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Auferstanden am dritten Tag


Auferstanden am dritten Tage

Karl-Heinrich Bieritz
Grundwissen Theologie: Jesus Christus

Auferstanden am dritten Tage: Mit diesem Satz nähern wir uns einem ebenso zentralen wie schwierigen Thema des christlichen Bekenntnisses. Läßt sich von der Auferstehung Jesu überhaupt in lebensgeschichtlichen - und damit historischen - Kategorien reden? Wird hier nicht der Bereich der Geschichte, des Geschichtlichen, endgültig verlassen, und der Bereich des Glaubens, der glaubenden Deutung, der Glaubenslehre erreicht? Liegt somit nicht ein qualitativer Bruch zwischen dem gestorben und dem auferstanden des frühchristlichen Bekenntnisses? Gehören beide Aussagen nicht ganz unterschiedlichen Sprach- und Erfahrungsebenen an?

Die Frage wird von den christlichen Theologen durchaus kontrovers erörtert; steht damit doch das Verhältnis von Glaube und Geschichte überhaupt auf dem Spiel. In welcher Weise können historische Fakten Voraussetzung und Gegenstand des Glaubens sein? Wird er damit nicht zu einem bloßen Fürwahrhalten entwertet und verkehrt? Wie kann sich die Haltung vorbehaltlosen Vertrauens Gott gegenüber, als die Glaube doch bestimmt werden muß, auf zufällige, als solche stets mehrdeutige historische Fakten gründen? So weigern sich denn auch manche Theologen, im frühchristlichen Bekenntnis zur Auferweckung Jesu mehr zu sehen als einen Akt glaubender Deutung. Für sie ist dieses Bekenntnis nichts anderes »als der Ausdruck der Bedeutsamkeit des Kreuzes« (Rudolf Bultmann). Das soll heißen: Die Gewißheit der ersten Christen, daß der Tod Jesu am Kreuz ein sinnvolles, notwendiges, heilsbedeutsames Ereignis im Plan Gottes mit der Menschheit gewesen sei, brauchte eine aussagefähige Gestalt. Und sie fand diese Gestalt in der mythischen (so Bultmann) Rede von der Auferweckung Jesu von den Totem. In diesem Zusammenhang spricht man davon, Jesus sei gleichsam in das Kerygma (griechisch kerygma = Verkündigung, Predigt) auferstanden. Auch das ist natürlich bildliche Rede, die zum Ausdruck bringen soll, daß er in seinem Wort wirksam gegenwärtig ist, überall da, wo diese Verkündigung laut wird. Werden die Quellen wirklich sorgfältig und kritisch befragt, schälen sich freilich einige Feststellungen heraus, die auch in historischer Hinsicht nicht ganz ohne Belang sind:
(1) Jesus ist nach seinem Tode von einer ganzen Anzahl seiner Jünger gesehen worden - was immer das heißen mag.
(2) Die Jünger müssen - innere oder äußere - Erfahrungen gemacht haben, die sie die Katastrophe Jesu in Jerusalem in einem neuen Licht sehen ließen und sie dazu veranlaßten, beisammenzubleiben und in seinem Namen zu wirken.

(3) Die Überlieferung, das Grab Jesu sei leer vorgefunden worden, kann auch unter historischen Gesichtspunkten eine gewisse Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen.
Dabei ist deutlich: Diese Feststellungen liefern keinerlei Beweise für die Auferstehung Jesu. Sie sind durchaus mehrdeutig, lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Christlicher Auferstehungsglaube kann sich gewiß nicht auf diese Feststellungen gründen. Aber er kann sie als Hinweise darauflesen, daß seinem Selbstverständnis, seiner Sicht Gottes und der Welt, geschichtliche Erfahrungen entsprechen, die für eine Deutung aus dem Glauben heraus offen sind. Auf die neutestamentlichen Zeugnisse für die Auferweckung Jesu kann hier nur summarisch und in Auswahl eingegangen werden:

