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Christus gestern und heute


Christus – gestern und heute

http://www.dominikaner-mission.de/meditationen/christus.php

Ein "Schnellkurs in Christologie"

Vorbemerkung
Am Beginn dieser Studientage zum Thema "Christus" könnte ich Sie fragen: Was erwarten Sie vom Vortragenden? Oder: Was interessiert Sie an diesem Thema besonders? Wünschen Sie eine Kurzfassung (mehr wäre allein zeitlich überhaupt nicht möglich...) des dogmatischen Traktats "Christologie"? Oder sollen wir uns auf die Frage "Christus bzw. Jesus im Neuen Testament" beschränken? Der Titel unserer Tagung suggeriert eine andere Fragestellung, etwa: Das Christusbild im Glaubensleben der Kirche – von den Anfängen bis heute. Aber vielleicht möchten Sie alle rein "akademischen", dogmengeschichtlichen Aspekte des Themas ausgeklammert wissen und wünschen sich vielmehr praktische Hinweise darauf, wie man heute eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus aufbauen und christozentrisch "fromm" sein kann. Oder soll ich "von allem etwas" bringen? Das wäre wohl nicht ratsam – wegen der Gefahr der Oberflächlichkeit. Wenigstens in einigen wichtigen Punkten sollten wir versuchen, "in die Tiefe zu gehen", und uns deshalb bei anderen Aspekten kurz fassen oder sie einfach überspringen. Ich schlage für unsere Überlegungen folgende Themenstruktur vor:
1. Christus im Neuen Testament. Diese Fragestellung ist unumgänglich; ohne die biblischen Dokumente wüssten wir nichts über Jesus; sie sind und bleiben Ausgangs- und ständiger Bezugspunkt unserer Beschäftigung mit ihm.
2. Christus in der (patristischen) Dogmengeschichte, und als Anhang: Wandel des Christusbildes im Laufe der Kirchen- und Kunstgeschichte (kurzer Überblick).
3. Möglichkeiten eines Zugangs zu Christus heute ("praktischer" Teil).

1. Christus im Neuen Testament
Zunächst ein Wort zur Sprachregelung: Gemäß den in der Fachliteratur üblichen Gepflogenheiten meine ich mit Jesus die historische Realität des Galiläers aus Nazaret – und mit dem Titel Christus den erhöhten, "nachösterlichen" Herrn als die zentrale Gestalt des kirchlichen Glaubens. Damit stelle ich mich allerdings nicht auf die Seite Bultmanns, der (wie Barth) die Frage nach dem historischen Jesus für unlösbar und daher unerheblich hält und für den nur der ("nachösterliche") Christus des Glaubens zählt. So wird immer noch nachgebetet, es sei unmöglich, zum historischen Jesus von Nazaret zurückzukehren, da die Texte des Neuen Testaments (also sogar schon die Synoptiker) ausschließlich den Christus des Glaubens bezeugen – und Jesus nur mit nachösterlicher Brille sehen. Allerdings spricht sich allmählich herum, dass man diese Position heute aufgeben muss. (Einige Verweise mögen genügen: das große Jesusbuch von Schillebeeckx; Theißen/Merz: "Der historische Jesus"; Feneberg/Feneberg: "Das Leben Jesu im Evangelium"; Theißen: "Der Schatten des Galiläers"; Berger: "Wer war Jesus wirklich?"; Berger: "Sind die Berichte des Neuen Testaments wahr?"; Schönborn: "Gott sandte seinen Sohn"; Kühn: "Christologie".) Zugegeben: die Synoptiker haben keine Jesusbiographien verfasst; der weitaus größte Teil des von ihnen aufgenommenen Materials hat jedoch bereits schriftliche Gestalt angenommen, als noch viele Augenzeugen der Geschehnisse "vor Ostern" lebten und in den Gemeinden zugegen waren; diese hatten es nicht nötig, Legenden zu erfinden oder solche Phantasiegebilde zu dulden. (Dieser Personenkreis wird im NT ausdrücklich erwähnt bzw. kommt zu Wort; z.B. Lk 1,1-4; 1 Kor 15,1-8; Joh 19,35; 20,30f; 21,24f; 1 Joh 1,1-4; 2 Petr 1,12-18.) Wir dürfen also heute davon ausgehen, dass in den Evangelien genug glaubwürdige Informationen über den historischen Jesus und sein Leben "vor Ostern" zu finden sind, um behaupten zu können, dass er durchaus nicht gleichsam in einem undurchsichtigen Nebel von so genannten "Gemeindebildungen" verschwunden und für alle späteren Generationen unerreichbar geworden ist.

