wie in Heilungen und Machttaten, die sie auch ohne Jesu direkte Aufsicht ausführen, von Jesus abhängig. Sie haben als von Jesus bevollmächtigte Anteil an Jesu Rolle als eschatologischem Repräsentanten Gottes.

Jesu Stellung gegenüber der Tora ist durch einen soteriologischen und einen inhaltlichen Neuansatz gekennzeichnet: Zwar hebt Jesus die Tora als zu achtende Offenbarung des Gotteswillens nicht auf, jedoch bestreitet er ihre soteriologische Funktion. Der Zugang zur Gottesherrschaft wird nicht durch Befolgung des kasuistisch auszulegenden Bundesgesetzes erreicht, sondern indem Menschen sich die Botschaft Jesu von der nahegekommenen Gottesherrschaft sagen lassen und ihr Leben auf die von Gott geschenkte Nähe der Gottesherrschaft einstellen. Damit löst Jesus mit seiner Botschaft Bund und Tora als Heilsweg ab. Als Repräsentant Gottes verkündet er einen neuen Weg zum Heil.

Aus diesem soteriologischen Neuansatz folgt auch, dass sich am Verhalten zu Jesus das eschatologische Geschick der Menschen entscheidet. Wenn Menschen seiner Botschaft Glauben schenken und sich mit ihrer ganzen Existenz auf sie einlassen, ist die Gottesherrschaft bereits im Leben dieser Menschen wirksam geworden, und diesen Menschen steht die
vollendete zukünftige Gottesherrschaft offen. Wenn Menschen dagegen sich

seiner Botschaft und seinem Wirken verweigern, verschließen sie sich der Gottesherrschaft und schließen sich somit selbst vom eschatologischen Heil aus. Dabei behauptet Jesus nicht, dass ein Eingehen in die Gottesherrschaft nur durch eine persönliche Beziehung zu ihm möglich ist. Doch wer Jesus und sein Wirken ablehnt, der trennt sich vom eschatologischen Heil.

Dem soteriologischen Neueinsatz entspricht auch ein inhaltlicher Neuansatz in der Formulierung des Gotteswillens. Aufgrund seiner Einsicht in Gottes eschatologisches Heilshandeln hat Jesus neben der Tora und der Tora übergeordnet einen neuen Erkenntnisgrund für den Willen Gottes. Von dieser unmittelbaren Erkenntnis des aktuellen Gotteswillens her bestimmt sich Jesu Rezeption der Tora wie auch seine übrige, nicht an der Tora orientierte Weisung. Auch in der Erteilung seiner Weisung erhebt Jesus somit den Anspruch, autoritativ als Repräsentant Gottes zu sprechen.

Ähnlich wie seine Weisungen scheint auch Jesu Kritik am Kult in einem soteriologischen Neuansatz zu gründen. Jesu Verkündigung kennt keinen kultisch vermittelten Zugang zur Gottesherrschaft. Offensichtlich verliert für Jesus der Tempelkult, ähnlich wie die Tora, seine soteriologische Dignität. Er wird von Jesus dabei - genausowenig wie die Tora - nicht grundsätzlich abgelehnt. Doch wo Menschen sich darauf verlassen, durch den Kult ihres Heils gewiss sein zu können, stehen sie in der Gefahr, sich der Gottesherrschaft zu verschließen.

Dass Jesus den Anspruch erhebt, die Wende zum eschatologischen Heil sei bereits geschehen, zeigt sich auch darin, dass er mit dem Zwölferkreis eine zeichenhafte Rekonstituierung des endzeitlichen Gottesvolkes vornimmt. Er selbst als der Berufende nimmt auch damit die Rolle des eschatologischen Repräsentanten Gottes ein. Dabei verzichtet er in seinem Wirken auf die negative und ausgrenzende Dimension, die erst mit der Vollendung der Gottesherrschaft verbunden ist: Die Trennung des wahren Gottesvolkes vom Rest, der sich der eschatologischen Wende verweigert.

Jesus nimmt nicht nur die Rolle des eschatologischen Repräsentanten Gottes gegenüber den Menschen ein, er ist zugleich auch der Mensch, der in seiner ganzen Existenz von der nahegekommen Gottesherrschaft her lebt. Er selbst steht in dem eschatologischen Gottesverhältnis, das er anderen eröffnet, vollbringt seine Machttaten und Wunder aus dem Glauben an Gottes heilsame Nähe heraus und lebt, wie es dem Willen Gottes entspricht. Offenbar ist es Jesus nur möglich, die Rolle als eschatologischer Repräsentant Gottes einzunehmen, indem er selbst der erste Hörer und Täter seiner Botschaft ist. Jesus ist also auch als Repräsentant der neuen, eschatologischen Existenz zu würdigen.

