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Auferweckung von den Toten - unjüdisch ?


Auferweckung von den Toten – unjüdisch?

Aus CREDO von Hans Küng

Zunächst ist zu antworten: Der Glaube an ein Leben nach dem Tod war eine uralte israelische Überzeugung. Jahrhunderte lang aber stellte man sich dieses Leben als eine schattenhafte, freudlose Existenz in einer »Unterwelt« (»Scheol«) vor. Erst relativ spät in der jüdischen Geschichte kommt der Glaube an ein neues Leben nach dem Tode auf: Gott weckt die Toten auf zu neuem Leben! Die älteste, ja einzige unumstrittene Belegstelle in der Hebräischen Bibel für diese Auferweckung zu einem neuen, ewigen Leben stammt aus dem Danielbuch des 2. Jahrhunderts (um 165/164 v. Chr.), aus einem Buch also der jüdischen Apokalyptik. Weitere Zeugnisse finden sich im griechischen Alten Testament, besonders im zweiten Makkabäerbuch und in der nachdanielschen apokalyptischen Literatur. Mit Auferweckung ist dabei nie - wie etwa im Griechentum - nur eine Unsterblichkeit der menschlichen »Seele« gemeint, sondern entsprechend der jüdischen Vorstellung vom Menschen als psycho-somatischer Einheit ein neues Leben der ganzen Person bei Gott.
Müssen sich hier also Judentum und Christentum von vornherein geschieden wissen? Keineswegs, wenngleich die Geschichte des Auferstehungsglaubens im Judentum zugegebenermaßen wechselhaft ist. »Der Glaube an die Auferweckung von den Toten ist ein ausdrückliches Dogma des klassischen Judentums, bestätigt und ausgebaut durch Moses Mairnonides, behandelt von Hasdai Crescas als ein wahrer Glauben (anders als ein fundamentales Prinzip des Judentums), zurückgenommen auf eine strittigere Ebene der Deduktion von Joseph Albo und als eine zentrale Lehraussage fast verlorengegangen, seit die mittelalterlichen Diskurse abgeschlossen wurden«, so stellt Arthur A. Cohen, Buber-Biograph und Professor an der University of Chicago fest: »Dennoch: Trotz ihres Verlustes dogmatischer Eminenz, wo sie - unter anderen Glaubenssätzen - als ein sine qua non rabbinischer eschatologischer Lehre betrachtet wurde, bleibt Auferweckung in der traditionellen Liturgie bejaht. Eingeführt als zweiter Segen des Achtzehn-Bitten-Gebetes (das >Schemone Essre<), wiederholt während der Atnida (wörtlich: stehendes Gebet), bekräftigt sie, daß Gott auch denen die Treue hält, die im Staub liegen, und daß er nach seinem Erbarmen die Toten erweckt, ihre Körper wieder herstellt und ihnen ewiges Leben gewährt.«';
Auferweckung« durch Gott also ist etwas durchaus Jüdisches. Und jüdisch ist nicht nur der Inhalt des christlichen Glaubensbekenntnisses: »Gepriesen seist du, Jahwe, der die Toten lebendig macht« (so der Wortlaut jenes zweiten .Segen, ähnlich auch die Friedhofliturgie). Jüdisch ist auch die Form: »Gott, der ihn aus den Toten erweckt hat«, lautet ähnlich wie die oft gebrauchten jüdischen Glaubensformeln: »Gott, der Himmel und Erde gemacht hat«, oder »Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat«. Schon hier wird jedoch deutlich: Subjekt der Auferstehung ist nicht Jesus, der Getötete, sondern Gott selbst, der den Getöteten auferweckt, und insofern spricht man unmißverständlicher von »Auferweckung« als von (womöglich als Eigenleistung mißverstandener) »Auferstehung«.
»Doch«, so wird man einwenden, »trennt Juden und Christen nicht die Tatsache, daß der Glaube an Gottes Auferweckungsmacht mit diesem einen Jesus von Nazaret verbunden wird? "Protz seines hoffnungslosen Endes haben Christen Hoffnungen auf ihn gesetzt, trotz des Schandtods hat man ihn zum Messias proklamiert! Wie will man das rational erklären?«

Glauben an die Auferweckung des Einen?