Der "vorösterliche" Jesus
Für die Evangelisten – und mit ihnen für die gesamte alte Kirche - war das irdische Leben Jesu jedenfalls unverzichtbar wichtig; sonst wären überhaupt keine Evangelien geschrieben worden. Nur "erzählend" konnte man die Erinnerung an ihn lebendig halten, und was die urkirchlichen Verkünder zu erzählen hatten, stellte natürlich keine belanglosen Bagatellen dar, sondern Ereignisse, Taten und Worte (Dialoge und Lehrstücke, meist in Form von Gleichnissen), die für sie von Bedeutung, eben "vielsagend" waren. Dass sich an diesen Dingen dann ihre deutende theologische Reflektion entzündete, kann man ihnen nun wirklich nicht zum Vorwurf machen. Im Gegenteil: es war ein Segen, dass ihr Bemühen um tieferes Verständnis so früh begonnen hatte; so sind die besonders bedeutsamen Erinnerungen an die Geschehnisse wenigstens nicht verloren gegangen oder mit Phantasieprodukten ersetzt worden, wie es in einigen Fällen offenbar später tatsächlich geschehen ist (z.B. die Kindheitsgeschichten und einige Wundererzählungen, vor allem im vierten Evangelium).
Allerdings suchen wir in den Evangelien vergebens nach, sagen wir einmal: "Beschreibungen", die erlauben, uns ein genaue Vorstellung von Jesus zu machen – etwa: wie er ausgesehen hat, wie er gekleidet war, wie er mit den Leuten umgegangen ist (hier gibt es schon eher einige Andeutungen), welche besonderen Bedürfnisse oder Gewohnheiten er doch als wahrer Mensch notwendiger Weise gehabt haben muss, usw. Leider hat die Überlieferung die sicherlich detailreichen Erinnerungen der ersten Zeugen stark gefiltert. Trotzdem haben einige Forscher versucht, ein regelrech-tes Psychogramm von Jesus zu entwerfen (z.B. Guardini in "Der Herr"). Ob solche Unternehmungen für das Verständnis wirklich hilfreich sind, sei dahingestellt. Trotzdem fallen bemerkenswerte Züge auf, von denen einige genannt seien:
Jesus war kein weltfremder Träumer, sondern stand, wie man so sagt, "mit beiden Füßen auf der Erde" - und verfügte dabei über eine scharfe Beobachtungsgabe. Die politische Situation seines Volkes, die sozialen Gepflogenheiten seiner Zeit und die konkreten Lebensumstände der Leute kannte er als Jude sehr gut, auch die Konventionen, denen gegenüber er jedoch kritische Distanz wahrte. Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des herrschenden religiösen und sozialen Systems prangerte er unerschrocken an. Wenn es ihm notwendig erschien, scheute er auch vor Konflikten nicht zurück, wobei er sich der eventuellen Konsequenzen durchaus bewusst gewesen ist. Jesus war eine durch und durch unabhängige, vorurteilsfreie, bemerkenswert eigenständige Persönlichkeit – dazu mit starker, faszinierender Ausstrahlung. Er konnte auf die Menschen zugehen, sie an sich binden und sie führen. Allerdings war er auch dazu fähig, sich von der Menge zurückzuziehen, wenn er sehen musste, dass man ihn offenbar missverstand. Im persönlichen Umgang zeigte er Gefühle: Sympathie, Güte, Mitleid und Sorge, aber gelegentlich auch Ungeduld und sogar Zorn. Die Texte reden von seiner Freundlichkeit mit Kindern sowie mit ausgegrenzten Personen am Rande der jüdischen Gesellschaft (Dirnen, Zöllner und Sünder), aber ebenso von seinem gelegentlichen Ärger über die unverständigen Jünger, die er mitunter recht schroff zurechtweisen musste. Auch die Gabe des Humors war ihm offenbar nicht fremd; man kann sie in einigen seiner Gleichnisse entdecken, bei deren Vortrag er sicherlich die Lacher auf seiner Seite hatte (z.B. Lk 18,1-8: Gleichnis vom gottlosen Richter und der Witwe). Eine weitere starke Begabung muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden: seine Poetik, die er wohl aus mnemotechnischen Gründen bewusst in seiner Lehrtätigkeit eingesetzt hat, was auch darauf schließen lässt, dass er sich gewissenhaft auf diese vorzubereiten pflegte. Seine – sagen wir einmal – "Weisheitssprüche" und besonders seine Gleichnisse sind von allgemein anerkannter hoher literarischer Qualität, die weit darüber hinausgeht, was in der Schriftgelehrten-tradition seiner Zeit sonst so zu finden ist. Er war ein Meister der klassischen hebräischen Versmaße, wie sie z.B. in den Psalmen und bei den Propheten vorkommen. Das hat man durch die Rückübersetzung aus dem Griechischen ins Aramäische entdeckt. Solch eine Perfektion erreicht man schwerlich improvisierend, sondern nur durch sorgfältige, gestalterische Überlegung (Black: "Die Muttersprache Jesu"; Schwarz: "Und Jesus sprach").

Wenn man nun alle diese Beobachtungen – und etliche weitere Details, die wir gar nicht erwähnt haben - zusammennimmt, kommt man wohl nicht umhin anzuerkennen, dass wir hier doch eine beachtliche Anzahl konkreter Wesenszüge Jesu vor uns haben, die nur aus der Erinnerung der ersten Zeugen stammen können. Warum sollten sie denn von der späteren christologischen Reflektion erfunden worden sein? Wir bleiben also dabei: Ein Rückbezug auf den historischen Jesus ist trotz der Lückenhaftigkeit der Quellen durchaus möglich. (Romanhaft auffüllende Darstellungen sind erst viel später in der apokryphen Jesusliteratur versucht worden; in apostolischer Zeit, in der die Evangelien entstanden sind, haben sie noch nicht stattgefunden.)
Die Überlegungen im Jüngerkreis, aber auch unter den Leuten, wie Jesus im Rahmen jüdischer Tradition, Hoffnung und Erwartung einzuordnen ist und seine Sendung, seine Ansprüche zu verstehen sind, haben nicht erst "nach Ostern", sondern eindeutig bereits während der Zeit seiner öffentlichen Tätigkeit begonnen. Hier einige beispielhafte Textstellen: Nach der Stillung des Seesturms fragen sich die Jünger: "Was ist das für ein Mensch?" (Mk 4,41par). Jesus kennt die Meinungen der Leute über ihn; um die Jünger zu einer Stellungnahme zu bewegen, fragt er sie: "Für wen halten mich die Menschen?", und dann: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" (Mk 8, 27-30par). Das bekannte Bekenntnis des Petrus nimmt sicherlich den späteren Glauben der Gemeinde vorweg, aber an der Historizität der Befragung ist nicht zu zweifeln. Beim ersten Auftritt Jesu in der Synagoge zu Kafarnaum "waren die Leute sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat"; und nach der anschließenden Heilung eines Besessenen "erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine neue Lehre verkündet" (Mk 1,21-28par). Beim Besuch in seiner Heimatstadt Nazaret kommt er bei den Leuten nicht so gut an; sie kennen ihn von klein auf und können nicht glauben, dass er etwas ganz Besonderes sei. "Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie" (Mk 6,1-6par). Jesus selbst vergleicht sich hier mit den alten Propheten, stellt sich so zu sagen in ihre Reihe. Dem entspricht auch die allgemeine Meinung über ihn: "Man sagte: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden; deshalb wirken solche Kräfte in ihm. Andere sagten: Er ist Elija. Wieder andere: Er ist ein Prophet, wie einer von den alten Propheten" (Mk 6,14-15par). Nach der Auferweckung des Jünglings von Naïn heißt es: "Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen" (Lk 711-17). Auch Spott und Hohn können widerspiegeln, für wen die Leute Jesus gehalten haben: "Dann spuckten sie ihm ins Gesicht und schlugen ihn. Andere ohrfeigten ihn und riefen: Messias, du bist doch ein Prophet! Sag uns: Wer hat dich geschlagen?" (Mt 26,67-68par).