Immer wieder ist zu beobachten, dass Jesus seinen Anspruch, einzigartiger eschatologischer Repräsentant Gottes zu sein, sehr zurückhaltend zum Ausdruck brachte. Kaum wird er einmal explizit ausgesprochen, meist mehr in Andeutungen und implizit deutlich gemacht. Oft wird auch dem Hörer zugemutet, diesen Anspruch als Konsequenz der Verkündigung Jesu selbständig zu verstehen. Auch nützt Jesus die Rolle, die er implizit beansprucht, nicht aus, um sich über andere Menschen zu erheben. Es ist ein konstanter Zug am Wirken Jesu, dass Jesus in seinem Wort und Tun aufgeht und nicht seine Würde zu einem Thema seiner Botschaft vor allen anderen macht.

Am Ende sei nun die Frage gestellt, die in der Nachfrage nach Jesu Selbstverständnis zumeist am Anfang steht: „Sah sich Jesus als Messias?" Betrachtet man die verschiedenen Ausprägungen der jüdischen Messias-Erwartung, so ergibt sich, dass die differenzierte Rolle Jesu, die Jesus im Hinblick auf die nahegekommene Gottesherrschaft einnahm und für sich auch beanspruchte, nicht in Deckung zu bringen ist mit einem der verschiedenen messianischen Konzepte. Erst wenn die Messias-Erwartung völlig offen verstanden wird und im Messias lediglich eine „eschatologische Heilsgestalt" gesehen wird, muss Jesu Selbstverständnis als messianisches angesehen werden. Gleichwohl beansprucht Jesus eine Rolle, die von ihrer Hoheit und Würde her durchaus auf der Höhe der verschiedenen messianischen Erwartungen anzusiedeln ist. Jesus sieht sich als den eschatologischen Repräsentanten Gottes. Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen ihm und allen anderen Boten Gottes in der Vergangenheit. Er ist der endgültige und maßgebliche Repräsentant Gottes.

Der Widerspruch in Jesu Wirken
Wenn das oben festgestellte stimmt, dann muss festgestellt werden, dass sich durch Jesu Wirken ein großer Widerspruch zieht. Einerseits verstand er sich als einzigartiger eschatologischer Repräsentant Gottes, andererseits verwendete er keinen Hoheitstitel und hielt sich sehr zurück, wenn es darum ging, sein Selbstverständlich zum Thema zu machen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?
Häufig wird Jesu Zurückhaltung damit begründet, dass er sich nicht in die Schablonen einer vorgegebenen Messiaserwartung einfügen wollte oder vermeiden wollte, als politischer Messias missverstanden zu werden. Doch hätte er dann seine Jünger über sein Selbstverständnis aufklären können. Aber auch gegenüber seinen Jüngern hält sich Jesus auffällig zurück. So überliefert Markus (8,30), dass auf das Bekenntnis des Petrus, Jesus sei der Messias, hin Jesus weder mit Zustimmung noch mit Ablehnung reagiert, aber dazu auffordert, nicht über ihn zu sprechen.

hin Jesus weder mit Zustimmung noch mit Ablehnung reagiert, aber dazu auffordert, nicht über ihn zu sprechen.
Auch wurde Jesu Zurückhaltung hinsichtlich seiner eigenen Person damit zu erklären versucht, dass nach jüdischer Tradition der Messias sich nicht selbst proklamieren dürfte. Doch war es bisher nicht möglich, wirkliche Belege für diese angeblich existierende jüdische Tradition zu finden.

In der Diskussion schlage ich deshalb vor, die Zurückhaltung Jesu, die er hinsichtlich seiner eigenen Person und seines Selbstverständnisses übt aus seinem Ethos heraus zu begründen. Hierzu gibt es verschiedene Ansätze.

So geht Jesus zunächst davon aus, dass die Gottesherrschaft ein unverdienbares Geschenk ist, das nur empfangen werden kann. Alle menschlichen Vorrangstellungen fallen angesichts der Gottesherrschaft in sich zusammen. Wer sich angesichts der nahegekommenen Gottesherrschaft vor Gott auf einen Status beruft, der gegenüber anderen herausgehoben ist, verfehlt die rechte Haltung gegenüber der nahegekommenen Gottesherrschaft. Dabei offenbart sich gerade im Verhalten gegenüber den Mitmenschen die Haltung, die gegenüber Gott und der von ihm eröffneten Gottesherrschaft eingenommen wird. Hätte Jesus für sich selbst explizit einen herausgehobenen Status beansprucht, dann wäre er nicht mehr der Mensch gewesen, dessen Existenz auf die nahegekommene Gottesherrschaft ausgerichtet ist. Hätte Jesus sein Selbstverständnis enthüllt und also beansprucht, ein gegenüber seinen Mitmenschen herausgehobener Mensch zu sein, dann hätte er selbst eine Distanzierung von seinen Mitmenschen betrieben, die diametral seiner Verkündigung widersprochen hätte.