(1) Die ältesten Bekenntnisse zur Auferweckung Jesu, so kann man vermuten, haben die Gestalt von Gottesprädikationen. Das heißt, sie sagen etwas über das Handeln Gottes aus, erweitern sozusagen den Namen Gottes und legen ihn aus: ... wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten (Rom 4,24).
... durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten (Gal 1,1).
Den hat Gott auferweckt von den Toten (Apg 3,15). Diese Formeln stehen, was ihre Struktur betrifft, in einer gewissen Nähe zur Exodusformel , mit der das Volk des alten Bundes sich zu dem Gott bekennt, »der Israel aus Ägypten geführt hat« (Dtn 8,14; Jer 16,14 u. ö.). Trifft diese Beobachtung zu, so heißt das: Die Auferweckung ]esu von den Toten gewinnt für die ersten Christen jene grundlegende Bedeutung, die in der bisherigen Gottesgeschichte dem Auszugsgeschehen zukam. Sie ist kein bloßer Zusatz zum Leiden und Sterben Jesu, sondern Ziel und Zentrum göttlichen Handelns, von dem her alles andere überhaupt erst Sinn und Bedeutung erhält.

(2) Das älteste uns erreichbare Auferstehungszeugnis wird von Paulus überliefert - im Zusammenhang jenes frühchristlichen Bekenntnisses, von dem oben schon die Rede war. Dort heißt es im Blick auf die Auferstehung Jesu: ... und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten heute noch leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden ... (l Kor 15,5-8)

Daran ist bemerkenswert:
(a) Nach Meinung vieler Ausleger endet das überlieferte Bekenntnis - oder, wie manche sagen, das Urkerygma — mit der in Vers 5 genannten Erscheinung vor den Zwölfen ; Paulus habe dem weitere Zeugenlisten angefügt. Wichtig ist die Formulierung »gesehen worden« (griechisch ofte; unsere Optik ist mit dieser Passivform des Verbs sehen verwandt). Sie wird allgemein im Sinne von er ließ sich sehen er erschien übersetzt, wodurch der Auferstandene selber als das eigentliche Subjekt des Vorgangs kenntlich wird. Ein Hinweis darauf, daß Petrus - der hier mit seinem aramäischen Namen Kephas genannt wird — der erste Empfänger einer solchen Erscheinung des Auferstandenen ist, findet sich auch Lk 24,34; freilich wird das Ereignis selbst dort nicht erzählt.

Strittig ist, ob es sich bei den Zwölfen um einen Kreis handelt, den Jesus schon bei Lebzeiten berufen hat, oder ob er erst von Petrus aufgrund der ihm zuteilgewordenen Erscheinung begründet wird, um die zwölf Stämme Israels und damit das endzeitliche Gottesvolk zu repräsentieren. Eine Erscheinung vor den Zwölfen bzw, Elfen (Judas fehlt ja!) wird auch Mt 28,26ff, Lk 24,33 ff und Joh 20,29 ff vorausgesetzt.

(b) Paulus nennt Augenzeugen für die Erscheinungen des Auferstandenen, die noch am Leben sind und die man befragen kann - ein sehr eindrücklicher Beleg für die Historizität der Vorgänge, wie immer man sie deuten mag. Die Zahlen sind beachtlich; freilich wird eine solche Massenerscheinung sonst nirgends erwähnt (manche denken dabei an die Pfingstereignisse in Jerusalem als Hintergrund). Jedenfalls ist bis hierher eine klare Linie zu erkennen, an der sich so etwas wie die Entstehungsgeschichte der frühen Christengemeinde ablesen läßt: Petrus - die Zwölf- fünfhundert Brüder. Den Erscheinungen des Auferstandenen kommt somit eine gemeindebegründende Bedeutung zu.

(c) Kein Hinweis in den Evangelien findet sich auf die Erscheinung des Auferstandenen vor Jakobus, dem Bruder Jesu, der später ein bedeutsame Rolle in der Gemeinde spielt (vgl. Gal 1,19). Manche nehmen an, die Erscheinung vor Jakobus sei der Anlaß zu dessen Bekehrung gewesen. Damit stände sie in einer gewissen Entsprechung zu dem Christuserlebnis des Paulus vor Damaskus, das ja ebenfalls mit dessen Bekehrung und Berufung zum Apostel verbunden war.
Sehr gut stimmt dazu die Annahme, daß die Rede von »allen Aposteln« in Vers 7 keine Gruppenerscheinung meint, sondern Einzelerlebnisse im Blick hat, die jeweils mit der Berufung in den Aposteldienst verbunden waren: Zum Apostel wird einer dadurch berufen, daß ihm der auferstandene Herr erscheint. Die gemeindebegründende Bedeutung der Erscheinungen des Auferstandenen würde dadurch nachdrücklich unterstrichen.