Hier haben wir zunächst schlicht zur Kenntnis zu nehmen: Nach allen Zeugnissen geben die ersten Jünger und Jüngerinnen Jesu als Grund für ihren neu geweckten Glauben an: den Gott Israels und Jesus selber! Sie berufen sich dabei nicht auf irgendwelche Reflexionen über Jesu überwältigende Persönlichkeit, die »nicht sterben konnte, sondern lebt« (wie man dies eine Zeitlang von Lenin gesungen hat), auch nicht auf irgendwelche geschichtlichen Vorbilder (leidende Gerechte und Märtyrer), sondern auf offensichtlich überwältigende und zum öffentlichen Zeugnis treibende Erscheinungen, die in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten nach Jesu Tod sich ereigneten und für die Paulus eine ganze Reihe noch lebender Zeugen benennt (1 Kor 15,5-5), Erfahrungen mit dem lebendigen Jesus, ihnen unerwartet zuteilgewordene Widerfahrnisse. Gewiß: Unsere Kenntnisse bezüglich geistiger Erfahrungen, Visionen, Auditionen, Bewußtseinserweiterungen, Ekstasen, »mystischer« Erlebnisse sind noch immer zu beschränkt, um klären zu können, was sich an Wirklichkeit hinter solchen Geschichten letztlich verbirgt. Und gewiß wurden dabei von den Jüngern damals bekannte Deutungsmuster zu Hilfe genommen. Aber sicher wird man solche dem Menschen widerfahrende Erlebnisse weder allesamt als Halluzinationen abtun können noch umgekehrt im supranaturalistischen Schema als ein Eingreifen Gottes von oben oder von außen erklären wollen. Wahrscheinlich dürfte es sich um visionäre Vorgänge im Inneren, nicht in der äußeren Realität gehandelt haben. Denn »subjektive«, psychische Tätigkeit der Jünger und »objektives« Handeln Gottes schließen sich keineswegs aus, Gott vermag ja auch durch die Psyche des Menschen zu wirken.
Jedenfalls erschien hier Jesus nicht in aller Öffentlichkeit als der strahlende Sieger mit der Kreuzesfahne in der Hand, wie seit der Kreuzfahrerzeit dargestellt. Es geht bei diesen Visionen« oder »Auditionen«, bei diesem »Sehen« Und »Horen« nicht um ein neutrales, historisches Erkennen, sondern um ein sich darauf einlassendes und Zweifel keineswegs ausschließendes Geschehen des Vertrauens: Es geht um Glaubenserfahrungen, die man am besten mit den Berufungserfahrungen der Propheten Israels vergleicht. Wie sie fangen auch die Jünger und Jüngerinnen jetzt an, sich als berufen zu erkennen, als die »Gesandten (Apostel) des Messias Jesus« die Botschaft zu verkünden und unbekümmert um alle Gefährdungen ihr Leben dafür einzusehen.
»Aber läßt sich denn nicht aufzeigen, daß es in der Antike auch Zeugnisse von anderen Auferstehungen gibt?« Gewiß, immer wieder wird vor allem die Geschichte von einer Erscheinung des Apollonios von Tyana nach dessen Tod angeführt, wie sie Philostratos berichtet hat. »Und wird dadurch der Auferstehung Jesu nicht der Charakter des Besonderen genommen?« Antwort: Man beachte den Unterschied zur Auferweckung Jesu: Hat je ein Mensch von dieser Auferweckungserfahrung des Apollonios die das ganze Leben verändernde und unbedingt überall zu verkündende Überzeugung gewonnen: daß durch diesen einen Menschen Gott erstscheidend gesprochen und gehandelt hat? Das ist das Besondere an der Auferweckung Jesu, nicht die Form der Geschichte.