Die Gottesherrschaft bringt zweitens die exklusive Herrschaft Gottes und damit das Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen. Gott allein wird alle Ehre und Verherrlichung zukommen. Angesichts der nahegekommenen Gottesherrschaft ist es darum unmöglich, Ansprüche auf Herrschaft, Überordnung, Macht oder auch nur besonderer Ehre zu erheben. Die einzig mögliche Verhaltensweise ist nun die des Dienstes, der danach strebt, bestehende Überordnung durch freiwillige Unterordnung aufzubrechen. Menschsein angesichts der nahegekommenen Gottesherrschaft heißt dienen. Wie Mk.10,45 / Mt.20,28 und Lk.22,27 zeigen, hat Jesus selbst sein Wirken als exemplarische Verwirklichung eines solchen Ethos des Dienens angesehen. Die Inanspruchnahme einer herausgehobenen Position wäre dazu ein Widerspruch gewesen. Und weil jede explizite Thematisierung seines Selbstverständnisses darauf hinausgelaufen wäre, dass er in einer übergeordnete Position gekommen wäre und dass ihm Verehrung und Unterordnung entgegengebracht worden wäre, musste Jesus um dieses Ethos des Dienstes willen soweit als möglich auf solche Explikationen seines Selbstverständnisses verzichten.

Weil drittens die zukünftig sich durchsetzende Gottesherrschaft eine Würdigung der eigenen Person bringen wird, muss jetzt in der Gegenwart nicht Anerkennung, Ehre und Achtung gesucht werden. Wer der Botschaft von der nahegekommenen Gottesherrschaft Vertrauen schenkt, der muss die Würdigung der eigenen Person nicht von der Gegenwart erhoffen, sondern der kann warten auf die Zukunft der vollendeten Gottesherrschaft, in der die Würde der eigenen Person offenbar wird. Wenn Jesus die Gegenwart ganz von der für die Zukunft gewissen Vollendung der Gottesherrschaft bestimmt sah, dann ergibt sich daraus, dass auch er auf eine Würdigung seiner eigenen Person in der Gegenwart verzichten konnte und musste.

Die drei hier aufgezeigten Argumentationsmuster machen deutlich, dass der Verzicht auf einen herausgehobenen Status, auf Herrschaft und auf die Inanspruchnahme von Verehrung und Anerkennung der eigenen Person eine Konsequenz aus der Botschaft von der nahegekommenen Gottesherrschaft ist. Wollte nun Jesus seinem Auftrag treu bleiben, eschatologischer Repräsentant Gottes zu sein, was auch beinhaltete, die ganz auf die nahegekommene Gottesherrschaft ausgerichtete Existenz paradigmatisch zu verwirklichen, so blieb ihm gar nichts anderes übrig, als seine eigene Person so wenig wie möglich zum Thema zu machen, über ein eigenes Selbstverständnis so wenig wie möglich zu sprechen. Gerade auch den Jüngern gegenüber musste Jesus auf Ausführungen über seine eigene Rolle verzichten, wollte er nicht den herausgehobenen Status, den er im Jüngerkreis zweifellos hatte, klar definieren und damit einen berechtigten Anspruch auf einen solchen Status erheben. Jede Darlegung seines Selbstverständnisses hätte - gegenüber Außenstehenden wie gegenüber Jüngern - zugleich Grund gelegt für verschiedene Arten von Verehrung und Übertragung von Hoheit und Herrschaft. Gerade weil Jesus sich als eschatologischer Repräsentant Gottes verstand, musste er die Frage, wer er sei, soweit als möglich in der Schwebe lassen und konnte er sein Selbstverständnis nicht zum Thema machen. Damit ist eine Erklärung geboten für den in Jesu Wirken scheinbar vorhandenen Widerspruch.

Das christologische Bekenntnis des Urchristentums und der historische Jesus
Jesus verkündigte die nahegekommene Gottesherrschaft. Das Urchristentum setzte diese Verkündigung Jesu nicht einfach fort, sondern verkündigte Jesus als Messias, Sohn Gottes und kommenden Kyrios. War dieser Schritt historisch und theologisch legitim?
Wie sich zeigte verstand Jesus sich selbst als eschatologischer Repräsentant Gottes. Er verkündete, dass die entscheidende Wende zur endzeitlichen Heilszeit bereits geschehen sei, dass die Gottesherrschaft jetzt gewiss sei.