Die spöttische Anrede im Mund der Schergen bringt uns zu einer wichtigen Doppelfrage: Haben die Jünger oder vielleicht auch die Leute in Jesus den erwarteten Messias-König gesehen, und hat sich Jesus selbst für den Messias gehalten? Den ersten Teil der Frage kann man ohne jeden Zweifel mit einem Ja beantworten. Der Textbefund ist so überwältigend, dass sich eine Aufzählung wohl erübrigt. Er entspricht völlig dem, was wir von den damaligen Erwartungen der Juden wissen, die in allen möglichen Gestalten vor und nach Jesus den Messias haben sehen wollen, sogar im Bußprediger Johannes. So ist die hochnotpeinliche Befragung durch eine offizielle Abordnung aus Jerusalem zu verstehen, der sich der Täufer unterziehen musste (Joh 1,19ff). Übrigens auch der Verrat des Judas und die Flucht der restlichen Jünger Jesu in der Stunde der Krise, denn dahinter steht die abgrundtiefe Enttäuschung derer, die von Jesus etwas Anderes erwartet hatten: offenbar einen organisierten Aufstand gegen die Römer nach dem Vorbild der Makkabäer und die Wiederherstellung des davidischen Reiches (vgl. Apg 1,6). Bezüglich der zweiten Teilfrage gibt es eine nicht enden wollende Kontroverse. Da haben wir auf der einen Seite das berühmte "Messiasgeheimnis", vor allem bei Markus (z.B. 1,23-25.34; 3,12; 8,27-30; u.a. - es deutet an, dass sich Jesus von den politisch orientierten messianischen Erwartungen seiner jüdischen Zeitgenossen distanziert hat); auf der anderen Seite das Bekenntnis Jesu zu seiner Messianität (und Königswürde), allerdings erst vor dem Hohen Rat (und vor Pilatus) am Karfreitag (Mk 14,60-62par; Joh 18,33-37; chronologisch davor, Mt 23,10: "...nur einer ist euer Lehrer, Christus" – ganz offen-sichtlich später hinzugefügt). Falls dieser Anspruch historisch ist, so nur unter der Voraussetzung eines völlig anderen messianischen Konzepts, gegen das der Zeitgenossen. Die Annahme, das nachösterliche neue Verständnis der frühchristlichen Gemeinde von Jesu Messianität hätte hier durchgeschlagen, trifft vermutlich zu.

Wie haben die "Jünger der ersten Generation" Jesus angeredet? Mit dem Titel "Rabbi" (zu deutsch: "mein großer (Meister, Lehrer"). Zu diesem Wortfeld gehört der Begriff der "Jünger" (genauer: "Schüler") und der "Nachfolge": Bei gelegentlich notwendigen Ortsveränderungen ging der Rabbi voran, gefolgt von seinen Schülern (vgl. dazu Mk 1,16-20par; 2,13-14par; Mt 8,19-22; Lk 9,57ff; Mk 10,32-34par). Diese Urerfahrung der Jünger Jesu hat ihren Niederschlag gefunden bis in den Missionsbefehl des Auferstandenen (Mt 28,16ff). Die Anrede "Herr" hingegen kommt im ältesten Evangelium (Mk) kaum vor, wohl aber sehr häufig in den jüngeren – ein Zeichen für den zunehmenden (liturgischen?) Sprachgebrauch der Gemeinde; folgende Textstelle z.B. ist sicherlich späteren Ursprungs: "Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es" (Joh 13,13). Den Titel "Menschensohn" hat Jesus bekanntlich selbst für sich in Anspruch genommen – und damit vermutlich Visionen aus dem Buch Daniel auf sich bezogen (7,13); vielleicht hat er so jedoch nur von sich "in dritter Person" reden wollen, so zu sagen aus höflicher Bescheidenheit. Die Frage bleibt ungeklärt; ein Sprachgebrauch der Gemeinde scheint jedenfalls nicht vorzuliegen. (Abgesehen von den Evangelien kommt der Ausdruck sonst nur noch einmal im Mund des Stephanus vor (Apg 7,56) – und öfters in den bezeichneter Weise apokalyptischen, dem Danielbuch verwandten Texten der Geheimen Offenbarung.

