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Auferstehung - was bedeutet das ?


Auferstehung – was bedeutet das? (II)

Die Zeugnisse des Neuen Testaments
Karl-Heinz Ohlig
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/mainframe.html

1. Osterglaube und Christuszeugnis
Das Neue Testament bezeugt an vielen Stellen den Glauben an den auferstandenen Jesus; der Osterglaube ist ein unverzichtbarer Aspekt des Bekenntnisses zu Jesus als Christus. „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube umsonst …“ (1 Kor 15,17 u.ä.).
Dieser Aspekt oder dieses Moment des Christusbekenntnisses ist im Neuen Testament aber nicht Begründung der Christologie oder sogar des ganzen Christentums – anders als es bei vielen heutigen Theologen erscheint. Vielmehr empfing Jesus nach Markus schon zu Beginn seines öffentlichen Wirkens die Messias- (oder: Gottes-sohn-) Weihe, für Matthäus und Lukas ist er von Geburt an der Christus, für das vierte Evangelium sogar schon – auf hellenistische Weise – das fleischgewordene Wort. Die Evangelien erzählen Leben, Wirken und Worte Jesu so, dass sie seine Messias- (bei Johannes: seine präexistente Gottessohn-) Würde aufzeigen; die Erscheinungen des Auferstandenen haben keine begründende Wirkung (anders vielleicht bei der Erzählung vom ungläubigen Thomas).
Auch für das altkirchliche, mittelalterliche und frühneuzeitliche Christentum wurde in den Homilien (Schriftpredigten) in den Sonntagsgottesdiensten die „göttliche“ Qualität Jesu in seinem Leben, seinen Wundern, seinen Worten unmittelbar greifbar; sie bedurfte keiner weiteren Begründung.
Erst seit der Aufklärung und dem Aufkommen einer historisch-kritischen Exegese schwanden die genannten Sicherheiten. Das Göttliche in der Geschichte geriet unter Mythosverdacht, das Leben Jesu erschien als kaum noch rekonstruierbar, die Wunder wurden nicht mehr als historische Schilderungen, die Worte Jesu (weithin) als Zitate aus dem Alten Testament aufgefasst.
Jetzt rückte die Auferstehung, bezeugt durch Erscheinungen, in den Mittelpunkt; letztere sollten die „göttliche Bestätigung“ Jesu und des Christentums liefern, die ansonsten nicht mehr zu finden war.
Diese neue, fundamentalchristologische Bedeutung der Erscheinungen widerspricht der vorherigen christologischen Tradition; sie sollte als Produkt einer recht späten Fragestellung erkannt werden, der Frage nach einer objektiven Geltung des ansonsten „bloß historischen“ christlichen Materials (vgl. den „garstig breiten Graben“ Lessings). Diese aber kann, solange die Geschichte noch weiterläuft, in der Geschichte ohnehin nicht gegeben werden; die gesamte Schöpfung seufzt und liegt in Geburtswehen, bis (am „Ende“) die Erlösung offenbar wird. „Denn an die Hoffnung ist unsere Rettung gebunden. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung“ (Röm 8,22-24; vgl. weitere Stellen).
Wir können für die Wahrheit des Christentums keine höhere Gewissheit – erst recht keine „göttliche Bestätigung“ – erwarten, als Paulus von Anfang an in Anspruch nimmt. Wir hoffen auf die Auferstehung aller, konkret oder wenigstens christlich-gruppenpsychologisch durch den Blick auf Jesu Leben und Sterben angestoßen. Mehr zu behaupten, läuft auf einen – fundamentaltheologischen – Mythos hinaus.
2. Erscheinungen als Begründung des Christentums?
Diese Überlegungen sollen durch einige Erwägungen noch deutlicher werden. Nehmen wir einmal an, die Erscheinungshinweise des Neuen Testaments ließen sich – was nicht der Fall ist, wie noch ausgeführt wird – historisch, über allen Zweifel erhaben, dingfest machen. Selbst dann kommen wir nicht weiter als zu historischen Zeugen und ihren Aussagen. Selbst wenn wir diese Zeugen für glaubhaft und ihre Zeugnisse nicht für psychogen (so z.B. Lüdemann) hielten, kommen wir nicht weiter als bis zu diesen Zeugen selbst, zu einer Maria aus Magdala, zu Petrus, irgendwelchen Jüngern, deren Vorstellungswelt, Wünsche, Motivationen wir nur ungefähr kennen. Kann so eine „göttliche Bestätigung“, die die Unsicherheit aller Historie aufhebt, aussehen?
Aber selbst wenn der Auferstandene mir selbst – in aller präsentischen Evidenz – erschiene, käme ich nicht aus dem Dilemma heraus. Nach Tagen, Wochen, Monaten, Jahren müsste ich mich fragen, ob ich nicht damals etwas labil war, mir etwas eingebildet habe, kurz: ob ich mich auf mich selbst verlassen kann (andere würden diese Fragen noch härter stellen).