Wieweit Jesus selber, der ja eine dramatische eschatologische Wende möglicherweise noch zu Lebzeiten- erwartet hatte, seine Jünger auf ein solches dramatisches Ereignis vorbereitet hat, wissen wir nicht; die Prophezeiungen von Tod und Auferweckung, wie sie in den Evangelien berichtet werden, dürften in dieser Form erst nachträglich formuliert worden sein. Sicher ist nur: Die Jünger, welche das Reich Gottes in Bälde erwartet hatten, sahen diese Erwartung nun zunächst einmal als erfüllt an - erfüllt gerade in der Auferweckung Jesu zu. neuem Leben. Sie wurde verstanden als Beginn der -endzeitlichen Erlösung. Auch das war zumindest damals ein »gut jüdischer« Gedanke: Nicht nur die jüdischen Anhänger Jesu, viele Juden erwarteten ja damals die Auferweckung der löten, nachdem, wie wir hörten, im Danielbuch und der apokalyptischen Literatur der Glaube an die allgemeine Auf-erweckung der löten oder zumindest der Gerechten zum erstenmal aufgebrochen war, Freilich: Was viele Juden für alle Menschen in der Zukunft erwarteten, das war jetzt, aufgrund ihrer österlichen l Erfahrungen, für die junge Christengemeinde in diesem Einen bereits vorweggenommen: Die Auferweckung Jesu war der Anfang der allgemeinen Totenerweckung, der Beginn der Endzeit mit einer Gnadenfrist bis zum Erscheinen des (nach Dan 7,13) zu erwartenden »Menschensohnes«. Das erschien in der jüdischen Glaubenswelt von damals gut begründet.
In dieser apokalyptischen Tradition stehen die Anhänger des gekreuzigten Nazareners. Nie haben sie sich die Auferweckung Jesu vorgestellt als das Wunder einer Totenerweckung in dieses Leben hinein, wie dies in drei Fällen schon in der Hebräischen Bibel berichtet wurde, sondern immer als eine Totenerweckung zum himmlischen, definitiv verwandelten Leben. Es war die felsenfeste Überzeugung dieser ersten Christengemeinde: Dieser Gekreuzigte ist nicht ins Nichts gefallen, sondern ist aus der vorläufigen, vergänglichen, unbeständigen Wirklichkeit in das wahre, ewige Leben Gottes eingegangen. Gott hat diesen Gerechten nicht im Stich gelassen, er hat ihm durch den Tod hindurch Gerechtigkeit verschafft, hat ihn »gerechtfertigt«, ja, zum »Sohn« erhöht.
Denn wo ist der vom Tod Erweckte jetzt? Die Antwort auf die damals ungeheuer dringende Frage haben wir schon gehört: Die ersten Christen haben sie sich vor allem mit einem Psalmwort gegeben, das in das Apostolikum eingegangen ist: Er »sitzet zur Rechten des Vaters«. Und in der Tat: Kein Satz der Hebräischen Bibel wird im Neuen Testament öfter zitiert oder variiert als der Psalmvers 110,1: »Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten!« Damit ist nicht eine »Wesensgemeinschaft«, wohl aber - und dies war das Maximum, was ein Jude als Monotheist sagen konnte - eine »Throngemeinschaft« ausgesagt des auferweckten Jesus mit Gott, seinem Vater, auf dem »Thron der Herrlichkeit«, dem »Thron« Gottes selbst". Und das Bild »Thron«, aus der Vorstellungswelt des Königtums genommen, will selbstverständlich als Symbol der Herrschaft verstanden werden, so daß das Gottesreich und das Messiasreich faktisch identisch werden. »Jesus ist der Herr« (aramäisch: der »Maran«; griechisch: der »Kyrios«): dies ist das älteste - gegen alle andere Herren dieser Welt gerichtete - Glaubensbekenntnis der Christengemeinde.
Wie wir sahen: Die Botschaft von der Auferweckung des Gekreuzigten ist nicht ohne zeitgebundene Vorstellungsmuster und legendäre Ausmalungen, ist nicht ohne situationsbedingte Erweiterungen und Ausgestaltungen überliefert worden. Und doch zielt sie im Grunde auf etwas Einfaches, das von Anfang an bei allen Zeugen durch alle Unstimmigkeiten, ja Widersprüchlichkeiten der Überlieferung hindurch un-zweideutig zum Ausdruck kommt: Der Gekreuzigte lebt und herrscht für immer bei Gott - als Verpflichtung und Hoffnung für uns! Die judenchristlichen und später auch heidenchristlichen Menschen aus den Gemeinden des Neuen Testaments sind getragen, ja fasziniert und begeistert von der Gewißheit, daß der Getötete nicht im Tod geblieben ist, sondern lebt, und däß, wer an ihn sich hält und ihm nachfolgt, ebenfalls leben wird. Der Tod ist nicht das letzte Wort Gottes über den Menschen. Das neue, ewige Leben des Einen ist Herausforderung und reale Hoffnung für alle!