Was den Titel "Sohn Gottes" betrifft, so besteht unter den Forschern Einmütigkeit darüber, dass Jesus ihn nicht für sich in Anspruch genommen hat, jedenfalls nicht in exklusivem Sinne. Schon in den synoptischen Evangelien bekundet Jesus zwar ein besonderes Verhältnis zu Gott, den er mit Vorliebe seinen "Vater" nennt, aber erst das späte vierte Evangelium (Bergers Frühdatierung des Johannesevangeliums ist inakzeptabel) legt ihm das Bekenntnis in den Mund: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30). Dass solch eine Aussage für jüdische Ohren eine Ungeheuerlichkeit darstellen musste, hat auch dieser Autor gewusst, und so fährt er fort: "Da hoben die Juden Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. Jesus erwiderte ihnen: Heißt es nicht in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? (Ps 82,6) Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott - weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?" (10,31-36). Moderne Kommentaristen sehen in diesem Text das Echo einer erheblich jüngeren Kontroverse zwischen Juden und Christen. Aber auch die Synoptiker haben bereits das Thema von Jesu Gottessohnschaft in ihre Texte eingebracht. Als Bekenntnis, Anrede, Vermutung oder auch zweifelndem-pörter Vorwurf wird der Begriff aber nur von anderen auf Jesus bezogen, von ihm selbst jedoch nicht beansprucht. Diese anderen sind z.B. der Engel Gabriel (Verkündigungsszene), der Teufel (Versuchungsgeschichte), Dämonen (Mk 3,11f u.a.), die Jünger (Mt 14,33 u.a.), Petrus (Mt 16,16), der Hohepriester im Prozess gegen Jesus (Mt 26,63), die Spötter unter dem Kreuz (Mt 27,42) und schließlich der Hauptmann des Hinrichtungskommandos (Mk 15,39par). Göttliche Vollmacht scheint Jesus aber in indirekter Weise gezeigt zu haben: durch einige besonders auffällige Wunder (z.B. Gang auf dem Wasser: Mt 14,22-33) sowie durch Sündenvergebung (z.B. Mk 2,1-12; hier wird Jesu Vollmacht ausdrücklich thematisiert, allerdings offensichtlich durch eine spätere Interpolation: V.5-10, eingerahmt durch die beiden identischen Nahtstellen: "...sagte er zu dem Ge lähmten"). Die letztgenannten Beobachtungen gehören eigentlich schon zum nächsten Abschnitt unserer Überlegungen, dem wir uns nun widmen wollen.

Der "nachösterliche" Christus
Ostern, d.h. Jesu Auferweckung von den Toten und all die bemerkenswerten, außerordentlichen Erfahrungen, die dieses Geheimnis für die Jünger und die erste wachsende Christengemeinde zum Inhalt gehabt hat, war für sie (und ist es auch immer noch für uns) ein völlig neuer Anstoß zur Frage: "Wer war eigentlich dieser Jesus in geschichtlicher Wirklichkeit?" Und: "Wer ist er als der erhöhte Christus bleibend für uns und die gesamte erlösungsbedürftige Menschheit?" (Zu letzterer Frage kommen wir im dritten Teil unserer Überlegungen.)
Die ersten Antworten fand die frühe judenchristliche Glaubensgemeinschaft in der Heiligen Schrift Israels, die sie traditionsgemäß als Prophetie las und auslegte. Dabei orientierte sie sich zunächst an den großen Gestalten in der Geschichte des Gottesvolkes. So wurde z.B. Mose zu einem "christologischen Typus", zu einer Art "Vorläufer" Christi. Man war bemüht, gewisse Ereignisse oder Aspekte der Person und des Lebens des Mose in Jesu Leben und Sendung irgendwie wiederzufinden. So entstand u.a. das Szenario für die so genannte "Bergpredigt" (Mt 5,1f). Später wurden sogar Motive aus der Kindheit des Mose auf Jesus übertragen und entsprechende Legenden geschaffen (z.B. der Kindermord, vgl. Ex 2 mit Mt 2). Selbst der mit der Mosegestalt verbundene Exodus Israels musste ein Echo im jungen Leben Jesu finden (Stichwort: "Aus Ägypten rief ich meinen Sohn": Hos 11,1; Mt 2,15 im Rahmen der angeblichen Flucht der hl. Familie nach Ägypten). Aber auch einzelne Verse aus dem Alten Testament verstand man als Prophetie, z.B. Jes 7,14 (Jungfrauengeburt; vgl. Mt 1,22f) sowie Ps 2,7 ("Mein Sohn bist du; heute habe ich dich gezeugt"; auch Ps 110,3b) und Jes 42,1 ("Seht, das ist mein Knecht...; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen"); letztere Texte sind als Himmelsstimme in die Szenen von der Taufe und der Verklärung Jesu eingegangen. Hinreichend bekannt ist auch die christologische Typologie Davids (einschließlich des damit zusammenhängenden "davidischen Messianismus" und seiner eschatologisch orientierten Neuinterpretation), dann die des "Gottesknechts" von Deuterojesaja sowie des Leidenden der Psalmen 22 und 69 (Passionsberichte). Erinnert sei ebenso an die zahlreichen Hinweise auf die Schrifterfüllung im gesamten Neuen Testament (in den Evangelien besonders bei Matthäus und Johannes). Jesu messianische (und göttliche) Würde erscheinen zunächst als Kernstück des Themenkreises "Erhöhung" (z.B. Apg 2,36 – Schluss der Pfingstpredigt Petri; Röm 1,3f; vgl. auch Phil 2,9-11 – Schlussverse vom berühmten Christushymnus, dessen Anfang allerdings zum folgenden Punkt gehört), während Paulus (in späteren Texten), Johannes (der Name steht für den anonymen Verfasser des vierten Evangeliums) und andere Autoren sich ausdrücklich zu Christus als dem präexistenten Gottessohn bekennen (z.B. Phil 2,6; Eph 1,3f; 2 Tim 1,9-11; Joh 1,1f; 8,56-58; 16,27; 17,5; Hebr 1,1-3; 1 Petr 1,20; Offb 1,17f). Der Schriftbefund zeigt somit, dass die neutestamentliche Christologie sich nach und nach entwickelt hat, ohne allerdings zu einem klaren, unmissverständlichen Abschluss gekommen zu sein (was in der Theologie bekanntlich sowieso nicht möglich ist); darüber werden wir im zweiten Teil dieses "Schnellkurses" sprechen müssen.