Das Urchristentum verkündigte Jesus als Messias und Sohn Gottes. Damit machte es zunächst die Rolle, die Jesus implizit eingenommen hatte, explizit. Nach Ostern waren die Jünger nicht mehr an Jesu Schweigegebot gebunden, die Erfahrungen mit dem Auferstandenen mussten sie geradezu als Bestätigung ihrer vorherigen Ahnungen über die Rolle Jesu verstanden haben. Ostern war also zunächst die Bestätigung des Anspruchs Jesu.

Ostern war aber nicht nur die Bestätigung des Anspruchs Jesu, Repräsentant Gottes zu sein, sondern zugleich Bestätigung seiner Verkündigung. Jesus hatte ja behauptet, dass die eschatologische Gottesherrschaft jetzt in den Erfahrungsbereich des Menschen getreten sei. Die von den Jüngern durch die Begegnung mit Jesus erfahrene Totenauferweckung Jesu war die eindrucksvolle Bestätigung dieser Behauptung Jesu. Die Totenauferweckung Jesu wurde nun gleichsam zum Beleg dafür, dass die eschatologische Wende bereits geschehen war.

Damit wurde neben Jesu Botschaft auch sein Geschick - sein Tod und seine Auferweckung - von Bedeutung. An diesem Geschick konnte man sehen, dass Gott die erhoffte Wende zur Endzeit vollzogen hatte. So wurde dieses Geschick neben der Verkündigung Jesu zur zweiten Quelle der nachösterlichen Verkündigung. Aus dem Verkündiger Jesu konnte so der Verkündigte werden. Paulus selbst kann darum in seiner Verkündigung ganz allein auf die Deutung dieses Geschicks Jesu zurückgreifen. Er führt nicht die Verkündigung des historischen Jesus weiter, sondern entwickelt seine eigene Verkündigung auf der Basis der Deutung von Kreuzestod und Auferweckung Jesu. Doch ist diese - obwohl sie mit anderen Begriffen arbeitet - sachlich der Verkündigung Jesu entsprechend: Die eschatologische Wende ist von Gott vollzogen, die neue Gottesbeziehung steht allen Menschen offen, sie kann nur im Vertrauen auf Gott und nicht im Rückgriff auf eigene Leistung angenommen werden. Wo sie angeboten ist, äußert sich dies in tätiger Liebe, die auch beim Feind keine Grenzen hat.

Jesus selbst sah sich nicht in einer hervorgehobenen Rolle bei der endgültigen Verwirklichung der Gottesherrschaft. Das Urchristentum sah in ihm aber den zukünftig kommenden Herrn, der Gottes Gericht vollziehen würde. Dieses Bekenntnis war die logische Weiterentwicklung der Verkündigung Jesu. Wenn Jesus der Repräsentant Gottes war, dann war davon auszugehen, dass er auch in der eschatologischen Vollendung diese Rolle spielen würde. Darum lag es nahe, ihn als den kommenden Kyrios und Menschensohn zu bezeichnen. Jesu Rolle wurde sozusagen in die Zukunft hinein verlängert.

Eine „Verlängerung" der Rolle Jesu findet sich auch rückwärtsgewandt. War Jesus der Repräsentant Gottes, dann war es naheliegend, dass Jesus dies auch schon vor seinem öffentlichen Wirken war. Das Urchristentum verlegte aus diesem Grund Jesu Berufung zum Stellvertreter Gottes immer weiter zurück: Von der Taufe zur Geburt und schließlich in eine Präexistenz. Dabei wurden jüdische Vorstellungen aufgenommen, dass schon bei der Schöpfung ein Teil Gottes, der später nach außen tritt, beteiligt war. Jesus wurde nun mit diesem Teil Gottes identifiziert. Damit war der Weg eröffnet, der hin zur Trinitätslehre führte. Diese ist eine konsequente Weiterentwicklung des Gedankens, dass Jesus der entscheidende und maßgebliche Repräsentant Gottes ist. Allerdings muss eine heutige Trinitätslehre weniger vom göttlichen Wesen Jesu reden als von seiner Funktion: der historische Jesus wird durch eine moderne Trinitätslehre als der Repräsentant Gottes gewertet. Zugleich wird er als der Lebendige gesehen, der uns auch heute noch im heiligen Geist begegnet.

Dieses Weiterschreiten über die Verkündigung des historischen Jesus hinaus zur urchristlichen Verkündigung und weiter zum christologischen Dogma erfährt seinen entscheidenden Impuls durch die Erfahrungen mit dem Auferweckten. Die Wahrheit des christologischen Zeugnisses der Urchristenheit liegt so in der Wahrheit der Ostererfahrungen begründet. Darum sollen abschließend einige Überlegungen zu einer historisch-kritische Betrachtung der Ostergeschichten angestellt werden. s

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