Damit ist deutlich geworden: Daß mit Jesu Tod nicht alles aus war, daß er selber nicht im Tod geblieben, sondern in Gottes ewiges Leben eingegangen ist, war von Anfang an keine bewiesene historische "Tatsache, sondern war schon immer eine Überzeugung des Glaubens. Dieser Glaube aber mutet einem heutzutage nicht die Vorstellung eines »übernatürlichen« Eingriffs gegen alle Naturgesetze durch einen Deus ex machina zu. Dieser Glaube beruht auf der Überzeugung vom »natürlichen« Hineinsterben und Aufgenommenwerden in die eigentliche, wahre, göttliche Wirklichkeit: verstanden als ein Endzustand des Menschen ohne alles Leiden. Wie der Sterbensruf Jesu »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34) schon im Lukasevangelium ins Positive gewendet wird mit dein Psalmwort: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist« (Ps 31,6; Lk 23,46), und dann bei Johannes: » Es ist vollbracht!« (19,30)
Doch Einspruch: »Wollen Sie den Glaubenssatz über Gott, der die Toten lebendig macht, nicht doch wörtlich verstehen? Hat man als Christ nicht an die Wiederbelebung eines Toten, an eine Ieibliche Auferstehung im physiologischen Sinn zu glauben?« Die Frage der Zeitgenossen ist völlig berechtigt, und wir müssen direkt klären:

Was »Auferweckung« meint und nicht meint
Es ist bereits deutlich geworden, daß die ältesten, knappen Zeugnisse des Neuen Testaments Jesu Auferweckung gerade nicht als eine Wiederbelebung zum irdischen Leben verstehen - also nicht in Analogie zu jenen alttestamentlichen Wiederbelebungen durch Prophetenhand. Nein, es geht vor apokalyptisch-jüdischem Erwartungshorizont eindeutig um die Erhöhung dieses hingerichteten und begrabenen Nazareners durch Gott zu Gott, zu einem Gott, den er selber »Abba«, »Vater« genannt hatte.
Was also meint »Auferweckung«, ein Bildwort, das ja vom Aufwecken aus dem Schlaf herkommt? Ich kann die Frage jetzt zusammenfassend beantworten:
- Auferweckung meint keine Rückkehr in dieses raumzeitliche Leben: Der Tod wird nicht rückgängig gemacht (keine Wiederbelebung eines Leichnams), sondern definitiv über-wunden: Eingang in ein ganz anderes, unvergängliches, ewiges, »himmlisches« Leben. Auferweckung ist kein »öffentliches Faktum«.
- Auferweckung meint keine Fortsetzung dieses raumzeitlichen Lebens: Schon die Rede von »nach« dein Tod ist irreführend; die Ewigkeit ist nicht bestimmt durch zeitliches Vor und Nach. Sie meint vielmehr ein die Dimensionen von Raum und Zeit sprengendes, neues Leben in Gottes unsichtbarem, unbegreiflichem Bereich, symbolisch »Himmel« genannt.
- Auferweckung meint positiv: Jesus ist nicht ins Nichts hineingestorben, sondern ist im Tod und aus dem Tod in jene unfaßbare und umfassende letzte und erste Wirklichkeit hineingestorben, von jener wirklichsten Wirklichkeit aufgenommen worden, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. Wo der Mensch sein Eschaton, das Allerletzte seines Lebens erreicht, was erwartet ihn da? Nicht das Nichts, sondern jenes Alles, das Gott ist. Der Glaubende weiß seither: Tod ist Durchgang zu Gott, ist Einkehr in Gottes Verborgenheit, in jenen Bereich, der alle Vorstellungen übersteigt, den keines Menschen Auge je gesehen hat, unserem Zugreifen, Begreifen, Reflektieren und Phantasieren also entzogen! Wenn irgendwo das theologisch viel mißbrauchte Wort Mysterium/ Geheimnis angebracht ist, weil es hier direkt um Gottes ureigensten Bereich geht, dann in der Auferweckung zu neuem Leben.