Im Zusammenhang mit Jesu Messianität und Gottessohnschaft ist nun ein weiterer christologischer Titel zu behandeln, nämlich der des Erlösers oder Retters. Ich darf mich hier allerdings kurz fassen, da wir uns diesem Thema früher schon einmal gewidmet haben ("Opfertheologie – Anmerkungen zu einem religiösen Phänomen und Interpretament"). Es geht hier natürlich um eine durch und durch "nachösterliche" Frage: Warum musste Jesus sterben? Auch darauf hat die Gemeinde eine Antwort in der Heiligen Schrift gesucht, und so lässt Lukas den Auferstandenen gegenüber den Emmausjüngern sagen: "Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben! Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht" (Lk 24,25-27). Zugang zum Verständnis der Erlösertat Jesu bot sich den frühen Christen aus der Schrift in folgenden Punkten an: heilsgeschichtlich im Typus der Befreiergestalt des Mose und dem des Exodus (s. die Liturgie der Osternacht), kultgeschichtlich in den Opferriten Israels (Hebräerbrief; 1 Kor 5,7 u.a.; s. auch die eucharistischen Formeln nach den Synoptikern und 1 Kor 11,23-25) und schließlich theologiegeschichtlich im Schicksal des "Gottesknechts", das bei Deuterojesaja als stellvertretender Sühnetod gedeutet wird (Apg 8,30-35 u.a.). Keiner der drei in der Urgemeinde beschrittenen Wege zum Verständnis des Erlösertodes Christi kann erschöpfende Endgültigkeit für sich beanspruchen. Die Christenheit hat auch später noch angestrengt über dieses Geheimnis nachdenken müssen. Ich erwähne lediglich die Satisfaktionstheorie von Anselm aus dem Hochmittelalter sowie die noch verschärfte Poenalsatisfaktionslehre der Reformatoren. Und auch für uns moderne Menschen ist der von der Schrift (angeblich?) behauptete gottgewollte Opfertod Christi durchaus noch ein harter Brocken...


Drei wichtige Themenkreise neutestamentlicher, nachösterlicher Christologie seien wenigstens genannt, ohne auf sie näher eingehen zu können: die Menschwerdung des Gottessohnes einschließlich der Jungfrauengeburt (thematisiert in den Kindheitsgeschichten bei Mt und Lk, ferner im Johannesprolog), die Auferstehung (als Problem erkannt und behandelt in 1 Kor 15), schließlich Jesu Wiederkunft und endzeitliches Richteramt (eschatologische Reden Jesu bei den Synoptikern; Gerichtsgleichnis, Mt 24,15ff; Problem der Naherwartung; alternative Interpretation als "ge-genwärtige Eschatologie" bei Paulus und Johannes).

2. Christus in der Dogmengeschichte (Überblick)
Wenn wir uns das Credo in seinen beiden allgemein bekannten Fassungen (das "kleine od. apostolische" und das "große od. nicaeno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis") anschauen, so fällt uns sofort die mengenmäßige Gewichtung der Aussagen auf: Sie beziehen sich mehrheitlich auf Christus. Allein schon darin wird ersichtlich, dass die Christologie das große Problem der alten Kirche (patristische Epoche) gewesen ist. Es entstand bereits in der früh einsetzenden Kontroverse mit dem Judentum, das in der wachsenden Verehrung Christi als eines göttlichen Wesens, wie auch immer verstanden, einen Angriff auf den in der religiösen Geschichte Israels mühsam errungenen und danach eifersüchtig verteidigten Monotheismus sehen musste; weiterhin im Bemühen der Christen, ihren Glauben an den Mensch gewordenen Gottessohn den Angehörigen des hellenistischen Kulturkreises, zu dem sie schließlich ja auch selbst mehr und mehr zählten, aus sowohl missionarischen als auch apologetischen Gründen verständlich zu machen: ihn einerseits vom Polytheismus der alten Mythen abzuheben und ihn andererseits auf eine "Formel" zu bringen, die, wenn auch nicht im Letzten einsichtig, so doch rational vertretbar sein sollte. Dass die Theologen jener Zeit bei diesem Unterfangen auf die Begriffswelt der meist platonisch oder auch aristotelisch ausgerichteten griechischen Philosophie zurückgegriffen haben, darf man ihnen nicht verdenken. In diesem Zusammenhang spricht man (seit Harnack) mit kritischem Unterton von einer "Hellenisierung des christlichen Glaubens". Auf der anderen Seite haben jene Theologen zwar die vorgefundenen Begriffe benutzt, sie aber in erheblichem Maße "uminterpretiert", also mit neuem, zumindest erweitertem Inhalt gefüllt, so dass man diesen Vorgang sogar als eine Art "Enthellenisierung der Philosophie" bezeichnen könnte.