Solche Erwägungen machen deutlich, dass es – solange die Geschichte weiterläuft (und wir in ihr) – keine göttlichen Gewissheiten gibt bzw. geben kann, weil Geschichte sonst beendet wäre. Sollte durch Erscheinungen bzw. Erscheinungsberichte das Christentum als „absolute Religion“ begründet werden, wird es niemanden – außer die sich selbst gettoisierenden Theoretiker – überzeugen.
Die Hinweise auf Erscheinungen des Auferstandenen im Neuen Testament können also historisch untersucht werden, ohne ihnen eine Last aufzubürden, die sie ohnehin nicht tragen können und auch nicht müssen.
3. Die Osterzeugnisse des Neuen Testaments
Im Neuen Testament finden sich drei verschiedene Arten von Osterzeugnissen:
1. Die Erscheinungsberichte dreier Evangelien,
2. Die Erzählungen vom „Leeren Grab“,
3. Bekenntnisformeln zu Tod und Auferstehung (nach Hos 6,2 selbstverständlich „am dritten Tag“, vgl. letzte Folge), z.B. Jesus wurde ausgeliefert, er hat gelitten, ist gestorben und am dritten Tag auferstanden.
3.1 Die „Erscheinungsberichte“ der Evangelien
Am Ende des Matthäus-, des Lukas- und des Johannesevangliums finden sich recht eindrucksvolle und plastische Erscheinungsberichte; der Auferstandene zeigt sich vor Frauen und Jüngern.
Markus überliefert keine solchen Berichte; das Evangelium endet mit 16,8; die in den heutigen Bibelausgaben danach noch abgedruckten Erscheinungsberichte sind – in unterschiedlichen Versionen – erst im 2. Jahrhundert angefügt worden. Wohl aber erzählt Markus als erster von dem „Leeren Grab“, und ein Engel sagt, dass der auferstandene nach Galiläa vorausgehen wird und die Jünger ihn dort „sehen“ werden.
Warum Markus keine Erscheinungsberichte überliefert hat, ist unbekannt. Waren sie für seine Theologie nicht so wichtig, oder war das „Sehen“ in Galiläa noch nicht zu „fertigen“ Erscheinungsberichten geworden? Wenn er aber mit dem „Sehen“ ein Wahrnehmen von Erscheinungen gemeint haben sollte, „gab“ es diese für ihn anscheinend nur in Galiläa.
Die anderen drei Evangelien nun kennen solche „Berichte“. Diese aber sind höchst unterschiedlich, was Personen, Orte und Ereignisse angeht. Immer scheinen Frauen, vor allem Maria Magdalena, mit dem Glauben an den Auferstandenen zu tun zu haben; darüber hinaus variiert das „Publikum“, Frauen, Jünger (Matthäus), zwei Jünger in Emmaus, Simon, Jünger (Lukas), Jünger, Thomas, Jünger, Simon Petrus, „Lieblingsjünger“ (Johannes).
Ebenso variieren die Orte der Erscheinungen: Jerusalem, Galiläa (Matthäus), Jerusalem und Umgebung (Emmaus) (Lukas), Jerusalem, See Tiberias (Johannes); die von Markus noch angenommene Galiläatradition ist nur bei Matthäus und im Anhangkapitel des Johannesevangeliums zu finden.
Darüber hinaus variieren die Erzählungen: sie „berichten“ je andere Begebenheiten. Außer der bei Markus vorgegebenen Erzählung vom „Leeren Grab“, die alle übernehmen, aber unterschiedlich ausgestalten, gibt es keine in den drei Evangelien übereinstimmenden Erscheinungsberichte. Wollte man sie als „Berichte“ über tatsächlich passierte Begebenheiten auffassen, müsste man sie wegen ihrer Widersprüche als historische Quellen ausscheiden. Was aber sonst wollen diese Erzählungen aussagen? Die Bedeutung der Erscheinungs „berichte“ erschließt sich dann, wenn ihre theologische Ausgestaltung und Aussage betrachtet wird; sie sind alle narrativ ausgestaltete Theologie – mit je spezifischen Themen. Abgesehen von einer kurzen Begegnung mit Frauen (Mt 28,9.10) zeigt sich der Auferstandene bei Matthäus auf einem Berg in Galiläa und gibt dort den universalen Taufbefehl; ist dies, wie bei der Bergpredigt, ein Anklang daran, dass Jesus der universale Gesetzgeber ist, mehr noch als Mose auf dem Sinai? Für Lukas ist Jerusalem der Ort, in dem das Leben Jesu zusammenläuft und von wo die Mission ausgeht; deswegen erscheint der Auferstandene nur dort. Die wunderschöne Emmauserzählung will zeigen, dass Jesus gemäß der Schrift leiden musste und sein Tod keine Katastrophe war sowie dass man ihn beim Brotbrechen, also in der Eucharistiefeier, „erkennen“ kann usf. Jede Erzählung, von der Pflicht und Ermächtigung zur Sündenvergebung bis zum „ungläubigen Thomas“, sie alle vermitteln eine theologische Aussage, die aber mit dem Auferstandenen verbunden wird, also universell für alle Christen gelten soll.