Anders gesagt: Nur beim Glauben der Jünger geht es - wie auch beim Tod Jesu - um ein historisches (mit historischen Mitteln erfaßbares) Geschehen; bei der Auferweckung durch Gott zum ewigen Leben geht es um kein historisches, kein anschauliches und vorstellbares, gar biologisches, geht es aber trotzdem um ein wirkliches Geschehen in der Sphäre Gottes. Was ist damit gemeint? Was heißt hier »leben«? Gerade der Blick auf Grünewalds Auferstehungsbild mahnt uns: Der Auferweckte ist nicht etwa ein anderes, rein himmlisches Wesen, sondern noch immer leibhaftig und doch vergeistigt jener Mensch Jesus von Nazaret, der gekreuzigt wurde. Und dieser Mensch wird auch durch die Auferweckung nicht zu einem unbestimmten, mit Gott und All verschmolzenen Fluidum, sondern bleibt auch in Gottes Leben dieser bestimmte, unverwechselbare Er, der er war - allerdings ohne die raum-zeitliche Einschränkung der irdischen Gestalt! Deshalb bei Grünewald das Übergehen des Angesichts in reines Licht. Nach den Zeugnissen der Schrift heben Tod und Auferweckung die Identität der Person nicht auf, sondern bewahren sie in unvorstellbarer, verwandelter Form, in einer völlig anderen Dimension.

Die Konsequenz? Für uns Heutige, naturwissenschaftlich Gebildete, muß klar geredet werden: Damit die Identität der Person bewahrt bleibt, bedarf Gott nicht der körperlichen Überreste der irdischen Existenz Jesu. Es geht um die Auferweckung zu einer völlig anderen Existenzform. Sie läßt sich vielleicht mit der des Schmetterlings vergleichen, der aus dem toten Raupen-Kokon ausfliegt. So wie dasselbe Lebewesen die alte Existenzform (»Raupe«) abstreift und eine unvorstellbar neue, ganz und gar befreite luftig-leichte neue Existenzform annimmt (»Schmetterling«), so dürfen wir uns den Vorgang der Verwandlung unserer Selbst durch Gott vorstellen. Ein Bild. Wir sind auf keinerlei physiologische Vorstellungen von Auferweckung verpflichtet.
Woran aber ist dann Auferweckung gebunden? Nicht an das von vornherein ständig wechselnde Substrat oder die Elemente dieses bestimmten Körpers, wohl aber an die Identität der einen unverwechselbaren Person. Die Leibhaftigkeit der Auferweckung fordert nicht - weder damals noch heute -, daß der tote Körper verlebendigt wird. Denn Gott erweckt ja in neuer, nicht mehr vorstellbarer Form, wie Paulus paradox sagt: als »soma pneumatikon«, als »pneumatischer Leib«, in »geistiger Leiblichkeit«. Mit diesem in der Tat paradoxen Wort wollte Paulus beides zugleich aussagen: Kontinuität - denn »Leiblichkeit« steht für die Identität der bisherigen Person, die sich nicht einfach auflöst, so als wäre die bisher gelebte und erlittene Geschichte irrelevant geworden. Und zugleich Diskontinuität - denn »Geistigkeit« steht nicht einfach für eine Fortsetzung oder Verlebendigung des alten Körpers, sondern für die neue Dimension, die Dimension Unendlich, die, nach dem Tode alles Endliche verwandelnd, zur Auswirkung kommt.
»Aber ist denn die Vorstellung von einem einmaligen Leben so unkritisch zu übernehmen?« fragt zumindest heutzutage der von indischer Geistigkeit beeinflußte Zeitgenosse. »Gibt es nicht in anderen Religionen, etwa den indischen, ganz andere Vorstellungen, die der jüdisch-christlich-islamischen Überzeugung als große Alternative gegenüberstehen? Gibt es für den Menschen nicht mehrere Leben, so daß wir Stufe für Stufe uns verbessern können, bis wir in die letzte, höchste Wirklichkeit, Nirvana oder wie immer genannt, eingehen?« Warum also nicht statt Auferweckung der Glaube an Wieder-Geburt in diesem Leben, an Re-Inkarnation (Wieder-Verkörperung) oder Transmigration (Seelenwanderung)?