Christologische Verständnis- und daher auch Glaubensprobleme entstanden bereits in apostolischer Zeit; "klassische" Beispiele: die Auferstehungsfrage (1 Kor 15) sowie die "Fleischwerdung" des präexistenten Logos (Joh 1,14; auch Röm 1,3; 9,5; 1 Tim 3,16; Hebr 2,14; 1 Petr 3,18; 4,1; 1 Joh 4,2); offenbar handelt es sich hier um eine absichtlich provokative Formel gegen einen vorauszusetzenden frühen Doketismus (eine häretische Lehre: der ewige Logos-Gottessohn habe in Jesus nur einen Scheinleib nach Art alttestamentlicher Engelserscheinungen angenommen, sei also nicht wirklich Mensch geworden) – provokativ besonders angesichts des sonst meist negativ besetzten Begriffes "Fleisch" (sogar in textlichem Zusammenhang des Johannesprologs: V. 13; außerdem: Joh 6,63, und vor allem paulinische Texte, z.B. Röm 7,5.14.18.25; 8,3-9.12f; 1 Kor 15,50; 2 Kor 12,7; Gal 3,3; 5,13.17.24; 6,8; Eph 2,3; auch Jak 5,3; positive Besetzung des Begriffs: Röm 1,3; 9,5; 1 Tim 3,16; Hebr 2,14; 1 Petr 3,18; 4,1; Hebr 2,12).
Die christologischen Hauptprobleme der nachapostolischen Zeit kreisen alle um die zentralen Fragen der wahren Gottheit und Menschheit Christi sowie um das Problem, wie diese Verbindung bzw. Einheit zu verstehen ist. Für den christlichen Glauben "gefährliche" theologische Positionen haben das kirchliche Lehramt gezwungen, sich dazu in den so genannten "ökumenischen Konzilien" zu äußern und die apostolische Überlieferung zu verteidigen. Im Folgenden wollen wir uns mit einer Auflistung dieser Konzilien begnügen, zusammen mit den entsprechenden thematischen Angaben:

1. Konzil von Nicaea (325): wendet sich gegen die arianische Häresie, die in Christus ein von Gott geschaffenes Mittlerwesen sah, und betont seine ewige Gottessohnschaft – mit der berühmten Formel "gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater".

1. Konzil von Konstantinopel (381): erster Versuch einer Vermittlung zwischen der antiochenischen Schule, der die saubere Unterscheidung von Gottheit und Menschheit Christi wichtig war (Trennungschristologie), und der alexandrinischen Schule, die mehr die Einheit beider Naturen in Christus betonte (Vermischungschristologie).

Konzil von Ephesus (431): betont die Sujekteinheit Christi gegen Nestorius.

Konzil von Chalcedon (451): wendet sich vor allem gegen den Monophysitismus, der Christus die volle Menschheit absprach, sowie gegen die nestorianische Häresie (Theorie der zwei Personen in Christus) und betont die Einheit der zwei Naturen in der einen Person ("hypostatische Union").

2. Konzil von Konstantinopel (553): bezieht den Begriff der "Hypostase" (das Personsein Christi) auf den präexistenten Logos; in Christus ist also die menschliche Natur - der Hypostase, der Person oder dem Subjekt nach - mit dem ewigen Logos vereint.

3. Konzil von Konstantinopel (680-81): wendet sich gegen den Monotheletismus, der Christus einen eigenen menschlichen Willen, also die volle menschliche Natur absprechen wollte, und bekräftigt, in Christus gebe es zwei Wirkweisen (Dyotheletismus), gemäß seiner zweifachen Natur.

2. Konzil von Nicaea (787): verurteilt den sechzigjährigen "Bildersturm" und erklärt die religiöse Verehrung von Bildnissen als legitim; dahinter steht natürlich das Bekenntnis zur vollen Menschennatur Christi, die seine Abbildbarkeit gestattet.

Nach den großen, "klassischen" Konzilien bis zur späten Epoche der "Aufklärung" hat es in der Christenheit keine ernsthaften christologischen Konflikte mehr gegeben. Theologie und Volksfrömmigkeit beschäftigten sich fortan mehr mit der Entfaltung der "Mysterien Jesu" und fragten nach der theologischen Bedeutung der einzelnen "Stationen" seines Lebens, dessen Geschichtlichkeit man also weiterhin sehr ernst nahm. Wichtig wurde die soteriologische Frage (worin besteht eigentlich die Heilswirksamkeit des Todes Christi?), die Betrachtung der "passio Christi" (bis hin zur reformatorischen "Kreuzestheologie"), die Herz-Jesu-Verehrung sowie die (in etwa "statische") eucharistische Anbetung (in gewisser Loslösung von der "Dynamik" der eigentlichen Eucharistiefeier).
Nach etwa tausendjähriger Ruhe brachten dann die "Aufklärung" und in ihrer Folge die sich vor allem im Protestantismus ausbreitende "liberale Theologie" wieder Bewegung in die Christologie hinein – nicht gerade zur Freude des kirchlichen Lehramtes und vieler "ängstlicher Seelen". Obwohl die damit angesprochene geistes- und theologiegeschichtliche Entwicklung eine unbeschreibliche Krise in der Christenheit hervorgerufen hat und noch heute tiefgreifende, zum Teil katastrophale Konsequenzen zeitigt, können wir auch hier nicht auf Einzelheiten eingehen (darüber müsste man ein eigenes Seminar halten). Es seien nur einige markante Punkte genannt:

die Entstehung eines völlig neuen Weltbildes, in dem Gott nicht mehr vorkommt (Beispiel: Laplace);