Markus 16,1-8

Frauen (Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, Salome) gehen zum Grab, Stein ist weggewälzt; im Grab: ein Jüngling, der ihnen mitteilt: Jesus ist auferstanden, Grab ist leer. Auftrag an Jünger und Petrus. Jesus wird ihnen nach Galiläa vorausgehen. Furcht, Flucht, Schweigen der Frauen.(Unechter Mk-Schluss 16,9-20, vorwiegend nach Lk, im 2. Jh.)



Matthäus 28,1-15
Frauen (Maria Magdalena, andere Maria) zum Grab.

Einschub: Erdbeben, ein Engel des Herrn, setzt sich vor das Grab; Wächter.

Folgendes im Wesentlichen nach Mk.
Frauen voll Furcht und Freude.

Einschub: Jesus begegnet Frauen; nochmaliger Hinweis auf Galiläa. Frauen auf Weg zu den Jüngern.

Erweiterung: Betrugsgeschichte

28,16-20 Sehen Jesu auf einem Berg in Galiläa.
Vollmachtsspruch und Taufbefehl.

Lukas 24,1-11
Frauen (nach V. 10: Maria Magdalena, Johanna – nach 8,3 Frau des Chusa, eines Verwalters bei Herodes – und Maria, die Mutter des Jakobus) gehen zum Grab: Stein ist weggewälzt. Entdeckung des leeren Grabes, Ratlosigkeit. Zwei Jünglinge. Theologischer Hinweis, Erinnerung an Wort Jesu in Galiläa. Meldung an die Elf. Unglauben der Jünger.

Unsicherer V. 12: Petrus geht zum Grab, wundert sich und kehrt zurück.

24,13-35 Emmauserzählung

24,36-53 Erscheinung vor Jüngern in Jerusalem: Jesus ist kein Geist, Hinweis auf Hände und Füße, Essen des Fisches. Schriftbeweis, Verkündigung “von Jerusalem angefangen”, Geistverheißung, Himmelfahrt bei

Bethanien, freudige Rückkehr der Jünger nach Jerusalem. (Vgl. Apg 1,9-11)
(Christophanie vor Damaskus, Apg 9. 22. 26)

Johannes 20,1 10
Maria Magdalena zum Grab. Als der Stein weggewälzt ist, sofort zurück. Petrus und Lieblingsjünger zum Grab. Leeres Grab
Glauben aufgrund des leeren Grabes.

20,11-18 Maria Magdalena sieht in leerem Grab zwei Engel, dann draußen Jesus.
Verkündigung an Jünger

20,19-20 Erscheinung Jesu vor Jüngern in Jerusalem. Geistmitteilung und Vollmacht zur Sündenvergebung, ungläubiger Thomas.

Nachtragskapitel 21
Erscheinung am See Tiberias
Hirtenamt des Petrus, Worte zum Lieblingsjünger.

Zwar setzen diese „Berichte“ den Glauben an den Auferstandenen voraus, aber sie referieren keine Abläufe, sondern verankern wichtige Aussagen im Glauben an ihn. Diese „Erscheinungsberichte“ repräsentieren eine beachtliche, narrative, Theologie, erzählen aber nicht von Ereignissen, also realen oder visionären Erscheinungen