(d) Daß sich Paulus nun selber - »zuletzt von allen«, wie er sagt - unter diejenigen einreiht, denen der Auferstandene erschienen ist, kann nach all dem kaum noch verwundern. Sein Erlebnis - von dem er auch l Kor 9,1 und Gal l,15f spricht - sieht er auf der gleichen Ebene wie die zuvor aufgezählten Ereignisse. Man könnte geneigt sein, die Berichte über sein Damaskuserlebnis (Apg 9,1-19; 22,3-16; 26,9-18), heranzuziehen, um daraus Rückschlüsse auf den Charakter der Christuserscheinungen insgesamt zu ziehen. Doch blieben solche Vermutungen Spekulationen, da sich Paulus selber dazu ausschweigt. Gewisse Hinweise geben allenfalls seine Ausführungen l Kor 15,35ff, wo Paulus von dem neuen, geistlichen Leib spricht, der in der Auferstehung geschenkt wird. Das könnte erkennen lassen, daß er seine Christusbegegnung durchaus als ein leibliches Geschehen erlebt hat, und nicht als einen ekstatischen Vorgang, mit dem er im übrigen auch Erfahrungen hat (vgl. 2 Kor 12,1-4).

(3) Die synoptischen Evangelien berichten übereinstimmend l von Frauen aus der galiläischen Anhängerschaft Jesu, die in ' der Osternacht bzw. am Ostermorgen zum Grab Jesu kommen und es geöffnet und leer vorfinden; bei Matthäus werden sie sogar Zeuginnen, wie es geöffnet wird. Auch hinsichtlich der Namen der Frauen gibt es Berührungspunkte, ohne daß die Angaben ganz miteinander ausgeglichen werden könnten. Unstrittig ist die Rolle der Maria aus Magdala, die sogar von Johannes gewürdigt wird.

Übereinstimmend wird ebenfalls von Engelerscheinungen berichtet. Doch führt das Erlebnis am Grab keineswegs un- ' mittelbar zum Glauben an die Auferstehung Jesu: Bei Markus fliehen die Frauen mit »Zittern und Entsetzen« vom Grab und schweigen über das, was sie erlebt haben. Bei Lukas erscheint den Jüngern der Bericht der Frauen als »Geschwätz«. Und bei Matthäus bedarf es zusätzlich noch einer Erscheinung des Auferstandenen selbst, um die Engelrede zu beglaubigen und den Gang der Ereignisse zu befördern. So fällt die Annahme schwer, die Erzählungen vom leeren Grab seien von Anfang an als Glaubensgeschichten entworfen worden, um die Botschaft von der Auferstehung Jesu zu begründen und kundzutun, unbeschadet dessen, daß sie jetzt - vor allem durch die Engelszenen — zweifellos einen solchen Charakter besitzen. Zu denken gibt auch die Feststellung, daß damals Frauen als Zeuginnen nichts oder wenig galten. Hätte man eine fromme, glaubensstärkende Legende vom leeren Grab erfinden wollen, hätte man gewiß zuverlässigere Zeugen für das Geschehen aufgeboten - wie das Johannes in gewisser Weise dann auch tut: Hier findet zwar Maria aus Magdala als erste das leere Grab, doch wird es zunächst von Petrus und »dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte« (Joh 20,2) betreten. Gegen eine Deutung als naive Glaubenslegende spricht auch der von Lukas (24,12) berichtete Vorgang, daß Petrus zum Grab läuft, um die Angaben der Frauen zu überprüfen - und sich nur wundert über das, was er da sieht.