ein neues Wissenschaftsideal, das religiöse Glaubensvorstellungen als zu überwindende Mythologie abtut und allerhöchstens zur Privatsache erklärt;
ein Freiheitsdenken, das jegliche Form von Glaubensvorschriften ablehnt;
eine rationalistische, antireligiöse Begründung von Moral und Gesetz (als Ergebnis eines "Gesellschaftsvertrages" ohne Rekurs auf göttliche Gebote);
die Entdeckung der "Geschichtlichkeit" und damit auch der grundsätzlichen Relativität der Erscheinungen auf allen Ebenen, Religion und Kultur eingeschlossen;
ein grenzenloser Fortschrittsglaube, anders ausgedrückt: das Vertrauen auf die grundsätzliche "Machbarkeit" von allem unter Berufung auf das "allmächtige" Potential der Technik;
der Siegeszug der Psychologie, die alle religiösen Erfahrungen als natürliche Phänomene des menschlichen Unterbewusstseins zu erklären bestrebt ist;
und andere Faktoren mehr...

Die (protestantische) Theologie ist besonders durch die sich mehrenden Forschungsergebnisse der Anthropologie und Religionsgeschichte beeinflusst worden, und zwar im Sinne einer Relativierung der traditionellen Lehren. Begriffe wie "göttliche Offenbarung", "Eingreifen Gottes in die Geschichte", "Wunder" und "Menschwerdung des Gottessohnes" fielen als erste unter die neue Zensur – nun nicht mehr eines kirchlichen Lehramtes, sondern des wissenschaftlich-rationalistischen, eine allgemeine "Entmythologisierung" fordernden Denkens. In der Exegese wurde die histo-risch-kritische Methode entwickelt, die auch heute noch "vorgeschrieben" und inzwischen sogar durch konziliare und päpstliche Dokumente legitimiert worden ist. Was die Gestalt Jesu Christi betrifft, so wurde zunächst das Dogma seiner Gottheit mit einer einzigen Handbewegung vom Tisch gefegt; ansonsten kam es zu einem regelrechten "Boom" der Leben-Jesu-Forschung, von der heute allerdings behauptet wird, sie sei gescheitert. (Warum soll sie das getan haben? Doch wohl nur, weil man zuviel von ihr erwartet hat...; oder "weil nicht sein kann, was nicht sein darf" – im Klartext: weil man von dem Vorurteil ausgeht, man könne in den Evangelien nur Glaubensaussagen über den "nachösterlichen" Christus finden, auf keinen Fall jedoch Informationen über den historischen Jesus von Nazaret; aber damit haben wir uns ja bereits am Anfang unserer Überlegungen beschäftigt). Die wichtigsten evangelischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die Beiträge zur Christologie verfasst haben, sind: Schleiermacher, Hegel, Baur, Ritschl, Harnack und Kierkegaard; in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Barth, Brunner, Bultmann und Tillich, in der zweiten: Ebeling, Pannenberg und Moltmann. Auf katholischer Seite haben sich zu Fragen der Christologie seit dem Tridentinum geäußert: Robert Bellarmin, Francisco Suárez sowie Vertreter der "französischen Schule"; im 19. Jahrhundert besonders Möhler und Scheeben; in neuerer Zeit: Küng, Kasper, Rahner, Hünermann und Wohlmuth. Was den prinzipiellen Ansatz der erwähnten Autoren betrifft, so pflegt man zwei Typen zu unterscheiden: eine Christologie "von oben" (Ausgangspunkte: die Offenbarung, die Tradition sowie die spekulative Theologie) und eine Christolo-gie "von unten" (Ausgangspunkte: die historische Forschung und die religiöse Erfahrung).

Am Schluss dieses Überblicks sei wenigstens erwähnt, dass es katholischerseits inzwischen etliche neue, groß angelegte systematische Entwürfe zur Christologie gibt, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Ich nenne nur drei Autoren: Balthasar, Rahner und Schillebeeckx, außerdem die christologischen Neuansätze der so genannten "pluralistischen Offenbarungstheologie" (s. dazu meine Zusammenfassung in "Gott spricht zu allen Menschen"; die Autoren kommen aus verschiedenen "Lagern"). Angesprochen sei auch das Thema "Christus in der Kunstgeschichte" – von den ältesten Strichzeichnungen in den Katakomben über die herrlichen Mosaiken der altkirchlichen Basiliken, die osteuropäische Ikonenmalerei, die mittelalterlichen Figuren und Gemälde, die Christusdarstellungen der Renaissance und des Barock, der Neugotik, der Nazaränerkunst, des Jugendstils bis hin zur Modernen. Schließlich wollte jede Epoche ihr eigenes Christusbild schaffen und in der Kunst darstellen, was sie an seiner Gestalt besonders interessiert und fasziniert hat. Das ist bis in unsere Zeit hinein so geblieben.

3. Zugang zu Christus heute
Es gibt keine Gestalt der Welt- und Religionsgeschichte, über die – gerade in neuester Zeit - so viele Bücher geschrieben worden sind, als Christus; und das nicht nur innerhalb der Christenheit, sondern auch und sogar mehr noch außerhalb derselben. Das Interesse an Christus ist durchaus nicht immer theologisch. Für die einen ist er der vollkommene Mensch, für die anderen die Inkarnation der Freiheitsidee; für diese der Anwalt der Entrechteten und Marginalisierten, für jene ein Revolutionär, der gegen Gewalt und Unterdrückung aufgestanden ist. Besonders fasziniert seine Treue "zum Gesetz, unter dem er angetreten ist", ohne Rückzieher und bis zur letzten Konsequenz. Man scheut selbst nicht davor zurück, ihn für die eigenen ideologischen Zwecke zu instrumentalisieren. Alle diese Bemühungen um die Zentralfigur unseres Glaubens sollten von uns ernst genommen werden. Vielleicht entdecken gerade "Außenstehende" in Christus Facetten, die wir übersehen haben oder durch den Einfluss von Tradition und angelernter Frömmigkeit überhaupt nicht in den Blick bekommen. Aber auch unter den letztgenannten Bedingungen muss uns die Frage nach Christus immer wieder neu beschäftigen, denn mit ihm wird man niemals fertig.
In seinem Buch "Gott sandte seinen Sohn" spricht Schönborn von den "drei Säulen der Christologie": Schrift – Tradition – Erfahrung. Die ersten beiden Säulen haben wir behandelt. Es bleibt, über die dritte zu sprechen: die Erfahrung. Was kann damit gemeint sein?

Erfahrung ist unmittelbar, kennt keine Distanz. Die Beschäftigung mit der Schrift und der Tradition ist aber zunächst einmal "distanziert". Man hat es vornehmlich mit Texten zu tun, mit sehr alten Dokumenten, verfasst in inzwischen ausgestorbenen Sprachen, außerdem gleichsam vielfach "verschlüsselt": der vorauszusetzende Verstehenshorizont vergangener Epochen, die uns fremd gewordene Hintergrundkultur (Geisteswelt, religiöse Vorstellungen, soziopolitische Faktoren) und vieles mehr. Schrift und Tradition sind uns im Grunde nur durch Studium zugänglich, und das beinhaltet Abstand haltende Objektivität, geistes- und religionsgeschichtliche Analyse, akribischer Vergleich. Das alles kann einem großen Spaß machen, man kann eventuell in aufgeregte Begeisterung geraten, aber die Angelegenheit bleibt doch im Grunde "sachlich". Es kommt wohl schwerlich zur Erfahrung einer persönlichen, intimen Begegnung.

Die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift stellt allerdings eine Ausnahme dar – nämlich immer dann, wenn sie aufhört, "Studium" zu sein; wenn die Texte beginnen, einen "anzusprechen" und "lebendiges Wort" zu werden; wenn Gott bzw. Christus aus den Buchseiten gleichsam "herausspringen" und sich für uns in wahrnehmbare Wirklichkeit, mystische Gegenwart verwandeln, "denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens" (Hebr 4,12), und: "Gottes Wort lebt und bleibt" (1 Petr 1,23). Hier öffnet sich uns ein erster und sehr wichtiger, unverzichtbarer biblischer Zugang zu Christus. (Mehr zu diesem Thema und zur entsprechenden "Technik": s. "Schriftlesung und 'geistliche Frucht'").

In unmittelbarem Zusammenhang damit steht der meditativ-betende Zugang zum Herrn. Denn wenn uns die betrachtende Schriftlesung die Erfahrung göttlicher Gegenwart zu vermitteln vermag, kommt es notgedrungen zum Gespräch mit ihm, zu einem Dialog, der nicht immer sehr wortreich sein muss, sondern auch in einem schweigenden, verweilenden Festhalten an dieser mystischen Präsenz bestehen kann, ähnlich der Erfahrung der Jünger in der Szene von Jesu Verklärung auf dem Berg Tabor: "Herr, es ist gut, dass wir hier sind" (Mt 17,1-9par). (Mehr dazu im Beitrag "Beten".)

Und dann ist da natürlich der ganz besondere sakramentale oder eucharistische Zugang zu Christus. Menschen gegenüber, die sich um ein persönliches "geistliches Leben" bemühen und entsprechende Erfahrungen besitzen, braucht man gerade zu diesem Punkt wohl kaum etwas zu sagen. Hilfreiche Andachtsliteratur gibt es außerdem zuhauf. Wichtig ist, dass man dafür sorgt, nicht der Gefahr einer routinemäßigen "Verrichtung" zu erliegen. Kommunionempfang muss immer auch mit intensivem Gebet verbunden sein.

Abschließend möchte ich noch den situationsgebundenen, "existentiellen" Zugang zu Christus erwähnen. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine erlernbare "Technik" oder methodische "Praxis", eher um eine Gnade der "Krisenbewältigung", die sich sowohl auf personaler als auch auf gesellschaftlicher Ebene vollziehen kann. Ich denke da einerseits an Bekehrungserlebnisse (Paulus, Franziskus, Ignatius, Pascal, Edith Stein u.a.) und "Begegnungen" mit dem Herrn, etwa in Zeiten tiefen Glücks oder schwerer, leidvoller Not, andererseits daran, wie eine ganze Gesellschaft Christus neu entdecken kann, z.B. als "Befreier" im Rahmen von gemeinsamen Erfahrungen, wie sie etwa in Basisgemeinden der lateinamerikanischen Kirche und anderswo gemacht werden.

Es gibt aber auch die Erfahrung "geistlicher Dürre", einer "Nacht der Seele", einer schmerzlich empfundenen "Abwesenheit Gottes" - eine religiöse Krise, die man niemand wünschen möchte. Für solch eine Situation kann ich nur einen Rat geben: Durchhalten! Sie geht vorüber! Aber die Suche nach Gott, nach Christus sollte man niemals aufgeben. Dazu ermuntert uns die Heilige Schrift: " Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist" (Jes 55,6); und: "Jesaja wagt sogar zu sagen: Ich ließ mich finden von denen, die nicht nach mir suchten; ich offen-barte mich denen, die nicht nach mir fragten" (Röm 10,20/Jes 65,1); schließlich: "Sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet" (Lk 11,9). Einen besseren Trost als diese Verheißung des Herrn gibt es nicht.