Schon früh muß es unter den Gegnern der Christen Vermutungen gegeben haben, die Jünger selbst hätten den Leichnam Jesu aus dem Grab entfernt (Mt 28,13-15; vgl. auch Joh 20,15, wo Maria aus Magdala den Gärtner dieser Tat verdächtigt). Die Berichte über die Sorgfalt, mit der Jesus unter Zeugen zu Grabe gebracht (Mk 15,42-47; Lk 24,50-56; Mt 27,57-61) und sogar noch im Grabe bewacht wird (Mt 27,62-66), mögen durchaus im Dienste der Apologetik gegen solche Gerüchte stehen. Aber auch dies spricht eher dafür, der - durchaus mehrdeutigen — Überlieferung vom leeren Grab einen historischen Kern zuzuerkennen; hätte man andernfalls nicht die Geschichten vom Gang der Frauen zum Grab um vieles apologetischer entwerfen und ausgestalten müssen? Manche Ausleger sehen in den Erzählungen vom leeren Grab den Niederschlag einer sehr frühen Überlieferung, die noch nichts von den irdisch-leibhaft vorgestellten Erscheinungen des Auferstandenen weiß und nach der Jesus unmittelbar aus dem Grabe in den Himmel entrückt worden ist.
(4) Wo haben die Erscheinungen, von denen l Kor 15,3-8 die Rede ist, stattgefunden? Da die gemeindebegründende Bedeutung dieser Begegnungen mit dem Auferstandenen offenkundig ist, lautet die Frage zugleich: Wo sind die ersten christlichen Gemeinden entstanden? In den Evangelien liegen unterschiedliche Überlieferungen hierzu vor.

(a) Bei Markus und Matthäus werden die Jünger durch die Botschaft des Engels am Grab nach Galiläa gewiesen:
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. (Mk 16,7) Abgesehen von der schon erwähnten Begegnung mit den Frauen am Grab (Mt 28,9f), weiß dann Matthäus auch nur von einer Erscheinung des Auferstandenen »auf dem Berg« in Galiläa zu berichten:
Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. (Mt 28,16).
(b) Lukas dagegen lokalisiert alle Erscheinungen des Auferstandenen - vor den Emmausjüngern (24,13-32), vor Petrus (24,34), vor den Elfen (24,36ff, auch Apg 1,1-11) - in Jerusalem und Umgebung. Die Weisung, nach Galiläa zu gehen, wird bei ihm seltsam umgebogen (24,6).
(c) Johannes weiß von Erscheinungen in Jerusalem - vor Maria aus Magdala (20,11-18), vor den Jüngern (20,19-29). Das Nachtragskapitel Joh 21 berichtet dagegen über Erscheinungen in Galiläa, am See Tiberias.

Wie sind diese unterschiedlichen Überlieferungen zu deuten? Sind die Jünger womöglich nach der Verhaftung und Hinrichtung Jesu zunächst nach Galiläa geflohen? Kamen sie dort - aufgrund von Erscheinungen Jesu - zur Überzeugung, der Gekreuzigte sei auferstanden? Kehrten sie danach wieder nach Jerusalem zurück? Oder - eine zweite Möglichkeit -gab es von Anfang an zwei Erscheinungsorte und demzufolge auch zwei Urgemeinden , eine in Galiläa und eine in Jerusalem, die über unterschiedliche Überlieferungen verfügten? Spiegelt sich in den Berichten womöglich eine sehr frühe Kirchenspaltung ? Hat sich die Jerusalemer Tradition dann später gegen die galiläische Tradition durchgesetzt (Lukas!), ohne doch ihre Spuren ganz verwischen zu können?
Auf diese Fragen gibt es bis heute noch keine befriedigende Antwort. Fest scheint nur zu stehen, daß Anhänger Jesu — als erster wohl Petrus — aufgrund von Erscheinungen des Gekreuzigten zur Gewißheit seiner Auferstehung gelangten. Aus dieser Gewißheit heraus kam es zur Bildung der ersten christlichen Gemeinden. Sie begannen die Botschaft von der Auferweckung Jesu, auf die sie sich gründeten, auszubreiten. Dabei ist offensichtlich, daß es sich bei den Christuserscheinungen, der Gemeindegründung und dem Beginn der christlichen Mission um drei Aspekte ein und desselben Vorgangs handelt, die nicht voneinander getrennt werden können. Das wird auch dort deutlich, wo andere - wie Paulus oder Jakobus — davon betroffen werden, die nicht zu den Anhängern des irdischen Jesus gehörten: Auch hier fällt die Begegnung mit dem Auferstandenen mit der Bekehrung zu seiner Gemeinde und dem Beginn der apostolischen Tätigkeit zusammen. So beginnt mit den Erscheinungen des Auferstandenen zugleich die Geschichte der christlichen Kirche.